Efeu - Die Kulturrundschau

Blut blitzt grell wie Nagellack

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31.01.2014. Eine ungute Verquickung von Zeitungen und Museen empfindet die NZZ bei der Ausstellung "1938. Kunst, Künstler, Politik" im Jüdischen Museum in Frankfurt. Critic.de lernt in Julian Radlmaiers Film "Ein proletarisches Wintermärchen" die Grenzen der post-post-pragmatistischen fuck-everybody-myself-included Haltung. Der Tagesspiegel hört in Cottbus Werner Egks Oper "Peer Gynt". Dem Standard sind Deborah Sengls mit Ratten nachgestellte Szenen aus Karl Kraus' Erster-Weltkrieg-Tragödie "Die Letzten Tagen der Menschheit" zu klinisch weiß.

Kunst

In einer Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt lernt NZZ-Rezensent Christian Saehrendt viel Interessantes über den deutschen Kunstbetrieb 1938. Unbehagen empfindet er allerdings angesichts der Doppelrollen der Ausstellungsmacher: Julia Voss, leitende Kunstredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, konzipierte die Schau. "Vermengen sich hier die Ebenen der Kritik und des Kuratierens? Merkwürdig auch die ausführliche Präsenz von Museumsdirektor Gross im Magazin Der Spiegel, der quasi seine eigene Ausstellung ausführlich besprechen durfte. Die personelle Verbindung zu einem Leitmedium des deutschsprachigen Feuilletons hat zusammen mit der Gurlitt-Affäre dafür gesorgt, dass die Ausstellung viel Beachtung fand."

Im Essl-Museum hat Deborah Sengl 44 Szenen aus Karl Kraus" Erster-Weltkrieg-Tragödie "Die Letzten Tagen der Menschheit" mit Ratten nachgestellt. So richtig ekeln kann sich Anne Katrin Feßler im Standard allerdings nicht: "Eine wunderbare Metapher also für den Menschen, der sich angesichts des Ekels, den Ratten vielfach auslösen, also vor sich selbst grausen müsste. Im Essl-Museum begegnen uns aber eher possierliche Tiere auf Sockeln: weiße, klinisch rein wirkende Ratten mit noch weißeren, manchmal zwänglerischen Requisiten (die Psychiater begegnen dem "Irrsinnigen" etwa im OP-Outfit). Es sind mehr brave Illustrationen als dramatische Sinn- und Bühnenbilder. Das Blut blitzt grell wie Nagellack." In der Presse vermisst Almuth Spiegler den "Sarkasmus, mit dem Sengl uns sonst ihre Tier-Tier- oder Mensch-Tier-Hybriden unterjubelt".

Ingeborg Ruthe geht für die Berliner Zeitung mit einiger Freude durch die Ausstellung "Lens-Based Sculpture" in der Berliner Akademie der Künste: "Diese von lukullischen Mätzchen und oberflächlichen Effekten freie Schau - angenehm unprätentiös aufgebaut auf spröden Sperrholzpodesten - folgt einem intelligenten Konzept: Fotografie und frühe bewegungsphysiologische Studien haben demnach die moderne Skulptur vom jahrtausendealten Prinzip des Statuarischen, des Verharrens im Materiellen, in Masse und Block befreit." (Bild: ADK/Privatsammlung H.P.Kraus jr., New York)

Weiteres: Am kommenden Sonntag wird der Frankfurter AfE-Turm gesprengt, meldet wehmütig Dieter Bartetzko in der FAZ. Die FAZ will die Sprengung am Sonntag um 10 Uhr per Live-Stream übertragen, zu sehen unter www.faz.net/turmsprengung. In der SZ bedauert Gerhard Matzig, dass sich Frank Gehrys Entwurf für ein Hochhaus am Alexanderplatz durchgesetzt hat: "Ein Signature-Building mit eingebautem Wow-Faktor, der schnell langweilt, ist genau das, was der Berliner Alexanderplatz nicht braucht."

Besprochen wird die Ausstellung "Esprit Montmartre" in der Frankfurter Schirn (Welt).
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Musik

Bjørn Schaeffner stellt in der NZZ den britischen Musiker Darren Cunningham vor, der gerade als "Actress" sein viertes Album, "Ghettoville", veröffentlicht hat: ein Gemisch von "Essenzen des Detroit Techno mit Ingredienzen der Londoner Garage-Tradition". Hier eine Hörprobe:



Balzer außer sich! Dass die Krachkünstler Stephen O'Malley und Peter Rehberg ihre harschen Kaskaden beim Berliner Club-Transmediale-Konzert nun ausgerechnet mit Geigengesäusel zum Beschluss brachten, erbost den Popkritiker der Berliner Zeitung aufs Heftigste: Das war nun "eine romantische Klangsülze, ein wimmernder Kitt, der im Nachherein blöd verklebte, was bis dahin vor allem menschenfeindlich und schroff wirken sollte. Denn alle Schönheit, aller Reiz [der Musik] rührte ja aus der völligen Abwesenheit von romantischer Subjektivität, aus dem reinen post-humanen Sprechenlassen des Materials: Sinustöne, Rückkopplungen, weißes Rauschen."

"Libertatia", das neue Album der in Berlin lebenden Exil-Wiener Diskurspopper von Ja, Panik beschäftigt auch weiterhin die Feuilletons. In der taz fühlt sich Lisa Forster nach Anhören der Platte und Gespräch mit der Band daran erinnert, "warum es eine Politik der Popmusik geben muss. Als andere Stimme im öffentlichen Raum, als Symptomatologie der Gesellschaft, um Gegebenheiten neu zu denken. In Zeiten, in denen Kunst kaum mehr schockieren kann, suchen die Songs auf 'Libertatia' nach einer Form von Verbundenheit." Wobei das Album für Forster am Ende doch eigentlich zu glatt gebürstet ist. In der NZZ bescheinigt Pascal Jäggi der Band aus dem Burgenland, "ein gutes Album der deutschen Indie-Musik" geschaffen zu haben. In der Welt sinniert Frédéric Schwilden unterdessen beim Anhören der Platte über die koksende Jugend Berlins zwischen Praktikum, Uni, One-Night-Stand und Utopie.

Weiteres: Berlins restliche, bzw. ältere Poplinke kriegt sich unterdessen über Andreas Dorau mächtig in die Wolle, berichtet im Freitag Katja Kullmann. Im Standard erklärt Stefan Ender, was die Besucher des chinesischen Neujahrskonzerts am Sonntag im Musikverein in Wien erwartet. Der Rapper Marteria spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über sein neues Album "Zum Glück in die Zukunft 2" und das Aufwachsen in Rostock. Bei der Zeit steht der große Artikel von Thomas Groß über Judith Holofernes und ihr Soloalbum "Ein leichtes Schwert", auf den wir gestern hingewiesen haben, inzwischen online. Außerdem hat sich Elke Buhr für die Zeit in Berlin mit einem rundum restauriertem Boy George getroffen.

Besprochen werden das neue Album des enigmatischen Elektro-Musikers Actress (Jungle World), das neue Album von Fantôme (taz), das Album "Lektion III" von Den Skorte Skole (taz), der 4. Teil der disco-archäologischen "Elaste"-Compilationreihe (taz) und die CD "Weltentraum" des Michael Wollny Trio ("Wo sich Jazz und klassische Musik berühren, knirscht es längst nicht mehr", notiert Gregor Dotzauer im Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Film

Für critic.de übermittelt Nino Klingler zum dritten Mal Notizen vom Filmfest Rotterdam. Dort beobachtet er unter anderem "Sympathien mit Machthabern" und "Sehnsucht nach dem Systemwechsel" und staunt über "teilweise unsichtbare Wachmänner und Haiku-sprechende Eimer". Ausführlicher besprochen wird Julian Radlmaiers Film "Ein proletarisches Wintermärchen", in dem es sehr grundsätzlich zugeht: "in dieser kannibalistischen, sozusagen autoimmunitären Vergackeierung der Art World durch einen arty Film drückt sich doch auch so etwas wie Trauer aus; Trauer darüber, dass die zeitgenössische, post-post-pragmatistische fuck-everybody-myself-included Haltung es vor allen Dingen schwierig macht, ein paar ernsthafte Fragen zu stellen und sich ganz unironisch zu in die Jahre gekommenen Theorien zu bekennen."

Außerdem: In der NZZ begrüßt Geri Krebs nach den 49. Solothurner Filmtage "eine ganze Reihe junger, weitgehend unbekannter Regisseure und Regisseurinnen, die sich mutig, unverkrampft und gänzlich unideologisch an soziale und politische Brennpunkte begab." Im Standard berichtet cms. über die Eröffnung der Diagonale in Wien. Eine Meldung in der Presse informiert uns, dass Lars von Triers Film "Nymphomaniac Vol. II" in Rumänien verboten wurde. In der Berliner Zeitung spricht Patrick Heidmann mit Asghar Farhadi, dessen neuer Film "Le Passé" (unsere Kritik) gestern angelaufen ist. In der Welt porträtiert Iris Alanyali den Schauspieler Idris Elba, der derzeit als Nelson Mandela im gleichnamigen Film von zu sehen ist und ihrer Meinung nach "einen tollen Bond" abgeben würde. Auf FAZ.net liefert Stefan Schulz ein ausführliches Porträt der Dokumentarfilmerin Laura Poitras.

Besprochen werden die Ausstellung "Licht und Schatten" im Filmmusem Berlin (taz), der neue Film "Kill your Darlings" mit Daniel Radcliffe als Beat-Generation-Autor Allen Ginsberg (Welt), das neue Mandela-Biopic (viel zu verzettelt, winkt Frank Herold in der Berliner Zeitung ab) und der Film "Staudamm" (Zeit).
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Archiv: Film

Bühne

Frederik Hanssen hörte für den Tagesspiegel in Cottbus Werner Egks Opernversion von Henrik Ibsens Drama "Peer Gynt". Obwohl die Oper bei ihrer Uraufführung ein "Publikumshit" war, "der auch Adolf Hitler gefiel" und Egk 1941 von Goebbels zum "Leiter der Fachschaft Komponisten" in der Reichsmusikkammer berufen wurde, vermeide Martin Schüler in seiner Inszenierung alle Anspielungen auf die Nazis: "Ein buntscheckiger Klangcomic ist dieser 'Peer Gynt' also, äußerst kurzweiliges Unterhaltungstheater, vielleicht der einzige gelungene Versuch, das biedermeierliche Genre der deutschen Spieloper mit den Musikmitteln des 20. Jahrhunderts wiederzubeleben. Mit seinen hoch motivierten Musikern bringt Generalmusikdirektor Evan Christ die chamäleonhafte Partitur zum Funkeln."

Außerdem: Im Burgtheater gab es eine Vollversammlung wegen der finanziell angespannten Situation, berichtet Judith Hecht in der Presse. Besprochen wird die Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs Stück "Alltag & Ekstase" im Deutschen Theater Berlin (Welt).
Archiv: Bühne

Literatur

Der in Potsdam promovierende guatemaltekische Autor Alan Mills, gerade zu Gast bei den Literaturtagen Mittelamerika in Frankfurt, erklärt im Interview mit Faust, warum er Grenzüberschreitungen in jeder Bedeutung liebt: "Hier in Deutschland fühle ich mich sehr wohl. Deswegen versuche ich mir vorzustellen, wie es für meinen Großvater gewesen sein muss, in Jamaica die Segel zu hissen und sich in Guatemala niederzulassen. Ich habe ihn nie kennengelernt, ich konnte ihn nicht fragen, warum er beschlossen hat auszuwandern, also setze ich mich nur mit einem virtuellen Vorfahren auseinander. Genauso ist es, wenn ich an meine Ahnen denke, die von der Iberischen Halbinsel nach Mittelamerika kamen; ich male mir ihre Geschichte aus, die niemand mir erzählt hat. Ich stelle mir auch gern vor, dass einer meiner Vorfahren vor tausenden von Jahren die Beringstraße durchquert hat. Wie jemand, der durch einen überdeutlichen Traum reist, überschreite ich die Grenzen zwischen der Lyrik, der Fiktion, dem Essay, der Autobiografie, Twitter."

Außerdem spricht der Autor Raul Zelik mit Faust über die politische Situation in Lateinamerika und die Rolle der Literatur: "Möglicherweise kenne ich mich zu wenig aus, aber ich habe den Eindruck, dass in der lateinamerikanischen Literatur Gesellschaftskritik heute deutlich weniger präsent ist als etwa im Film." Für die NZZ hat sich Knut Henkel mit der argentinischen Autorin María Sonia Cristoff getroffen, die ihm erklärt, warum sie überhaupt keine Lust hat, über die Diktatur, die Falklandinseln, den Peronismus, den Tango oder Borges zu schreiben. Im Tagesspiegel berichtet Thomas Hummitzsch vom Comicfestival in Angoulême.
 

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