Efeu - Die Kulturrundschau

Immerhin steht das Publikum noch

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15.08.2015. Die FAZ feiert den poetischen Realismus Wilhelm Raabes: Wie bei Country muss man nur dranbleiben. Außerdem besucht sie das Fort Knox der Gegenwartskunst. Popmatters feiert die viel gescholtene zweite Episode von "True Detective" als rabenschwarz. Die taz verliert sich in den Klangsphären industriell bestimmter Arbeitsrhythmen Christina Nemecs. Die Welt feiert den neuen Roman von Henning Ahrens.

Literatur

Provinziell und piefig? Sehr zu Unrecht genießen der hiesige Poetische Realismus und dessen bekanntester Vertreter, Wilhelm Raabe, ein eher geringes Ansehen, meint der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler in der FAZ. Er rät dringend zur Wiederentdeckung und - dranzubleiben, auch wenn man sich erst langweilt: "Mit Raabes Texten ist es wie mit römischen Kirchen oder Countrysongs: Eine(r) allein packt einen vielleicht noch nicht, aber spätestens wenn man in Serie geht, wird es spannend. Hat man die Problemkonstellation einmal erfasst, werden die einzelnen Lösungen höchst aufregend, und keine Erzählung ist hier wie die andere."

Weitere Artikel: Für die taz besucht Stefan Hochgesand den Aufbau Verlag, der sein 70-jähriges Bestehen feiert. Auch mit dabei bei der Visite war Cornelia Geißler, die in der Berliner Zeitung berichtet. Tazlerin Fatma Aydemir schlendert mit Feridun Zaimoglu durch das Istanbuler Viertel Fatih, wo der neue Roman des Autors spielen wird. Die Literarische Welt hat eine Erzählung von Erich Kästner abgedruckt: Johann Baptist Krügel.

Beprochen werden Henning Ahrens neuer Roman "Glantz und Gloria" (den Richard Kämmerlings in der Welt als "kluges, trauriges und doch herrlich überdrehtes Buch" feiert), Alain Claude Sulzers Roman "Postskriptum" (NZZ), Ha Jins Roman "Verraten" (NZZ), Xaver Bayers Prosaband "Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich" (NZZ), Michail Ossorgins Roman "Eine Straße in Moskau" (Welt), David Barries Geschichte des Sextanten (Welt), Ernst Augustins "Das Monster von Neuhausen" (FR), Lena Anderssons "Widerrechtliche Inbesitznahme" (taz) und Matt Fractions Comic "Sex Criminals" (Tagesspiegel).
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Architektur


Serial Classic, Installationsansicht. Foto: Prada Foundation

Auch wenn sie die aktuelle Ausstellung antiker Skulpturen sehr genossen hat, fühlt sich Julia Voss im Neuanbau der Fondazione Prada in Mailand nicht recht wohl, erklärt sie in der FAZ: "Die Innenausstattung des Ausstellungspavillons, der mit Travertin, gebürstetem Aluminium und Kunststoff ausgekleidet wurde, wirkt (...), als könnte jederzeit eine Lasershow anspringen und das neueste Sportwagenmodell vorfahren. Den Eindruck des Trostlosen verschlimmert streckenweise auch die Architektur. Rem Koolhaas hat die Brennereianlage in ein betongraues Fort Knox der Gegenwartskunst verwandelt, das wegen der Präsenz zahlloser Wächter schnell an eine Gefängnisanlage erinnern kann."

Weitere Artikel: In der NZZ stellt Roman Hollstein den neuen gläsernen Eingangspavillon von Marquard Wochers Thun-Panorama vor. In der Welt feiert Dankwart Guratzsch die Rückkehr zur "dicht gebauten Stadt".
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Kunst

Besprochen werden Lotta Blokkers Ausstellung im Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Black Mountain: Ein interdisziplinäres Experiment 1933 - 1957" im Hamburger Bahnhof in Berlin (Jungle World).
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Film



Aufgeblasen, prätentiös, unverständlich - kaum eine Serie ist zuletzt so gescholten worden wie die zweite Staffel von Nic Pizzolattos zuvor allseits gepriesener Serie "True Detective". Alles nur ein Missverständnis? Auf Popmatters rät Cole Waterman, die Serie ein zweites Mal zu sehen (Spoilerwarnung!): "The principals, and all denizens of True Detective"s universe, are defined by choices they made long ago without full appreciation or foresight of the likely consequences. They knocked over the first domino for immediate gratification, without giving a thought as to where the last piece would fall. These decisions set them on paths they can"t get off. Their dissonance and downfall comes from having the perfidy to think new choices can alter the highway or rail-line they"re already on. ... This is a stark, unforgiving, and pessimistic view, one that refuses to be mollified and thus, is off-putting to many."

Weiteres: Die FAZ hat Nina Rehfelds Interview mit Amy Schumer online nachgereicht (siehe dazu auch unser gestriges Resümee zu Schumers Komödie "Dating-Queen"). Die Tagesspiegel-Kritiker erinnern sich an ihre liebsten Szenen aus Wim Wenders" Filmen. In der NZZ schreibt Susanne Ostwald über das Filmfest von Locarno. Besprochen wird Andrei Schwartz" Dokumentarfilm "Himmelverbot" (Tagesspiegel).
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Bühne

Volker Corsten bittet den Kampnagel-Leiter András Siebold für die Welt zu Tisch. "

Besprochen werden Nicola Porporas Barockoper "Il Germanico" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (NZZ), Performances beim Zürcher Theaterspektakel (nachtkritik) und die Wiederaufführung von Lucinda Childs" Choreografie "Available Lights", mit der der Berliner "Tanz im August" eröffnet wurde und die Verena Lueken (FAZ) auch wegen der "scheußlichen Kostüme" wenig Freude bereitete. Anderer Auffassung ist da Michaela Schlagenwerth: "Was für ein Auftakt", applaudiert sie in der Berliner Zeitung.
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Musik

Franziska Buhre stellt in der taz die Ambient- und Fieldrecording-Künstlerin Christina Nemec vor, die unter dem Namen Chra "Raumgebilde aus Klängen" erstellt. Hier "schallen urbane Einöden, von Menschen kontaminierte Landschaften und vergangene Klang­sphären industriell bestimmter Arbeitsrhythmen. ... Ihre Stücke sind aus einer Überfülle an Klangmaterial extrahiert und verdichtet." Auf Soundcloud gibt es diverse Hörproben:



Wie steht es um Techno? Nicht allzu gut, wenn es nach René Pawlowitz geht, der unter Projektnamen wie Shed, Head High ein Begriff ist. Im Gespräch mit Thaddeus Herrmann für Das Filter wundert er sich über den Starkult, bei dem DJs auf hohen Emporen angehimmelt werden, und erklärt, warum es eine gute Sache sein kann, wenn Techno zusehends vom Kunstbetrieb kuratiert wird. Seine Kritik am allgemeinen Feierbetrieb: "Techno spielt sich auf großen Bühnen ab, mit viel Publikum, dem etwas geboten werden soll. Für mich macht das relativ wenig Sinn. Das passt doch nicht zu Techno. Immerhin steht das Publikum noch und sitzt nicht wie im Theater."

Das kann ja wohl nur ein Witz sein: Jetzt haben es die amerikanischen Drone- und Doom-Musiker von Sunn O))) nicht nur ins Feuilleton, sondern "mit vielen, ungewöhnlich langen Zitaten" auch noch in den Perlentaucher geschafft, wundert sich Lars Brinkmann, bekennender "alter Earth- und SunnO)))-Fan", in der Nord-Ausgabe der taz. Dennoch legt er den Besuch des morgigen Konzerts auf Kampnagel den Hamburgern wärmstens ans Herz: Denn "neben Attila Csihar von der wohl legendärsten Black-Metal-Band aller Zeiten, Mayhem, sind auch der Niederländer Tos Nieuwenhuizen und seine prähistorischen Moog-Synthesizer im Tross. Das kann ja was werden." (der ebenso "alte Earth- und SunnO)))-Fan" aus dem Perlentaucher-Team, der ganz gewiss keine Witze macht, schließt sich der Empfehlung im übrigen an).

Weiteres: Das Blog der Neuen Musikzeitung stellt den neuen Klassik-Streamingdienst Idagio vor. Auch der ORF startet eine Klassikplattform, meldet VAN.

Besprochen werden das neue Album der Chemical Brothers ("Weiche Osnabrück, weiche!", ruft Samir H. Köck in der Presse DJ Robin Schulz zu), neue Pop-Alben, darunter das neue Solo-Album von Gabi Delgado (ZeitOnline) und der Auftritt des Ungdomssymfonikerne bei Young Euro Classic in Berlin (Tagesspiegel).
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