9punkt - Die Debattenrundschau

Dieses fucking Datum

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.11.2014. Auch zehn Jahre danach laborieren die Niederlande noch am Trauma des Mords an Theo van Gogh, konstatiert die taz. Mashable illustriert die Wahlposse in den ukrainischen Separatistengebieten mit einer beeindruckenden Bilderstrecke. Im Blog Monday Note erklärt Frédéric Filloux, warum er nicht an ein Itunes für Zeitungsinhalte glaubt. Die SZ kritisiert die Einstellung von Mare Nostrum.

Gesellschaft

Anders als Dirk Schümer in der Welt (am Samstag, unser Resümee) erlebt Tobias Müller in der taz ein facettenreiches Gedenken an die Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh in den Niederlanden. Ein Theaterstück, ein Roman und die Doku "Ein schönes Gespräch mit Lieuwe van Gogh": "Fazit: Die Niederlande sind über das Attentat nie hinweggekommen. "Dieses fucking Datum" - so titelt die linke Wochenzeitung Vrij Nederland in ihrer aktuellen Ausgabe. Ein Zitat von Van Goghs Sohn Lieuwe aus oben genanntem Dokumentarfilm. Doch eigentlich ist es eher ein kollektiver Seufzer mit verschiedenen Dimensionen: In ihnen hallt der Schock der brutalen Ermordung nach, ebenso wie die aggressiv geführte und latent entflammbare Debatte über Meinungsfreiheit und Identität, die mit einem möglichen zweiten Prozess gegen den Rechtspopulisten Geert Wilders vor einer weiteren Klimax stehen könnte."

Den Durchbruch einer neuen viktorianischen Sexualmoral sieht Hannes Stein in der Welt an amerikanischen Universitäten, wo die "No-means-no-Regel" gerade durch die "Yes-means-Yes-Regel" ersetzt wird: "Bisher musste eine Studentin noch "Nein" sagen, damit ein sexueller Gewaltakt als solcher gilt. Nach der neuen Regel ist dies nicht mehr nötig. Vielmehr muss sie zu jedem Handgriff und jedem Kuss des Partners ausdrücklich ihre Zustimmung erteilen."
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Politik

In einem sehr informativen Hintergundstück beleuchtet Markus M. Haeflinger in der NZZ die afrikanische Ökonomie, deren Wachstum allein vom informellen Sektor bestritten wird: "In afrikanischen Ländern wächst der informelle Sektor, während die Zahl der industriellen Arbeitsplätze zurückgeht. Dass dies nach zwei Jahrzehnten eines soliden Wirtschaftswachstums von durchschnittlich 4 bis 5 Prozent pro Jahr geschieht, wirft viele Prognosen über den Haufen. Asiatische Länder industrialisierten sich während anhaltender Wachstumsperioden, in Afrika bleibt diese Entwicklung aus."

Bernard-Henri Lévy
war nach den Wahlen in Tunesien und wurde von Islamisten als "zionistischer Agent" beschimpft. Die radikale Linke hat eingestimmt. Lévy antwortet in Le Point: "Die radikale Linke hat überall dasselbe Problem. In Tunesien hat sie eine Zeitlang die Islamisten unterstützt. Dann schien ihr Gadhafi als das kleinere Übel. Und jetzt entdeckt sie ihre Gefühle für Baschar al-Assad. Von den antisemitischen Verschwörungstheorien ganz zu schweigen. Ich will kein Öl aufs Feuer gießen. Ich sage nur, dass die radikale Linke ein Problem der politischen Kultur und des Niveaus hat. Aber wie soll man es anders machen, wenn man mit leerem Kopf aus Jahrzehnten der Tyrannei und Gehirnwäsche erwacht?"

Weiteres: In der FAZ analysiert Joseph Croitoru die jüngsten Konflikte um den Tempelberg in Jerusalem. In der FR unterhält sich Inge Günther mit dem isarelischen Politikwissenschaftler Menachem Klein über die Ansprüche nationalreligiöser Juden auf den Tempelberg: "Die Glick-Anhänger berufen sich auf die Freiheit der Religionsausübung als ein Menschenrecht. Das klingt attraktiv und liberal. Aber sie verschweigen, dass sie Palästinensern nicht das gleiche Recht einräumen."
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Medien

Stefan Niggemeier fragt in einem längeren Artikel der Sonntags-FAZ nach Gründen für eine angebliche Medienverdrossenheit der Bürger und vermutet, es könnte daran liegen, dass nicht alle Medien seiner Meinung sind: "Seit einiger Zeit dringen führende deutsche Medien und Politiker gleichermaßen und teilweise gemeinsam darauf, dass Deutschland eine aktivere Rolle auch in kriegerischen Auseinandersetzungen übernehmen soll. Von vielen Kritikern werden die Journalisten dabei als Verbündete der Politik wahrgenommen, nicht als kritische und distanzierte Kontrolleure, und der Eindruck ist nicht abwegig."

Frédéric Filloux erklärt in dem Blog Monday Note, warum er nicht an Blendle glaubt, eine Art Itunes für Zeitungsinhalte, in das Springer und die New York Times investieren: "Wir sollten nicht vergessen, dass das "Itunes-Modell" nicht so glamourös ist, wie es einmal schien. Die Durchschnittseinnahmen pro Kunde gingen von 4,30 Dollar im ersten Quartal 2012 auf 1,90 Dollar im ersten Quartal 2014 zurück, ein Sturz um 56 Prozent. Der Grund: Nutzer gehen zum Flatrate-Modell des Musikstreaming über. Noch bevor es in den Medien verwirklicht wird, hat das Itunes-Modell schweren Schaden erlitten."

In der taz sorgt sich Inga Rogg um den kurdischen Fotografen Kamaran Najm, der Mitte Juni von IS-Milizen verschleppt wurde.
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Archiv: Medien

Überwachung

In ihrer Maschnenraum-Kolumne in der FAZ befasst sich Constanze Kurz heute mit Mautsystemen als Überwachungstechnologie. Im Tagesspiegel unterhält sich Christiane Peitz ausführlich mit Filmemacherin Laura Poitras über ihren Edward-Snowden-Film "Citizenfour", Regierungsversagen und Geheimdienstumtriebe.
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Europa

Wenn man von solchen freundlichen Herren im Wahllokal empfangen wird, ist man sicherlich auch geneigter, den russischen Standpunkt in der Sache nachzuvollziehen. Mashable präsentiert eine ganze Bilderstrecke zur gestrigen Wahlposse in den Separatistengebieten. (Bild: Mashable/Evgeny Feldman)

150.000 Menschen hat die italienische Marine seit Beginn der Operation Mare Nostrum aus dem Mittelmeer gerettet. Jetzt wird sie eingestellt, weil Italien dabei kaum Unterstützung erhielt und weil man den Flüchtlingen "keine Brücke" bauen will. In der SZ findet Thomas Steinfeld das kaltherzig und vor allem falsch: "Doch einmal abgesehen davon, dass man es niemandem übel nehmen kann, wenn er für sich und seine Leute nach besseren Lebensbedingungen sucht (wer täte das nicht?), geht solchen Erklärungen eine brutale Verharmlosung der Verhältnisse voraus, vor denen die Menschen fliehen."
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Internet

Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons macht Evgeny Morozov (wie übrigens der andere große Internetkritiker Jaron Lanier, den Morozov aber gar nicht leiden kann) die Digitalisierung mit verantwortlich für das Schwinden des Sozialstaats und die zunehmende Ungleichheit: "Technologische Disruption ist keineswegs technologischen Ursprungs. Sie wird befördert durch die politischen und wirtschaftlichen Krisen, die uns heimsuchen, und hat tiefgreifende Auswirkungen auf unser Leben und unsere sozialen Beziehungen."
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Kulturpolitik

Nun widmet die FAZ den NRW-Warhols gar den langen Leitartikel auf Seite 1 des politischen Teils. Andreas Platthaus beklagt die schnöde Indienstnahme der Kunst: "Die Kunst wird auf ihren Marktwert reduziert, der - die Gelegenheit ist günstig - hundert Millionen Euro betragen soll, und dem allerprofansten Nutzen zugeführt: Sie wird zur Verfügungsmasse, um Haushaltslöcher zu stopfen."