9punkt - Die Debattenrundschau

Themen, über die man besser nicht redet

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.11.2014. In der huffpo.fr erinnert Benjamin Stora an das blutige Allerheiligen in Algerien vor sechzig Jahren. Gedenken an Theo van Gogh, der vor zehn Jahren ermordet wurde? Fehlanzeige, zumindest in den Niederlanden, schreibt die Welt. Ebendort erklärt Dacia Maraini ihr Hoffen und Bangen in bezug auf Matteo Renzi. In der taz spricht Scholastique Mukasonga über Genozid und Versöhnung in Ruanda. Und die NZZ findet die spanische Google-Steuer ziemlich fatal.

Geschichte


La Toussaint rouge, historische Seite 1 des Journal d"Alger

Heute vor sechzig Jahren begann mit Attentaten des FLN ("La Toussaint rouge") der Algerienkrieg. Benjamin Stora, einer der wichtigsten Historiker dieses Konflikts, konstatiert in huffpo.fr nach einer langen Zeit der Verdrängung eine Art Overkill des Gedenkens an diesen Krieg. Aber jede Gruppe - die Algerier in Algerien, die "Harkis" (also Algerier, die auf der französischen Seite waren und nach Frankreich gingen), die "Pieds noirs" (also Algerien-Franzosen, die ebenfalls nach Frankreich gingen) - erinnert sich anders: "Es bleibt nur, die Arbeit der Geschichtsschreibung fortzuführen, den Historikern jeder Seite mehr Platz zu geben, ohne den Tyrannismus bestimmter Versionen einzelner Gruppen nachzugeben. Genau darum muss jeder einzelne Standpunkt in dieser langen Geschichte wiedergegeben werden."

Die ruandisch-französische Autorin Scholastique Mukasonga ("Die heilige Jungfrau vom Nil") spricht im taz-Interview mit Carla Baum über den Genozid in ihrem Land, dem viele in ihrer Familie zum Opfer vielen. Ein Hauptfaktor ist für sie die Vorgeschichte: "Die Kolonialgeschichte hat eine wichtige Rolle gespielt, denn die Belgier haben die Spaltung zwischen Hutu und Tutsi ja überhaupt erst geschaffen. Ab 1930 stand in jedem Pass "Hutu" oder "Tutsi". Während des Genozids haben die Ausweise für die Organisation der Tötungen eine große Rolle gespielt. Als Schriftstellerin interessieren mich diese Ursachen des Genozids. Deshalb spielt die Kolonialzeit auch in meinem Roman eine große Rolle. Sie war in den 1970er Jahren zwar vorbei, aber wurde fast nahtlos durch die Entwicklungszusammenarbeit ersetzt."

Außerdem: In der Welt verbeugt sich Robert Schopflocher vor Henriette Herz, die in diesem Jahr 250. Geburtstag hat und in Berlin einen toleranten und vielfältigen Salon führte. Und im Guardian feiert Timothy Garton Ash die Eröffnung des Jüdischen Museums in Warschau.
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Gesellschaft

Gedenken an Theo van Gogh? Fehlanzeige, notiert Dirk Schümer in der Welt. Zehn Jahre nach der Ermordung des niederländischen Regisseurs durch einen muslimischen Fanatiker hat sich das Duckmäusertum durchgesetzt: "Mit dem Mord war die Epoche der tabufreien Debatten im Leser- und Plaudervolk der Niederlande schlagartig vorbei. "Gnade! Wir können doch drüber reden!", waren van Goghs letzte Worte an seinen Killer, und sie beschreiben messerscharf den Abgrund, der sich auftut. Seit den Religionskriegen kämpfte die Aufklärung über dreihundert Jahre lang dafür, Konflikte auf der diskursiven Ebene auszutragen: Worte statt Morde. Mit Theo van Goghs Ermordung gibt es inmitten der laizistischen Gesellschaften Europas wieder Themen, über die man besser nicht redet. Jedenfalls nicht ohne Gefahr für Leib und Leben. Insofern sind die Jahre seit dem Mord - das beweisen schon allein die Mordvideos aus den Kriegsgebieten in Syrien und im Irak - zehn verlorene Jahre."

Außerdem: In der Welt kommentiert Tilman Krause das Coming Out des Apple-Chefs Tim Cook.
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Kulturpolitik

Vor einem Jahr wurde der Fall Gurlitt publik. Thomas Gerlach besucht für die taz die Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der FU Berlin, die im Besitz einer - nicht öffentlichen - Liste mit 20.000 Werken der "Entarteten Kunst" ist, die von den Nazis angefertigt wurde. Zwei Forscher arbeiten sich an ihr ab. "Das ist die Diskrepanz zwischen Vermögen und Auftrag: Eine Forschungsstelle, die das Schicksal von mehr als 20.000 Kunstwerken in detektivischer Spurensuche klären muss - anhand alter Fotos, historischer Dokumente und Archive. Mit einer Ausstattung wie bei einem Kreismuseum: zwei Planstellen für zwei Historiker."
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Europa

In der Literarischen Welt unterhält sich Marc Reichwein mit der Autorin Dacia Maraini, die zur großen Pasolini-Ausstellung nach Berlin gekommen ist, über Pasolini, der die "Vulgärkultur" eines Berlusconi vorausgesehen habe, den Feminismus und über den neuen Ministerpräsidenten Italiens Matteo Renzi: "Der große Wahlerfolg für Matteo Renzi zeigt, wie ein Land alles in Bewegung setzt, um der Stagnation zu entkommen. Niemand, auch nicht die Linke, hatte in den letzten Jahren die Courage, unser Land zu reformieren. Renzis Vorteil liegt darin, dass ihm an einer reinen Politik der Besitzstandswahrung schon aufgrund seiner Jugend wenig liegen kann. Der Nachteil, der sich aktuell zeigt: Wer zu viele Hebel auf einmal in Bewegung setzt, bringt am Ende alle Gegner gemeinsam auf den Plan. Ich weiß nicht, ob er es schafft. Mittlerweile bringt er ganz Italien gegen sich auf."
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Religion

In aller Detailliertheit schreibt Eckart Roloff in der FR über die Leiden und Gebrechen des Martin Luther, der etwa "harten Stuhlgang" mit der im christlichen Milieu berüchtigten Duldsamkeit hingenommen hatte: "Damit sucht der Herr mich heim, dass ich nicht ohne Kreuz lebe."
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Stichwörter: Martin Luther

Medien

Die "Freisetzung" von zwölf Brigitte-Redakteurinen erregt die gesamte Medienszene. Mehr noch aber, dass Michael Jürgs, ehemals Chefredakteur des Stern, in der SZ darüber geschrieben hat (jetzt online). Und zwar eigentlich das, was er immer schreibt: Verlagsmanager sind "Flanellmännchen" und trinken Champagner aus den Gehirnschalen ihrer Chefredakteure. Stefan Niggemeier hat nachgeguckt, wie oft Jürgs diesen Artikel seit 2002 schon geschrieben hat. Stefan Winterbauer mokiert sich bei Meedia. Thomas Knüwer analysiert in seinem Blog.

Paul Ingendaay berichtet für die FAZ über das in Spanien nun projektierte Leistungsschutzrecht für Presseverlage: "Wie das neue Gesetz gehandhabt wird, .. alles andere als klar. Empörung bei jüngeren Netzsurfern lösen die größeren Kontroll- und Zugriffsmöglichkeiten des Staates aus."

Marie-Astrid Langer findet die spanische "Google-Steuer" in der NZZ fatal: "Dass Google oder Yahoo die Verlage pro Textschnipsel bezahlen werden, ist illusorisch. Die Suchmaschinenbetreiber sind nicht auf sie angewiesen, kein Medium verfügt heute mehr über ein Informationsmonopol. Stattdessen werden die Suchmaschinen verstärkt auf Artikel von ausländischen Medien verweisen - und ihre eigenen Nachrichtenportale weiter ausbauen."

Weiteres: Für die taz besucht Anne Fromm die Lausitzer Rundschau, die immer wieder von Neonazis angegriffen wird.
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