9punkt - Die Debattenrundschau

Unter Polizeischutz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2015. Bestürzung in der taz: Ein Kollege hat die Computer der Redakteure offenbar per Keylogger abgehorcht. Laut Welt handelt es sich um Sebastian Heiser, der neulich in seinem Blog der SZ vorwarf, in ihren Sonderbeilagen Tipps zur Steuerhinterziehung veröffentlicht zu haben. Vice erzählt die Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie in Berlin, das schon lange vor den Nazis mit Schädelvermessungen hervortrat. Nachdem ein Journalist mit Kippa durch Paris lief und antisemitische Reaktionen aufzeichnete, hat der Schauspieler Amit Jacobi das Experiment für Vice in Berlin wiederholt - wir verlinken das Video. Am Beispiel Joseph Brodsky zeigt Michail Ryklin in der NZZ, wie russische Propaganda funktioniert.

Gesellschaft

Ein Journalist ist neulich für die israelische Zeitung NRG mit einer Kippa durch Paris gelaufen und hat die teilweise nicht sehr netten Reaktionen der Passanten aufgezeichnet (unter anderem der Tagesspiegel berichtete.) Der israelisch-deutsche Schauspieler Amit Jacobi hat das Experiment für Vice in Berlin wiederholt. Und passiert ist... (Wir können das Video nicht einblenden, weil es von alleine losgeht, bitte auf den Link klicken.)

Micha Brumlik gibt in der taz allerdings zu bedenken: "Auch in Deutschland wurde vor beinahe zwei Jahren ein Rabbiner mit seiner kleinen Tochter auf offener Straße angegriffen, im vergangenen Sommer wurden zum ersten Mal seit 1945 auf deutschen Straßen wieder offen judenfeindliche Hassparolen geschrien. Daher sind auch hierzulande nicht wenige jüdische Familien verunsichert, manche überlegen, das Land zu verlassen." Auch Goerg Diez befasst sich in seiner Spiegel Online-Kolumne mit dem Thema.

Für die FAZ berichtet Matthias Hannemann aus Kopenhagen, wo der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Dan Rosenberg Asmussen, schon vor den Anschlägen um mehr Polizeischutz gebeten hatte vergeblich: "Nun hofft er, die Anschläge seien ein "Wake-up call". Auswandern würden die dänischen Juden zwar kaum. Aber sie würden ihre Kinder eines Tages womöglich nicht mehr in die Kindergärten schicken oder die Synagoge betreten. Das jüdische Leben wäre vorbei. Die Zahl der Zwischenfälle war schon vor den Anschlägen hoch."

Weitere Artikel: Im Aufmacher der Literarischen Welt fordert Leander Scholz die Männer auf, "endlich echte Väter" zu werden. Er hat es mit der Geburt seines Kindes versucht und dabei gelernt, wie wenig Anerkennung Eltern bekommen. Und Christian Meier ist ganz froh, dass es auch "blasse Erfolgstypen" gibt, wie den Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz.
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Europa

Die Soziologin Charlie Hebdo-Autorin Zineb El Rhazoui und ihr Mann werden auf Twitter mit Morddrohungen verfolgt, berichtet Le Monde mit AFP. Per Tweet wurde unter anderem auch ihre Privatadresse verbreitet. "Die marokkanische Religionssoziologin engagiert sich gegen den König Mohammed VI. und Islamisten. Sie lebt zur Zeit in Frankreich und hat unter anderem das Storyboard für den Comic "La Vie de Mahomet" von Charb verfasst. Sie steht unter Polizeischutz."

Die FAZ bringt heute einen einseitigen Comic von Art Spiegelman über Charlie Hebdo. Eine andere Karikatur zum Thema sandte uns Bernd Zeller:



Carolin Emcke rät der Ukraine in der SZ zur Aufgabe: "Man mag die territoriale Integrität von Staaten für ein schützenswertes Gut halten, aber der ukrainischen Regierung weiter zu suggerieren, sie solle sie verteidigen wie einen Fetisch, bedeutet leider nur, dass armselig ausgestattete junge Soldaten weiter krepieren und verzweifelte Zivilisten zwischen sich verschiebenden Grenzen und Fronten aufgerieben werden."
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Ideen

Wie war es möglich, dass der Dichter Joseph Brodsky, dem alles Sowjetische verhasst war, über die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine 1991 so in Rage geriet, dass er ein patriotisches Gedicht für Russland schrieb? In der NZZ sucht Michail Ryklin nach einer Erklärung - auch mit Blick auf die heutige Fernsehpropaganda in Russland: "Ich bin mir sicher, in keinem anderen Land als Russland hätte die Propaganda vergleichbare Resultate erzielt. Sie bringt das an den Mann, was die Leute zumindest teilweise selbst hören wollen, sie erweckt ein Virus zum Leben, das sie schon in sich tragen. Die Mehrzahl der Infizierten weiß im Normalzustand nichts davon, aber bei Berührung mit den Bildern der Aggression, welche die Massenmedien verbreiten, wird die Sache virulent. Als Indiz führe ich einen Fall an, in dem das imperiale Virus ohne alle Propaganda in einem Mann zutage trat, dessen Immunität dagegen bis dahin unangezweifelt geblieben war."
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Kulturpolitik

In einem Essay in der SZ verteidigt Gustav Seibt den Kulturbetrieb unter anderem mit dem Argument, dass "aller Radikalismus der Kunst, also ihre Modernität, erst möglich geworden durch die bürgerliche Freistellung von herrschaftlichen und sakralen Zwecken. Atonalität, Abstraktion, Provokation und Selbstbefragung - das geht nur, wenn Kunst keinem Zweck außer ihr selbst dienen muss, vor allem auch nicht dem des Marktes. Ja, man könnte sagen: Im bürgerlichen Zeitalter hat der Radikalismus der Kunst ihre Festlichkeit ersetzt."
Stichwörter: Hochkultur, Kulturbetrieb

Geschichte

Vor kurzem wurden noch unter einem Gebäude der FU Knochen gefunden und verbrannt, die möglicherweise von Gefangenen aus Auschwitz stammten (Götz Aly hat hierzu Stellung genommen, unsere Resümees). Für Vice erzählt Theresa Locker in einer großen Reportage die Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) in Dahlem, das ins Max-Planck-Institut aufgegangen ist und schon vor der Nazizeit mit Vorliebe Schädel von "Hottentotten" vermaß: "Nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler nach 1933 schaltete sich das Institut widerstandslos gleich. Der bekannte Jesuitenpater Muckermann wurde als Leiter des Instituts entfernt; an seine Stelle trat Eugen Fischer - ein überzeugter Rassenhygieniker und flammender Kolonialist, der nach dem "Verlust" der Kolonien dort Rassenforschungen fortführen sollte."
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Medien

In der taz hat jemand versucht, per Keylogger Daten von Redaktionsrechnern auszuspionieren. Laut Welt und dem Zapp-Magazin soll es sich bei dem Spion um den taz-Redakteur Sebastian Heiser handeln. Heiser bestreitet das allerdings, berichtet Robin Alexander in der Welt. Heiser ist ein mit Preisen ausgezeichneter investigativer Journalist, der zuletzt in seinem Blog der SZ vorgeworfen hat, in ihren Sonderbeilagen Tipps zur Steuerhinterziehung veröffentlicht zu haben (unser Resümee). Diesen Vorwurf unterstützte Heiser, der damals in der SZ arbeitete, mit heimlich aufgezeichneten internen Redaktionsgesprächen. Die SZ hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Alexander beschreibt Heiser in der Welt als Überzeugungstäter: "Egal, wie man das Phänomen der bewusst als Anzeigenumfeld gestalteten Verlagsbeilagen - die auch in der Welt und vielen anderen Zeitungen erscheinen - bewertet: Wie kam Heiser auf die Idee, es sei journalistisch sauber, Mitschnitte von internen Gesprächen ins Netz zu stellen? Er selbst argumentiert im Blog: "Die Aufzeichnung eines Gesprächs ist strafbar, wenn es "unbefugt" geschieht. Für Journalisten ergibt sich die Befugnis aus Artikel 5 des Grundgesetzes, dem Grundrecht der Pressefreiheit." Nach dieser Logik könnte ein Reporter alles mitschneiden - auch Gespräche mit Kollegen und Vorgesetzten. Es könnte ja sein, dass er später einmal darüber berichtet."

Stefan Winterbauer geht bei Meedia nochmal die Vorwürfe gegen die SZ durch und kommt zu dem Schluss, dass nicht viel dran sei.

Auch in der britischen Presse wird seit Tagen ein giftiger Kleinkrieg geführt. Der Telegraph-Redakteur Peter Oborne hat die Redaktion verlassen, weil die Zeitung zu freundlich über die HSBC-Bank, einen Werbekunden, berichtet hatte, der durch Schwarzgeldkonten in der Schweiz auf sich aufmerksam machte. Daraufhin hatte sich der Telegraph gerechtfertigt und wurde von praktisch allen anderen Medien angegriffen. Nun bringt der Telegraph einen anonymen Artikel über zwei Akquisiteure der Times, die sich umgebracht haben - und dieser Telegraph-Artikel wird nun wiederum allenthalten als "despicable" verurteilt.

Weiteres: (Via turi2) Im Gespräch mit Roland Pimpl von Horizont erklärt FAZ-Geschäftsführer Thomas Lindner, warum diese Zeitung noch mehr Inhalte hinter der Paywall verstecken will.
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