9punkt - Die Debattenrundschau

Wie schnell sich eine Debatte drehen kann

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2015. Der Streit um Charlie Hebdo ist wieder voll entbrannt. New York Times-Chef Dean Baquet erklärt im Spiegel, warum die Zeichnungen der Ermordeten seiner Zeitung nicht würdig sind. Die Charlie-Ausgabe nach dem Massaker verkauft sich trotzdem weiter wie verrückt, meldet Libération. Olivier Roy und Boualem Sansal werfen in der taz ganz unterschiedliche Blicke auf den Islamismus. Die FAZ trägt den Standpunkt Gilles Kepels bei. Außerdem: Gertraud Klemm spricht in der taz über das Fortleben von Rollenmustern. Und Adaobi Tricia Nwaubani erklärt in der Welt die Konflikte in Nigeria.

Europa

Nach der ersten Erschütterung und einer bemerkenswert solidarischen Reaktion der Medien beginnen um Charlie Hebdo doch wieder die Diskussionen über "Respekt" gegenüber Religion und die womöglich fehlende "Qualität" der Zeichnungen, die man aus der Zeit der dänischen Mohammed-Karikaturen - ja, schon aus der Zeit der "Satanischen Verse" - kennt. Gestern fragte Andreas Zielcke in der SZ: "Was soll Satire? Was darf Sie?" Und Malte Lehming unterstützte im Tagesspiegel die New York Times, und zwar von hinten durchs Auge: "Wenn die Mohammed-Karikaturen nur deshalb gedruckt werden, weil die Terroristen ein Massaker an deren Zeichnern verübt haben, definieren die Terroristen, was wann gedruckt wird. Nicht mehr die eigenen Kriterien sind entscheidend, sondern die gesamtgesellschaftliche Kontextualität. Heteronomie statt Autonomie." Und heute erklärt der Chefredakteur der New York Times, Dean Baquet, im Spiegel-Interview, dass die Charlie Hebdo-Zeichnungen seiner Zeitung gar nicht würdig seien. Spiegel Online zitiert: ""Diese Art von Humor ist eine unnötige Beleidigung", sagte Baquet ... Der Humor erfülle "nicht die Standards der Times"." Die Zeichner von Charlie Hebdo hätten auch nicht "wirklichen Mut" bewiesen. Den hätten nur Reporter wie die der New York Times. Unsere Abbildung zeigt eine der Charb-Zeichnungen, die der New York Times nicht würdig sind.

So schlecht die Zeichnungen von Charlie Hebdo angeblich sind, die Ausgabe nach den Massakern wird immer noch weiter verkauft: "Bis heute Abend werden die Messageries lyonnaises de presse (MLP), die die Zeitung gedruckt haben, 7 Millionen Exemplare ausgeliefert haben", meldet Libération. "Sie drucken weiter und werden bis Montag 300.000 weitere Exemplare ausliefern." Fürs Ausland sind 700.000 Exemplare gedruckt worden. Die neu nach Deutschland gelieferten 50.000 Exemplare sind ebenfalls ausverkauft, meldet turi2 mit Bezug auf die FAZ.

Im Gespräch mit Martin Oehlen und Frank Olbert von der Berliner Zeitung erklärt Michel Houellebecq, warum die Parallele zwischen dem 11. September und den Pariser Massakern für ihn nicht funktioniert: "Dieser Vergleich ist schwierig. Die meisten Terroristen des 11. September waren Saudis - die Reaktion der Amerikaner richtete sich gegen den Irak und Afghanistan. Die Pariser Attentäter waren Franzosen. Was bleibt da als richtige Vergeltungsmaßnahme?"

(Via Libération) In Belgien wird unterdessen das Ramdan-Filmfestival von Tournai wegen terroristischer Drohungen annulliert, berichtete Le Soir aus Brüssel schon am Donnerstag: "Der Dokumentarfilm "The Essence of Terror" hätte Drohungen ausgelöst. Abderrahmane Sissakos Film "Timbuktu" sei ebenfalls im Visier. Dieser Film erzählt die Geschichte eine Familie unweit von Timbuktu, die unter das Joch der Islamisten gerät."

Es liegt im ureigensten Interesse Europas, seinen muslimischen Bürgern ohne Angst und Ablehnung zu begegnen, meint Ian Buruma in der NZZ: "Wenn wir aus den tödlichen Pariser Anschlägen die Schlussfolgerung ziehen, dass sich der Islam im Krieg mit dem Westen befindet, haben die Jihadisten einen wichtigen Sieg errungen. Wenn wir die friedliche Mehrheit der Muslime aber im Gegenteil als unsere Verbündeten gegen revolutionäre Gewalt begreifen und sie als gleichberechtigte Mitbürger behandeln, werden unsere Demokratien gestärkt aus dieser Prüfung hervorgehen."

Le Monde bringt eine Übersicht über weltweite Demos gegen Charlie Hebdo nach den gestrigen Freitagsgebeten.
Archiv: Europa

Urheberrecht

Es gibt auch in den USA bisher keinen offiziellen Weg, urheberrechtsgeschützte Werke selbst zu gemeinfreien Werken zu erklären, schreibt Mike Masnick in Techdirt: "Nichts im Gesetz sagt dir, ob oder wie du ein Werk gemeinfrei stellen kannst. Du kannst das Creative-Commons-Tool benutzen. Aber solche Public-Domain-Erklärungen sind mehr ein Versprechen, die exklusiven Rechte des copyrights nicht einzufordern."
Archiv: Urheberrecht

Gesellschaft

Christian Jakob schickt für die taz eine lesenswerte Reportage aus Dresden, in der er nachzeichnet, wie sich Rechte und Linke tagelang darüber beharkten, wer den Tod des Eritreers Khaled Idriss Bahray verschuldet habe und ob die Polizei Informationen über einen rassistisch begründeten Mord unterdrücke. Als sich herausstellt, dass Bahray von einem Mitbewohner seiner Flüchtlings-WG erstochen wurde, dauert es "keine Stunde, da zeigt sich, wie schnell sich eine Debatte drehen kann. Sachsens CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer verlangt von dem Grünen Volker Beck (der Anzeige wegen Strafvereitelung gegen die Dresdner Polizei gestellt hatte) eine Entschuldigung: "Dieser Vorgang und die Demonstrationen zeigen, welche Stereotype und Vorurteile es gegenüber Ostdeutschen gibt", sagt Kretschmer. Auch der Flüchtlingsrat soll sich entschuldigen."

Gertraud Klemm, Autorin des Romans "Aberland" spricht im Interview mit Fatma Aydemir und Margarete Stokowski von der taz über das zähe Fortleben von mann-weiblichen Rollenmustern: "Es gibt diese eine Szene in "Aberland", die ich aus meinem eigenen Alltag kenne: Ein Dreijähriger schaut mich an und sagt: "Geschirrspüler einräumen, das machen nur die Frauen." Da habe ich gedacht, offensichtlich hat mein Kind so viel öfter Frauen gesehen, die das tun, dass es einfach glaubt, das sei richtig. Wenn man neue Normen durchsetzen möchte, macht man sich ständig unsympathisch."
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Archiv: Gesellschaft

Religion

Im Gespräch mit Rainer Wandler von der taz warnt Boualem Sansal davor, den Islamismus allein aus soziale Ausgrenzung der Täter zu erklären: "Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Islamisten seien alles arme Schlucker. Bei uns in Algerien waren viele der Islamisten Akademiker, hatten studiert. Waren Beamte, Ingenieure, Ärzte, Naturwissenschaftler. Fast die gesamte Führung der Islamischen Heilsfront (FIS) bestand aus Wissenschaftlern, Ärzten, Medizinern oder Juristen. Viele wurden in Frankreich oder den USA ausgebildet. Es ist eine Elite."

Olivier Roy sieht das ebenfalls in der taz völlig anders. Die jungen Islamisten haben mit den Mehrheitsmuslimen für ihn nichts gemein: "Sie kommen vom Rand der muslimischen Welt (zur Erinnerung: gemessen an der Bevölkerungszahl "lieferte" Belgien hundertmal so viele Dschihadisten für den IS wie Ägypten), sie bewegen sich in einer abendländischen Kommunikationskultur, einer westlichen Inszenierung von Gewalt, sie verkörpern einen Generationenbruch (die Eltern rufen die Polizei, wenn sich ihre Kinder nach Syrien aufmachen), sie sind nicht Teil der lokalen religiösen Gemeinden oder Moscheen im Viertel."

Eine Menge über die Herkunft der Täter lernt Lena Bopp in der FAZ aus der Lektüre zweier Bücher (mehr hier und hier) von Gilles Kepel aus dem Jahr 2012 über den Islam in der Banlieue: "Dem gemäßigten Islam der "Väter", der ersten Einwanderergeneration, die nach 1945 überwiegend aus den Ländern des Maghreb einreiste, folgte der Islam der "Brüder", die noch in ihren Herkunftsländern ausgebildet wurden und, einmal in Frankreich angekommen, zu verhindern suchten, dass ihre dort bereits lebenden Landsleute zu echten, laizistischen Franzosen würden." Außerdem empfiehlt Bopp Andrew Husseys Buch "The French Intifada - The Long War Between France and Its Arabs" (Auszug).
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Politik

In einem sehr interessanten Hintergrundartikel schildert die nigerianische Autorin Adaobi Tricia Nwaubani in der Welt die jahrzehntelangen Bemühungen der nigerianischen Regierung Nord- und Südnigerianer zu integrieren, die teilweise durchaus erfolgreich waren, und die dennoch anhaltende Spaltung des Landes: "Ein Großteil der nigerianischen Ölfelder wird von Nordnigerianern kontrolliert. Und doch bleibt die Region die ärmste und unglücklichste des Landes. Sowohl die Sicht des Südens auf den Norden als auch die Herzlosigkeit der Eliten im Norden haben, so glaube ich, wesentlich zum Aufstieg von Boko Haram in Nigeria beigetragen."
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Ideen

Es gibt auch noch ganz andere Fragen, die man stellen kann: "Ist die Erde ein Raumschiff? Ist sie eine gute Göttin oder eine Rabenmutter? Hat sie einen Schimmelüberzug - oder glänzt sie wie ein Juwel? Ist sie ein Garten und der Mensch ihr Gärtner?" Uwe Justus Wenzel begibt sich in der NZZ auf Expedition ins Weltall.
Archiv: Ideen
Stichwörter: Erde, Rabenmutter, Weltall