Efeu - Die Kulturrundschau

Wasserrauschen auf dem Himmeltindan

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02.11.2021. In der Welt schreibt Deniz Yücel zum Tod des Schriftstellers Doğan Akhanli, der das Deutschen um den Plural von Heimat bereicherte. Nach dem Besuch der Willi-Sitte-Schau in Halle möchte die FR eigentlich die Suche nach dem guten Menschen in der Kunst abblasen. Vom chinesischen Dokumentafilmer Wei Deng lernt sie, wie viel Selbstbestimmtheit in der Tragik liegen kann.  Die NZZ lernt am Schauspiel Köln, was ein Schaupieler macht, wenn er nicht spielt. ZeitOnline folgt dem Saxofonisten Mulo Francel auf Berggipfel, in deren dünner Luft selbst Schwermut leicht klingt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2021 finden Sie hier

Kunst

Willi Sitte: Chemiearbeiter am Schaltpult, 1968. Kunstmuseum Moritzburg Halle

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle widmet zum hundertsten Geburtstag dem DDR-Maler Willi Sitte eine große Retrospektive. In der FR ahnt Ingeborg Ruthe, dass der verehrte wie verhasste Staatsmaler noch Generationen beschäftigen wird: "In Sittes Kunstbegriff spielte die barocke Neigung zum nackten Fleisch in seiner unter Erich Honecker exponierten Funktion eine so ästhetische wie ideologische Rolle. Revolutionäre Kraft kannte bei Sitte keine Tabus, auch nicht das Sexuelle. Aber der Prager Frühling war für ihn Konterrevolution. Und sein einstiger Freund Wolf Biermann wurde ihm zum Feind. Mancher Künstler, der das Land im Zorn verließ, weil er nicht eingeengt arbeiten wollte, gab dem linientreuen Künstlerverbands-Chef einen Teil der Schuld. In Halle sehen wir den ganzen Willi Sitte. Die Bilder, die Dokumente, das Buch zur Ausstellung antworten auf die Frage des Jahrzehnts: Können wir Werk und Künstler noch trennen? Gerade forscht und gräbt der Kulturbetrieb nach dem Paradoxen, dem Geheimen, dem Bösen in Leben und Kunst mächtiger Berühmtheiten. Wahrscheinlich aber ist die Suche nach einem guten Menschen hinter einem großen Werk ein Holzweg. Marx behauptete, der Mensch sei das Produkt seiner gesellschaftlichen Verhältnisse. Max Liebermann sagte: Jeder Künstler ist ein Kind seiner Zeit."

Weiteres: In der SZ erzählt Thomas Balbierer, dass in Brüssel ein Pilotprojekt Kunstgenuss als therapeutisches Mittel untersucht und Patienten in "Museum auf Rezept" schicken möchte.

Besprochen werden eine Ausstellung zu den Künstlerfreunden Edouard Manet und Zacharie Astruc in der Kunsthalle Bremen (die FAZ-Kritiker Stefan Trinks selten so frisch erlebte), die große Rebecca-Horn-Schau im Kunstforum Wien (taz) und die Goya-Ausstellung in der Fondation Beyeler (Tsp).
Archiv: Kunst

Literatur

Der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanli ist gestorben. In der Türkei war er mehrmals verhaftet worden, zuletzt als 2017 als "terörist". In der Welt erinnert sich Deniz Yücel an den Mann, der ihm einst einen tröstenden Brief ins Gefängnis schrieb: "Überhaupt, Heimat. Eines seiner großen Themen, oft in Verbindung mit Flucht und Gewalt. Akhanlı wusste: Heimat haftet weder jedem Menschen so unveränderlich an wie seine Augenfarbe oder Schuhgröße, noch gibt es sie allein im Singular - auch wenn im Deutschen die grammatikalisch korrekte Pluralform die Heimaten derart fremd klingt, dass man sie leicht für falsch halten könnte. Doch ebenso wusste Akhanlı, dass das progressive Ideal des Kosmopoliten und Weltbürgers, der überall auf Erden zu Hause ist, eine schöne wie bis auf Weiteres unerreichbare Utopie bleiben wird. Dass der Mensch eine Heimat braucht, sicherheitshalber zwei oder drei. Dass Heimat aber nicht umsonst zu haben ist. Dass sie Zeit, Mühe, und einiges mehr kostet." Weitere Nachrufe auf Doğan Akhanli schreiben Karen Krüger in der FAZ, Christiane Peitz im Tagesspiegel, Jürgen Gottschlich in der taz und Insa Wilke in der SZ.

Außerdem: Zum hundertsten Geburtstag Ilse Aichingers schreiben Gerhard Zeilinger im Standard und Magnus Klaue im Tagesspiegel. Zum Tod des italienischen Germanisten Luigi Reitani schreiben Michael Krüger in der FAZ und Lothar Müller in der SZ.

Besprochen werden Marie NDiayes Roman "Die Rache ist mein" (NZZ), Edgar Selges autobiografischer Roman "Hast du uns endlich gefunden" (FR), Friedrich Christian Delius' autobiografischer Erzählband "Die sieben Sprachen des Schweigens" (taz), Carolin Amlingers Band "Schreiben" (Zeit), Candice Fox' Krimi "606" (Zeit), Gerd Gigerenzers "Klick" (Tsp), Frank B. Wildersons "Afropessimusmus" (Tsp), der Band "Spätmoderne in der Krise" von Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa (Standard), Richard Girlings "Der Mensch und das Biest" (FAZ), Christoph Heins Roman "Guldenberg" (FAZ) und Christoph Wagners Gesprächsband über "Geistertöne" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Filmstill aus Wei Dengs "Father"

In der FR berichtet Daniel Kothenschulte recht enthusiastisch vom Filmfestival Dok Leipzig. Besonders interessant findet er die neuen dokumentarischen Kammerspiele des ostasiatischen Kinos, die er sich im Fall des Filmemachers Wei Deng natürlich auch mit den Produktionsbedingungen in China erklärt: Sein Langfilmdebüt 'Father' porträtiert aus dem Mikrokosmos einer Familie die Geschichte einer Gesellschaft, die nicht aufhört, Unterdrückung als Fortschritt zu verkaufen. 'Zur Hölle mit Deng Xiaoping', flucht der 86-jährige Großvater des Regisseurs, nachdem er dem anderen der beiden Väter in diesem Film, seinem Sohn, eine Familientragödie enthüllt. Dessen Schwester wurde noch mit neun Monaten, als lebensfähiges Baby 'abgetrieben', wie es die Ein-Kind-Politik in China verlangte. Auch der alte Mann selbst wäre um ein Haar von seiner Mutter ausgesetzt worden, als er als Kind erblindete. Auf Vermittlung eines Arztes wurde er dann mit einem ebenfalls blinden Mädchen verheiratet, eine Rettung für beide. In einem diskreten Halbdunkel durchstreift dieser herzzerreißende Film die Nächte eines Lebens, vor allem aber die erstaunliche Selbstbestimmtheit in aller Tragik: Der alte Mann ist bis heute in seinem Beruf als Wahrsager gefragt, und sein Sohn sucht in seinen beruflichen Entscheidungen noch seinen Rat."

In der taz berichtet Silvia Hallensleben von der Viennale, die dem legendären Filmkritiker Amos Vogel und seiner Studie "Film As as A Subversive Art" eine Retrospektive widmete. In der Welt freut sich Hanns-Georg Rodek, dass Francis Ford Coppolas Achtzigerjahre-Kultfilm "Outsiders" wieder in die Kinos kommt. Für den Tagesspiegel besichtigt Peter von Becker die Fellini-Ausstellung, die im italienischen Kulturinstitut in Berlin gastiert.
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Archiv: Film

Bühne

Luk Perceval inszeniert am Kölner Schauspiel Iwan Gontscharows Roman "Oblomow" und lässt die Proben im Livestream zeigen: Ein Experiment, ein Tabubruch. NZZ-Kritiker Bernd Noack ist beeindruckt von dem Wagemut, aber auch irritiert: "Im Mittelpunkt steht ein wuchtiges altes Sofa, auf dem vier Personen sitzen und mit Text und vor allem eigenen Gedanken spielen. Der Regisseur Perceval als Beobachter umkreist sie: 'Das Thema von 'Oblomow' ist ja Nichtstun. Also will ich jetzt einmal sehen, wie ihr das macht. Was bedeutet es für einen Schauspieler, nicht zu spielen?' Dann hocken sie und schweigen, sehen sich an, befühlen sich, lassen viel Zeit verstreichen. Was aber kann für den Zuschauer, daheim vor seinem Bildschirm, daran interessant sein? Der Theaterkonsument will doch das fertige Produkt, er verlässt sich darauf, dass eine Inszenierung abgeliefert wird, die von Anfang bis Ende durchdacht ist. Da will er keine Hänger, will nichts wissen von den privaten Befindlichkeiten der Figuren da vorne, keine Diskussionen darüber, ob das, was gerade gespielt wird, sinnvoll ist oder nicht. Und will auch nicht sehen, wie der Hospitant Kaffee holt. Und einen Regisseur, der mittendrin zugibt: 'Ich weiß auch nicht!', den will er schon gar nicht."

In der NZZ stellt den ägyptischen Comedian Bassem Youssef vor, der jetzt am Broadway auftritt, da es den Behörden am Ende doch noch gelang, ihn aus dem Land zu jagen: "Die Muslimbrüder stellten sich zu blöd an. Das Militär war gerissener. Bassem Youssef wurde von seinem eigenen Sender für seine Sendung angeklagt und schließlich zu einer Strafe von 100 Millionen Pfund verurteilt."

Besprochen werden Ralph Benatzkys Operette "Der reichste Mann der Welt" im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz (nmz), Brechts Oper "Die Verurteilung des Lukullus" in einer Inszenierung des Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen an der Stuttgarter Oper (Nachtkritik) Julia Wisserts Adaption von Annie Ernaux' Roman "Der Platz" am Schauspiel Dortmund (SZ), Tobias Kratzers Inszenierung von Carl Nielsens Oper "Maskerade" (deren Späße Jan Brachmann in der FAZ nur halblustig, Egbert Tholl in der SZ dagegen verstörend öde findet, nmz), Strauss' "Rosenkavalier" in der Wiener Volksoper (Standard), Amélie Niermeyers Inszenierung von Verdis "Macbeth" in der Felsenreitschule in Salzburg (Standard) und Nikolai Erdmans Politkomödie "Der Selbstmörder" am Burgtheater (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Auf Zeit online ist Reinhard Köchl ganz begeistert von der Idee des Rosenheimer Saxofonisten Mulo Francel, Musik auf Berggipfeln aufzunehmen. Herausgekommmen ist dabei das Album "Mountain Melody", das auch noch einem guten Zweck dient: den Klimawandel ins Bewusstsein zu rufen. Dafür schleppten die Musiker gern ihre Instrumente die Bergpfade hinauf und hinunter und standen manchmal ganz schön nah am Abgrund, für den Song "The Viking" zum Beispiel: "Hätte vielleicht nicht sein müssen. Aber erst durch das Betrachten des Fotos, diesen dualen Sinnesreiz zwischen Schwindel und Schwerelosigkeit, erfährt die zwischen Meditation, langsamen Tempi und introspektiven Instrumental-Intermezzi pendelnde Musik eine ungewohnte Stringenz. Denn wo klingt Schwermut sonst so leicht und luftig, scheinen die Töne fast in der dünnen Luft zu verharren? Dazu passen die darauffolgenden unscheinbaren 36 Sekunden, in denen nur das Wasserrauschen auf dem Himmeltindan, der höchsten Erhebung der Insel Vestvågøya, sowie ein Wikingerhorn (geblasen von Wolfgang Lohmeier) zu hören ist."

Wir hören rein:



In der NZZ würdigt Hanspeter Künzler die professionellen Musiker, Produzenten und Komponisten der Musikverlage, die oft entscheidend sind für den Erfolg eines Stars. Selbst verwirklichen kann man sich da eher nicht. "Aber 'Erfüllung' lässt sich unterschiedlich definieren. 'Ich wollte nie nur Jazz spielen', sagt der Schweizer Saxofonist Fabian Capaldi. Er gehört zum Musikerstamm des Zürcher Produktionsteams Lucky Tiger Records und hat schon mit Michael von der Heide gespielt, mit Nik Bärtsch oder Pepe Lienhard. Man müsse auf Starallüren verzichten können, findet er, um immer liefern zu können. Dafür ist man stets engagiert. 'Ich will einfach spielen', sagt er. Und wenn man über den Tellerrand des eigenen Stils hinausblicke, könnten sich Synergien ergeben, von denen man in ganz anderen künstlerischen Konstellationen wieder profitieren könne."

Weitere Artikel: Georg Rudiger stellt im Tagesspiegel die Sopranistin Olga Peretyatko vor. In der taz berichtet Ole Schulz vom Jazzfest Berlin. In der FR schreibt Hans-Jürgen Linke zum 52. Deutschen Jazzfestival Frankfurt, in der FAZ berichtet Wolfgang Sandner.
Archiv: Musik