9punkt - Die Debattenrundschau

Vorherrschaft des Meinungshaften

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.03.2021. Geradezu verzweifelt lesen die Salonkolumnisten nach, wie tendenziös die deutschen Medien - besonders die öffentlich-rechtlichen - über den zehnten Jahrestag des Tsunamis in Japan berichtet haben. In der taz fürchten Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit, dass die modische Linke mit ihrem Kult der allerkleinsten Differenz ins Sektenwesen abrutscht. In der FAS versucht Joseph Vogl  zu erklären, wie Populismus im Netz und vor allem den sozialen Medien funktioniert. In der NZZ erklärt Christian Gerhaher, warum die Initiative "Aufstehen für die Kunst" Einschränkungen  der Kulturfreiheit im Zeichen der Coronakrise juristisch prüfen lassen will.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.03.2021 finden Sie hier

Medien

Geradezu verzweifelt liest Ludger Wess bei den Salonkolumnisten nach, wie tendenziös die deutschen Medien - besonders die öffentlich-rechtlichen - über den zehnten Jahrestag des Tsunamis in Japan berichtetet haben. Die 15 bis 20.000 Toten der Naturkatastrophe wurden in den Schlagzeilen schlicht der Havarie des Atomkraftwerks von Fukushima zugeordnet. "Zehn Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima gedenkt Japan heute der 16.000 Todesopfer", hieß es etwa im Deutschlandfunk. "Die Katastrophe von Fukushima vor genau zehn Jahren hat mehr als 15.000 Menschen das Leben gekostet", lautet eine Unterzeile bei der Tagesschau. Aber in Fukushima selbst ist nur ein Todesfall überliefert, so Wess. Tausende in Japan kamen dagegen durch die Flutwelle ums Leben. Dass Parteien oder Lobbyisten die Wahrheit so verzerren, kann Wess zur Not nachvollziehen. "Katastrophal aber ist es, wenn Print-, Online-, Rundfunk- und Fernsehmedien im ganzen Land offensichtliche Lügen unkommentiert lassen, keine kritischen Fragen stellen oder gleich selbst 'alternative Fakten' verbreiten. Wie soll man AfD-Anhängern und Verschwörungstheoretikern noch glaubhaft entgegentreten, wenn diese behaupten, es handle sich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und vielen Zeitschriften und Magazinen um 'gleichgeschaltete Staatsmedien', die fürs Lügen bezahlt würden? Die angeblich einer Sprachregelung folgen, die 'von oben' vorgegeben wird?"
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Internet

Der Philosoph Joseph Vogl versucht im Gespräch mit Julia Encke und Harald Staun von der FAS zu erklären, wie Populismus im Netz und vor allem den sozialen Medien funktioniert. Es gehe "um Strukturen sozialer Mobilisierung. Dazu gehören die Vorherrschaft des Meinungshaften, wuchernde Urteilslust, sich selbstverstärkende Mechanismen, eine auf schnelle Treffer ausgerichtete 'ballistische' Kommunikation - also einige Faktoren, die vielleicht den Begriff eines 'strukturellen Populismus' rechtfertigen. Und wenn Facebook von Anhängern des brasilianischen Präsidenten oder von der italienischen Lega gefeiert wird, so liegt das schlicht an der politischen Effizienz eines Businessplans."
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Kulturpolitik

Recht zuversichtlich berichtet Maren Lübbke-Tidow in der FAZ über die sich mit einer Machbarkeitsstudie konkretisierenden Pläne für ein Deutsches Fotoinstitut: "Eine Machbarkeitsstudie ist noch kein Garant für eine Umsetzung. Monika Grütters jedoch hat sich bereits positioniert, folgt den von ihr eingesetzten Kommissionen und hat sich für den Standort Essen ausgesprochen. Klargestellt hat sie außerdem, dass mit der Neugründung keine Konkurrenzsituation zu bestehenden Institutionen entstehen solle. Das Bundesinstitut für Fotografie wird kein Museum werden, sondern - so Grütters in Analogie zum Literaturbetrieb - ein Marbach der Fotografie." Etwas irritiert ist die Autorin allerdings, dass dieses Marbach nur die Nachlässe von höchstens dreißig Fotografen aufnehmen soll."

Im Interview mit der NZZ erklärt der Sänger Christian Gerhaher von der Initiative "Aufstehen für die Kunst", warum die Initiative die Einschränkungen des Kulturbetriebs in Bayern juristisch prüfen lassen will. Zwei Hauptgründe nennt er: "Meine Befürchtung ist weiterhin, dass das Publikum an Hörkompetenz verliert. Gleichzeitig könnte es bequem werden, weil die vielen Live-Streams direkt ins eigene Wohnzimmer kommen." Und zum anderen möchte man "den Schutz der Kunstfreiheit, retrospektiv bewerten" lassen und "prospektiv erreichen, dass Kunst und Kultur nach der Pandemie nicht einfach beiseitegeschoben werden, weil dann die öffentlichen Haushalte knapp geworden sind".
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Geschichte

Emmanuel Macron ist der erste Präsident, der die französischen Verbrechen im Algerienkrieg systematisch aufarbeiten lässt, auch wenn es noch keine Entschuldigung von Seiten Frankreichs gibt. Dominic Johnson beschreibt in der taz den Weg dahin: "Justizminister Mitterrand, der Folter in Algerien billigte, wurde 1981 Frankreichs erster 'linker' Präsident. Als eine seiner ersten Taten rehabilitierte er die Putschgeneräle von 1961. Auf ihn folgte der Gaullist Jacques Chirac, der 1999 den Algerienkrieg erstmals als 'Krieg' anerkannte - um den gefallenen Franzosen ein Denkmal zu setzen. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy verpflichtete 2005 Frankreichs Schulen per Gesetz, die 'positive Rolle der französischen Überseepräsenz, insbesondere in Nordafrika', zu lehren - dieser Passus wurde nach massiver Empörung gestrichen. Erst der Sozialist François Hollande zelebrierte 2016 einen Gedenktag für 'alle' Opfer des Algerienkrieges, aber das ging im islamistischen Terror unter."
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Gesellschaft

Nun wird es also die viel diskutierte Studie über Rechtsextremismus in der Polizei geben, und die Studienleiterin Anja Schiemann will dafür alle 300.000 PolizistInnen im Lande befragen. wie sie im Gespräch Konrad Litschko in der taz erläutert: "Eine Vollerhebung ist auch sinnvoller, als sich einzelne Bereiche herauszupicken, weil die Polizei ja ganz unterschiedliche Dienststellen und Anforderungen hat. Je mehr Polizeibeamte wir befragen, desto aussagekräftiger wird es. Dazu führen wir auch qualitative Experteninterviews. Das einzige Problem, was ich sehe, sind einzelne Bundesländer, die nun eigene Studien machen. Die müssen wir auch für unsere Studie mit ins Boot holen, damit wir am Ende einen Vergleich für alle Bundesländer haben."

Der homosexuelle Rom-Aktivist Gianni Jovanovic verteidigt im Gespräch mit Jan Feddersen von der taz Identitätspolitik: "Es ist wichtig, dass Menschen das Recht haben, sich selbst zu bezeichnen, und mittlerweile auch ihr eigenes Geschlecht wählen können, weil sie es wollen, müssen, weil sie einfach anders als die heteronormative Gesellschaft sind. In einer freien, demokratischen Gesellschaft ist dieses Recht unverzichtbar. Ich finde es ganz wichtig, dass Identitäten benannt werden, ob es im optischen Medium ist, im Hörfunk oder im Lesebereich. Ich liebe Gendersternchen so dermaßen, ich kann gar nicht mehr ohne, ich finde, es sieht schon komisch aus, wenn keins da ist."
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Ideen

Die modische antirassistische Linke hat auch Richtiges gegen alte weiße Männer zu sagen, finden Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit in einem Text für die taz, "doch lehrt die Erfahrung sozialer Bewegungen, die ins Sektenwesen abgerutscht sind, dass Opposition in sich plural sein muss und eine Atmosphäre des Respekts rundum notwendig ist. Wir wissen, wovon wir reden: Die 1968er Bewegung ist in irrwitzige Sekten zerfallen, falsche Radikalität führte zum Scheitern. Besser ist man vereint, statt dem Narzissmus der allerkleinsten Differenz zu frönen. Oder man marschiert allein, aber nicht unter der Bedingung, dass sich alle anderen unterordnen."
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