Efeu - Die Kulturrundschau

Die schrecklichsten Designsünden

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24.01.2015. In der Welt erzählen Joel Basman und Jonas Nay, die beiden Hauptdarsteller aus dem Filmdrama "Wir sind jung, wir sind stark", wie es ihnen bei der Filmvorführung in Rostock erging. In der NZZ erinnert sich Bora Cosic an die Ästhetik Jugoslawiens unter Tito. Die Welt schaudert in einer Berliner Ausstellung vor der Banalität von Mielkes Buchenholzfurnier. Der Tagesspiegel winkt ab: Theater braucht kein Streaming.

Film



Joel Basman und Jonas Nay, Darsteller in Burhan Qurbanis Filmdrama "Wir sind jung, wir sind stark" über den fremdenfeindlichen Mob in Rostock-Lichtenhagen, erzählen im Interview mit der Welt, wie die ersten Reaktionen auf den Film ausfielen - zum Beispiel in Rostock. Jonas Nay: "Was mir am meisten hängen geblieben ist, war die Nacht danach: Ich habe richtige Albträume gehabt, rechte Verfolgungsträume, ausgelöst von den Zeitzeugen, die sich nach dem Film zu Wort gemeldet haben. Ein Polizist in Ausgehuniform war da, der in der Brandnacht in der ersten Reihe stand, und er redete völlig schambehaftet. Auch ein Vietnamese, der in jener Nacht im Sonnenblumenhaus war, hat sich zu Wort gemeldet. Für mich war es unheimlich, wie es diesen erwachsenen Menschen 20 Jahre später immer noch die Sprache verschlagen hat. Sie haben ihre Worte kaum rausgekriegt, das Trauma muss tief in ihnen sitzen. Mich hat die Reaktion dieser gestandenen Menschen vollkommen zerledert."

Weiteres: "Grandios gemacht und verblüffend gut recherchiert" ist die Ausstellung im C/O Berlin über Michelangelo Antonionis Film "Blow Up" und das Verhältnis zwischen Film und Fotografie, jubelt Birgit Rieger im Tagesspiegel. Für die FR spricht Daniel Kothenschulte mit der Filmemacherin Asia Argento über deren neuen Film "Missverstanden" (unsere Kritik hier). Besprochen wird der Disneyfilm "Big Hero 6" (Standard).

Außerdem stylish und neu von Klaus Lemke: Zur Musik von Malakoff Kowalski hat der Regisseur Szenen seines letztes Jahr leider vorzeitig abgebrochenen Films "Unterwäschelügen" zu einem sexy Noir auf den Dächern Berlins zusammengestellt:


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Kunst

Mattes Lammert berichtet im Tagesspiegel von der Verleihung des International Light Art Award an die Künstler Martin Hesselmeier und Andreas Muxel, die mit ihrer Installation "The Weight of Light" der Frage nach dem Gewicht des Lichts nachgehen: "Dem Prinzip der innerweltlichen Lichterzeugung folgend, leuchten die Werke nicht mehr durch etwas Höheres, sondern durch sich selbst", meinte da Laudator Peter Sloterdijk.

Außerdem seit gestern neu im Netz: Das Blog der Berliner Festspiele. Unter anderem schreibt dort auch Perlentaucher-Filmkritiker Jochen Werner.

Besprochen werden die Ausstellung "Die Roten Khmer und die Folgen" in der Berliner Akademie der Künste (taz), die Ausstellung "Real Surreal" im Kunstmuseum Wolfsburg (Tagesspiegel), eine Ausstellung mit Bildern der vergessenen Fotografin Bertha Wehnert-Beckmann im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig (FAZ) und eine Ausstellung von Arbeiten der Fotografin Lore Krüger im C/O Berlin (SZ).
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Bühne

Sollen die deutschen Bühnen ihre Aufführungen ins Netz streamen, wie etwa Tim Renner das enthusiastisch fordert? Bloß nicht, meint Peter Laudenbach im Tagesspiegel. Und das nicht bloß, weil schon der ZDF-Theaterkanal mit seinen ungleich aufwändigeren Übertragungen unbemerkt im Nichts versandet ist: Er hält die Idee schlicht für "kunstfern". "Dass Theater und Opern die digitale Neuvermessung der Welt bisher besser überstanden haben als zum Beispiel die Printmedien, liegt außer an den Subventionen auch daran, dass sie etwas Altmodisches und ziemlich Kostbares zu bieten haben: Aura." Laudenbach fordert stattdessen lieber mehr Fördermittel für "experimentierfreudige Theater-Medien-Kunst".


"Eine Familie". Foto: © Katarina Ivanisevic

E- und U-Kultur, Kunst und Boulevard, wen kümmert"s, meint Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) sehr begeistert nach Ilan Ronens Inszenierung von Tracy Letts" "Eine Familie" (als "August in Osage County" auch verfilmt) in der Komödie am Kurfürstendamm: "Das nach erprobten Mustern von Molière über Tschechow und O"Neill bis Hollywood gebaute Familiendrama verfügt über psychoanalytische Sachkenntnis und derart abgründige Pointen, dass man es nicht der Boulevardbühne und seinem Publikum überlassen muss."
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Musik

In der Jungle World verschafft Holger Pauler einen Überblick über Musikerinnen in experimentellen und Improvisations-Nischen der Musikkultur und konstatiert: "Als Minderheit in einer eh schon randomisierten Szene haben es die wenigen Frauen doppelt schwer, sich Gehör zu verschaffen." Manuel Brug bittet für die Welt die Bratschistin Tabea Zimmermann zu Tisch. Auf Pitchfork stellt Patric Fallon einen neuen Track von Aphex Twin vor.

Besprochen werden das vorzeitig veröffentlichte neue Album "Vulnicura" von Björk (Pitchfork, FAZ, mehr).
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Literatur

Selbst in den Hochzeiten von Faschismus und Kommunismus konnte interessante Kunst entstehen, schreibt Bora Cosic in der NZZ. Und im Jugoslawien Titos war noch mal alles anders: "Es war nicht so streng wie in anderen Ländern des Ostens, unsere Bücher, Bilder und Filme hatten einen völlig anderen Schwung als die in Rumänien oder Kuba. Wie kam es dazu? Vielleicht schon deshalb, weil ein paar der wichtigsten Dichter des Vorkriegssurrealismus Machtpositionen innehatten, der Sozialismus der Tito-Ära war dadurch von einem irrationalen Geist angehaucht. ... Ich denke, mit der Zeit haben das auch viele ihrer Repräsentanten gespürt. Und geglaubt, dass sich "in der Kunst" womöglich ein Geheimnis verbirgt, ein für sie unfassbares. So haben sie dann angefangen, ein wenig Umgang mit den eingefleischten Vertretern der Moderne zu pflegen, wenigstens indem sie Poker mit ihnen spielten."

Weitere Artikel: Suhrkamps Cheflektor Raimund Fellinger plaudert im Interview mit der taz über Handke und Bernhard, den Streit um Suhrkamp und die Aufgaben eines guten Lektors. In der Welt denkt Marc Reichwein über die Bedeutung von Autorenfotos nach. Ebenfalls in der Welt erzählt Gisela Trams, wie Peter Kurzeck einst an den Fotografen von Wolfgang Joop geriet. Jan Freitag trauert in der Zeit um die auf schwule Literatur spezialisierte Hamburger Buchhandlung "Männerschwarm", die nun schließen muss. Im Standard gratuliert Andreas Puff-Trojan dem Vater der konkreten Poesie Eugen Gomringer zum Neunzigsten. Für die FAZ berichtet Florian Balke über eine Frankfurter Veranstaltung zur Modernisierung von Autorenlesungen. Die Zeit hat ihr großes Houellebecq-Interview online gestellt. Der Perlentaucher bringt eine Leseprobe aus Lydia Tschukowskajas Ende des Monats erscheinendem Roman "Untertan".

Besprochen werden unter anderem Slavoj Zizeks neuer Band "Weniger als nichts" (Welt), Nicholson Bakers Essaysammlung "So geht"s" (taz), Viktor Martinowitschs "Paranoia" (taz) und Mercè Rodoredas "Der Garten über dem Meer" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Design

Michael Pilz besucht für die Welt die Dauerausstellung "Staatssicherheit und DDR-Diktatur" in der zum Museum umfunktionierten ehemaligen Berliner Stasizentrale und wird ganz traurig: "Man stößt in den Privatgemächern auf die schrecklichsten Designsünden. Auf das Ungetüm eines nachtblauen Lesesessels aus den Siebzigerjahren, einen formalistischen Folkloreteppich und ein Landschaftsbild mit einem Jäger, der wie ein Tschekist mit seiner Umwelt eins wird. Aber man begegnet eben auch Museumsstücken, aus denen die klassische Moderne spricht, von Werkbund bis Reformbewegung, und man könnte daraus schließen, dass die DDR auch daran scheitern musste, dass ihre Ideen und Ideale keinen Kontext fanden. In ihrer industriellen Formgestaltung waren die Visionen nach den Sechzigern ja auch verschwunden." (Foto: Erich Mielkes Büro, Stasimuseum Berlin)
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