9punkt - Die Debattenrundschau

Das Blattgold, die großen Säle

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.09.2014. Mit der Politik der offenen Lüge hat Wladimir Putin vor zehn Jahren in Beslan angefangen, schreibt Sergej Lebedew in der SZ . In der Berliner Zeitung erzählt Götz Aly, wie sich der Antisemitismus im Ersten Weltkrieg breitmachte. Der Tagesspiegel wirft der ARD vor, ihre Ukraine-Berichterstattung zu manipulieren. In der französischen Huffpo fürchtet Caroline Fourest, dass Baschar Al Assad der große Profiteur des "Islamischen Staats" sein wird.

Politik

In einem etwas mäandernden Text über all die Krisen, die uns momentan bedrängen, macht Caroline Fourest in der huffpo.fr einen ganz interessanten Punkt: "Baschar al-Assad ist ohne Zweifel der große Profiteur des so plötzlich wütenden Islamischen Staats, dessen Kämpfer zum Teil aus Assads Kerkern kommen. Seit dem Beginn der Konflikte hofft dass Regime auf eine Vergiftung der Opposition durch die Dschihadisten, um sie so von jeder Unterstützung abzuschneiden. Das ist praktisch vollbracht."
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Internet

Es sind Nacktfotos von Jennifer Lawrence und anderen Stars übers Internet veröffentlicht worden. Die Geschichte könnte ziemlich peinlich für Apple sein, denn es scheint in der Icloud eine Sicherheitslücke gegeben zu haben, so dasss sich die Hacker in Lawrence" Konto einloggen konnten, berichten Lance Ulanoff und Pete Pachal in Mashable. Vielleicht dieselbe wie bei der App Find My Iphone? "Die meisten Systeme, in die man sich einloggt schützen sich gegen Brute-Force-Attacken (die immer neue Passwröter ausprobieren), in dem sie das System oder Konto nach einigen Login-Versuchen absperren. Das Iphone selbst wird Ihnen zum Beispiel für einige Minuten den Zugang verschließen, wenn Sie zu oft ein falsches Passwort ausprobieren. Aber offenbar hatte Find My Iphone keine solchen Begrenzungen. Am Montag berichtete HackApp, dass Apple diese Fehlstelle repariert hat."



Viele berichten darüber, so auch Ilpost.it: Bei Flickr sind 2,6 Millionen Bilder aus der Public Domain online gestellt worden, nachdem sie per Software aus Büchern, die sie illustrierten, freigestellt worden sind. Zum Beispiel diese Illustration aus "Alice in Wonderland"
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Geschichte

Die britische Historikerin Cathrine Merridale erklärt im Interview mit dem Tagesspiegel, warum der Kreml - über den sie gerade ein Buch verfasst hat - immer auch die Veränderungen des russischen Staates verkörpert. Das gilt auch für das Russland unter Putin, der seine ganz eigenen Machttechniken hat: "Gewiss kann man sehen, dass er keine scheue und bescheidene Persönlichkeit ist. Die Art, wie er vom Kreml Besitz ergriffen hat, ist sehr staatsmännisch. Er hat einen ausgeprägten Sinn für die Theatralik des Ortes, das Blattgold, die großen Säle. Auch besitzt er einen tiefen Sinn für die Geschichte und ließ eine Menge historischer Statuen und Porträts aufstellen, um die Figuren hervorzuheben, mit denen er identifiziert werden möchte. Aber er ist ein gewandter Politiker. Was immer er tut, geschieht aus unmittelbaren Motiven und nicht, weil die Geschichte ihm dies sagt."

In seiner fünften Kolumne zum Ersten Weltkrieg erzählt Götz Aly in der Berliner Zeitung, wie sich der Antisemitismus unter den Soldaten breitmachte. Dies hatte zur Folge, dass die Oberste Heeresleitung am 1. November 1916 eine statistische Erhebung veranlasste, die sogenannte Judenzählung in der Armee: "Den Hintergrund bildete der Antisemitismus in der Truppe. Der Soldat Jakob Wassermann empfand das boshafte, zugleich verdruckste Auftreten der einfachen Soldaten "auffallender und weitaus quälender" als den unverblümten Antisemitismus der Offiziere. Leo Löwenthal, später als Soziologe berühmt, berichtete vom Eisenbahn-Regiment in Hanau: "Da habe ich den dumpfen, antiintellektuellen Antisemitismus der Arbeiter- und Bauernsöhne am eigenen Leib erfahren.""

Außerdem: die taz bringt einen Vorabdruck aus Uwe Radas neuer Kulturgeschichte der Adria.
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Medien

Die ARD hat in ihrer Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt veraltetes und falsches Filmmaterial verwendet, berichtet Matthias Meisner im Tagesspiegel unter Bezug auf ein prorussisches Blog. "Tatsächlich hatte WDR 5, wie es am Wochenende auf der Internetseite Propagandaschau hieß, "die unbewiesene Behauptung, russische Truppen und Panzer würden in der Ostukraine kämpfen, mit einem martialischen Foto untermalt". Es zeigte eine Panzerkolonne in einer wüstenartigen Landschaft. Im Bildtext dazu hieß es: "Russische Kampfpanzer fahren am 19.08.2014 noch unter Beobachtung von Medienvertretern in der Ukraine." Betitelt war der WDR-Artikel mit der Zeile: "Russland auf dem Vormarsch?" Tatsächlich stammte das Bild offenbar aus dem Jahre 2009 und zeigte das russische Manöver "Kaukasus 2009". In diesem Kontext jedenfalls wurde es vor fünf Jahren auf der Internetseite des Fernsehsenders n-tv verwendet."
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Religion

Harald Strohm, der über die indische Götterwelt und die Religionen Altirans forscht, spricht im Interview mit Arno Widmann (FR/Berliner Zeitung) über sein neues Buch "Die Geburt des Monotheismus im alten Iran", den Zarathustrismus, den iranischen Gott Ahura Mazda und seinen altindischen Doppelgänger Asura Varuna und den Unterschied zwischen Monotheismus und Polytheismus: Die alten Religionen, so Strohm waren keine Erlösungs-, sondern Schöpfungsreligionen. Ihre Götter "waren Repräsentanten frühkindlicher Seelenschichten. Indra zum Beispiel, der "größte" der damaligen Götter, stand für ein etwa einjähriges Kind. Entsprechend wurde er für seine dicken Backen und für sein fettes Bäuchlein gepriesen; desgleichen für seine glänzenden Zähne, für seine ersten Schritte und Dreiradfahrten, ja für sein Krabbeln und Aus-Pfützen-Trinken ... Die Heilsstrategie dieser Religionen war, diese im Unbewussten versunkene Welt der frühen Kindheit zu würdigen, täglich heiter auf sie anzuspielen und sie damit zu stabilisieren und lebendig zu halten; ganz ähnlich wie es moderne psychotherapeutische Schulen tun."
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Europa

Alles begann in Beslan vor ziemlich genau zehn Jahren, schreibt der Autor Sergej Lebedew in der SZ. Terroristen hatten tausend Schüler als Geiseln genommen und wollten mit der Regierung verhandeln, die nicht einmal zum Schein darauf einging. Statt dessen begann die Politik der offenen Lüge: "Die Terroristen stellten keine Forderungen, behauptete das Staatsfernsehen... Die Mütter schrien in die Fernsehkameras: "Gebt ihnen in allem nach, rettet unsere Kinder!" Und auf den Bildschirmen der staatlichen Fernsehsender erschien die zweite nach unten korrigierte Zahl der Geiseln: 354. Tatsächlich waren es 1128." Am Ende gab es über 300 Tote.

Ebenfalls in der SZ bringt Gustav Seibt ein gewisses Verständnis für die "Russland-Versteher" auf, verlangt allerdings auch ein Verständnis etwa für polnische Ängste, die sich in dem gestern lancierten Appell polnischer Intellektueller artikulierten.
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