9punkt - Die Debattenrundschau

Bloß nicht aufmucken

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.04.2023. In der FAS beschreibt der Historiker Jan C. Behrends, wie Russland zum Totalitarismus zurückkehrte. Auch die taz verfolgt, wie der russische Staat Lüge, Denunziantentum und massenhafte Unmoral fördert. Die FAS lässt sich von Petros Markaris erklären, warum die Griechen gegen die Gleichgültigkeit ihrer Regierungen opponieren. In der FR beklagt die simbabwische Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga den Braindrain als aktuelle Variante kolonialer Ausbeutung. In der Welt umreißt der Philosoph Hanno Sauer die Kosten des Fortschritts seit Erfindung des Ackerbaus.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2023 finden Sie hier

Politik

In der taz beschreibt Inna Hartwich, wie sich in Russland unter der Devise "Bloß nicht aufmucken" eine Kultur von Duckmäusertum und Denunziation breit macht: "Jedes Aufmucken - und sei es nur ein kindliches Hinterfragen dessen, warum Zöpfe bei Mädchen im Kindergarten Pflicht sein sollen, oder ob nun wirklich jeder zum Schulausflug samt Kalaschnikow-Auseinandernehmen müsse - führt zur Vorführung und Erniedrigung dieses Aufmuckenden vor anderen. Es führt zum Bloßstellen, zum Aussortieren. Zur Ächtung von 'Verrätern', die angeblich das 'Normale' - das Traditionelle, das Einzigartige, das Russische - besudelt hätten. Die Menschen in Russland lernen schnell, dass sie lediglich Ressource sind, vom Staat nach Belieben einsetzbar. Stellt das jemand in Frage und verlangt nach Menschsein, spürt er die Grenzen eines Systems, das der russische Politikbeobachter Andrei Kolesnikow mittlerweile als 'hybriden Totalitarismus' bezeichnet. Dabei gingen der allgemeine Gehorsam und die Gleichschaltung, die mittels Propaganda und Repression erreicht werde, mit freiwilligen Aktionen zugunsten des Staats einher. Denunzianten und Einverstandene bildeten so die Basis des Putin-Regimes. Erlaubt sei mittlerweile alles, es gebe keine Schamgrenze mehr, weil der Staat eine massenhafte Unmoral fördere."

Russland könnte tatsächlich das erste Land sein, das den Totalitarismus hinter sich ließ, um nach Jahrzehnten wieder in ihn zurückzugleiten. In der FAS rekonstruiert der Potsdamer Osteuropa-Historiker Jan Behrends diesen finsteren Rückfall, betont allerdings auch, dass Putins Herrschaft zu Beginn eher autokratisch auf die Demobilisierung der Gesellschaft setzte und auch heute noch mit keiner Ideologie die Massen bewegt. Trotzdem: "Imperium, Geheimpolizei und militärische Gewalt blieben nach 1991 Teil der politischen Kultur in Russland. Auf diesen Säulen ließ sich die Diktatur wieder errichten. Auf der medialen Ebene führte die Normalisierung der Lüge und ein ungebrochener Kriegskult zurück in die Diktatur. Die russischen Medien ebneten den Unterschied zwischen Fakten und Fiktionen ein. Sowjetische Topoi trafen auf postmoderne Beliebigkeit. Bald fiel es dem Einzelnen zunehmend schwer, rational zu urteilen. Hier zeigte sich der protototalitäre Charakter der frühen Putin-Ära vielleicht am Deutlichsten: im umfassenden Angriff auf 'die moralische Person des Menschen' im Sinne Hannah Arendts."

In der NZZ fragt sich Peter Schneider, was Wladimir Putin eigentlich zu bieten hat: "Den russischen Bürgern ist der Reichtum des Landes an natürlichen und menschlichen Ressourcen nicht zugutegekommen. Das Einkommen der Russen liegt ein Drittel unter dem durchschnittlichen Einkommen in den OECD-Staaten. Russlands Männer haben - ähnlich den Männern in Marokko und Nordkorea - eine durchschnittliche Lebenserwartung von 68 Jahren; jene der russischen Frauen liegt 10 Jahre höher. Keine andere industrielle Nation verzeichnet einen so krassen Unterschied bei der Lebenserwartung der Geschlechter - im weltweiten Durchschnitt liegt er bei 4,5 Jahren. Worin besteht das Lebensmodell, das Putin der 'Dekadenz' des Westens entgegenstellt?"

Jhy-Wey Shieh ist Botschafter Taiwans in Deutschland, auch wenn er sich nicht so nennen darf. Offiziell residiert er hier als "Repräsentant der 'Taipeh-Vertretung'". Er ist kein Karrierediplomat, sondern von Haus aus Professor der Germanistik und daher ein exzellenter Kenner deutscher Literatur und Kulturgeschichte, erzählt Richard Herzinger in der Zeitschrift Internationale Politik, für die er ein Gespräch mit Jhy-Wey Shieh geführt hat. Taiwan ist ein Leuchtturm der Demokratie in Asien, aber einfach sind die Verhältnisse auf der Insel auch nicht, so der Botschafter: "Die Kuomintang (KMT), einst die Partei des Diktators Chiang Kai-shek, hat sich ihrem früheren Todfeind, dem kommunistischen Regime in Peking, das sie nach Taiwan gejagt hatte, angenähert. Die Basis dafür ist ihr gemeinsamer chinesischer Nationalismus, aus dem sie die Denunziation des Unabhängigkeitsstrebens Taiwans als Separatismus ableiten."
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Europa

Für die FAS trifft sich Paul Ingendaay in Athen mit dem Schriftsteller und obersten Griechenland-Erklärer Petros Markaris, der verständlich machen kann, wieso die Griechen das verheerende Zugünglück der Regierung nicht verzeihen: "Plötzlich begriff das Land: Die Infrastruktur ist völlig marode, statt Aufsicht gibt es Achselzucken und Schlamperei, und am Ende hängt das Leben der Passagiere allein davon ab, dass ein Mann kurz vor der Pensionierung sich ja nicht verguckt. Seitdem wird Griechenland von Straßenprotesten erschüttert, die an die Krise um die drohende Staatspleite erinnern. Es sei nicht ganz fair, sagt Markaris, der Mitsotakis-Regierung die alleinige Schuld an dem Unglück zu geben. 'Die Vorgängerregierungen hatten einfach Glück. Der Unfall hätte auch viel früher passieren können.' Doch dann redet der Schriftsteller sich wieder in Rage. Die letzte Regierung, die etwas zu unternehmen versucht habe, sei die Regierung Karamanlis im Jahr 1975 gewesen!"

Die Selbstzerfleischung der Franzosen hat sich inhaltlich wegbewegt von der Rentenreform, jetzt debattieren sie mit gleichem Ingrimm die staatsrechtliche Frage, ob Macron mit seiner durchgepeitschten Reform nur den Buchstaben der Verfassung oder auch ihrem Geist treu war. In der FAZ folgt Marc Zitzmann dieser Mischung aus Gepolter und Kasuistik mit wachsendem Unverständnis: "Weitet man den Fokus, wirft die ganze Episode indes Licht auf das seit je der Fünften Republik innewohnende Machtgefälle zwischen Exekutive und Legislative. Der Regierung kann man so vorwerfen, sie habe die parlamentarische Debatte kanalisiert, wo nicht gar diktiert. Umgekehrt betrieb ein Teil der - namentlich linken - Opposition Obstruktion mit der Einreichung von rund zwanzigtausend (!) Änderungsanträgen. Von einer konstruktiven Zusammenarbeit ist man weit entfernt: Die Exekutive scheint die Parlamentarier in willfährige Jasager und potentielle Saboteure einzuteilen, umgekehrt wird oft der Vorwurf der Autokratie laut.

Weiteres: In einem taz-Interview zur Einführung des 49-Euro-Tickets spricht der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš über seine Liebe zur Bahn und die Frage, ober das Kursbuch von einem Gott oder einer Göttin geschrieben wurde.
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