9punkt - Die Debattenrundschau

Die Rückkehr der fröhlichen Kritik

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.02.2015. Die neue Nummer der Charlie Hebdo erscheint. Der Zeichner Luz erklärt bei France Inter, warum der Hund so gerne wieder losläuft. Im Perlentaucher analysiert Pascal Bruckner die Strategien des Begriffs "Islamophobie". In der Welt fürchtet Bruckner nach den Morden von Paris und Kopenhagen Selbstzensur aus "Respekt" für Gefühle. Die FAZ zieht das aber trotzdem in Erwägung - aus "Respekt" für "Gefühle". In der NZZ untersucht der Biochemiker Gottfried Schatz, was Angst im Gehirn bewirkt. Und das Van-Magazin ist nicht so ganz von der dringenden Notwendigkeit eines neuen Konzertsaals in München überzeugt.

Medien

Hier das Cover der neuen Charlie Hebdo, die am Mittwoch in einer Auflage von 2,5 Millionen Exemplaren an die französischen Kioske ausgeliefert wird: "Es geht wieder los."

Die Zeichnung zeigt einen Hund mit Charlie Hebdo im Maul, der von den üblichen Verdächtigen (Marine Le Pen, Nicolas Sarkozy, ein Dschihadist, der Papst) verfolgt wird. Die Huffpo.fr zitiert ein France-Inter-Interview mit dem Zeichner Luz über diese Eins: "Ich hatte Lust, die Rückkehr der fröhlichen Kritik zu zeichnen. Es geht auch darum, sich nicht als besessen von dem zu zeigen, was wir erlebt haben, denn man könnte Stunde um Stunde und Seite um Seite und Zeitung um Zeitung damit verbringen."

Christian Geyer denkt in der FAZ darüber nach, ob nicht doch eine Selbstbeschränkung der Kunst aus "Respekt" für "Gefühle" besser wäre. Er rechtfertigt das mit den üblichen ästhetischen Bedenken gegen die Mohammed-Karikaturen der ermordeten Zeichner und fragt, ob Satire "das Zeug hat, jene Speerspitze der Aufklärung zu sein, als die sie sich nach Paris und Kopenhagen geriert. Wenn es nicht wichtig ist, ob der Witz zündet, ein Gedanke transportiert wird, eine Pointe aufgeht, ein Strich verfängt, wenn, mit anderen Worten, Satire nicht intelligent zu sein braucht, um ihr Genre abzudecken, dann sollte man sich von ihrem aufklärerischen Gehalt vielleicht nicht zu viel versprechen." (Hier liegt eine erstaunliche intellektuelle Entwicklung vor: Einst rief Geyer noch alle Zeitungen außer seiner zur Veröffentlichung der Karikaturen auf, mehr hier.)

Recht dramatisch dokumentiert die taz die Entdeckung des Keyloggers, mit der sie von einem Mitarbeiter ausspioniert wurde: "Am späten Vormittag versucht sich die Praktikantin am betroffenen Rechner einzuloggen. Wieder ein Problem. Allerdings ist der Rechner nicht komplett stillgelegt, wie es die EDV geplant hatte. Also macht sich ein Mitarbeiter daran, der Praktikantin einen anderen Rechner hinzustellen und einzurichten. Während er daran arbeitet, beobachten mehrere Mitarbeiter, wie ein taz-Angestellter seine Zeitung über die Rückseite des betroffenen Rechners hält und den Keylogger entnimmt. Er habe nur einen USB-Stick herausgezogen, sagt der Erwischte laut Augen- und Ohrenzeugen. Der EDV-Mitarbeiter nimmt ihm den Stick ab."

Die taz hat Strafanzeige gegen den Verdächtigen Sebastian Heiser getellt. turi2 setzt einige Links zu der Affäre, auch Zeit Online berichtet. Für die FAZ interviewt Michael Hanfeld den Medien-Experten Volker Lilienthal zu Heisers Treiben, der zuvor auch schon Mitschnitte aus den Redaktionskonferenzen der SZ veröffentlicht hatte: "Heimliche Aufnahmen in Redaktionen sind ein Unding."

Weiteres: Der Guardian hat keine Skrupel, wenn es um Wahrheitsfindung geht, und tut sich jetzt mit dem katarischen Sender Al Dschasira zusammen, um Geheimdienstdokumente zu veröffentlichen. Die erste News: Der Mossad sieht das mit dem Atomprogramm des Iran nicht so dramatisch wie Benjamin Netanjahu.
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Europa

Pascal Bruckner analysiert im Perlentaucher den Begriff der Islamophobie, der die geheimnisvolle Wandlung von Religion in Rasse bewirke: "Die erneute neue Einteilung der Welt in Rassen scheint nach einem halben Jahrhundert das wohl verblüffendste Resultat der Kämpfe gegen Diskriminierung, die stets von neuem das Unheil schaffen, von dem sie sich befreien wollen. Die Operation ist heikel, steht aber kurz vorm Gelingen: Eigentlich dachten wir, dass universelle Religionen wie der Islam oder das Christentum viele Völker umfassen und sich nicht auf eine Ethnie beschränken lassen. Nun aber stellt der Begriff der Islamophobie eine Verschmelzung zwischen einem Glaubenssystem und seinen Gläubigen her."

Bruckner hat heute auch ein Interview in der Welt. Islamisten erheben in Frankreich auch nach Charlie Hebdo noch alle mögliche Forderungen, erzählt er Richard Herzinger. Noch hält die Gesellschaft stand, aber in einem Punkt, fürchtet er, hat man schon nachgegeben: "Es wird kaum noch Karikaturen über Religion  geben. Der Preis dafür ist einfach zu hoch geworden. Dazu kommt, dass sich die extreme Linke alle den oben genannten Forderungen bereits unterworfen hat. Sie ist heute die stärkste Unterstützerin des Islamismus in Frankreich - alles im Namen des Respekts vor fremden Religionen."
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Politik

Karin El Minawi berichtet in der SZ, dass Ägyptens Zensurbehörde einen Band verboten hat, der die grandiosen Revolutionsgraffitis festhielt: "Das alles ist eine gefühlte Ewigkeit her, Ägyptens Konterrevolution triumphiert, die Helden von früher - Aktivisten, Blogger, Menschenrechtler - sitzen im Gefängnis, jede Kritik wird als Terrorismus diffamiert. Das weiß auch der Künstler Ammar Abo Bakr und sieht die Affäre um den Graffiti-Band mit gemischten Gefühlen. Vor allem der Rummel darum stört ihn. "Das schadet uns", sagt er. Die Zeiten, in denen sie unbekümmert Wände bemalen konnten, seien längst vorbei. Graffiti werden wieder in den Untergrund gedrängt."

Der Sinologe Hans Peter Hoffmann spricht im taz-Interview mit Katharina Borchardt über Chinas auftrumpfendes Verhalten gegenüber seinen Nachbarn.
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Stichwörter: Graffiti, Ägypten

Gesellschaft

Der Biochemiker Gottfried Schatz untersucht in der NZZ, was Angst im Gehirn bewirkt. Im Gegensatz zur unbewussten Verteidigungsreaktion kann er der bewussten Angst wenig abgewinnen: "Angst kann ein Leben überschatten, und da sie Wissen um mögliche Gefahren voraussetzt, lastet sie vor allem auf älteren Menschen. Angst ist die Feindin der Innovation, die im Mut gründet, eigene Wege zu gehen und Dogmen zu hinterfragen. Angst vor möglichen Gefahren äussert sich auch in der Nullrisikomentalität unserer überalternden europäischen Gesellschaft, die bei jeder neuen Entdeckung zunächst fragt, wie sie uns schaden könnte. In Wissenschaft und Kunst ist die Unbekümmertheit der Jugend aber meist klüger als die Erfahrung des Alters."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Gottfried Schatz, Angst

Geschichte

Alan Posener wendet sich in der Welt gegen ein Verbot der Holocaustleugnung. Mit Art Spiegelman meint er: "Wer den Holocaust leugnet, ist ein bastard Nazi shit, ob er nun David Irving oder Mahmud Ahmadinedschad heißt. Wer noch Ehre im Leib hat, wird solchen Leuten weder die Hand noch ihren Ansichten eine Plattform geben. Er wird ihnen aber auch nicht den Gefallen tun, ihre Ansichten verbieten zu lassen - so, als wären sie so gefährlich, dass man ihnen anders nicht beikäme."
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Ideen

Wolfgang Büscher führt in der Welt ein sehr persönliches Gespräch mit Karl Schlögel über Russland, der sich unter anderem über die Sprengkraft von Putins Ideologie für die extreme Rechte in Europa wundert: "Ich habe schon in den Neunzigern ein Seminar über Eurasismus gemacht, aber für mich war das der Nachhall einer Zwanziger-Jahre-Debatte. Ich habe das als antiquarischen Text gelesen. Aber dass der Eurasismus plötzlich mit einer gewissen Wucht ins Spiel gebracht würde, dass er namengebend würde für ein imperiales Konzept, das war mir nicht klar."
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Kulturpolitik

Für Hartmut Welscher im Van-Magazin ist der Ruf nach einem neuen Konzertsaal in München vor allem den Eigeninteresssen des br-Sinfonieorchesters geschuldet, das in den letzten Jahren an Renommee gewonnen hat und nun auf bessere Konditionen pocht: "Ein eigener Saal muss her, mit dem man sich identifiziert und im internationalen Wettbewerb identifiziert wird, der die eigene Marke stärkt, und mit dem man auch wuchern kann im Rennen um einen neuen Chefdirigenten, schließlich endet der Vertrag mit Mariss Jansons schon 2018. Es geht nicht um Akustik oder fehlende Umkleiden, sondern um einen neuen Saal... Ein solches Interesse ist aus der Binnenlogik der Institution natürlich verständlich. Ob es dagegen auch kulturpolitisch prioritär ist, steht auf einem anderen Papier."

Peter Richter unterhält sich in der SZ mit dem amerikanischen Historiker Jonathan Petropoulos über Raubkunst in Museen und den noch immer nicht rückgängig gemachten "Führererlass" vom 31. Mai 1938 über die als entartet diffamierte Kunst.