9punkt - Die Debattenrundschau

Der Frühling verfrostet

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.04.2014. In der FAZ bekennt Mathias Döpfner seine Angst vor Google. Nicht ohne Argumente - aber wollen wir uns die Demokratie wirklich von Kim Jong Un erklären lassen, fragt Netzwertig dazu. Die EU hatte keinen Feind - nun hat sie einen, meint Jean-Dominique Giuliani in La Règle du Jeu. In Le Monde äußert Boualem Sansal starke Zweifel an der realen Existenz Algeriens. In der NZZ rechnet Hector Abád mit Hugo Chavez ab.

Europa

Angesichts des russischen Interventionismus plädiert Jean-Dominique Giuliani in BHLs Blog La Règle du Jeu für eine gemeinsame Außen- und Bündnispolitik der EU. Denn: "Europa hatte keinen Feind. Nun hat es einen. Nicht das russische Volk, sondern jenes Regime, das davor zurückschreckt, ihm seine Freiheiten zu gewähren und das die alten Strippen des Nationalismus zieht."

Im Blog der London Review of Books versammelt Hugh Barnes Einschätzungen russischer Beobachter aus den inneren Politzirkeln: "Eine einflussreiche Figur der Jelzin-Gruppe erklärte mir, dass Putin die Krise in der Ukraine dazu nutzt, die Eliten zu säubern und die Unterstützung für ihn in der ländlichen Bevölkerung zu sichern. Es sei kein Zufall, dass die russischen Behörden in den vergangenen Wochen verstärkt gegen liberale und Internet-Medien vorgegangen sind. Ein früherer Geheimdienstoffizier sagte mir, dass einflussreiche Mitglieder des inneren Präsidentenzirkels, Sergej Iwanow, Nikolai Patruschew und Igor Setschin die Konfrontation mit den USA und Europa als etwas Positives betrachten, als Gelegenheit, sich endlich China zuwenden zu können."

In der SZ erklärt der Ökonom Sergej Gurijew, dass Europas Sanktionen sehr wohl die russische Wirtschaft treffen (die Aktienkurse sind um 19 Prozent eingebrochen) und auch die Eliten: "Öffentlich lacht die russische Elite über solche Forderungen. ... Diese Reaktion ist verständlich. Seit zwei Jahren führt Russland eine Kampagne zur 'Renationalisierung der Eliten'; die Regierung verlangt von hohen Beamten, ihre Vermögen zurück ins Land zu holen. Nun können sie schlecht zugeben, dass sich ein Teil davon nach wie vor im Ausland befindet."

Gleich zwei Gespräche bringt die FAZ mit türkischen Autoren. Murathan Mungan spricht über die Folgen der Gezipark-Proteste. Und die Autorin Elif Shafak prangert im Gespräch mit Hülya Özkan die weibliche Kollaboration bei der Perpetuierung des Patriarchats an: "Ich glaube ganz fest daran, dass die türkischen Mütter bei der Vermittlung von Männlichkeit eine immens wichtige Rolle spielen. Sie sind es, die ihre Söhne privilegierter als ihre Töchter erziehen, sie wie Sultane oder Paschas behandeln. Damit das Patriarchat endet, muss sich auch das Verhalten dieser Frauen ändern."

Der ungarische Autor Peter Zilahy vergleicht in der Welt den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán mit dem Kapitän einer Fußballmannschaft, der machtpolitisch leider nicht ganz ungeschickt agiert hat: "Orbán und seine Partei haben mittlerweile ein Netzwerk und eine wirtschaftliche Macht aufgebaut, die sich nicht mehr erschüttern lässt. Vier Jahre lang hat Fidesz das Land ohne Opposition regiert. Stattdessen übernahm die EU die Rolle der Opposition und stellte einige der neuen Gesetze in Frage, die dann wieder zurückgezogen wurden."
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Gesellschaft

Die finnische Post öffnet sich schwulen Bilderwelten und gestaltet eine Briefmarkenserie nach Tom-of-Finland-Gemälden, meldet das Briefmarkenblog von Le Monde. Die französische Post erfreut die Philatelisten währenddessen mit einer Serie über die "Kuhrassen unserer Regionen".

Gegen künftige Hungersnöte hilft nur eines, meint Lisa Palmer in Slate.fr: Die Stärkung von Frauenrechten. Sie bezieht sich auf das Buch "One Billion Hangry" von Gordon Conway: "43 Prozent alle Bauern sind Frauen. Da sie Mütter, Erzieherinnen und Innovatorinnen sind, wird die Verhinderung von Diskriminierung und Ausbeutung dieser Frauen Hungersnöte in großem Maßstab verhindern."

Außerdem: Slavoj Zizek warnt im Aufmacher des Zeit-Feuilletons vor der liberalen Demokratie in Europa, die mit ihrer Spar- und Abschottungspolitik den Rechtspopulisten in die Hände spiele. Und George Steiner, in einem wildgemusterten grau-weißen Pullover, spricht im Interview über Leben, Tod, Gott und das große Schweigen: "Die Tiere schweigen. Das ist die totale Verständigung. Mein Hund wird wissen, wie das Interview war, er riecht bei mir das Vibrato des Seins, ich kann's nicht anders erklären."
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Internet

In der FAZ bekennt Springer-Chef Mathias Döpfner seine Angst vor Google. Er schildert die Abhängigkeit der Zeitungswebsites von Googles Algoritmen und Werbeplätzen und nennt als einen weiteren Hauptgrund: "Mit vierzehn Milliarden Jahresgewinn macht Google etwa zwanzigmal so viel Profit wie Axel Springer." Unerhört! Als Miterfinder des Leistungsschutzrechts setzt Döpfner seine Hoffnungen jetzt in die Bevölkerung: "Solange es nur um die Enteignung von Inhalten (die Suchmaschinen und Aggregatoren nutzen, aber nicht bezahlen wollen) ging, haben sich nur wenige dafür interessiert. Aber das ändert sich, wenn das Gleiche mit den persönlichen Daten der Menschen geschieht." Am Ende ruft er die Europäische Wettbewerbskommission auf, den Markt in seinem Sinne zu regulieren.

Martin Weigert antwortet in Netzwertig bereits auf Döpfners Text. Er kann manche Argumentation nachvollziehen, benennt aber auch den einen oder anderen problematischen Punkt: "Einer der Vorkämpfer für das Leistungsschutzrecht, einem netzfeindlichen Gesetz, das niemandem etwas bringt, das Unsicherheit schafft und Innovation verhindert, erklärt den Menschen, wie sie zu einem intakten Internet kommen. Das ist, wie wenn Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un darüber plaudern würde, wie man eine erfolgreiche Demokratie aufbaut."
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Archiv: Internet

Politik

Le Monde hat den Schriftsteller Boualem Sansal um einen Artikel zu den Präsidentschaftswahlen in Algerien gebeten, und der beginnt so: "Man fragt mich nach meiner Meinung über die algerische Gesellschaft im Lichte der Präsidentschaftswahlen und darüber, was man von jüngsten Demonstrationen im Lande halten sollte. Die Antwort ist einfach: Es gibt keine algerische Gesellschaft, kein Land, keine Präsidentschaftswahl, und schließlich auch keine Demonstrationen. Algerien ist eine lebende Fiktion. Alles ist hier virtuell."

Auch Joseph Hanimann berichtet in der SZ von der Bitterkeit, mit der Algeriens Schriftsteller vor den Wahlen die Lage im Land betrachten. Schriftsteller Yasmina Khadra spricht von einem kalten Frieden: "Jedes Mal, wenn er in sein Land komme, erfasse ihn eine Depression, sagt er. Was andere Länder gerade im 'arabischen Frühling' ausprobierten, habe Algerien schon beim Aufstand von 1988 getan, doch sei der Frühling verfrostet und dem ewigen Winter eines Regimes gewichen, das kein anderes Ziel mehr vor Augen habe als sein eigenes Überleben."

In der Zeit spricht Ronald Düker mit Yasmina Khadra. Rue89 bringt eine schöne Reportage der Comic-Zeichnerin Hélène Aldeguer über Algier.

Hugo Chavez hat Venezuela nicht gerechter und solidarischer gemacht, sondern zu einem uniformierten Land, in dem Gewalt und Hass regieren, schreibt der kolumbianische Schriftsteller Hector Abád in einem sehr lesenswerten Text in der NZZ: "Vor allem protestieren die Universitätsstudenten, die in ihrem Leben fast von Anfang an nur das gegenwärtige politische System kennengelernt haben, von dessen Regierung sie als Faschisten und vom Imperialismus bezahlte Terroristen bezeichnet werden. Seither hat es Dutzende Tote gegeben... Die Proteste richten sich vor allem gegen zwei Dinge: die Unsicherheit im Land und das Fehlen von Grundversorgungsmitteln, beides überall vorzufindende Tatsachen: Die Rate von 79 Morden pro 100 000 Einwohner ist die höchste Amerikas und doppelt so hoch wie die Kolumbiens, wo es schon seit langem schwere bewaffnete Auseinandersetzungen gibt. Zurzeit werden nur in Syrien täglich mehr Menschen ermordet."

Im Blog der New York Review of Books berichtet Daniel Wilkinson sehr ausführlich über die dikatorischen Reaktionen der venezolanischen Regierung auf die Studentenproteste.
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Überwachung

Svenja Bednarczyk wirft für die taz einen Blick auf die gruselige Voyeuristen-Plattform Opentopia, wo man sich Videos nicht geschützter Überwachungskameras ansehen kann: "Um das Heim oder auch nur die Garageneinfahrt immer im Blick zu haben, verbinden ihre Besitzer die Kameras mit dem Internet. Doch nicht alle - wissentlich oder nicht - sichern diesen Stream durch ein Passwort. Währenddessen surfen die Google-Roboter das Internet ab. Die Kamerastreams lassen die Roboter dabei nicht aus. So können Tausende offene Cams mit den richtigen Stichworten gefunden werden. Ein Großteil der Kameras zeigen Straßenzüge oder Landschaften, ähnlich dem Ausblick einer Wetterstation. Doch mit etwas Glück findet man ebenfalls Einblicke in Büros und Privatwohnungen."
Archiv: Überwachung

Weiteres

In der FAZ unterhält sich Andreas Kilb mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die sich weiterhin für eine Verlegung der Alten Meister auf die Museumsinsel einsetzt.

Silke Burmester will in der taz nicht glauben, dass Bravo jetzt die Fragen an Dr. Sommer nicht mehr von der entlassenen Sozialpädagogin beantworten lassen will, sondern von den Volontären und Praktikanten: "Fragt sich, wann man bei Bravo darauf kommt, auch die gezeigten Stars durch Abbildungen der Redaktion, des Hausmeisters und der Putzkolonne zu ersetzen."

Archiv: Weiteres