9punkt - Die Debattenrundschau

Stille über dem Maidan

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.01.2014. "Meine Damen und Herren, so ist es leider: Die Menschen dort kämpfen für uns", ruft Andrzej Stasiuk in einem Text über die Ukraine in der Welt. In der Zeit online meint der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann: Das beste Mittel gegen das Internet ist die Vorratsdatenspeicherung. Obama installiert schon mal einen neuen NSA-Chef, meldet Zeit online. Le Monde fragt: Was tun gegen das Embourgeoisement von Paris? Und Britannien diskutiert über Niall Ferguson, der meint, dass sich das Land aus dem Ersten Weltkrieg hätte heraushalten sollen.

Europa

In einem großartigen Text beschwört Andrzej Stasiuk in der Welt die Einsamkeit der Ukraine. 2004, als die Revolution in orange tobte, hätten sich Europa und Polen noch solidarisiert: "Heute dagegen, da es wirklich gefährlich ist, da ein echter und nicht nur ein karnevalesker Kampf stattfindet, da Blut fließt und Menschen gefoltert werden, legt sich Stille über den Maidan von Kiew. Sogar mein Land, pro-ukrainisch und allzeit bereit, sich an fremden Aufständen und Revolutionen zu beteiligen - es wartet ab, es schaut zu, es beobachtet. Als hätten diese paar Jahre in der EU und im Schengenraum uns Kalkül und Vorsicht gelehrt." Aber: "Meine Damen und Herren, so ist es leider: Die Menschen dort kämpfen für uns."

In der taz schildert Bernhard Clasen, wie Journalisten in der Ukraine systematisch behindert und angegriffen werden.
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Gesellschaft

Paris ist zu einer Bonbonschachtel geworden, die an alle, die haben - Touristen und bessere Schichten der Hauptstadt - ihre Süßigkeiten verteilt und den Rest der Bevölkerung in die Banlieue verbannt. Das Hauptthema des Kampfs um das Pariser Bürgermeisteramt muss also die Verhinderung eines weiteren "Embourgeoisement" der Haupstadt sein, meint Le Monde und verweist auf Anne Clervals Buch "Paris sans le peuple" (La Découverte, 2013). Auf einer ganzen Seite diskutieren in Le Monde überdies die Autoren Eric Hazan und Philippe Meyer, der folgende Sachlage schildert: "Gewiss, Paris ist nicht die einzige europäische Metropole, die eine Gentrification erlebt, aber Paris ist sehr speziell, eine Stadt von hundert Quadratkilometern mit 20.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. Wenn man die Gentrification in London oder Berlin beklagt, dann spricht man über Städte, deren Bevölkerungsdichte (4.800 in London, 3.800 in Berlin) den Wandel weniger gewaltsam und rapide macht. Überdies haben London oder Berlin nicht alle anderen Städte ihrer Länder an den Rand gedrängt."

So schön sah die Kältewelle über Kanada und den USA in einer meteorologischen Animation aus, die man bei slate.fr bewundern darf:


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Medien

Immerhin, Martin Blumenau vom ORF im leider so fernen Wien, weiß auch den neuen Perlentaucher zu schätzen: "Als wäre er eine Wirtschafts- oder Medien-Site, deren halb-oder vierteltägliche Newsletter ich brauche um nicht völlig hintendran zu sein, besucht er mich dreimal täglich. Und schafft es mich nicht zu überfordern oder zu nerven." Nebenbei lobt Blumenau auch die Qulität des deutschen Feuilletons: "Dort findet ja immerhin tatsächlicher Diskurs statt, im Gegensatz zum zwischen Schläfrigkeit und hysterischer Erregung pendelnden hiesigen Pendant." Wir erklären in einem neuen "In eigener Sache" nochmal, warum der Perlentaucher neu ist, und antworten auf Kritiken. Diskutieren Sie mit!

In der taz informiert Dorothea Hahn über den Trend unter amerikanischen Printjournalisten, ins Internet abzuwandern, weil dort schlicht mehr gezahlt wird.
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Stichwörter: Dorothea Hahn, Newsletter, Wien

Überwachung

Die NSA bekommt einen neuen Chef, meldet Zeit online: "Präsident Barack Obama nominierte den Marine-Vizeadmiral und ausgebildeten Kryptologen Michael Rogers zum Nachfolger von Amtsinhaber Keith Alexander, der Mitte März in den Ruhestand geht." Eine Richtungsänderung des Geheimdienstes verspricht sich Zeit online von dieser Personalie allerdings nicht.

Der Berliner Senator für Justiz und Verbraucherschutz Thomas Heilmann (CDU) zeichnet in einem Gastbeitrag auf Zeit online ein düsteres Bild des Internets als Schauplatz von Überwachung, Wirtschaftsspionage und Identitätsdiebstahl. Umso wichtiger ist in seinen Augen die Vorratsdatenspeicherung: "Wenn wir als Staat den Schutz unserer Bürger vor digitalen Angriffen nicht aufgeben wollen, dann müssen wir im Internet ermitteln können. Erste Voraussetzung dafür ist, dass wir Kommunikationswege nachvollziehen können. Wenn wir digitale Spuren einer Straftat finden, aber stets nur eine IP-Anschrift kennen, die wir keiner Person zuordnen können, beugen wir uns der totalen Anonymisierung des Netzes. Damit werden Straftaten im Netz grundsätzlich nicht verfolgbar."

Die taz greift inzwischen in die Revolutionsmottenkiste. Unter der Überschrift "Waffen für Ed Snowden" ruft sie dazu auf, sich für den Kampf gegen die Überwachungsmächte zu wappnen: "Wir fordern Euch auf, der nordamerikanischen Intervention entgegenzutreten und den weltweiten Widerstand nicht waffenlos seiner Vernichtung zu überlassen! Seit Bestehen der Zeitung haben wir versucht, ausführlich, kritisch und doch parteilich über die politischen Auseinandersetzungen zu berichten. Das war auch der Versuch, das Schweigen und die Lügen der bundesrepublikanischen Medien zu durchbrechen. Wer Günther Jauch vor Edward Snowden sendet, mordet die Menschenwürde."

Über die Smartphone-App kann Facebook die SMS seiner Nutzer einsehen, meldet Lea Kosch in der Huffington Post, sowohl die Technik als auch die AGB lassen das zu. Gebrauch werde davon nach eigenen Angaben bislang jedoch nicht gemacht: "Facebook wolle lediglich testen, wie gut SMS mit der App kommunizieren könnten. Viele Kommunikations-Apps nutzten schließlich diese Erlaubnis."

Außerdem ist das Interview mit dem Internetpionier John Perry Barlow in der Zeit, auf das wir gestern hinwiesen, heute online zu lesen.
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Kulturpolitik

In einem Blog der NYT berichtet Alison Smale über die Rede, die Ronald S. Lauders, des Präsidenten des World Jewish Congress, gestern in Berlin gehalten hat. Er fordert, dass die Bundesregierung eine Kommission gründet, die die Rückgabe geraubter Kunstwerke aktiv betreibt - und er bezieht sich besonders auf Werke, die "immer noch in deutschen Museen oder sogar Regierungsbüros hängen". Die FAZ hat die Rede heute abgedruckt.

Politik

In der FAZ fordert der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Yusuf III. Yunan im Gespräch mit dem Dichter Fouad EL-Auwad eine klare Trennung von Religion und Staat im künftigen Syrien: "Vielleicht verstehen unsere muslimischen Brüder das Wort Säkularismus anders und setzen es mit Atheismus gleich. Wir Christen hingegen begreifen das säkulare System als bürgerliche Rechtsordnung und folgen so der 1948 von den UN verabschiedeten Charta der Menschenrechte."
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Geschichte

Der Guardian zitiert aus einemm (leider nicht online stehenden) Gespräch, dass das BBC History Magazine mit Niall Ferguson geführt hat, der findet, dass sich "Britannien aus dem Ersten Weltkrieg hätte heraushalten und Deutschland den Sieg überlassen sollen". Und weiter sagt Ferguson laut einem Resümee bei der BBC: "Ich verspüre Trauer darüber, dass zehn Millionen Menschen (und mehr nach manchen Schätzungen) vorzeitig und gewaltsam sterben mussten, weil die europäischen Staatsmänner für ziemlich geringe Einsätze Krieg spielten." Auch die FAZ berichtet heute.
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