9punkt - Die Debattenrundschau

Im Zustand der Selbsttrunkenheit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2021. Rebranding ist in Mode, schreibt Kenan Malik im Observer - Unis benennen Gebäude um im Namen einer antirassistischen Komplexitätsreduktion. Dass der nordmazedonische Ministerpräsident zurückgetreten ist, bedeutet auch eine Niederlage der EU, findet die FAZWoke ist nicht progressiv, konstatiert Jan Feddersen in der taz nach dem Rücktritt der britischen Professorin Kathleen Stock. Die SZ fordert ein "Superministerium der zukünftigen Lebensraumplanung".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2021 finden Sie hier

Ideen

Rebranding ist in Mode schreibt Kenan Malik in seiner Observer-Kolumne. Mark Zuckerberg rebrandet seine Firma und hofft, dass alles Negative von ihr abfällt. Und im Londoner Imperial College benennen sie Gebäude um und hoffen, dass ihr koloniales Erbe in Vergessenheit gerät. Am Beispiel des Gebäudes, das nach dem Naturforscher Thomas Henry Huxley benannt ist, zeigt Malik, wie der Antirassismus historische Differenziertheit begräbt: "Huxley war wie die meisten historischen Persönlichkeiten eine komplexe Persönlichkeit mit Eigenschaften und Überzeugungen, die man bewundern und solchen, die man beklagen kann. Er spielte eine wichtige Rolle bei Entwicklung und Popularisierung der Evolutionstheorie, bei Bildungsförderung, bei der Ablehnung des 'Polygenismus' (der Vorstellung, dass verschiedene 'Rassen' verschiedene Arten seien) und bei der Bekämpfung des Hardliner-Rassismus, während er die Idee einer Rassenhierarchie von Unter- und Überlegenheit akzeptierte. Ihn in erster Linie als Rassisten zu sehen und zu behaupten, dass die Beseitigung seines Rassismus für die Schaffung einer gleichberechtigteren und vielfältigeren Gesellschaft von Bedeutung ist, bedeutet, sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart zu verzerren. Denn inwiefern würde die Entfernung von Huxleys Büste und die Umbenennung des Saals das Leben der Minderheitenstudenten am Imperial College verbessern?"

Jan Feddersen kommentiert in der taz den Rücktritt Sussexer Professorin und Feministin Kathleen Stock, die von Transaktvisiten wegen ihrer genderkritischen Position seit Jahren attackiert wurde aber auch von Kollegen: Mehr als 600 unterschrieben einen gegen sie gerichteten Brief. "Mit der Demission Stocks wird auch die Meinungs- und Forschungsfreiheit als krass bedroht erkannt werden - hier nicht von rechts, sondern auch von einem Teil der Linken. Dass der Fall, wie behauptet wird, einer zwischen Progressiven und Konservativen sei, zwischen den Frischen und Alten, ist falsch: Wokistan gibt sich links - und ist doch nur ein antifreiheitlicher Mob im Zustand der Selbsttrunkenheit."

"Vielfalt wird zur Einfalt, wenn sie sich vom Ideal zur Ideologie wandelt", meint Alexander Kissler in der NZZ zum Fall Stock. "Die Intoleranz triumphiert, und die Vernunft stirbt, wo eine bestens vernetzte weltanschauliche Lobbygruppe zu Macht und Einfluss gelangt. Das Bekenntnis zur akademischen Freiheit wird wertlos, tritt Identitätspolitik an die Stelle des Arguments. Das im deutschen Sprachraum vergleichbare Fälle sammelnde Netzwerk Wissenschaftsfreiheit weiß ein Lied davon zu singen."
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Gesellschaft

Dass aus der Ditib-Zentralmoschee nun der Muezzinruf erschallen darf, ist kein Zeichen unschuldiger Liebe zur Vielfalt, meint Ronya Othmann in der FAZ. Der Muezzinruf ist auch nicht einfach mit Glockengeläut zu vergleichen: "Im Gegensatz zum Adhan, dem Gebetsruf, ist das Glockengeläut nur Klang, nicht sprachliche Botschaft. Teil des Adhan ist auch das islamische Glaubensbekenntnis ('Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter'). Natürlich kann man fragen, ob es dem Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft zuträglich ist, den öffentlichen Raum mit Glaubensbekenntnissen zu beschallen."
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Stichwörter: Muezzinruf, Ditib

Europa

Zoran Zaev, der mazedonische Ministerpräsident, ist zurückgetreten, nachdem seine sozialdemokratische Partei empfindliche Niederlagen bei Kommunalwahlen erlitt, berichtet Michael Martens in der FAZ. Zaevs Kapitulation ist auch eine Niederlage der EU, so Martens, denn Zaev war vielleicht der letzte Politiker der Region, der für die Perspektive einer EU-Aufnahme erhebliche Risiken einging. Er ging so weit, sein Land auf Druck Griechenlands in "Nordmazedonien" umzubenennen. Doch dann machte Bulgarien Druck und hintertrieb Aufnahmeverhandlungen: "Auf einmal scheint die nationalistische Opposition der VMRO die besseren Argumente zu haben. Ihre Politiker hatten sich unter anderem mit dem Argument eines drohenden Betrugs gegen die Änderung des Staatsnamens gewandt: Mazedonien werde einen wichtigen Teil seiner Identität aufgeben, am Ende aber doch nicht über eine EU-Mitgliedschaft verhandeln dürfen. Genau so kam es."
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Medien

Bettina Gaus, zuletzt als Publizistin und politische Kommentatorin bekannt, ist im Alter von nur 64 Jahren gestorben. Angefangen hatte sie in Afrika, für die Deutsche Welle und die taz. Hier schreiben Dominic Johnson, Lukas Wallraff und Jan Feddersen den Nachruf: "Sie war dabei, als Somalia implodierte, als Äthiopiens Militärdiktatur stürzte, als Eritrea unabhängig wurde, als Ruanda im Völkermord versank. Die frühen 1990er Jahre waren eine Zeit ohne Mobiltelefon und ohne Internet. Arbeitsmittel waren Aufnahmegerät, Schreibmaschine, Fax - oder auch das Satellitentelefon der UN, um für 20 US-Dollar pro Minute Texte durchzutelefonieren, wie an jenem Tag im Dezember 1992, als im Morgengrauen US-Marines am Strand von Mogadischu landeten und am nächsten Tag eine Reportagenseite in der taz stand, bei der jedes kleinste Detail stimmte." Zuletzt war sie Kolumnistin bei Spiegel online, wo Stefan Kuzmany sie würdigt. In der FAZ schreibt Ralph Bollmann.
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Stichwörter: Gaus, Bettina, Äthiopien

Kulturpolitik

Derzeit ist der Wohnungsbau beim "Heimatministerium" untergebracht. In der SZ wünschte sich Gerhard Matzig dagegen von der neuen Regierung ein "Superministerium der zukünftigen Lebensraumplanung". Einfach schnell mal 400.000 neue Wohnungen hochziehen, wie es die Ampelkoalition plant, reicht ihm nicht aus, man müsse "das Ganze zu sehen. Lamia Messari-Becker, Bauingenieurin und bis 2020 Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung, bringt das Thema auf den Punkt: 'Klar ist, dass es endlich um Lebensraumplanung gehen muss - und nicht mehr nur darum, Baumassen aufzutürmen und Fläche unkontrolliert zu verbrauchen.' Sie fragt (ein fiktives Bundesbauministerium): 'Wie verbinden wir Wohnen und Arbeit? Wie schaffen wir innerstädtische Freiräume? Wie überwinden wir die Kluft zwischen Stadt und Land? Wie nutzen wir die ökonomische Stärke der Baubranche für eine Kreislaufwirtschaft? Wie reduzieren wir den Energie- und Materialverbrauch beim Bauen? Wie schaffen wir eine Trendwende beim Flächenverbrauch? Wie lassen sich Energie und Mobilität bezahlbar für alle Menschen gestalten?' Das sind nur die drängendsten Fragen. Für die Antworten fehlt bisher nicht die Expertise in Deutschland - aber die politische Macht. Der politische Mut. Der Aufbruch."

Internet

Plattformen wie Youtube oder Facebook werden zwar heftig kritisiert, wenn sie bestimmte Inhalte nicht entfernen. Nun fordern aber Presseverlage bei europäischen Verhandlungen zur Regulierung von Plattformen ein "Presseprivileg", das heißt, Plattformen sollen zwar löschen dürfen, nicht aber Inhalte von Presseverlagen. Dieses Ansinnen wird in Brüssel allerdings vielfach kritisiert, berichtet Alexander Fanta bei Netzpolitik: "Gegen Medien wie den russischen Staatssender RT gebe es dann kein Gegenmittel, warnt Diana Wallis von 'EU Disinfo Lab', eine Organisation, die sich mit der gezielten Verbreitung von Falschinformationen in sozialen Netzwerken beschäftigt. Bislang ist es so, dass Facebook und Twitter 'staatlich kontrollierte' Medien wie RT auf freiwilliger Basis kennzeichnen. Bei Facebook unterliegen solche Medien höheren Transparenz-Anforderungen, bei Twitter werden sie nicht algorithmisch empfohlen oder gefördert."
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Geschichte

Christine Brinck erzählt in der NZZ vom Haus Levy - "ein Kleinkosmos der Geschichte des Zwölfjährigen Reiches, der deutsch-jüdischen Beziehungen, der Stadt, der Geschichte schlechthin" - in der Rothenbaumchaussee 26 in Hamburg. Erbaut wurde es zu Beginn der 1920er Jahre von den Brüdern Hans und Oskar Gerson, als eine Art Genossenschaft für Wohnungseigentümer, was damals neu war, denn wer Geld hatte, wohnte im eigenen Haus. Die ersten, die dort einzogen, waren Juden, die später vertrieben oder ermordet wurden. "Von all dem wusste ich nichts, obwohl ich zwanzig Jahre lang im 5. Stock der Nummer 26 lebte. Keine Tafel sprach von der Geschichte und den Geschichten seiner Erbauer und seiner ersten Bewohner. Dann schlug der Zufall zu. Bei Renovierungsarbeiten auf dem Boden wurde unter einer Diele eine Klarinette gefunden..."
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Politik

Der tatsächliche Aufstieg Chinas, das wirtschaftlich ungleich stärker ist, sollte die systematische Weltpolitik der Obstruktion durch Wladimir Putin nicht verkennen lassen, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog. Und Putin ist nicht nur in Europa und dem Nahen Osten aktiv: "Die russischen Großmachtambitionen haben sich längst auch auf Lateinamerika, wo Moskau unter anderem die Regimes in Venezuela und Kuba stützt, sowie auf Afrika ausgeweitet. Wie sich jüngst in Mali zeigt, stößt der Kreml dabei in neue Dimensionen der verdeckten Kriegsführung vor: Der Einsatz einer vermeintlich privaten Söldnertruppe erlaubt die Verschleierung eigener Kriegsbeteiligung sowie die Senkung der Kosten weltweiter Aggression."

Wer den Klimawandel, die Rodung der Wälder, die Verschwendung von Ressourcen dauerhaft bekämpfen will, muss Frauen Autonomie geben, schreibt Alan Posener in der Welt: "Der Schlüssel zur Veränderung liegt bei den Frauen. Wo sie selbst entscheiden, wie viele Kinder sie haben wollen, sinkt die Geburtenrate. Wo sie bezahlter Arbeit nachgehen und ohne männliche Kontrolle Zugang zu Verhütungsmitteln haben, bekommen sie weniger Kinder. So war es in Deutschland, so ist es in Afrika."
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