9punkt - Die Debattenrundschau

Immerhin ein Grundrecht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2015. In der New York Times schreibt Oliver Sacks über sein Sterben. Nach neuen Snowden-Enthüllungen können NSA und GCHQ auch die Codes von SIM-Karten knacken, berichtet Zeit.de. Im Perlentaucher wendet sich Wolgang Kraushaar gegen Olivier Roys Parallele von RAF-Terrorismus und Dschihadismus. Auch wenn Bayern nicht froh ist: Das Institut für Zeitgeschichte wird eine kritische Ausgabe von "Mein Kampf" herausbringen, berichtet die Welt. Meedia wundert sich über den neuen Schulterschluss von Print und Öffentlich-Rechtlichen.

Gesellschaft

(Via slate.fr) Der große Oliver Sacks schreibt in der New York Times über sein Sterben: "Vor einem Monat fühlte ich mich gesund, sehr gesund sogar. Mit 81 schwimme ich noch eine Meile am Tag. Aber meine Glückssträhne ist zuende - vor ein paar Wochen habe ich erfahren, dass meine Leber Metastasen aufweist. Vor neun Jahren war bei mir ein seltener Tumor am Auge entdeckt worden. Obwohl Bestrahlung und Laserthrapie das Auge erblinden ließen, werden bei diesem Tumor selten Metastasen festgestellt. Ich gehöre zu den unglücklichen zwei Prozent."
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Stichwörter: Oliver Sacks, Schwimmen

Europa

Als recht tendenziös nimmt Sonja Margolina in der Welt den Bestseller "Russland verstehen" der ehemaligen ARD-Russlandkorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz wahr: "Der Teufel steckt im Detail. So wurde Janukowitsch nicht gestürzt, sondern er war mit seinem Milliardenvermögen nach Russland geflohen, nachdem seine Verbündeten sich von ihm abgewandt hatten. Die Annexion der Krim war keine "Notwehr unter Zeitdruck", sondern eine von langer Hand geplante Operation. Dass die ganze Krim-Bevölkerung nach Russland wollte, sah nicht einmal der Menschenrechtsrat beim russischen Präsidenten bestätigt."

Sehr deprimiert lesen sich Henryk Broders Reflexionen über die Lage der Juden in Europa in der Welt: "Wie schon öfter in ihrer Geschichte glauben und hoffen die Juden, dass es sich um einen Sturm handelt, der vorüberziehen wird. Die Geschichte sollte sie eines Besseren belehren. Es wird nicht besser, es wird schlimmer werden. Toulouse war das Vorspiel zu Brüssel, Brüssel führte nach Paris, und Kopenhagen wird nicht die Endstation gewesen sein. Die Liste der Anschläge wird immer länger, und die Einschläge kommen immer näher."
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Überwachung

Unter Berufung auf eine große Reportage in The Intercept meldet Zeit Digital, dass die Geheimdienste NSA und GCHQ die Verschlüsselungscodes des führenden SIM-Karten-Herstellers Gemalto gestohlen haben: "Der GCHQ und die NSA verschafften sich demnach die Verschlüsselungscodes, indem sie die private Kommunikation von Gemalto-Informatikern durchforsteten... Dadurch könnten die Geheimdienste sowohl Handygespräche abhören als auch Datenströme von Smartphones anzapfen. In dem Artikel wird nicht der Vorwurf erhoben, dass die Geheimdienste davon Gebrauch gemacht haben. Die NSA äußerte sich auf Nachfrage nicht zu den Anschuldigungen."
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Medien

Markus Gaertner erklärt auf turi2 die neue Online-Strategie des New York Times-Chefredakteurs Dean Baquet, der wieder ein stärkeres Gewicht auf Online legt: "Jeweils vor- und nachmittags kommen drei bis vier Geschichten in die sogenannte "Dean"s List" und laufen dann prominent auf allen Web-Kanälen. "Wir müssen mehr unserer besten Geschichten nicht abends bringen, sondern dann, wenn die digitale Leserschaft ihren Höhepunkt hat: zwischen sieben Uhr morgens und sieben Uhr abends", erklärt Baquet die neue Stoßrichtung." Gaertner bezieht sich auf eine Geschichte aus poynter.org, die die geplanten Änderungen näher erläutert.

Immer mehr Gekungel zwischen Print und Öffentlich-Rechtlichen. Am Mittwoch wurde bei Anne Will über die Recherche des gemeinsamen Teams von NDR und SZ über den "Kalifen" des "Islamischen Staats" diskutiert und so nebenbei Reklame für die Süddeutsche Zeitung gemacht, die die Geschichte am nächsten Morgen nur im Print brachte. Nun reist Reinhold Beckmann als amtlicher Reporter zu Flüchtlingen, so Stefan Winterbauer bei Meedia, und "bereits an diesem Donnerstag bringt der stern auch eine Reportage zum Thema Flüchtlinge und ein Interview mit Beckmann. ARD und stern nennen das recht vollmundig einen "gemeinsamen thematischen Schwerpunkt". Man könnte auch ganz banal sagen: eine Cross-Promotion."

Im Freitag erinnert Arno Frank noch einmal an den Verlust, den Jon Stewarts angekündigter Abschied von der Daily Show bedeutet, und erklärt, warum die heute-show kein adäquater Ersatz ist.
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Internet

Auf irights.info beklagt Peter Schaar, der Vorsitzende der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID), dass die eigentlich für 2013 geplante EU-Datenschutzreform noch immer nicht beschlossen ist. Der Grünen-Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht gibt ebendort Angela Merkel die Schuld für die Verzögerung, "die nur einen Gewinner kennt: Die großen Wettbewerber und Datensammler aus dem Silicon Valley, die damit Zeit gewonnen haben, um nach deutschem Recht rechtswidrige Geschäftsmodelle auf dem europäischen Markt fest zu verankern und die seit 1995 in der EU geltenden Datenschutzstandards durch globale Marktfreiheiten zu untergraben."
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Politik

Der Terrorismus-Historiker Wolfgang Kraushaar wendet sich in einem Perlentaucher-Essay gegen die von Olivier Roy gezogene Parallele (unsere Resümees) zwischen RAF-Terrorismus und Islamischem Staat, die ihm einige der Hauptcharakteriska des neuen Terrorimus zu verschleiern scheint: "Dem islamischen Terrorismus, der seit Jahr und Tag weit über den arabischen Raum hinaus seinen Schrecken verbreitet, ist ... ein religiös begründetes Mal des Auslöschungsbestrebens einbeschrieben. Davon kann und darf bei allen derzeit im Schwange befindlichen Vergleichsoperationen nicht abstrahiert werden."

Der vom Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk in der Türkei etablierte Laizismus wird von Tayyip Erdoğan systematisch abgeschliffen, schreibt Cigdem Akyol in der taz: "Die Symbole der "alten" Republik werden langsam von Erdogans Mischung aus Modernisierung und konservativer Frömmigkeit verdrängt. So steht beispielsweise auf dem Marktplatz des Istanbuler Stadtteils Kayasehir, anders als in türkischen Städten üblich, nicht die obligatorische Statue Atatürks. Stattdessen prangt dort eine Statue der staatlichen Baugesellschaft "Toki" mit Dank an Erdogan - daneben eine Moschee und ein modernes Einkaufszentrum."
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Geschichte

Magnus Brechtken vom Institut für Zeitgeschichte hat gestern in Berlin Näheres zu der geplanten kritischen Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" bekanntgegeben. Der Hintergund ist, dass am 1. Januar 2016 die Urheberrechte frei werden, berichtet Sven Felix Kellerhoff in der Welt. Die Gemengelage ist nicht ganz unkompliziert: "Der Freistaat Bayern, bis zum 31. Dezember 2015 Inhaber der Urheberrechte, hatte dem Institut 2012 den Auftrag erteilt, Hitlers Buch wissenschaftlich kritisch zu edieren. Anderthalb Jahre später aber entzog man den Historikern die Unterstützung wieder, auf Weisung von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Inzwischen lärmt der Münchner Justizminister Winfried Bausback sogar, man wolle jede Edition auf den Verdacht der Volksverhetzung hin überprüfen. Dagegen betont Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle, das Institut dürfe selbstverständlich die Wissenschaftsfreiheit wahrnehmen. Immerhin ein Grundrecht."
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