9punkt - Die Debattenrundschau

Auf reformistischem Wege zum Sozialismus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2014. Polnische Intellektuelle fordern in der Welt einen Boykott französischer Waren, falls Paris doch noch Kriegsschiffe an Russland verkauft. In der taz staunt der  polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej über Putins Interpretation des Hitler-Stalin-Pakts. Die NZZ schildert die komplizierten Frontverläufe im Streit um Amazon und Hachette und vermisst den Streit der Inellektuellen. Französische Medien machen sich Sorgen über die Sozialisten: sind sie etwa alle Eduard Bernsteins?

Europa

Einen Aufsehen erregenden Appell an Europa veröffentlichen polnische Intellektuelle, darunter Władysław Bartoszewski, Olga Tokarczuk, Andrzej Stasiuk, Andrzej Wajda und Dorota Masłowska, in der Gazeta Wyborcza, dem Economist und der Welt. Sie kritisieren Deutschland, das sich auf zu enge Verflechtungen mit Russland eingelassen habe, und mehr noch Frankreich, das Kriegsschiffe an Russland liefern will: "Mehrere Politiker haben bereits vorgeschlagen, Frankreich solle die Schiffe der Nato oder der EU verkaufen. Sollte Präsident Hollande seine Meinung nicht bald ändern, sollten ihn die Bürger Europas mit einem Boykott französischer Waren überzeugen. Frankreich muss das Land der europäischen Freiheit bleiben und seiner großen Tradition die Treue halten."

Außerdem: Ebenfalls in der Welt beschreibt Thomas Kielinger die Angst der Engländer vor einem Little England ohne Schottland und womöglich auch noch ohne EU.
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Religion

In der arabischen Welt regt sich angesichts der ungeheuren Brutalität der Terrorgruppe "Islamischer Staat" Selbstkritik, berichtet Martin Gehlen im Tagesspiegel. ""Was IS tut, verkörpert genau das, was wir in der Schule gelernt haben", twitterte ironisch der saudische Intellektuelle Ibrahim Al-Shaalan. "Wenn unsere Curricula gut sind, dann handelt IS richtig. Wenn das aber alles falsch ist, wer trägt dann die Verantwortung?"" Ähnlich äußern sich syrische und libanesische Intellektuelle, die Gehlen zitiert. Eine große Anzahl arabischer Bürger ist jedoch ganz anderer Auffassung, erklärt beunruhigt der saudische Politiker Jafar Alshayeb in seinem Editorial für die Zeitung Al-Sharq, den Gehlen ebenfalls zitiert: "In Saudi-Arabien gebe es "viele Bürger, die die gleiche Orientierung und die gleichen Ideen haben wie diese Leute, und die Terrorakte gegen politische Regime und soziale Gruppen gutheißen." Und so ergab eine erste informelle Umfrage in sozialen Medien, dass eine erhebliche Zahl von Bürgern der Ansicht ist, IS liege auf einer Linie mit den Werten des Islam und der Sharia."
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Ideen

Daniel Marovitz, Gründer des Start-ups Faculty of 1000, fordert in Techcrunch einen Kulturwandel im wissenschaftlichen Publizieren. Es geht nicht nur gegen die Konzerne, die diesen Bereich mit ungeheuren Margen dominieren, sondern auch um einen Kulturwandel. Zum Beispiel lehnt er die Anonymität von Peer Reviews in Fachzeitschriften ab, die zu Missbrauch führen könne: "Schon im Jahr 2000 hat der Verleger BioMed Central angefangen, die Namen aller Gutachter für ihre medizinischen Zeitschriften zu nennen, seitdem haben viele Zeitschriften diese Gutachten öffentlich gemacht. Dies regt zu einer Kultur der Transparenz und des Dialogs an, die für Wissenschaften fundamental ist."

Oh je oh je, geben die französischen Sozialisten etwa die Idee des Sozialismus auf? Eric Dupin möchte mit gemäßigten Mitteln doch noch dorthin gelangen, wo man Austern schlürft, ohne zuvor ausgebeutet zu werden, und bekämpft in Slate.fr die radikaleren Positionen in anderen Medien: "Laurent Joffrin von Libération ist so weit gegangen zu schreiben, dass "Premierminister Valls in vorigen Jahrhunderten Eduard Bernstein geheißen hätte", weil dieser ein "Revisionist" gewesen sei, so wie die "Sozialliberalen" der heutigen Tage. Damit vergisst er, dass der deutsche Parteiführer und Theoretiker, der die Option der Revolution tatsächlich aufgab, auf reformistischem Wege zum Sozialismus gelangen wollte." (Das Bild zeigt den von wackeren Linken bis heute verabscheuten Bernstein.)

Nach 1989 ist die Streitlust unter den Intellektuellen erloschen, notiert Martin Meyer in der NZZ: "Tabubrüche sind schwierig und riskant geworden. Lieber spießt man - nicht zu Unrecht - die Auswüchse des Raubtierkapitalismus empor, als dass es fällig würde, mit den Stimmen der intellektuellen Moral vergleichbar engagiert zu verdammen, was sich nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte an Obskurantismus und finsterstem Mittelalter im Zeichen fanatisierten Glaubens vor den Toren unseres Kontinents wieder manifestiert."

Das ganze Internet ist eine kapitalistische Veranstaltung, wirklich das ganze, inklusive Jeremy Rifkinds Idee des "Zugangs", findet Byung-Chul Han in der SZ: Und auch "die Ideologie der Community oder der kollaborativen Commons führt zur Totalkapitalisierung der Gemeinschaft. Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert."

Am Wochenende gabs Demos gegen zu hohe Mieten (Hamburg) und gegen Überwachung (Berlin), aber nirgends gegen Waffenlieferungen an die Kurden, konstatiert Christian Geyer in der FAZ. Die Pazifisten halten sich zurück. Nur einer revidiert seine Position: ""Ich möchte nicht, dass Menschen sterben für die Reinheit meiner Philosophie, meines Pazifismus." Dieser Satz hat wie kein zweiter Satz in den vergangenen Tagen die intellektuellen Restbestände des Pazifismus blamiert. Es ist ein Satz, glasklar im Gehalt, mutig in der Haltung. Ein Satz von Rupert Neudeck, der sich damit für die Waffenlieferungen an die Kurden ausspricht."
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Internet

Joachim Güntner erklärt in der NZZ, warum es so schwer ist, im Streit zwischen Amazon und Hachette Position zu beziehen: "Der gegenwärtige Konflikt in der Buchbranche hat keine eindeutigen Frontverläufe. Es stehen Etablierte gegen Außenseiter, Nostalgiker gegen Progressive, Kulturpessimisten gegen digitale Enthusiasten, Kleine gegen Große, teilweise auch Junge gegen Alte."
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Geschichte


Der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej erklärt im Interview mit der taz, wie der Hitler-Stalin-Pakt, mit dem sich Russen und Deutsche über den Überfall auf Polen einigten, heute interpretiert wird. So hatte Wladimir Putin 2009 den Pakt zwar verurteilt, dann aber erklärt, Stalin habe nach dem Münchner Abkommen 1938 zu Recht befürchtet, dass der Westen bei einem Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion keinen Finger rühren würde. Borodziej findet diese Erklärung immer noch bemerkenswert: "Weil Putin der machtpolitischen Logik folgte: Weil der Westen Hitler in der Tschechoslowakei-Frage nachgab, durfte Stalin mit Hitler paktieren. Rein machiavellistisch gesehen, ist das konsequent. In München 1938 wurde Stalin aus Europa herausgedrängt, mit dem Zusatzprotokoll und der Besetzung Ostpolens kehrte er nach Europa zurück. Das erinnert an Putins Rede vom 18. März 2014 über die Krim. Dort findet sich genau die gleichen Logik." (David Lows berühmte Karikatur entnehmen wir der Wikipedia.)

Im Tagesspiegel erinnert sich Egon Bahr im Interview an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren: "Ich fand ihn großartig. Denn nach zehn Tagen war Polen besiegt, dann wurden Norwegen und Dänemark blitzartig besetzt und 1940 war die Wehrmacht in der Lage, innerhalb von sechs Wochen Frankreich zu schlagen. Was das Kaiserreich nie geschafft hatte. Das empfand ich als imposant."

Für die Welt liest Hannes Stein das Buch "This Nonviolent Stuff"ll Get You Killed" (Dieser Gewaltlosigkeitsquatsch wird dich noch mal das Leben kosten) des Veteranen Charles E. Cobb Jr, der die Rolle von Waffen in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung schildert.
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