9punkt - Die Debattenrundschau

Das richtige Rezept für einen sehr süßen Kir

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2015. In der Berliner Zeitung prüft Götz Aly die Legitimität von Forderungen aus alten Kriegsanleihen. In der NZZ erkundet Medienforscher Stephan Russ-Mohl die Meinungsmacht der Leitmedien. Cicero wundert sich sehr über die posthumanistische Philosphie des Richard David Precht. Die SZ beobachtet mit Sorge die Konzentration im italienischen Buchmarkt. Die FAZ schildert die Schwierigkeiten der neuen Charlie Hebdo.

Europa

Der in Paris lebende Philosoph Justin E.H. Smith macht im Chronicle seinem Unmut über die amerikanische Heimat Luft. Da werden in Paris ein paar satirische Zeichner ermordet, "und die weit verbreitete Reaktion in der akademischen Linken ist: "Naja, die Karikaturen waren beleidigend." Ich kann nicht länger an mich halten. Plötzlich fühlte ich mich, als wäre meine Präsenz in Paris nicht nur beruflich bedingt, sondern ein wirkliches Exil, weg von der politischen Kultur der amerikanischen Akademiker, die immer unflexibler, unsubtiler und dogmatischer werden."
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Stichwörter: Akademische Linke

Geschichte

Götz Aly meldet in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung Bedenken an der Rechnung an, derzufolge Deutschland eine Kriegsanleihe von 476 Millionen Reichsmark gegenüber Griechenland offen habe: "Ich kritisiere die verfälschende Interpretation eines einzelnen Dokuments. Es liegt mir fern, die deutsche Besatzung Griechenlands zu verharmlosen."

Klaus Kreier erklärt in der SZ die Hintergründe des türkischen Panzervorstoßes zum Mausoleum von Süleyman Schah auf syrischem Gebiet.
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Stichwörter: Griechenland, Götz Aly

Kulturmarkt

In der SZ berichtet Thomas Steinfeld, dass Berlusconis Mailänder Verlagsgruppe Mondadori jetzt mit RCS (Feltrinelli und Bompiani) den einzigen großen Konkurrenten schlucken will. Natürlich hagelte es prompt Proteste: "In vielen Bereichen des Buchmarkts entstehe durch eine solche Übernahme de facto ein Monopol, und diese Gefahr werde nicht geringer dadurch, dass die Familie Berlusconi schon das Fernsehen beherrsche: Es gehe um einen Marktanteil von vierzig Prozent, die Kontrolle über Verträge und Preise, das Ende der kleineren Verlage. "Eine so mächtige Gruppe wäre eine Bedrohung der Meinungsfreiheit", erklärte Umberto Eco." In der FAZ erklärt der Schriftsteller Mario Fortunato, warum er sich den Protesten gegen die Fusion angeschlossen hat.
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Archiv: Kulturmarkt

Gesellschaft

Französische Kellner sind berüchtigt und machen allen Touristen Angst. Aber Cristina Nehring zeigt im Wall Street Journal, dass ein Gespräch mit einem Garçon durchaus bildend sein kann: Sie erzählt, wie sie einen Kir mit Brombeer-Sirup, statt Cassis bestellt, weil sie es süß mag, was sie dem Kellner auch sagt: "Meine Bestellung wurde mit einer dramatisch gelupften Augenbraue quittiert. "Also", sagt er, "nur für die Zukunft. Das richtige Rezept für einen sehr süßen Kir ist Doppelt-Cassis und Aligoté." "Sie meinen, ich habe die Bubble-Gum-Version bestellt?" "Aber nein, Madame. Sie haben bestellt, was Sie mögen. Ein Mann widerspricht keiner Lady.""

Weiteres: Im Aufmacher der FAZ beklagt Jürgen Kaube die grassierende Dummheit von Meinungsumfragen und der dazugehörigen Interpretationen. Und schlechte Nachrichten für Porsche: "Absichtlich laute Autos sind ab 2016 in der Schweiz verboten", meldet der Tages-Anzeiger.
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Medien

Stefan Winterbauer von Meedia hat die neue Spitzenleistung des Reportagejournalismus in der ARD gesehen: "Reinhold Beckmann wie er schaut. Beckmann, wie er Schals trägt. Beckmann, wie er durch Flüchtlingslager schreitet. Beckmann, wie er neben vor Horror stumm gewordenen Kindern sitzt. Beckmann, wie er ein Handyvideo eines Kleinkindes auf einem zersprungenen Display anguckt. Beckmann, wie er mit der Verteidigungsministerin im Truppentransporter hockt."

(Via turi2) Ganz interessant lesen sich die Bewerbungsschreiben der Kandidaten für die Guardian-Chefredaktion, die bem Guardian online stehen. Wolfgang Blau, ehemals Zeit Online und heute Online-Chef des Guardian schreibt: "Wie Sie wissen, ist der Guardian Weekly 1919 gegründet worden, um ein Publikum in den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt zu erreichen. Wir sollten in dieser Tradition fortfahren... Wenn wir in digitalem Journalismus Erfolg haben wollen, müssen wir in den USA Erfolg haben." Daniel Bouhs schreibt in der taz über die anstehende Chefredakteurswahl, ohne auch nur die drei Frauen namentlich zu erwähnen, die außer seinem Favoriten Wolfgang Blau zur Entscheidung stehen. Es sind Emily Bell, Janine Gibson und Katharine Viner.

In der NZZ kommt Stephan Russ-Mohl noch einmal auf das Buch "Meinungsmacht" des Leipziger Medienforschers Uwe Krüger zu sprechen, das die Netzwerke führender Journalisten untersucht und Russ-Mohl zufolge vorschnell abgetan wurde: "Der harsche Verriss geht an den tastenden, behutsamen Versuchen Krügers, der Meinungsmacht der Leitmedien und den Verflechtungen der Alpha-Journalisten mit den herrschenden Eliten auf die Spur zu kommen, schlichtweg vorbei. Er verrät zugleich, dass Sozial- und Medienforscher, die ihre Meinungsverschiedenheiten fast nur noch in engen Fachzirkeln und in einem meist anonymisierten "peer review" austragen, verlernt haben, öffentlich Diskurse zu führen, denen gebildete Nichtwissenschafter folgen können."

Auf NZZ Online befasst sich Rainer Stadler zudem mit dem heiklen Fall Schweizer Journalisten, die wegen des Einsatzes einer versteckten Kamera zunächst verurteilt wurden, nun aber vom Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte freigesprochen wurden.

Jürg Altwegg schildert in einem gut informierten Hintergrundbericht der FAZ zur neuen Charlie Hebdo die Schwierigkeiten der Redaktion. Eine davon: Der Herausgeber "Riss hat versucht, neue Mitarbeiter für das Satiremagazin zu gewinnen. Zeichner wie Georges Wolinski und Charb sind schwer zu ersetzen. Die traditionsreiche französische Gattung der Pressezeichnung ist überdies weitgehend der Krise zum Opfer gefallen: Karikaturen leisten sich nur noch wenige Zeitungen. Junge Talente wenden sich den florierenden Comics zu."

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Ideen

Alexander Kissler wundert sich in Cicero doch ein bisschen über den bekannten Philosphen Richard David Precht, der im ZDF darlegte, dass Big Data doch wesentlich schlimmer sei als der Anschlag auf Charlie Hebdo oder 9/11: "Vielleicht trägt eine solche nachhumanistische Philosophie zu Recht den Namen Fernsehphilosophie: Ihr ist das Nächstliegende derart unbekannt, der konkrete menschliche Faktor derart fremd, dass sie aus der Ferne über Leid und Mitleid hinwegtraversiert - und fallweise im Barbarischen landet."
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