9punkt - Die Debattenrundschau

Ein paar Globuli fürs Baby

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.12.2021. Scholz ist es nun: Die Feuilletons begrüßen ihn mit Wohlwollen, wenn auch ein wenig ungläubig. Außer dem Tagesspiegel, der sich über Scholz' Konfessionslosigkeit Sorgen macht. Die neue Bundeskulturministerin Claudia Roth verspricht in der Zeit, sich für mehr "Diversity" einzusetzen. In der FAZ würdigt der Dokumentarfilmer Marc Wiese die Journalistin Maria Ressa, die heute den Friedensnobelpreis erhält. Der Westen ist schuld an den Taliban, mit einem ordentlichen Kalifat wäre das nicht passiert, meint der Politikwissenschaftler Jonathan Laurence im Tagesspiegel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2021 finden Sie hier

Europa

Eh bien voilà, ça y est, Olaf Scholz ist Kanzler. Eine Chance will tazler Stefan Reinecke der Ampel geben. Aber er muss sich überwinden: "Dieser Wechsel ist keine Zäsur wie 1969 und 1998. 1998 war ein generationeller Bruch: Die mittig gewordenen 68er übernahmen die Macht. Willy Brandts Kanzlerschaft war ein Demokratisierungsschub und Ausdruck des Bündnisses von Arbeiterbewegung und liberalem Bürgertum. Die Ampel ist eher bedeutungsarm. Man kann sie nur schwer als Reflexion mächtiger gesellschaftlicher Umbrüche lesen. Es ist kein Zufall, dass die Ampel ihren Fortschritts-Slogan als Zitat von Willy Brandt verkauft."

Paul Ingendaay schwankt in der FAZ ebenfalls zwischen Wohlwollen und Skepsis: "Steinmeier, Steinbrück, Schulz und Scholz - das hätte, in dieser Reihung mit kabarettreifem Namensmuster, eine Riege frustrierter Kanzleramtsbewerber werden können, eine SPD-Lachnummer für die nächsten Generationen. Dass es Scholz gelang, daraus auszubrechen, ist eine Leistung, deren Hintergründe noch nicht ganz erhellt sind."

Scholz ist der erste konfessionslose Kanzler der Bundesrepublik, auch viele Minister sind konfessionslos, weiß Malte Lehming (ein Kritiker des Berliner Neutralitätsgesetzes) im Tagesspiegel. Das könnte "brisant" für die Kirchen werden, meint Lehming auch mit Blick in den Koalitionsvertrag: "So soll, erstens, ein 'fairer Rahmen für die Ablösung der Staatsleistungen' geschaffen werden. Das sind Zahlungen des Staates an die Kirchen in Höhe von jährlich rund 500 Millionen Euro als Kompensation für Enteignungen kirchlicher Besitztümer im 19. Jahrhundert. Sollte diese Regelung auslaufen, hätten die Kirchen schlicht weniger Geld zur Verfügung. Zweitens soll das Privileg des kirchlichen Arbeitsrechtes fallen. 'Gemeinsam mit den Kirchen prüfen wir, inwiefern das kirchliche Arbeitsrecht dem staatlichen Arbeitsrecht angeglichen werden kann.' Bisher galt, dass von kirchlichen Mitarbeitern erwartet werden durfte, mit christlichen Glaubens- und Moralvorstellungen übereinzustimmen. Ein Verstoß gegen diese Loyalitätspflichten konnte arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, bis hin zur Kündigung."

Ebenfalls im Tagesspiegel findet es Andrea Dernbach "armselig", dass es im neuen Kabinett nur einen Minister mit Migrationshintergrund gibt. Indes zitiert Alan Posener in der Welt einige der Namen der Abgeordneten im neuen Bundestag: "'Abdi, Sanae; Abel, Valentin; Abraham, Knut; Aeffner, Stephanie; Ahmetovic, Adis; Akbulut, Gökay; Al-Dailami, Ali; Al-Halak, Muhanad; Alabali-Radovan, Reem …' Die meisten dieser Abgeordneten sind neu im Hohen Haus, ihre Geburtsländer sind - alphabetisch - Deutschland, Irak, Jemen, Marokko, Russland, Türkei. Nun bestimmen sie gemeinsam das Schicksal des Landes, von dem Union und FDP in ihrem Koalitionsvertrag 1982 meinten: 'Deutschland ist kein Einwanderungsland.' Etwas mehr als eine Generation später hat sich nicht nur das Land verändert: das Parlament spiegelt diese Veränderung wider. Integration, wie sie im Buche steht. Auch darauf können wir Deutschen stolz sein."
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Kulturmarkt

Die Leipziger Buchmesse ist der festen Überzeugung, dass sie stattfinden wird (und zwar vom 17. bis 20. März 22), meldet der Buchreport: "Bis Wochenanfang hatten sich laut Buchmesse über 70 Prozent der Aussteller (im Vergleich zum Endstand 2020) mit eigenem Stand angemeldet. Da täglich noch weitere Anmeldungen eingingen, erwartet man aber noch eine höhere Auslastung. Eine Standbuchung ist bis 4 Wochen vor der Messe möglich, so noch Ausstellungsflächen verfügbar sind."
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Stichwörter: Leipziger Buchmesse

Ideen

Die Existenz der Taliban ist das Ergebnis einer Kampagne des britischen Empire gegen das osmanische Kalifat im 19. Jahrhundert, schreibt der Politikwissenschaftler Jonathan Laurence in einem von Gregor Dotzauer übersetzten Essay im Tagesspiegel. Die "Radikalisierung der islamischen Welt" hätte durch ein "souveränes Kalifat nach dem Vorbild des römisch-katholischen Vatikans" aufgehalten werden können, glaubt er: "Seit nunmehr fast einem Jahrhundert zahlt der Islam auf internationaler Ebene einen hohen Preis für die Intervention von außen. Das Fehlen des Kalifats ist ein zentraler Grund für kommunale Konflikte, einschließlich der Ausbreitung des politischen Islams und religiös motivierter Gewalt. Das fehlende Kalifat hielt die muslimischen Gemeinschaften in einem Fegefeuer gefangen, das von transnationalen Anwärtern wie dem ägyptischen Arzt Yusuf al-Qaradawi, dem jemenitischen Scheich Osama bin Laden und dem irakischen Theologen Abu Bakr al Baghdadi einerseits und den staatlich ernannten Gelehrten und nationalen Ministern für islamische Angelegenheiten in den Nationalstaaten mit muslimischer Mehrheit andererseits bevölkert wurde."

Nicht der Liberalismus ist schuld an der niedrigen Impfquote, schreibt der Kunsthistoriker Jörg Scheller in der NZZ: "Was die Impfquote betrifft, sind die liberalen Niederlande und das autoritärkommunistische China gleichauf. (...) Im Grunde ist es doch bemerkenswert, dass sich in vielen von Autoritären als dekadent diffamierten liberalen Demokratien weit mehr als die Hälfte der Bürger impfen lässt, dass Instrumente wie Kurzarbeit effektiv soziale Härten lindern, dass die Mehrheit seit bald zwei Jahren historisch einmalige Maßnahmen weitgehend friedlich mitträgt - weil sich liberale Mentalität, persönliche Freiheit und soziale Verantwortung eben nicht ausschließen. Und nicht jeder, der auch Wirtschaft, Soziales, Politik und psychische Gesundheit mitbedacht wissen möchte, nutzt diese Güterabwägung als Vorwand für Egoismus."
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Gesellschaft

Was ist bloß los in Sachsen, fragt sich Cornelius Pollmer in der SZ mit Blick auf Rechtsextremismus, Fackelmärsche oder den "Furor" gegen sämtliche Corona-Maßnahmen: "Richtig ist, dass gerade der ländliche Osten seit 1990 brutal ausgeblutet ist, dass in Summe vier Millionen Menschen die ehemalige DDR verließen, weil es im Westen größere Firmen mit größeren Lohntüten gab und im Osten eben keine gleichwertigen Lebensverhältnisse. Es gingen, da unterscheidet sich Deutschland nicht vom Rest der Welt, vor allem die, die körperlich und geistig am ehesten mobil waren - was für eine Gesellschaft da zurückbleibt und wie verwundbar sie ist für rechtsextreme Einflüsterer, das darf sich jeder gerne selbst überlegen."

Es ist die vierte Welle, und die Impfquote in Deutschland will immer noch nicht so recht steigen. Daran ist auch die jahrelange deutsche Toleranz (und Kassenfinanzierung) für Homöopathie schuld, meint Natalie Grams-Nobmann bei hpd.de, "wegen ihrer Verbreitung und vor allem ihres ungerechtfertigten Ansehens, das sie nach wie vor weithin genießt - sie kann den 'Einstieg zum Ausstieg aus dem wissenschaftlichen Denken' immens befördern. Dabei fängt es harmlos an. Ein paar Globuli fürs Baby von der Hebamme können doch nicht schaden? Und muss die erste Impfung wirklich so früh sein? Sorry, aber genau das haben wir viel zu lange toleriert. Ich sage: Wer Globuli sät, wird Impfgegnertum ernten." Umfragen belegen ihre Vermutung: "Bei den Erwachsenen, die Homöopathie bejahen, sind lediglich rund 47 Prozent bereit, sich impfen zu lassen!"
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Medien

Die philippinische Journalistin Maria Ressa erhält heute den Friedensnobelpreis. In der FAZ würdigt sie der Dokumentarfilmer Marc Wiese, der sie auch in einem Film porträtierte. Sie bleibt ihrer Sache treu: "Ressa und Journalisten ihres Teams dürfen keine Pressekonferenzen des Präsidenten mehr besuchen, es gibt sogar ein Verbot, überhaupt über Duterte zu berichten. Der Rappler hält sich nicht daran. Die Regierung hat zeitweise neun Gerichtsverfahren gegen Maria Ressa und den Rappler inszeniert, die Anwaltskosten betragen 40.000 Dollar im Monat. Maria Ressa überrascht das alles nicht. Es hält sie jedoch nicht davon ab, weiter zu kämpfen."

Mit der Unabhängigkeit des Lokaljournalismus ist es vielleicht nicht ganz so weit her, wie er gern von sich behauptet. Zumindest die Verleger mischen sich kräftig ein und entscheiden, was das Publikum vor Ort wissen und darf und was nicht, berichtet Jonathan Sachse bei correctiv.org: "In mindestens zwölf Lokalredaktionen sitzen Verleger und Verlegerinnen auch in der Chefredaktion oder sind mit der Redaktionsleitung verwandt. Mitunter ist der Verleger zugleich Präsident der regionalen Handelskammer und sein Chefredakteur Pressesprecher eines Wirtschaftsvereins."
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Kulturpolitik

Die neue Bundeskulturministerin Claudia Roth möchte mehr Diversity in die Kultur einbringen, sagt sie im Gespräch mit Ijoma Mangold und Tobias Timm von der Zeit. Auf den Einwand, dass es doch im Moment gar nichts anderes mehr gebe als "Diversity", antwortet sie: "Sie können nicht ernsthaft sagen, dass in den kulturellen und gesellschaftlichen Institutionen Frauen, LGBTIQ*, Menschen mit Einwanderungsgeschichte, schwarze Menschen und People of Color, behinderte Menschen und Nichtakademiker*innen hinreichend vertreten sind, dass alle Menschen teilhaben können. Wenn mir meine schwulen Freunde erzählen, wie schwer es für sie ist, anständig gecastet zu werden, wenn ich mit einer Muslima spreche, die Feministin ist und wegen ihres Kopftuchs angegriffen wird, so wie es der Autorin Kübra Gümüşay passiert ist, und sie dann fragt: 'Wo ist denn eure Solidarität?'"

Nicht übermäßig konkret wird Roth in einem Gespräch mit Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk. Sie wolle "gerne die Kulturstaatsministerin der Demokratie sein und für die Demokratie, ausgestattet mit einem wunderbaren Werkzeugkoffer, dem Reichtum unserer großartigen bunten und vielfältigen Kultur und von Rostock bis Augsburg und Köln bis Frankfurt/Oder, Hamburg bis zur Ostalb".

In der SZ macht Jörg Häntzschel auf weitere braune Flecken auf der Spendenliste für das Berliner Schloss aufmerksam: Auch der 'Preußenabend München' hat für das Schloss gespendet, eine Organisation, bei der, so der Bayerische Rundfunk, 'rechtskonservative Akademiker, Vertriebenenfunktionäre, AfD-Politiker und Neonazis' auftreten. Einer von ihnen war der Bundeswehr-Oberleutnant Franco A., der inzwischen wegen Terrorverdacht vor Gericht steht. Ein weiterer Spender ist Claus Wolfschlag, ein Autor der Jungen Freiheit. Auch die Junge Freiheit selbst hat gespendet, für das Schmuckelement 'Sima mit Löwenköpfen'. Das war der Stiftung offenbar so unangenehm, dass sie kürzlich den Förderverein bat, die Spende zurückzuzahlen, was Fördervereinschef Wilhelm von Boddien aus rechtlichen Gründen aber ablehnte. Der Eintrag Junge Freiheit ist in der Spendenliste dennoch gelöscht worden."