9punkt - Die Debattenrundschau

Spurlos aus der Chronik verschwunden

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2014. In der FAZ prangert Oksana Sabuschko die Repression in der Ukraine an. Die Zeit informiert auf drei Seiten über die Ukraine. Die Welt staunt über die Brutalität des politisch so sanften François Hollande in privaten Angelegenheiten. Scarlett Johansson steht zu Sodastream und verabschiedet sich von Oxfam. Die Huffington Post zitiert neue Dokumente aus dem Snowden-Fundus: Demnach hat die NSA beim Kopenhagener Klimagipfel für die Five Eyes spioniert. In der Zeit fordert John Perry Barlow transparente Geheimdienste.

Europa

Die Schriftstellerin Oksana Sabuschko hat auf dem Maidan-Platz in Kiew verstanden, warum niemand Hitler stoppen konnte: Wer es nicht gesehen habe, glaube einfach nicht, mit welcher Brutalität die Polizei gegen die Demonstranten vorgehe, erklärt sie in der FAZ. "Die Geschichte des Journalisten und Aktivisten Igor Lutsenko, der von diesen Menschenjägern gefoltert wurde - einschließlich einer inszenierten Scheinhinrichtung -, aber dann das Glück hatte, freigelassen zu werden, beschwört noch ein weiteres Bild herauf - das einer Neuauflage der Tscheka-Verhörmethoden aus der Stalin-Zeit, die aber ganz auf der Linie der aktuellen russischen Staatspropaganda liegen. Beim Verhör wurde Lutsenko geprügelt und angebrüllt: 'Wieviel zahlen dir die Amerikaner dafür, dass du auf dem Maidan bleibst, Bastard?' Die nackte Leiche des zusammen mit Igor entführten Juri Verbitsky hingegen wurde, den Kopf ganz mit Klebeband umwickelt, auf einem Feld bei Kiew gefunden."

Ian Buruma vergleicht in der Zeit das antieuropäisch Bündnis von rechtsgerichteten Populisten wie Marine Le Pen und Geert Wilders mit der erzkonservativen Tea Party-Bewegung: "Was diese Menschen wirklich hassen, vielleicht noch mehr als Muslime und andere Ausländer, das sind ihre einheimischen 'linksliberalen Eliten': die gebildeten Bürokraten und Leitartik­er, die Schriftsteller und Akademiker mit ihrem 'Gutmenschentum', die linken Internationalisten, die Kosmopoliten und Eierköpfe - kurz, all die Leute, die ihnen das Gefühl vermitteln, irgend­wie minderwertig zu sein." (Im englischen Original ist der Text bei der Financial Times zu lesen.)

Weitere Artikel: In der Zeit gibt es einen dreiseitigen Überblick über die Lage in der Ukraine: Matthias Krupa und Michael Thumann erläutern, inwiefern der Aufstand in der Ukraine eine europäische Angelegenheit ist, Alice Bota beschreibt die Stimmung unter den Demonstranten und Serhij Zhadan sendet einen beunruhigenden Bericht aus der Ostukraine: "Das Land ist wie in zwei eitrige Klumpen gespalten."
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Politik

Schon seit einigen Tagen macht ein Streit zwischen der NGO Oxfam und Scarlett Johansson von sich reden, der nun dazu führte, dass Johansson die Zusammenarbeit beendet, meldet Ha'aretz. Oxfam hatte die Schauspielerin dafür kritisiert, dass sie für die israelische Firma Sodastream wirbt, die in den besetzten Gebieten fertigen lässt. In der Huffington Post hat Johansson vor einigen Tagen dargelegt, dass sie keinen Grund sieht, damit aufzuhören: Die Firma, schreibt sie, "ist nicht nur dem Umweltgedanken verpflichtet, sondern will auch eine Brücke zwischen Israel und Palästina bauen, sie unterstützt die Zusammenarbeit der Nachbarn, die gleich bezahlt werden und gleiche Rechte haben. Das ist es, was in der Ma'ale Adumim factory jeden Tag passiert."

Sascha Lehnartz erzählt in der Welt, wie brutal sich der so schlaftablettig aussehende François Hollande von seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler getrennt hat: "Auf der offiziellen Internetseite des Élysée-Palastes wurden sämtliche Hinweise auf die Aktivitäten der Ausrangierten gelöscht. Neunzehn Monate, in denen Valérie Trieweiler an mehr als 130 offiziellen Auftritten teilgenommen hatte, sind spurlos aus der Chronik verschwunden." Selbst die Texte ihrer Reden - darunter eine Rede vor der UNO in New York - wurden gelöscht.

Die Knesset hat letzte Woche ein Gesetz angeschoben, das den Gebrauch von Symbolen und Begriffen verbietet, die mit dem Holocaust verbunden sind. Das Wort "Nazi" zum Beispiel, sofern es außerhalb von wissenschaftlichen oder schulischen Kontexten benutzt wird. Für den israelischen Schriftsteller Nir Baram ist das nicht nur ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit, sondern auch der Versuch, den Holocaust weiter zu sakralisieren, schreibt er in der NZZ: "Man will ihn draußen haben aus den kleinlichen Zänkereien zwischen Konservativen und Liberalen, wo mittlerweile jeder den anderen einen Nazi schimpft. ... Warum? Weil der Holocaust für immer zwischen uns Juden und allen 'Anderen' stehen sollte - und mithin nicht Teil der endlosen politischen Streitigkeiten werden darf, die in Israel selbst ausgetragen werden."
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Kulturpolitik

Hannes Hartung, Anwalt von Cornelius Gurlitt, beklagt die Scheinheiligkeit von Justiz und Medien im Umgang mit seinem Mandanten, berichtet Susanne Rost in der Berliner Zeitung: "An seinem Mandanten werde ein Exempel statuiert - dabei habe es der deutsche Staat jahrzehntelang versäumt, Regelungen für Kunstwerke mit zweifelhafter Herkunftsgeschichte voranzutreiben. Zahlreiche Museen und öffentliche Sammlungen schmückten sich mit solchen Werken und weigerten sich, sie an die beispielsweise jüdischen Vorbesitzer herauszugeben."

Im Tagesspiegel kann Nicola Kuhn das nur bestätigen. Sie lernte beim 14. Deutschen Kunstsachverständigentag in Köln, wie deutsche Museen und Auktionshäuser sich vor ihrer Verantwortung drücken: "Samuel Wittwer, Direktor der Preußischen Schlösser und Sammlungen in Potsdam, gab eine Ahnung davon, was in den nächsten Jahren auf Museen noch zukommt, wenn nicht nur die bestohlenen jüdischen Sammler der Nazizeit, sondern auch die in der Sowjetzone enteigneten 'Junker' ihre Ansprüche geltend machen. Häufig wurden deren Besitztümer aus den konfiszierten Schlössern den DDR-Museen zugeschlagen, oder sie verschwanden in privater Hand. Auch hier dürfte durch die Enkelgeneration nun manches auf den Markt gelangen. 'Die Museen schleppen da etwas mit sich herum', erklärte Wittwer schonungslos für die Institutionen und mahnte, sich der moralischen Verpflichtung zu stellen."

In der Zeit unterhält sich Christine Lemke-Matwey mit dem deutschen Kurator Kaspar König und dem estnischen Geiger Gidon Kremer darüber, ob man als in Russland auftretender ausländischer Künstler eine Protesthaltung einnehmen sollte. Dazu König: "John ­Cage hat gesagt: 'Versuche nicht, die Welt zu verbessern, damit machst du alles bloß schlimmer.' Das stimmt! Der Westen ist besessen von der Idee, in Russland moralisch aufzuräumen. Wie kommen wir dazu?"
Für Kremer gibt es eine klare Grenze: "Ich gehe mit niemandem auf die Bühne, der eine negative Aura hat."
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Medien

Im Interview mit der FAZ erklärt Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner, dass er Spon nicht kostenpflichtig machen will. Sein Konzept: "Wir verfolgen ein Freemium-Modell: Spiegel Online ist und bleibt frei, das Premiumangebot ist der Spiegel, den wir digital völlig neu konzipieren und im Netz offensiver präsentieren werden. Wir werden bei Spiegel Online Aufmachergeschichten haben, die direkt zum Heft führen und den Lesern so zeigen, dass man beim Spiegel ein noch attraktiveres Angebot bekommen kann, wofür man allerdings bezahlen muss."

In der Berliner Zeitung informiert uns eine kurze Meldung, dass Büchners Absetzung des langjährigen Spiegel-Vize-Chefs Martin Doerry in der Redaktion "Entsetzen" ausgelöst hat. Ob dies wirklich so war, weil Doerry als einziger in der Chefredaktion "Kompetenz bei Kulturthemen" besaß, wagen wir allerdings zu bezweifeln.
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Gesellschaft

Samuel Herzog erzählt in der NZZ, wie er - inspiriert von den Japanern - rote Bete fermentieren ließ, wie ihn der Anblick des Ergebnisses schauderte, wie ihm schlecht wurde, als er es probierte. Aber er ist tapfer im Dienst der Wissenschaft: "Um zu verstehen, was wir essen, was wir in der Küche anrichten, müssten wir im Grunde alles infrage stellen und alle Experimente unserer Vorfahren wiederholen - was, konsequent angewendet, vermutlich das Problem der Überbevölkerung lösen würde."
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Überwachung

Die NSA hat im Jahr 2009 auf dem Kopenhagener Klimagipfel die Kommunikation anderer Regierungen abgehört, berichtet die Huffington Post unter Berufung auf ein neues Dokument aus dem Snowden-Fundus. Die NSA versprach den amerikanischen Diplomaten laut einem Geheimpapier "wertvolle Einblicke in die Kongressvorbereitungen der Schlüsselländer, in die Auseinandersetzungen über Klimapolitik in diesen Ländern und Verhandlungsstrategien." Außer der Obama-Regierung versprach die NSA dabei auch "Second Party partners" zu informieren, also Großbritannien und die anderen engen Partnerländer der Five Eyes-Allianz. Dies alles natürlich zur Bekämpfung des Terrorismus!

"Ich arbeite seit vielen Jahren als Berater für amerikanische Geheimdienste", bekennt der Internet-Pionier John Perry Barlow, dessen Freedom of the Press Foundation Edward Snowden bei seiner Flucht unterstützt und mit den Reportern Laura Poitras und Glenn Greenwald zusammengebracht hat, im Zeit-Interview mit Götz Hamann: "Ich habe über Jahre versucht, die Geheimdienste davon zu überzeugen, dass, wenn sie wirklich das - und nur das - tun wollen, wofür sie eigentlich da sind, dann müssen sie ihre Methoden ändern. Sie müssen ihre Arbeit offen und sehr viel transparenter erledigen, damit es jeder normale Bürger als seine patriotische Pflicht empfindet, dem Geheimdienst zu sagen, was er weiß."
Archiv: Überwachung