9punkt - Die Debattenrundschau

Jungs und ihre Spielzeuge

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.09.2014. Die taz versucht sich eine Zukunft vorzustellen, in der jeder eine Smartdrohne in der Tasche hat. Und sie denkt über die Reinheit von Kulturen nach. In der Welt hofft Shoshana Zuboff immer noch, dass Apple den Überwachungskapitalismus wegwischt. Der FAZ fällt auf, dass das "Recht auf Vergessen" starke Ähnlichkeit mit Zensur haben kann. Der Tagesspiegel sähe die Angst vor dem neuen Antisemitismus gern etwas tiefer gehängt, denn: Berlin ist nicht Weimar.

Ideen

Verbessern Roboter unsere Arbeitswelt oder vernichten sie, in der neuen Gestalt von Drohnen, die letzten Arbeitsplätze für Ungelernte? Dieser Frage gegen Daniel Schulz, Johannes Gernert und Stephanie F. Scholz in einer Reportage für die taz nach und zitieren u.a. den Forscher Bart Remes von der TU Delft, der keinen Zweifel daran hat, dass Drohnen nicht mehr zu stoppen sind: "Sie arbeiteten daran, dass bald jeder eine Smartdrohne bei sich trägt, erzählt er im Frühjahr in seinem Kurzvortrag auf einer Internetkonferenz in Berlin. "Man kann im Grunde jedes Problem mit Drohnen lösen", sagt Bart Remes. Einen Waldbrand löschen. Die Unterseite einer Ölplattform inspizieren. Oder: Crystal Meth über die Grenze bringen, Waffen über Gefängnissen abwerfen, mit Sprengstoff in eine Menge fliegen. Den technischen Fortschritt gibt es immer als Traum und als Albtraum."
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Internet

Im Interview mit der Welt erklärt die emeritierte Harvard-Professorin Shoshana Zuboff, welchen überwältigenden Nutzen Google, Apple und andere Internetkonzerne uns brachten. Jetzt befänden wir uns allerdings an einer Schwelle, an der sich entscheidet, ob wir den Weg in eine bessere oder nur in eine überwachtere Welt gehen: "Es gibt allein zwei unterschiedliche Formen des Informationskapitalismus, die miteinander im Krieg sind, ohne es zu wissen. Wenn Apple die welthistorische Relevanz seines Modells verstünde, dann würde es mit seiner positiven, "organischen" Kraft den Überwachungskapitalismus wegwischen. Aber nein, stattdessen ist man fixiert auf Dinge: Jungs und ihre Spielzeuge, die ewige Selbsttäuschung bei jeder technischen Innovation. Wir denken immer, es sind die Produkte, die für Innovation und Revolution stehen, aber es sind die Zusammenhänge und Strukturen, die Logik dahinter, die sich ändern."

Die FAZ hat, wie viele andere Zeitungen, das EuGH-Urteil zum "Recht auf Vergessen" ausgiebig als Niederlage Googles gefeiert. Dass die Ausübung dieses Recht oft einer Zensur gleich kommt, wurde gern übersehen. Tobias Kreutzer berichtet jetzt auf faz.net über einen solchen Fall - ein Künstler hat offenbar von Google das "vergessen" eines Artikels erzwungen, weil er nicht an sein Frühwerk erinnert werden wollte, mehr dazu im Guardian - und wieder ist Google schuld: "Auf höherer Ebene stellt sich allerdings die Frage, ob das Gerichtsurteil mit Maßnahmen wie diesen nicht überstrapaziert wird, und was sich Google bei der Bewertung der Anträge überhaupt denkt. Unreflektierte Zensur wie im Fall "Roach" führt die ursprüngliche Absicht des Gesetzes ad absurdum." Da hätten wir von der FAZ doch gern gewusst, wie reflektierte Zensur geht.

Auf ihren Wirtschaftsseiten stellt die FAZ heute Googles Chefjuristen Arnd Haller vor, der über Googles Umgang mit Löschanfragen befindet und den Kritikern, die jetzt finden, Google lösche zu schnell, entgegnet: ""Das Urteil ist sehr schwammig", sagt Haller. "Wir wollen und können die Kriterien für den Umgang mit Löschanträgen nicht allein entwickeln, sondern dazu eine gesellschaftliche Diskussion anregen.""
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Medien

Mathias Müller von Blumencrons lesenswerter Faz-Artikel über die Hinfälligkeit der Unterscheidung von Print- und Onlinejournalismus steht jetzt auch online.
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Gesellschaft

In der taz denkt der Leipziger Autor Michael Kraske über die Ursprünglichkeit und Reinheit von Kulturen nach, "ganz unverdorben von der Gleichmacherei durch McDonald"s und Starbucks", die Rechte wie Linke so schützenswert finden. Gefährlicher Unsinn, meint er: "Wenn etwa schottische Nationalisten die Unabhängigkeit anstreben, können sie sicher sein, viele Europäer auf ihrer Seite zu haben. Klein gegen groß. Selbst- gegen fremdbestimmt. Befreiungsnationalismus wird von links bis rechts als legitim angesehen. Vergessen wird häufig, dass es diesen Bewegungen oft in erster Linie nicht um demokratische Selbstbestimmung, sondern um Nationalismus geht. Von friedlicher Staatsgründung bis zum Massenmord - unter dem Banner des Befreiungsnationalismus ist alles möglich. Im zerfallenden Jugoslawien endete der kollektive Wahn einer Sehnsucht nach ethnischer und kultureller Reinheit für Tausende in Massengräbern."

Was genau ist eigenlich ein Liberaler? Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der sich selbst als ein solcher bezeichnet, versuchte den Begriff in einer Rede (abgedruckt in der NZZ) bei der diesjährigen Tagung der Nobelpreisträger in Lindau genauer zu fassen: "Liberalismus, so wie ich ihn verstehe, betrachtet die Freiheit als Grundwert. ... Die Grundlagen der Freiheit sind Privateigentum und Rechtsstaatlichkeit; dieses System garantiert für ein Minimum an Ungerechtigkeit und ein Maximum an materiellem und kulturellem Fortschritt, es baut am wirksamsten der Gewalt vor und verschafft den Menschenrechten die größte Nachachtung. Gemäß dieser Interpretation des Liberalismus ist Freiheit ein einziges und einheitliches Konzept."

Für diesen Sonntag nachmittag hat der Zentralrat der Juden in Deutschland in Berlin zu einer großen Demo aufgerufen unter dem Motto "Steh auf! Nie wieder Judenhass!". Im Tagesspiegel findet Peter von Becker das leicht übertrieben: "Hitler ist tot und kein Wiedergänger, Berlin ist nicht Weimar, das Europa der EU ist nicht das Europa von 1914 oder 1938/39, auch Putin ist kein Stalin (ein Superantisemit), die Mentalitäten, die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen sind andere. Neu ist eher die kürzlich vom Münchner Soziologen Ulrich Beck beschriebene "Globalisierung des Antisemitismus", der Juden überall für israelisches Regierungshandeln haftbar machen will."

In der taz liest Klaus Hillenbrand derweil eine kleine Auswahl der Hassmails, mit denen die israelische Botschaft in den letzten Wochen überschüttet wurde.
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Weiteres

Für Nils Minkmar (FAZ) ist Valérie Trierweilers Abrechnung mit ihrem ehemaligen Liebhaber Francois Holland "der Beleg für die Validität der Studien von Pierre Bourdieu über die Reproduktion der französischen Eliten". In der SZ stellt Felix Stephan "Big Society Capital", eine Art Zentralbank für soziale Unternehmen in London vor. Morgen, am "Tag des offenen Denkmals" in Frankfurt, kann jeder selbst die Sünden einer verfehlten Stadtplanung besichtigen, empfiehlt Dieter Bartetzko in der FAZ.
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