9punkt - Die Debattenrundschau

In unserer zerrütteten und gefährlichen Welt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2015. Im Freitag sprechen Holm Friebe und Annika von Taube über die irrationalen Ängste unserer angeblich aufgeklärten Mittelschicht. Die Soziologin Cornelia Koppesch beklagt im SZ-Magazin, dass der Kapitalismus nun auch noch die Idee der individuellen Autonomie vereinnahmt hat. Die Berliner Zeitung bringt eine satirische Vision von Boualem Sansal über die Zukunft der Stadt. Die SZ porträtiert den Dokumentarfilmer Thomas Frickel, den Schrecken der öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Gesellschaft

Katja Kullmann (Freitag) spricht mit Holm Friebe und Annika von Taube über die von ihnen kuratierte Ausstellung über "Magneten" in Berlin. Die Schau will sich dabei auch als Beitrag zur bis in die Gegenwart ragenden Geschichte irrationaler Ängste verstanden wissen, wie Friebe sagt: "Es gibt, gerade in scheinbar aufgeklärten Mittelschichtsmilieus, eine immense Bereitschaft, diffuse Umweltkräfte zu unterstellen, jenseits jeder naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Impfgegner - solche Strömungen. Leviertes Wasser ist am Prenzlauer Berg gerade das neue Ding: Es gibt da einen Laden, der sich nur damit beschäftigt, wie man Leitungswasser von "schlechten Erinnerungen" und "schädlichen Informationen" befreit. Da wird ein sehr gutes Geschäft gemacht. Unser Magneten-Projekt ist auch eine Sonde in dieses Milieu hinein. Wie weit geht der Irrationalismus der gebildeten Kreise?"




Lucas Matney stellt in Techcrunch die Firma Auro vor, die auf ersten Universitätsgeländen in den USA fahrerlose Shuttle-Dienste betreibt: "Die Firma plant auch eine Expansion in andere Märkte wie Vergnügungsparks, Altenheime und kleine Inseln. Diese schmalen und begrenzten Umgebungen hat die Firma gewählt, weil sie von Privatgesellschaften kontrolliert werden und darum nicht den strengen Regierungsregeln unterliegen, mit denen die fahrerlosen Autos von google und anderen Firmen kämpfen müssen."

Paul Lorgerie berichtet für Libération über eine Jugendtheater-Kontroverse in London, wo das National Youth Theatre die Produktion "Homegrown" einer Theatergruppe abgesetzt hat - das Stück thematisiert die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher in Großbritannien. Eine genaue Begründung kann Lorgerie von dem Theater nicht in Erfahrung bringen: "Aus diesem Anlass ist der Hashtag #JeSuisHomegrown entstanden, manche zögern nicht, den Schritt des Theaters als "Zensur" zu bezeichnen. "Wir erhalten Unterstützung, und wir brauchen sie", sagt Nadia Latif, eine der Regisseurinnen, "aber wir wollen uns nicht zu Sprecherinnen einer Sache machen lassen."" Der Guardian berichtete bereits Anfang des Monats.

Mit Sympathie weist Sarah Marshall in der New Republic auf Rachel Morans Buch "Paid For - My Journey Through Prostitution" hin, einen irischen Bestseller, der in der Debatte um die von Amnesty International nun geforderte Legalisierung von Sexarbeit einen Gegenakzent setzt: "Moran urges her readers to return to the question of morality and remain there no matter how uncomfortable it may become. It"s an argument that demands the reader see decency, not autonomy, as a society"s cardinal virtue, and that assumes the average woman will turn to prostitution not because she chooses to do so, but because she is utterly desperate and lacks any other viable choices."
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Ideen

Das SZ-Magazin hat ihr Interview mit der Soziologin Cornelia Koppesch vom letzten Freitag jetzt online gestellt. Sie spricht über Freiheit und Kapitalismus: "Die einst gegenkulturell formulierten Ideale wie Autonomie, Emanzipation, Eigenverantwortung, Freiheit, Kreativität sind vom kapitalistischen Mainstream vereinnahmt worden. Sie enthalten kein Widerstandspotenzial mehr. So erkläre ich mir auch die Wiederkehr der Konformität, den Neokonservatismus: als Abwehr von neoliberalen Freiheitszumutungen. Kreativ zu sein und eigenverantwortlich zu handeln ist heute nicht mehr subversiv, sondern gehört zu den von Arbeitgebern geforderten Tugenden."

In der FR, aber nicht online beklagt Koppesch heute den Rückzug des Wohlfahrtsstaats, die Schwäche der Demokratie und anhaltende Fremdenfeindlichkeit nicht nur, aber doch besonders im Osten.

Immer mehr Philosophen und -innen lassen sich unterdessen direkt von Großkonzernen einkaufen, schreibt Marc Zitzmann in der NZZ. Sie arbeiten in Frankreich für die Luxusindustrie, so ist eine Absolventin einer Elitehochschule in ein "auf Philosophie spezialisiertes Departement in der Pariser Kommunikationsagentur Angie" eingetreten: "Vordem unter anderem als Beraterin für Louis Vuitton, Guerlain und den Kering-Konzern tätig, darf sie in ihrer neuen Funktion nicht sagen, für welche Luxusfirmen sie arbeitet. Immerhin verrät sie, ihre Kunden dazu anzuhalten, Worte wie "Leidenschaft", "einzigartig" oder "DNA" aus ihrem Wortschatz zu verbannen und stattdessen ihr "Sprach-Kapital zu optimieren"."

Die Berliner Zeitung bringt einen Text des algerischen Autors Boualem Sansal für das Internationale Literaturfestival Berlin. Sansal malt darin die Zukunft einer Stadt aus, in der die Sehnsucht nach völliger Sicherheit endlich erfüllt wird: "Ein Jahr, nachdem er ins Amt gewählt worden war, war der Plan des OB ausgereift, und die paar Ideen, die nach außen drangen, waren einmal rund um die Welt gewandert. Jeder sah ein, dass in unserer zerrütteten und gefährlichen Welt, welche die Freiräume einengt und die öffentliche wie die individuelle Moral bis in die integersten Geldbörsen hinein untergräbt, sich der Führungsstil nachhaltig verändern musste, um den vielfältigen und immer akuteren Bedrohungen Paroli zu bieten. Es schien, als wäre der Umbruch in dieser Stadt durch nichts mehr zu bremsen oder in andere Bahnen zu lenken. Die Bevölkerung war bereit und hatte einen Anführer gefunden, der ihr zeigte, wo es lang ging."
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Politik


In der SZ beschreibt die syrische Nothelferin und Bloggerin Abir Pamuk, was für eine verlorene Generation in Syrien heranwächst, angesichts der zwei Millionen Flüchtenden und vom Krieg Vertriebenen. Und: "Kriegstraumatisierte Kinder, die ohne familiären Rückhalt und ohne psychiatrische Hilfe auskommen müssen. Haben diese Kinder keine Chance zu lernen, mit ihren Aggressionen und Ängsten umzugehen, hilft ihnen niemand ins Leben zurück."
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Internet

Auf der Medienseite der FAZ führt Wolfgang Kleinwächter durch den Dschungel der Internetregulierung: "Allein in den letzten Wochen fanden weltweit acht Treffen statt, auf denen weiter vorwärtsgestolpert wurde: Mitte Juni ging es auf einer Icann-Tagung in Buenos Aires um die IANA-Transition, die Beendigung der Aufsicht der amerikanischen Regierung über das Rootserver- und Domainname-System. Wie es aussieht, könnte noch in der Amtszeit Obamas Icann in die völlige Unabhängigkeit entlassen werden."

Johannes Boie ist in der SZ überzeugt, dass Google sich nicht nur aus unternehmerischen Gründen umstrukturiert: "Mit der Gründung von Alphabet wird Google seinem alten Plan, die wahren und vermuteten Probleme dieses Planeten zu lösen, mit frischer Kraft folgen."
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Medien

Willi Winkler schreibt für die SZ ein ausführliches Porträt über den Dokumentarfilmer Thomas Frickel, der die Öffentlich-Rechtlichen mit Leaks über die Verträge von Thomas Gottschalk nervt - und immer wieder mit der Frage, warum auf frei werdenden Programmplätzen nicht Dokumentationen laufen. "Allein die Frage ist eine Provokation. Sie stellt das ganze schöne hochbezahlte Quotenprogramm bei ARD und ZDF in Frage. Frickel, der auch ein Amt hat und Regisseure, Autoren und Produzenten von Dokumentarfilmen als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm AG Dok vertritt, ruft die Öffentlich-Rechtlichen so unermüdlich wie listig zu Buße und Umkehr auf."

Erst vor einigen Tagen wurde der Blogger Niloy Neel aus Bangladesh von Islamisten mit Macheten zerhackt (mehr hier) - allzuviel Berichterstattung hat das leider nicht erzeugt. René Martens porträtiert in der taz Nord heute immerhin den Blogger Ananya Azad, der nach der Serie von Morden an religionskritischen Aktivisten nach Hamburg flüchtete: ""Es ist ein klares Muster der Gewalt gegen Schriftsteller und Journalisten in Bangladesch zu erkennen, die einzig aufgrund ihrer friedlichen Meinungsäußerung zum Ziel von Mördern werden", sagte Marian Botsford Fraser, die Vorsitzende des International Writers in Prison Committee der Schriftstelleroganisation PEN. Ananya Azad bekam nach dem dritten Mord in diesem Jahr eine Facebook-Nachricht: "Du bist der Nächste." Man werde seinen Kopf auf einer bekannten Statue in Dhaka aufspießen."

Tobias Krone berichtet in der taz von Vorwürfen gegenüber dem Burda-Verlag, aus politischer Raison keine kremlkritischen Zeitschriften mehr in seinen russischen Vertrieb zu nehmen.
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