9punkt - Die Debattenrundschau

Panikmache pensionierter Oberlehrer

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.06.2014. Die Welt stimmt mit Pep Guardiola für die katalanische Autonomie. Im Tagesspiegel macht Benjamin Korn die Refeudalisierung der französischen Gesellschaft für den Erfolg des Front national verantwortlich. Universale Menschenrechte sind rassistisch, erklärt Putins Hofintellektueller Alexander Dugin der FAZ. Deutsche Innenminister möchten unsere Mobiltelefone steuern können - aus reiner Sorge, meldet Udo Vetter.

Europa

Der deutsch-französische Theatermann Benjamin Korn sieht den Front National als eine Folge der Schweren Krise, in der Frankreich steckt, wie er im Tagesspiegel schreibt: "In Frankreich beobachte ich einen eigentümlichen Zerfall des sozialen Gewebes, eine Art Erschöpfung der Bevölkerung, der die Politiker seit Jahren außer hohlen Reden über vergangene Größe nicht einen einzigen konkreten Zukunftsplan anbieten. Nichts wird gegen die Versteinerung der Gesellschaft unternommen, in der die Jugendarbeitslosigkeit explodiert und alle Zugänge zu sozialen Positionen von Seilschaften versperrt sind, so dass man sogar im Dorf Beziehungen haben muss, um Putzfrau im Rathaus zu werden. Man müsste vor allem die Refeudalisierung der Gesellschaft aufhalten, damit Einkommensunterschiede, die die Mittelklassen wegfressen, das Volk nicht weiter in zwei antagonistische Teile zerfallen lassen."

In der FAZ berichtet Kerstin Holm über ihre Begegnung mit Putins nationalbolschewistischem Hofintellektuellen Alexander Dugin. Kurzfristig verschlägt es ihr die Sprache, und dem Leser geht es nicht anders: "Faschistisch und totalitär sei in Wirklichkeit der westliche Liberalismus, belehrt er mich zur Begrüßung, offenbar zornig, dass die meisten Europäer das nicht begreifen. Die Todsünde des Westens sei, dass er die eigenen Werte, Demokratie und Menschenrechte, Individualismus und Marktwirtschaft, für universal halte und anderen aufdränge, erklärt der blasse Denker mit dem Patriarchenbart. Das sei rassistisch. Ich komme nicht mit. Etwas dreht sich mir im Kopf. Dugin hilft mir: Menschliche Rassen seien kulturelle Kategorien. Annahmen, wonach genetische Faktoren sie bestimmten, seien widerlegt. So wird die Menschenrechtsdeklaration rassenspezifisch."
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Politik

In der Welt findet der Autor Michael Ebmeyer das Manifest "Katalanen wollen wählen", das auch von Pep Guardiola mitverbreitet wird, nicht sonderlich gelungen, hat ansonsten aber Verständnis für den katalanischen Nationalismus: "Alle Kompromissbemühungen aus Barcelona werden abgeschmettert. Zugleich verfängt die Propaganda, den Katalanen gehe es bei ihrem Protest bloß darum, sich als "Zahlmeister Spaniens" in Krisenzeiten aus der Verantwortung zu stehlen, bestens bei den ausländischen Korrespondenten. Da diese fast alle in Madrid sitzen und wenig Interesse an anderen Perspektiven als der spanisch-zentralistischen zeigen, hat das katalanische Anliegen international schlechte Karten."
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Internet

Nach einigen eher akademisch klingenden Erwägungen zu Prometheus, die Rüdiger Safranski zur Eröffnung der Zürcher Festspiele zu hören gab (abgedruckt im Tages-Anzeiger), kommt er auch aufs Internet zu sprechen und wird richtig aufrührerisch: "Doch auch hier ist nicht nur die Technik das Problem, sondern die Eigentumsformen, in denen sie sich entwickelt, denn das Internet ist kein neutraler technisch hergestellter öffentlicher Raum mehr, sondern es ist von Monopolen dominiert, die den Raum der Kommunikation bereitstellen und als Privatunternehmen sich die Privatheiten der anderen aneigenen und zu Geld machen."

In der SZ beklagt Tobias Kniebe, dass sich Google beim Shopping für die Platzierung der Suchergebnisse bezahlen lässt: "Wer mit seinem Produkt und seinem Preis bei Google ganz oben oder gut platziert am rechten Rand stehen will, muss seit Langem eine Textanzeige bezahlen. Bezahlen muss seit Neuestem aber auch, wer - womöglich sogar prominent und mit Bild - in der Mitte bei den Ergebnissen von Google Shopping auftauchen will. Dieses Geschäft ist Google wichtig."

Nachdem Joseph von Westphalen in seiner Flaneurskolumne bei der AZ auf die Website eines 18-jährigen Mädchens stieß, die sich intensiv mit antiken Mythen befasst, glaubt er einmal mehr ans Gute im Internet: "Das Gerede von Bildungsnotstand ist möglicherweise nur Panikmache pensionierter Oberlehrer. Ich jedenfalls werde mich nie mehr über die auf ihren Smartphones herumwischenden Schüler lustig machen."
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Medien

Misstrauisch blickt Axel Brüggemann im Freitag auf die große "Public-Private-Press-Partnership" die sich derzeit bei den Rechercheteams von Zeit und ZDF einerseits, Süddeutsche, WDR und NDR andererseits offenbart: "Klar, man kann schon fragen, ob hier nicht einige Zeitungen indirekte Subventionen durch TV-Gebühren bekommen und warum die Sender nicht mehr Geld in Recherche-Teams fließen lassen statt in Sendungen wie "Volle Kanne". Aber man könnte sich auch einfach locker machen und sagen: Wenn guter, investigativer Journalismus anders nicht zu haben ist - warum nicht? Dann allerdings müsste irgendwann mal ein deutscher Wikileaks-Skandal herausspringen oder Aufklärung über den Ursprung der Hoeneß-Millionen. So aber ist die neue Rechercheallianz von ZDF und Zeit bislang lediglich ein anderer Name für medienübergreifende PR."

(via turi2) Deutsche Medienpolitiker überlegen laut einem Bericht in horizont.net derzeit, ob man Google vorschreiben kann, bestimmte politische Inhalte in einer bestimmten Weise in den Suchergebnissen anzuzeigen. Befürworterin einer solchen Regelung ist u.a. Jacqueline Kraege, Chefin der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz und - wichtiger noch - Koordinatorin der Rundfunkpolitik der Bundesländer: "In Kreisen der Medienanstalten hört man außerdem die Einschätzung, das Ansinnen der Länder und auch mancher ARD-Offizieller, Googles Trefferlisten zu regulieren, entspringe eher Wunschdenken als Realitätssinn. Passende Suchworte und Entscheidungsprozeduren über gewünschte Ergebnisreihenfolgen (Los- oder Rotationsverfahren? Quoten?) - all dies müsste geregelt werden. "Die haben sich da ein bisschen verrannt", sagt ein Insider. Plattformregulierung an sich müsse aber sein", meint Thomas Fuchs, Direktor der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein.

Die Süddeutsche will abendzeitung.de übernehmen (aber nicht den Print), meldet turi2 mit Bezug auf das Handelsblatt. Grund ist, dass man weiter die Onlinezahlen von sueddeutsche.de vorteilhaft gestalten möchte: "Schon jetzt sind die beiden Zeitungen im Web verbunden: Sie weisen seit 2011 ihre Reichweite gemeinsam aus und kommen so auf insgesamt 8,16 Mio Unique User - davon kommen immerhin 3,16 Mio von abendzeitung.de. Fallen diese Online-Leser weg, rutscht sueddeutsche.de im Ranking der Nachrichtenportale hinter Zeit Online und stern.de auf Platz 7."

Stefan Niggemeier staunt über das einträchtige Schweigen in den Medien: "Christian Wulff musste aufgrund einer Falschmeldung der Bild-Zeitung als Bundespräsident zurücktreten. Es ist erstaunlich, wie wenig das bekannt ist und wie wenig das die Leute zu stören scheint."

In der taz berichtet Rudolf Balmer, dass Laurent Joffrin als Chefredakteur zur Libération zurückkehrt, zudem wird es eine Kapitalspritze von 18 Millionen Euro vom Kabelunternehmer Patrick Drahi geben. Leichtes Aufatmen in der Redaktion: "Noch immer gibt es diese Idee von Ledoux, aus Libération eine Art Multimediazentrum mit einem Restaurant auf der Dachterrasse zu machen, ohne dass sichtbar wird, welchen Platz in diesem Konzept die gedruckte Zeitung noch hätte. Noch ist auch nicht klar, wie viele Kolleginnen und Kollegen im Zuge der Sanierung das Unternehmen "freiwillig" verlassen sollen. Dennoch bestätigen die meisten, dass die Situation nicht mehr so dramatisch aussieht wie noch vor ein paar Wochen."

Außerdem: Der Guardian untersucht in einem langen Artikel, wie die Presse in Europa auf die digitale Revolution reagiert. Die Situation in Deutschland haben sie allerdings gründlich falsch verstanden: Die Behauptung, deutsche "Qualitätszeitungen" würden ihren Inhalt kostenlos abgeben, trifft ja nun gerade nicht zu. In der FAZ gibt es weitere Stimmen zum Tod Frank Schirrmachers - von Salomon Korn, Reinhold Beckmann, Juli Zeh und Morten Freidel.
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Geschichte

Joachim Güntner hat für die NZZ noch einmal einen Blick auf den SS-Verein Lebensborn geworfen, vor dessen angeblichen "Kopulationsheime" sich zuletzt noch einmal Sibylle Lewitscharoff gegruselt hatte. Güntner hält den Ball flacher und stellt klar: "Die Heime des Lebensborns waren vorzüglich ausgestattete Entbindungsanstalten, erstens für SS-Paare, sodann aber auch für andere "arische" und "erbgesunde" Mütter, die Gründe hatten, ihr Kind anonym und fern der Heimat zur Welt zu bringen."

In der FAZ erzählt Margarethe von Hase, Ehefrau eines Offiziers, der nach dem Attentat des 20. Juli hingerichtet worden war, wie danach die Angehörigen der beteiligten Offiziere verhaftet und schikaniert wurden.
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Überwachung

Im lawblog meldet Udo Vetter, dass deutsche Innenminister hochbesorgt sind über die Folgen, die ein Handyklau für die Opfer hat. Sie denken deshalb über eine "staatlich angeordnete Fernsperrung des Geräts" nach. Vetter wittert ganz andere Motive als vorgetragen: "Nach meinem Empfinden geht es hier um was anderes. Nämlich um den Aufbau eines Datenbestandes, der jedes Mobiltelefon zu jeder Zeit sekundenschnell persönlich zuordnungsfähig, auffindbar, steuerbar und (ja, auch) sperrbar macht. Das ist in dieser Form heute noch nicht möglich, wäre aber wie so manches andere ein feuchter Traum vieler Ermittler."

Spiegel online hat am Wochenende in zwei Artikeln Neues über die Spionageaktivitiäten der NSA in Deutschland und die Kooperation deutscher Behörden berichtet. Danach soll der BND die NSA aktiv bei der Ausspionierung deutscher Bürger unterstützt haben. Und die so gewonnenen Informationen sollen "für die Festnahme oder Tötung von mehr als 40 Terroristen verantwortlich" gewesen sein. Das soll jetzt Folgen im NSA-Untersuchungsausschuss haben, berichtet Annett Meiritz bei Spon: "Durch die neuen Details rückt nun die Rolle der deutschen Dienste in den Fokus des Gremiums. Der Chef des NSA-Ausschusses, Patrick Sensburg (CDU), kündigte am Montag an, die BND-Enthüllungen rasch prüfen zu wollen. "Ich halte es für sinnvoll, keine Zeit zu verlieren und nach der Sommerpause als erstes die Rolle unserer Dienste zu beleuchten. Informationen darüber sind erheblich schneller und einfacher zu bekommen als Dokumente aus dem Ausland", sagte Sensburg Spiegel online."
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