9punkt - Die Debattenrundschau

Mauerblümchen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.06.2014. In der FR erklärt Kurt Westergaard, warum er als Karikaturist nicht den Pausenclown fürs Publikum spielen will. Chelsea Manning erklärt in der New York Times, warum eingebetteter Journalismus kein Journalismus ist. Die taz gruselt sich in Transnistrien. Youtube will künftig Musikvideos von Künstlern sperren, die keinen Vertrag mit seinem neuen Abodienst haben, meldet Ars Technica. Der russische Regisseur Oleg Senzow wurde wegen seiner Unterstützung der Maidan-Bewegung vom russischen Geheimdienst verhaftet, berichtet die Welt.

Politik



Bernhard Clasen berichtet in der taz von einer Reise ins gruselige Transnistrien, das als abtrünnige Moldau-Republik künstlich von Russland am Leben erhalten wird, als quasi-sowjetischer Hort des Waffenschmuggels. "Neben Lenin-Denkmälern vor Fabriken, städtischen Gebäuden und in Alleen begegnen Besuchern Transnistriens auf Schritt und Tritt Tankstellen, Fabriken und Geschäfte, die alle den selben Namen tragen: "Sheriff". Der 1993 von Viktor Guschan und Ilja Kasmaly gegründete gleichnamige Konzern besitzt Zementwerke, metallurgische Fabriken, Bäckereien, alle Tankstellen, den Mobilfunkbetreiber Interdnestrcom. Den Firmengründern gehört auch der international renommierte Fußballverein FC Sheriff Tiraspol. Als Betreiber des Kasinos der transnistrischen Hauptstadt hält Sheriff zudem das Monopol über das Glücksspiel in der Region. Nach wie vor besteht ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Unternehmen und der politischen Elite." (Das Foto ist von Marco Fieber/Ostblog.org, der eine sehenswerte Serie zu Transnistrien unter CC-Lizenz bei Flickr veröfffentlicht hat.)

Zu historischem Unsinn erklärt Tim Neshitov in der SZ die Behauptungen, der Irak sei ein kolonialistisches Gebilde und bildete eine historische Einheit mit Syrien: "Westliche Strategen mit primärem Interesse an Sachen wie Öl, Häfen und Bahnlinien tragen gewiss ihre Verantwortung für die irakische Tragödie. Aber Irak in seinen heutigen Grenzen, mit all seinen ethnischen und konfessionellen Trennlinien, gab es längst vor dem Ersten Weltkrieg. Es existierte zwar kein Staat namens Irak, aber es gab einen Irak als zivilisatorische Einheit, und die hieß in den osmanischen, mamelukischen, russischen und, ja, auch in europäischen Quellen genauso: Irak."
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Medien

Die FR druckt ein Gespräch zwischen Klaus Staeck, Til Mette und dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard, der zu Besuch in der Berliner Akademie der Künste war. Westergaard erklärt noch einmal, warum er seine Mohammed-Zeichnung als genuine Karikaturisten-Arbeit versteht: "Welche Art Beruf ist es denn, den ich und andere Karikaturisten ausüben? Sind wir Pausenclowns, die den Leser bei der Wanderung über die endlosen Wortsteppen der Zeitungsspalten erquicken und vielleicht amüsieren? Oder sind wir feinfühlige Seismographen, die die Schwingungen zukünftiger politischer Erdbeben erfassen - mitsamt den daraus resultierenden Katastrophen? Zeichnen wir satirische Straßenbomben, jedoch nicht um zu sabotieren, sondern um zu warnen und die Politik wieder auf Kurs zu bringen?"

In der New York Times erklärt Chelsea Manning, die gerade 35 Jahre Haft absitzt, weil sie diplomatische Depeschen an Wikileaks weitergegeben hat, warum die Presse - und damit die Öffentlichkeit - nach wie vor wenig über den Krieg im Irak oder anderswo weiß. Es liegt am System des eingebetteten Journalismus, ein Status, der jederzeit und ohne Begründung entzogen werden kann: "Unsurprisingly, reporters who have established relationships with the military are more likely to be granted access. Less well known is that journalists whom military contractors rate as likely to produce "favorable" coverage, based on their past reporting, also get preference. This outsourced "favorability" rating assigned to each applicant is used to screen out those judged likely to produce critical coverage."

Leicht mokant, mit wohltuender Distanz und doch bewundernd denkt Hansjörg Müller in der Basler Zeitung nochmal über unser aller Frank Schirrmacher nach: "Am Ende seines Lebens hatte Schirrmacher, der Vielbeneidete, scheinbar keine Feinde mehr, jedenfalls keine, die sich in der Öffentlichkeit entsprechend geäußert hätten. Politiker von links bis rechts lobten ihn einhellig, ja es schien so, als sei er dem deutschen Bildungsbürgertum zu einer Art Hausfreund geworden, von dem man sich wohlig schaudernd den Teufel an die Wand malen ließ."

Jens Jessen, ein Ex aus der ersten Schirrmacher-Brigade, würdigt den Verstorbenen im Aufmacher des Zeit-Feuilletons als König des Erregungsjournalismus, dem sich niemand habe entziehen können: "Im Streit- und Debattenrausch, den Schirrmacher organisiertze, nüchtern zu bleiben hieß, sich zu einem Dasein als Mauerblümchen zu verurteilen." Silke Burmester staunt in ihrer taz-Kolumne, wie schnell Frank Schirrmacher aus der Herausgeber-Riege im Kopf der FAZ gestrichen wurde. Etwas aus der Art schlägt Michael Angeles Nachruf auf Schirrmacher, den er im Freitag als Brief an einen gewissen A. präsentiert. "Wir alle wären gerne wie er gewesen. Meint: wir Männer. Er war ein Männer-Mann. Ein Mann, der sich in Gesellschaft anderer Männer wohl und bedeutsam fühlt. Das nennt man homosozial (was fast das Gegenteil von homosexuell ist). Das ganze Feuilleton war homosozial."

Weiteres: Deutschlandradio Kultur plant eine unter Mitarbeitern heftig umstrittene Programmreform, berichtet Nike Laurenz in der FR: "An die Stelle der Sendung "Radiofeuilleton" treten von kommendem Samstag an thematische Schwerpunkt-Sendungen."
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Überwachung

Auf Netzpolitik beschreibt Kilian Vieth wie die britische Regierung die anlasslose Massenüberwachung ihrer Bürger rechtfertigt: Sie definiert einfach alle Kommunikation auf sozialen Netzwerken, alle Emails und alle Suchanfragen bei Google als "externe" Kommunikation: "Sobald sich eine webbasierte "Plattform" in den USA befindet gilt sie demnach als externe Kommunikation, selbst wenn sie ausschließlich zwischen britischen Bürgern abläuft. Mit anderen Worten: Alle Internetkommunikation ist erstmal als Auslandskommunikation definiert. Das wird auch beim Bundesnachrichtendienst vermutet. Das Kalkül dahinter ist so klar wie dreist, denn "interne Kommunikation" darf unter britischem Recht nur mit richterlicher Genehmigung überwacht werden. Und die muss sich auf eine konkrete Person oder Adresse beziehen, außerdem muss ein Verdacht auf illegale Aktivitäten der Zielperson vorliegen. Für externe Kommunikation gelten diese Einschränkungen nicht, sie kann in Großbritannien anlasslos und ohne Anfangsverdacht abgefangen werden." Mehr dazu bei Zeit online.

Weitere Artikel: Terrorismusbekämpfung ist ohne Überwachung nicht möglich, meint Ernst-Wilhelm Händler in der Zeit, daher müsse Privatsphäre neu definiert werden.
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Europa

In der Welt macht Hanns-Georg Rodek auf den russischen Regisseur und Unterstützer des ukrainischen Maidan Oleg Senzow aufmerksam, der wegen irrwitzigen Vorwürfen - er sei Teil einer rechtsextremistischen Terrorgruppe - vom russischen Geheimdienst FSB festgenommen, misshandelt und seit Mitte Mai im Untersuchungsgefängnis Lefortowo gefangen gehalten wird. "Nach der Verhaftung sei ihm auf der Krim von FSB-Leuten eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt worden, bis er das Bewusstsein verloren habe; er sei mit Vergewaltigung und Tötung bedroht worden. Die Vernehmer hätten Aufnahmen von Blutergüssen auf Rücken, Po und anderen Teilen seines Körpers angefertigt. Senzow und Koltschenko bestreiten wohl alle Vorwürfe." Inzwischen forderte eine ganze Zahl europäischer Regisseure - darunter Pedro Almodóvar, Ken Loach und Wim Wenders - Putin auf, "für Senzows Sicherheit zu sorgen".
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Ideen

"Wir lesen in Deutschland Habermas zu deutsch", schreibt Arno Widmann in der FR zu Jürgen Habermas" 85. Geburtstag: "Wir konzentrieren uns zu sehr darauf, warum er diese Übersetzungsarbeit auf sich nahm. Wir verbinden das mit dem Versuch freizukommen, von der NS-Vergangenheit und von der Tradition, die sie hervorbrachte. Nichts davon ist falsch. Aber: Habermas" Bücher liegen in vierzig Sprachen vor. Ich habe in Peking Menschen getroffen, die mit leuchtenden Augen mit Habermas"schen Begriffen jonglierten. Jeder begreift sofort, warum Worte wie "Strukturwandel der Öffentlichkeit", "herrschaftsfreier Diskurs", "kommunikatives Handeln", "Kolonialisierung der Lebenswelt" und nun gar "Neue Unübersichtlichkeit" Chinesen dabei helfen können, sich ihre Erfahrungen verständlich zu machen."

In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube: "Es gibt keinen großen Streit in der Bundesrepublik, an dem er nicht beteiligt war, wenn er ihn nicht sogar auslöste. Oft folgten sie dem Muster: "Ich bin zwar kein Historiker, Jurist, Finanzökonom - aber...". Das kommt dem berechtigten Zweifel entgegen, dass wir uns auf Experten verlassen können. Kein Philosoph hat mehr strategisches Geschick in Debatten diesseits der Expertise als Habermas, wenngleich die Zustimmung aller, die ohnehin nie erreicht wird, auch darum nie erreicht wird."

In der Jüdischen Allgemeinen erkennt Micha Brumlik in Habermas auch einen denker in jüdischer Tradition. Und Christoph Möllers schreibt in der SZ: "Mit dem "zwanglosen Zwang des besseren Arguments", der sprichwörtlich gewordenen Zauberformel seiner Theorie, lässt sein Erfolg sich nicht erklären. Habermas ist eine physische Präsenz."
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Internet

Youtube will künftig Musikvideos von Künstlern sperren, die keinen Vertrag mit dem demnächst startenden Abonnementdienst Youtubes abschließen, berichtet Ars Technica, die sich wiederum auf die Financial Times beruft. "The videos set to get the boot include those from independent record labels and artists including Adele and Arctic Monkeys. The new subscription service for videos will charge a monthly fee but will let users watch videos on YouTube without ads. FT noted that the service will also allow users to watch videos "even when not connected to the Internet" on any device, suggesting some sort of pinning or downloading infrastructure to go with the platform." Mehr dazu beim Guardian.

Alexandra Borchardt berichtet in der SZ von einer Studie des Instituts für Internet und Gesellschaft, derzufolge sich politische Partizipation im Internet nicht auf reinen Clicktivismus begrenzt. Aber klar: "Der Studie zufolge partizipieren überwiegend jüngere Befragte und Akademiker, Männer häufiger als Frauen."
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Stichwörter: Adele, Financial Times, Youtube

Gesellschaft

In der FAZ lässt sich Christian Geyer von dem Mediziner Reinhard Pietrowsky über die "Inflation psychiatrischer Fehldiagnosen" aufklären. In der Zeit berichtet Thomas Assheuer von einer Leipziger Diskussion zwischen Jürgen Habermas und dem Kulturanthropologen Michael Tomasello. Ursula März blickt missmutig von ihrem Sofa in Parzelle 469 auf die übrigen Fußballgucker im Köpenicker Fußballstadion des 1. FC Union. Und Buzzfeed zählt 54 Gründe auf, warum das deutsche WM-Team das heißeste dieser ganzen WM ist. Grund Nr. 16 (Bild): "They have all of his statuesque German babeness glowing like a plump pretzel fresh from the oven, warm and soft."
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