Efeu - Die Kulturrundschau

Maximaler Tiefenblödsinn

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21.02.2015. In der Welt erklärt der kamerunische Schriftsteller Patrice Nganang die Macht des Schriftstellers und Leander Haußmann fragt angesichts des Streits um den "Baal" von Castorf, warum Theaterregisseure sich überhaupt mit der "dünkelhaften Einfältigkeit" von Autoren und ihren Erben herumschlagen müssen? Die SZ sieht die Kunst der sowjetischen Avantgarde in einer Flut von Fälschungen untergehen. Die FAZ wünscht sich Oscars für Laura Poitras und Clint Eastwood - auf dass die Mitte auseinander fliegt.

Literatur

In einem sehr interessanten Interview mit der Welt spricht der kamerunische Schriftsteller Patrice Nganang über die Macht des Schriftstellers, seine deutschen Übersetzer Gudrun und Otto Honke und über die Erwartungen, gegen die sich ein afrikanischer Autor wehren muss: "Es gibt bestimmte Erwartungshaltungen an afrikanische Autoren, die einen so sehr einschüchtern können, dass man über die Themen, die einem wichtig sind, überhaupt nicht reden kann. Es kommt zu einer Verdoppelung des Charakters, man ist konservativ zu Hause, aber im Ausland gibt man sich progressiv. In der Literatur muss man über die Sachen sprechen, die einem wirklich wichtig sind. Die Leute wollen nicht, dass ich über Kamerun rede, sie wollen, dass ich über Paris spreche, sie wollen immer, dass man darüber schreibt, wie es sich anfühlt, als Afrikaner in Europa oder in Berlin zu leben. Ich habe Jahre gebraucht, das zu überwinden, endlich konkret über Kamerun sprechen zu können! Erst dadurch kann ich von der Welt im Ganzen erzählen."

Außerdem: In der NZZ liest Hans-Jörg Neuschäfer noch einmal Victor Klemperers Aufzeichnungen zum Untergang Dresdens.

Besprochen werden Arno Geigers "Selbstporträt mit Flusspferd" (Zeit, mehr), Benjamin Alire Sáenz" "Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums" (Tagesspiegel, mehr), Klaus Modicks "Konzert ohne Dichter" (taz, mehr), Cornelia Funkes neuer Band aus ihrer "Reckless"-Reihe (FAZ), Norbert Niemanns "Die Einzigen" (taz, mehr), Tom Drurys "Das stille Land" (FAZ, mehr) und Götz Alys "Volk ohne Mitte" (FAZ, unsere Leseprobe). Mehr in unserer aktuellen Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Warum, warum nur müssen sich Autoren und ihre Erben in Theaterinszenierungen einmischen, stöhnt in der Welt Leander Haußmann nach dem Verbot von Castorfs "Baal"-Inszenierung: "Ich kann gar nicht sagen, wie ich in diesem Moment meinen Freund Heiner Müller vermisse, dem es völlig wurscht war, was mit seinen Texten geschieht, Hauptsache nicht das, was im Buch steht, denn da kann man es ja nachlesen. [...] Unter Regisseuren gilt Brecht als der Autor, den zu inszenieren einem Himmelfahrtskommando gleichkommt. Man wird schier erdrückt von soviel Sachkunde, die einhergeht mit Intoleranz und kunstfeindlichem Bürokratismus, grauhaarig und eitel in seiner ewigen, durch nichts hinterfragten, lehrerhaften, bildungsbürgerlichen, silberhaarigen, kordbejackten, nickelbebrillten, dünkelhaften Einfältigkeit - die uns im besten Fall vor die Schranken eines überforderten Richters bringt. Das geschriebene Wort bleibt. Das gesprochene Wort verschwindet."

Weiteres: Die taz bringt eine gekürzte Fassung von Natalia Voroschbits Theaterstück "Die Tagebücher des Maidan".

Besprochen werden Herbert Fritschs Konrad-Bayer-Hommage "der die mann" an der Volksbühne Berlin (Welt, Tagesspiegel, mehr) sowie Michael Quasts und Sarah Groß" Inszenierung von Ernst Erich Niebergalls "Datterich" in Frankfurt (FR).
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Kunst

Nicht nur Galerien und Sammler werden von den in großer Zahl kursierenden Fälschungen von Kunst der sowjetischen Avantgarde geschädigt, erklärt eine ziemlich betrübte Catrin Lorch in der SZ: Die sowjetische Kunstgeschichte selbst nimmt immensen Schaden, da bei den Institutionen immer mehr die Bereitschaft sinkt, sich auf diese Kunst einzulassen. "Seriöse Händler meiden die Epoche. ... Die Bundeskunsthalle, das Amsterdamer Stedelijk-Museum und die Tate Gallery veranstalteten im vergangenen Jahr eine Malewitsch-Werkschau, aber das geht nur noch, wenn die Werke aus den wenigen Sammlungen stammen, die als historisch verbürgt gelten."

Für die FAZ hat sich Andreas Platthaus die Zeichnungen von Paco Knöller in der Berliner Galerie Thomas Schulte angesehen: "In den Liniengespinsten und Punktwolken des Wandels vom Kleinsten zum unendlich Großen steht immer wieder der Mensch", stellt er dabei fest.
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Film



Charlie Hebdo
-Cartoonist Riad Sattouf hat einen Film gedreht, "Jacky im Königreich der Frauen" (mit Charlotte Gainsbourg als androgyner Diktatorinnentochter!), der das Geschlechterverhältnis einfach umdreht und eine Weiberdiktatur zeichnet, in der die Männer verschleiert sind. Klingt albern? Cosima Lutz stimmt in der Welt zu. Und doch: "So bescheuert das alles klingt und ist, so genau hat Sattouf eigentlich nur satirisch "geschlonzt", was die Realität so ab- oder auswirft. Mit dem minimalen Kinokomödienmittel des Geschlechterrollentauschs erzielt er maximalen Tiefenblödsinn."

In Paris wurden die Césars verliehen. Le Monde berichtet mit vielen Videos von der Preisverleihung. Die erfreulichste Meldung. Der Film "Timbuktu" "ist der große Sieger der Césars 2015" mit sieben Auszeichnungen. Auch Kristen Stewart hat einen César bekommen - als beste Nebendarstellerin in Olivier Assayas" Film "Sils Maria".

In der Nacht von Sonntag auf Montag werden die Oscars verliehen. Mit "Boyhood" (unsere Kritik) und "Birdman" haben in diesem Jahr vor allem abseits von Hollywood entstandene Filme gute Aussichten, während das klassische Oscarmaterial in Nebenkategorien präsent ist, erklärt Patrick Heidmann in der Berliner Zeitung. In der FR wünscht sich Daniel Kothenschulte einen Oscar für Laura Poitras" Snowden-Doku "Citizenfour" (unsere Kritik). Das würde auch Verena Lueken (FAZ) gefallen, insbesondere, wenn daneben Clint Eastwoods "verstörend rechtslastiger "American Sniper"" als bester Spielfilm ausgezeichnet würde: "Die Mitte flöge auseinander, und wir säßen dabei. Es wäre nur ein Augenblick, in dem plötzlich alles ganz anders wäre - offen wieder, unvermufft, streitlustig. ... Als hätte das Kino noch etwas zu sagen über die Einspielergebnisse hinaus. Als sei es noch ein Ort, an dem über Kunst zu streiten sich lohnt wie über Politik. Als sagten uns die Oscars noch etwas über Amerika."

"American Sniper" beschäftigt auch die taz, für die sich Dorothea Hahn mit Garett Reppenhagen unterhalten hat, der wie Eastwoods Hauptfigur Chris Kyle im Irakkrieg als Scharfschütze eingesetzt wurde, heute aber Kriegsgegner ist. Dem Film konnte er wenig abgewinnen: "Er glorifiziert viele Dinge, in die wir verwickelt waren. Das einzig Gute an dem Film ist, dass wir jetzt wieder über den Irakkrieg reden."

Weitere Artikel: Felix Sowa führt in der Jungle World durch das Programm der 1. Jüdischen Filmtage in Fürth, die sich dem Schwerpunkt "Schwule Filme aus Israel" widmen. Für den Freitag besucht Jörg Augsburg das runtergerockte Leipziger Viertel Reudnitz, das für Andreas Dresens Verfilmung von Clemens Meyers Roman "Als wir träumen" die Kulisse bot.In der SZ porträtiert Karoline Meta Beisel den Schauspieler Miles Teller, der aktuell im oscarnominierten Musikerdrama "Whiplash" zu sehen ist
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Musik

Josa Mania-Schlegel (Spex) plaudert mit der Band Deerhoof, die sich auf der Suche nach ihrem Sound gewissermaßen in einem fort nach oben irrt: "Bowie drückt ab und trifft. Wir legen den Pfeil erst mühsam in den Bogen und schießen versuchsweise auf etwas, das ein Ziel sein könnte. Dann holen wir unseren Pfeil zurück und gucken, wie weit daneben wir lagen. Und kein Boden ist fruchtbarer als der eines Fehlers, nirgends gedeiht Neues besser. Unser Antrieb, neue Wege einzuschlagen, ist immer ein vorausgegangener Misserfolg." Hier der aktuelle Videoclip:



Weitere Artikel: Jens-Christian Rabe porträtiert in der SZ den Folkmusiker Father John Misty. In der FAZ stellt Lena Bopp die Sängerin Héloïse Letissier alias Christine vor. Auf The Quietus erinnert Yousif Nur an die vor 40 Jahren verstorbene Sängerin Umm Kulthum. Im Aufmacher des SZ-Feuilletons holen Andrian Kreye und Julian Hans tief Luft angesichts des neuen Videos von Pussy Riot: Endlich zeigt sich, dass diese mutigen russischen Aktivistinnen in Wahrheit genauso durchschnittlich sind wie ein SZ-Redakteur: "Pussy Riot sind Vehikel für eine Revolutions-Romantik der demokratischen Wohlstandsländer, die lange schon ins Leere läuft."

Besprochen werden das neue Album der Scorpions (FAZ), Matana Roberts" neues Album "Coin Coin Three: River Run Thee" (taz), eine Aufführung von Simeon ten Holts "Canto Ostinato" in Berlin (taz) und diverse neue Popalben, darunter das neue von José González (ZeitOnline).
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