9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.02.2014. Selbst bei einem Sieg hätte die syrische Opposition nach all den Toten nur Grund zu weinen, schreibt Khaled Khalifa in der taz. Google meldet Patente an, mit denen es sich demnächst der Polizei andienen könnte, berichtet das FAZ.Net. Der Guardian zeigt jetzt im Video, wie der britische Geheimdienst Festplatten mit Snowden-Leaks zerstören ließ. Auf Lampedusa treffen sich heute Menschenrechtsgruppen, um die europäische Flüchtlingspolitik anzuprangern, meldet Micromega.

Politik

Die meisten Freunde des syrischen Autors Khaled Khalifa haben das vom Krieg zerrissene Land verlassen. Die, die geblieben sind, haben sich verändert, schreibt er (via faust kultur) in der taz: "Nichts gleicht mehr unserer Vergangenheit oder gar den ersten Tagen der Revolution. Die hitzigen Diskussionen der ersten Zeit sind verstummt, das Reden ist sinnlos geworden und das Überleben nimmt einen großen Raum im Denken aller ein. Alle warten auf jenen Augenblick, auf das Ende des Regimes, auf eine politische Lösung, die zu einem neuen Syrien führt, aber auch die Art, dies zu feiern, wird sich sehr verändert haben. Wir werden uns nicht mehr auf öffentlichen Plätzen versammeln und aus voller Kehle nach jener Freiheit schreien, für die die Syrer teuer bezahlt haben. Wir werden uns stattdessen einschließen und in Schluchzen ausbrechen, weil wir nicht glauben können, dass der Krieg vorbei ist."

Im Tagesspiegel erinnert sich Marc Röhlig an seine Zeit in Syrien, wo er vor dem Krieg lebte und Arabisch lernte.
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Stichwörter: Faust, Khaled Khalifa, Syrien

Europa

Die NZZ hat einen Text des ukrainischen Schriftstellers Mykola Rjabtschuk übernommen, auf dessen englische Version wir schon in der Magazinrundschau verwiesen hatten. Rjabtschuk meint, es sei wohl richtig, dass die Ukraine noch nicht in die EU aufgenommen wurde, betrachtet man ihre korrupte und gewalttätige politische Elite: "Leider aber, und das muss man sich bewusstmachen, befinden sich die Mitglieder dieser Elite 'schon in Europa' - mit ihren Villen, ihrem gestohlenen Geld und den Diplomatenpässen, weshalb alle übrigen Ukrainer in ihren Augen kein visafreies Reiseregime brauchen."

Dutzende Menschenrechtsgruppen treffen sich an diesem Wochenende auf Lampedusa, um über die europäische Flüchtlingspolitiik zu sprechen, schreibt Riccardo Bottazzo in Micromega: "Es ist Januar, und so viele Menschen sind gekommen, junge und weniger junge, Männer und Frauen. Sie haben beschlossen, hier zu tagen, denn trotz der Katastrophe vom 3. Oktober investiert Europa weiterhin Milliarden in seine Politik der Abgrenzung. Im Hintergrund eine regelrechte Geografie des Todes, realisiert mit unser aller Geldern, die in den letzten zwanzig Jahren mindestens 20.000 Opfer gefordert hat."
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Gesellschaft

Titiou Lecoq hat die Nase voll. In Slate.fr will sie endlich laut aussprechen dürfen, dass die Gender Studies tatsächlich eine Revolution waren und dass sie tatsächlich den sozialen Aspekt an der Geschlechtlichkeit hervorheben. Sie zitiert eine "connasse" (ins Deutsche nicht übersetzbares machistisches Schimpfwort), die im Fernsehen sagte, dass doch heute schon kein Schulmädchen daran gehindert werde, mit Autos zu spielen: "Ja, aber ich würde nicht darauf wetten, dass ein Junge, der mit Puppen spielt, mit dem gleichen Wohlwollen betrachtet wird. Die Mädchen haben gewonnen und dürfen Hosen anziehen, aber Jungs haben nicht das Recht, Röcke anzuziehen. Und das soll nicht ideologisch sein?"

In der taz schreibt Peter Unfried über einen Streit in Baden-Württemberg um einen Entwurf der SPD, wonach Schüler ab 2015 fächerübergreifend "die Akzeptanz sexueller Vielfalt" lernen sollen. Dagegen gibt es großen Widerstand, den man ernst nehmen sollte, findet Unfried: "Der Entwurf selbst ist nun eher harmlos und gibt - wie so oft - den Empörungskern überhaupt nicht her, die angebliche Umerziehung von Kindern. Die steckt als Projektion in den Köpfen der Besorgten. Aber die andere Frage stellt sich eben auch: Ob die Gegenempörung aus dem grün-linken Milieu nicht auch überzogen ist, nach der wir es mit unverbesserlichen Homophoben aus dem Hinterwald zu tun haben, die einfach nicht einsehen, dass wir es besser wissen. Selbst wenn die in dieser Hinsicht progressiven Milieus richtig liegen: es nützt nichts. Die Diskussion in Baden-Württemberg muss erst noch geführt werden. Gerade von den regierenden Grünen. Eine Politik des Gehörtwerdens darf sich nicht nur auf das beziehen, was einem in dem Kram passt."

Joseph von Westphalen flaniert für seine Kolumne in der Abendzeitung durch die Basare von Istanbul und wird jedes Mal, wenn er nur halbwegs interessiert blickt, von den Händlern angesprochen. Dabei lernt er auch etwas über Deutschland: "Das Problem von Parallelgesellschaften gibt es nicht. Als deutscher Tourist gehört man automatisch vollintegriert zur türkischen Großfamilie. Gesteht man, aus München zu kommen, kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Natürlich wegen dem FC Bayern, dessen Siege neidlos gepriesen werden."

In der NZZ, im Aufmacher von Literatur und Kunst, erzählt Franziska Nyffenegger eine kleine Kulturgeschichte der Schweizer Reiseandenken.
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Überwachung

Google meldet ein ganz besonders entzückendes Handytool zum Patent an, berichtet Ursula Scheer im FAZ.net: "Es soll, so heißt es im US-Patentantrag 20140025755, geeignet sein 'herauszufinden, dass wahrscheinlich ein Ereignis von Interesse stattgefunden hat'. Eine öffentliche Versammlung etwa, ein Popkonzert oder auch ein Unfall. Wann immer Menschen in großer Zahl zusammenkommen, soll das Programm Meldung an Dritte geben. Potenzielle Empfänger? Strafverfolgungsbehörden."

Außerdem stellt Niklas Maak im Aufmacher des FAZ-Feuilletons die dringende Frage: "Wem gehören die Daten, die das Auto erhebt?" Experten, so Maak, fordern bereits No-Spy-Zertifikate für Neuwagen und die Aufnahme von No-Spy-Regeln in das Wiener Weltabkommen über den Straßenverkehr.

Der Guardian präsentiert neues Videomaterial, das zeigt, wie britische Sicherheitsleute die berühmten Computer-Festplatten mit Snowden-Leaks zerstörten: per Bohrmaschine und Flex:


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Internet

Ken Doctor wirft bei Niemanlab.org einen erstaunten Blick auf all die Online-Medien-Neugründungen in den USA, darunter First Look Media von Pierre Omidyar, und zählt kurz mal zusammen. Etwa tausend gut dotierte Jobs sind hier in den letzten Wochen für Journalisten und Medienberufe geschaffen worden. Andererseits: "Lasst es uns aussprechen - die größten Wetten werden hier mit Spielgeld gemacht. Nicht, dass es kindisch ist - aber es ist halt Geld, das sich - anders als die meisten Investitionen - nicht unbedingt vermehren soll."
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Weiteres

Andreas Rossmann erzählt die interessante Geschichte eines Beckmann-Gemäldes ("Bar, braun", Bild) aus dem Besitz der Gurlitt-Erben, das inzwischen über viele Stationen im County Museum von Los Angeles hängt: Ein Fall zur Restitution? Die Rede Ronald S. Lauders zum Thema, auf die wir gestern verwiesen, steht inzwischen auf dem FAZ.net online. Edo Reents schimpft in der Leitglosse der FAZ über Sendehinweise der Öffentlich-rechtlichen auf die kommenden Winterspiele, "die in ihrer grotesk reißerischen Countdown-Spannung, in ihrem hektischen Dabeisein-Gestus etwas geradezu Obszönes haben, zumal, wenn eben noch die Rede von Menschenrechtsfragen war."
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