9punkt - Die Debattenrundschau

Gradmesser für Relevanz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.06.2014. Funkzellenabfragen und damit die Datenspeicherung unverdächtiger Handybesitzer ist bei der Polizei inzwischen Usus, berichtet Zeit online. Die FAZ warnt vor Gesundheits-Apps, die uns überwachen. In der Berliner Zeitung plädiert Jürgen Habermas für den guten alten Journalismus. In der FR beschreibt Olivier Roy den Irak als gescheiterten Staat.

Ideen

In einem Interview mit Markus Schwering spricht Jürgen Habermas in der Berliner Zeitung zu seinem 85. Geburtstag über Zeitgenossenschaft, die Historisierung der eigenen Generation ("als würde einem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen") und das Internet als dritte große Medienrevolution: "Mit dem letzten Schub hat auch eine Aktivierung stattgefunden - aus Lesern werden Autoren. Aber die Errungenschaften einer politischen Öffentlichkeit folgen daraus nicht automatisch. Im 19. Jahrhundert sind mithilfe des Zeitungsdrucks und der Massenpresse in großflächigen Nationalstaaten Öffentlichkeiten entstanden, in denen die Aufmerksamkeit einer unübersehbar großen Zahl von Personen zur gleichen Zeit auf dieselben Themen gelenkt worden ist. Das sind die zentrifugalen Bewegungen, die wir nun auch im Web beobachten. Das Netz bringt diese Leistungen aber nicht aus sich selbst hervor, im Gegenteil: Es zerstreut." Für die Konzentration brauche man nach wie vor die "Kompetenzen des guten alten Journalismus".
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Politik

In der FR interviewt Michael Hesse den französischen Islam-Experten Olivier Roy, der den Irak auf direktem Weg sieht, ein gescheiterter Staat zu werden. Ein Kalifat wird er aber auch nicht: "Mittelfristig werden die Dschihadisten im Nordirak nicht in der Lage sein, ein islamisch geprägtes Territorium zu errichten. Es wird zu Zusammenstößen zwischen ihnen und der sunnitischen lokalen Bevölkerung kommen. Wenn es einen islamischen Staat im Nordirak geben würde, würde er nicht funktionieren. Es gibt nur Dschihad und Scharia, sie kümmern sich nicht um die Belange der lokalen Bevölkerung. Das funktioniert nicht. Früher oder später würde es zu Aufständen der Bevölkerung kommen, genauso wie in Bosnien oder Tschetschenien oder in Afghanistan. Aber allein der Versuch, ihn zu errichten, würde dem globalen Dschihadismus als Treibstoff dienen."

Weitere Artikel: Berthold Seewald stellt in der Welt ein Buch des Islamwissenschaftlers Heinz Halm vor über "Kalifen und Assassinen", wobei letztere Seewald fatal an die Gegenwart heutige an Rollen der Gegenwart" erinnern: "Die Opferbereitschaft islamistischer Selbstmordattentäter ist ohne die mittelalterlichen Märtyrer-Helden Hasan und Sinan kaum zu erklären." In der SZ ist sich der kroatische Philosoph Srećko Horvat allen anderslautenden Wahlergebnissen zum Trotz sicher: "Die europäische Linke ist zurück!" Und David Hesse erlebt am Washingtoner Cato-Institut freudig mit, wie sich der einstige Star-Intellektuelle Francis Fukuyama 25 Jahre nach dem Ende der Geschichte windet: ""Wir haben ein paar echte Probleme im Moment", sagt Fukuyama. Falsch gelegen aber sei er 1989 trotzdem nicht. Im Bereich der Ideen gebe es "nichts zu streiten mehr"."
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Gesellschaft

In der Welt kritisiert Henryk M. Broder die Friedensbewegung, die sich gerade in einem Interview Margot Käßmanns mit der Bild am Sonntag manifestiert hat. Dort hatte Käßmann gesagt: "Einen gerechten Krieg kann es nicht geben. Selbst beim Zweiten Weltkrieg war es so, dass am Ende bei allen die Vernunft aussetzte." Damit, so Broder, rechtfertigt sie "zwar nicht die Politik der Nazis, aber sie delegitimiert den Einsatz der Alliierten gegen das Dritte Reich. Die eine Seite, so die Botschaft zwischen den Zeilen, war nicht besser als die andere, irgendwie waren alle des Wahnsinns fette Beute."

Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons stellt Nils Minkmar Stefan Austs und Dirk Laabs" neues Buch über die NSU-Mordserie vor.
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Überwachung

Die Funkzellenabfrage der Polizei - also die Abfrage, welche Handynummern zu einem bestimmten Zeitraum über einen bestimmten Funkmast aktiv waren - ist inzwischen Routine, berichtet Karsten Polke-Majewski bei Zeit online. In NRW waren es 2013 4.145 Abfragen. Das ist aus zwei Gründen problematisch: Erstens werden bei jeder Abfrage auch immer die Daten von Hunderten oder sogar Tausenden unverdächtigen Handybesitzern registriert und gespeichert: "Kritiker betrachten das Verfahren daher als schweren Eingriff in die Privatsphäre. Vor allem weil Fälle bekannt wurden, in denen auf diese Art abgefischte Daten in ganz anderen Verfahren verwendet wurden, als Beifang sozusagen. Datenschützer kritisieren außerdem, dass die Daten hinterher oft nicht gelöscht werden, obwohl das vorgeschrieben ist." Und ob diese Funkzellenabfragen bei der Ermittlung wirklich weiterhelfen, weiß auch niemand, die Landesregierung NRW konnte eine entsprechende Anfrage jedenfalls nicht beantworten.
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Internet

(via Netzpolitik) In Le Monde berichtet Hélène Bekmezian, dass Frankreichs Nationalversammlung eine Enquete-Kommission zur Digitalisierung gegründet hat. Sie soll einen roten Faden in die Gesetzgebung zum Recht auf Vergessen, Datenschutz, digitaler Ökonomie und Cyberkriminalität bringen. Ihr werden unter anderem auch Edwy Plenel, früher Chef von Le Monde und heute von Mediapart, und Philippe Aigrain, Mitbegründer des Aktivisten-Blogs La Quadrature du net angehören.

Die FAZ widmet eine ganze Seite dem Thema Digitalisierung und Gesundheit. Christopher Lauer von den Piraten nimmt die Health App von Apple auseinander, die alle Körperfunktionen speichert und damit natürlich auch, wer welche Krankheiten hat. Das werden nicht nur die spüren, die krank sind und plötzlich für bestimmte Dinge mehr bezahlen müssen, sondern auch diejenigen, die sich gar nicht erst vermessen lassen. Denn das "werden die sein, die etwas zu verbergen haben: Sie sind verdächtig."

Thad Starner, Chefentwickler von Google Glass, erklärt im Interview mit der FAZ, dass er ein "Fundamentalist" in Sachen Privatsphäre sei: "Mir geht es aber nicht darum, die technischen Möglichkeiten des Endgeräts zu beschränken, sondern um einen gesellschaftlichen Verhaltenskodex, sich ethisch korrekt zu verhalten. Und das bedeutet für mich, Geräte möglichst so zu entwickeln, dass sie ein solches Verhalten begünstigen."

Putin soll Hunderte von Trollen beschäftigen, die hauptamtlich in Kommentaren die öffentliche Meinung beeinflussen sollen - überall in der westlichen Welt. Julian Hans berichtet für die SZ aus Moskau über die russischen PR-Spezialisten der "Agentur zur Analyse des Internets": "Die Firma mit Sitz in Sankt Petersburg beschäftigte zuletzt bis zu 600 Mitarbeiter. Ihre Hauptaufgabe: Meinungen im Internet im Sinne des Kreml zu manipulieren. Etwa eine Million Dollar ließ sie sich das zuletzt kosten, pro Monat. Das belegen interne Dokumente und E-Mails leitender Mitarbeiter der Agentur, die eine Gruppe anonymer Informanten im Internet zugänglich gemacht hat."

Lesen und Schreiben verändern sich im Internet, meint Malte Lehming im Tagesspiegel und versucht tapfer, nicht kulturkritisch zu klingen: "Das Ringen mit der Sprache, das Stellen der Schrift, wird zunehmend ergänzt, manchmal ersetzt durch das Ringen mit Aufmerksamkeitsdefiziten, Ignoranz, dem allzu raschen Versinken im Wörterbrei. Die Zahl der Facebook-Likes und Twitter-Follower wird zum zusätzlichen Gradmesser für Relevanz. Wer schreibt, bleibt. Wer schreit und schreibt, bleibt länger."
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Geschichte

Anlässlich einer Ausstellung im National Constitution Center in Philadelphia beleuchtet Ronald D.Gerste in der NZZ eine bisher eher verdrängte Seite Thomas Jeffersons: jene des Sklavenhalters. "In der Nailery von Mr. Jefferson arbeiteten überwiegend, wie der Hausherr schrieb, "Jungen, die sonst unbeschäftigt wären". Manche waren 12, andere erst 10 Jahre alt. In ähnlichem Alter waren jene, die im Herrenhaus durch enge Gänge krochen und den Gästen über versteckte Aufzüge das Dinner und den edlen französischen Wein zukommen ließen. Monticello war für rund ein halbes Jahrhundert ein Ziel für Politiker, Philosophen, Unternehmer und Neugierige, die von Jeffersons Intellekt in Bann geschlagen wurden."
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Medien

Nach der Schließung des dysfunktionalen Staatssenders ERT ist in Griechenland im Mai Nerit auf Sendung gegangen, berichtet in der taz Ferry Batzoglou - als chaotischer Regierungssender: "Nur 24 Stunden nach der Senderpremiere, wurde der mit reichlich Vorschusslorbeeren bedachte Nerit-Vorstandschef Georgios Prokopakis vom Aufsichtsrat geschasst... Gegenwärtig strahlt Nerit nur ein Fernsehprogramm aus, dazu zwei Radioprogramme und zwei Internetauftritte. Kein Wunder: Seit März sollten 356 Mitarbeiter, darunter 132 Journalisten, eingestellt werden - das ist bisher nicht passiert. Mittlerweile ermittelt sogar die Athener Staatsanwaltschaft wegen der dubiosen Personalpolitik."

Weitere Artikel: Rainer Stadler berichtet in der NZZ über ein Weißbuch des Verlegerverbands zur Lage Schweizer Medien. Das Altpapier gibt noch mal einen Überblick über alle Schirrmacher-Nachrufe. FAZ-Bloggerin und künftige Krautreporterin Hanna Hünniger freut sich, dass es mit den Krautreportern trotz manchen Unkenrufens der mehr oder weniger gönnerhaften Kollegenschaft doch geklappt hat.
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