9punkt - Die Debattenrundschau

Der Umgang mit dem Abstieg

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.08.2014. Auf Slate.com hält Anne Applebaum mittlerweile einen Krieg mit Neurussland durchaus für möglich. In der NZZ beschreibt Serhij Zhadan, wie die Ukrainer dem zu entkommen versuchen. Netzpolitik.org beleuchtet den mageren Ertrag der BND-Überwachung. In der Berliner Zeitung springt Annett Gröschner von der Berliner Geister-S-Bahn. Die taz lauscht David Harveys Kapital-Vorlesungen auf YouTube. Und in Open Culture erklärt Meister Naomichi Yasuda, wie man korrekt Sushi ist.

Europa

Der Schriftsteller Serhij Zhadan vermittelt in der NZZ einen sehr anschaulichen Eindruck in den Alltag der Ukrainer, die den Sommer über mit patriotischen Symbolen, Spenden für Flüchtlingen und russischen Filmen dem Krieg zu entkommen hofften: "Erstaunlicherweise lösen selbst die tagtäglichen Berichte über das Eindringen von russischen Panzerkolonnen auf ukrainisches Territorium und die Gefangennahme russischer Armeeangehöriger keinen Schock und keine Angst mehr aus. Das Land findet sich langsam damit ab, dass es in einen richtigen Krieg gezwungen worden ist. Und das friedliche Leben im Hinterland ist nur eine vorübergehende Zuflucht vor dem, was sich im Osten abspielt."

Auf Slate erinnert die Historikerin Anne Applebaum an die idyllischen Bilder aus dem Polen des Sommers 1939, und weil sie heute lieber hysterisch als naiv erscheinen will, warnt sie, dass Moskau seine Fantasien von Neurussland durchaus ernst meinen könnte: "In the past few days, Russian troops bearing the flag of a previously unknown country, Novorossiya, have marched across the border of southeastern Ukraine. The Russian Academy of Sciences recently announced it will publish a history of Novorossiya this autumn, presumably tracing its origins back to Catherine the Great. Various maps of Novorossiya are said to be circulating in Moscow. Some include Kharkov and Dnipropetrovsk, cities that are still hundreds of miles away from the fighting."

In der Welt wirft Inga Pylypchuk einen Blick auf Russlands zunehmende Abgrenzung von allem Westlichen: "Die Verbote, die sich früher auf den Bereich des abstrakt Politischen bezogen, erreichten plötzlich den Alltag."
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Politik

Die Berliner Zeitung sammelt bei Berlins Schriftstellern und Verlegern Wünsche beziehungsweise Forderungen an Klaus Wowereits Nachfolger. Die Schriftstellerin Annett Gröschner etwa meint: "Die Berliner Politik ist im Moment am ehesten mit dieser Geister-S-Bahn zu vergleichen, die in dem Tunnel zwischen der Stadt und dem sagenhaften "Flughafen" BER leer hin und herfährt, damit die Wände nicht verschimmeln. Wenn jetzt der Fahrer nicht mehr mitmacht, fällt das kaum ins Gewicht."

Christian Bommarius meint in der Berliner Zeitung, die Niederlage Sebastian Edathys vor dem Bundesverfassungsgericht sei bei einem klügeren Vorgehen vor den zuständigen vermeidbar gewesen. In der SZ hätte sich Wolfgang Janisch dagegen von den Karlsruher Richtern einige Maßstäbe für Ermittlungen gegen Kinderpornografie gewünscht: "Beim Thema Kinderpornografie genügt schon der Schatten eines Verdachts, um Existenzen zu vernichten. Wer in diesen Ruch gerät, erleidet den sozialen und beruflichen Tod, da hilft keine Unschuldsvermutung und vielleicht nicht einmal ein rechtskräftiger, aber später Freispruch."

Auf Rue89 empört sich Pierre Haski über das brutale Verbot des unabhängigen Filmfestival in Peking: "Das zeigt die Verkrampfung seit der Machtübernahme durch Xi Jinping. Der Druck auf die intellektuellen Milieus erhöht sich, das unabhängige Kino ist eines der Opfer."
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Medien

David Pfeifer und Ralf Wiegand untersuchen in der SZ die Führungskrise bei Focus, Stern und Spiegel und erkennen vor allen bei beiden letzteren auf Panik angesichts abnehmenden Geldes und Bedeutung : "Den Umgang mit dem Abstieg aber haben die Häuser in Hamburg nicht gelernt. Er bringt sie in Verlegenheit. Das ist das Schlimmste: Dass es im Spiegel Intrigen gibt, der Ton mal rauer ist, mal einer über die Klinge springt, das gehört zum Mythos; das sieht man dem Spiegel nach wie einer großen Partei. Unverzeihlich aber ist, wenn sich das stolze Haus der Lächerlichkeit preisgibt."

Michael Hanfeld wundert sich in der FAZ, dass ZDF.neo die Plattenbau-Sitcom "Blockbustaz" tatsächlich noch als Ergebnis eines Zuschauer-Rankings verkauft.
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Gesellschaft

(via open culture) Hier erklärt Meister Naomichi Yasuda in sechs Minuten, wie man korrekt Sushi isst: Nie den Reis in die Sojasauce tunken, sondern immer den Fisch. Und nie die Sojasauce vom Sushi abschütteln!



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Ideen

Robert Misik empfiehlt in der taz die "Kapital"-Vorlesungen des Geografen und Ökonomien David Harvey, der als marxistischer Theroetiker definitiv zu den Krisengewinnlern zählt und vor allem Kapitalismus und Stadt zusammendenkt: "Beinahe jede Finanzkrise ist auch eine Immobilienkrise. Die Krise und die Städte sind untrennbar miteinander verbunden, zumal in einer Zeit, in der mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Zentren lebt."


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Überwachung

Auf Netzpolitik.org berichtet Andre Meister, dass auch der BND immer mehr Telekommunikation flächendeckend überwacht. Bitter ist allerdings das Verhältnis von Aufwand und Nutzen:


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Weiteres

Im Tagesspiegel erklärt der Politikwissenschaftler Jens Hacke, warum der Niedergang der FDP nur wenig mit einer Krise des Liberalismus zu tun hat. In der Frankfurter Airport-City wird man prima arbeiten können, meint Lea Beiermann in der FAZ, allerdings nicht leben.
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Stichwörter: Liberalismus, Fdp