9punkt - Die Debattenrundschau

Mathematischer Pluralismus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2019. Ein neuer Streit über die Rolle der SPD? "Noske, der wird schießen", titelt die FAS hundert Jahre nach dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die New York Times berichtet, dass die chinesische Regierung systematisch uigurische Intellektuelle verschwinden lässt. Die Times schildert auch die Spaltung zwischen amerikanischen und israelischen Juden. Die jüngste "Doxing"-Affäre um geleakte Daten von Politikern, Journalisten und Prominenten sorgt nach wie vor für Debatten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.01.2019 finden Sie hier

Geschichte

Fast auf den Tag genau vor hundert Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Die FAS lässt ausgerechnet den Autor Uwe Soukup, einst Redakteur der Jungen Welt und gern gesehener Gast beim Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, über das Thema schreiben (hier redet Soukup bei einem KenFM-Talk über den "Tiefen Staat" zum Thema SPD). "Noske, der wird schießen", überschreibt er seinen Artikel. Ob und wie genau der Sozialdemokrat Gustav Noske an den Morden beteiligt war, kann Soukup in seinem Artikel letztlich nicht erhärten. Aber er fragt, ob die Verantwortung nicht noch auszudehnen wäre: "Zu der Frage, ob man Friedrich Ebert, immerhin über Monate Vorgesetzter von Noske, nicht in die Kritik einbeziehen müsse, äußerte ein SPD-Sprecher, eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei an dieser Stelle angebracht. Geschichtliche Ereignisse müssten aber auch aus der Zeit heraus betrachtet werden: 'So hat die Parteivorsitzende die Rolle Friedrich Eberts gewürdigt, Ordnung und Recht in der jungen Demokratie durchzusetzen und weiteres Blutvergießen zu vermeiden.' Das Blutvergießen - hatte es nicht mit den Morden an Luxemburg und Liebknecht erst richtig begonnen? Tausende starben in den nächsten anderthalb Jahren durch Freikorps-Exzesse." Mit anderen Worten: Die SPD ist Schuld an allen kommenden Desastern?

Weiteres: In der taz empfiehlt Stefan Reinecke eine Reihe mit Filmen zu Rosa Luxemburg im Berliner Arsenal-Kino. In der SZ erinnert Benedikt Franz an die Ausstrahlung der "Holocaust"-Serie vor vierzig Jahren, die das bundesdeutsche Publikum erstmals massiv mit der deutschen Schuld konfrontierte - die Dritten Programme haben sich entschlossen, von ihrer heutigen Irrelevanz abzuweichen, und wiederholen die Serie in diesen Tagen.
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Politik

Zu dem "Umerziehungsprogramm", das die Chinesen an den Uiguren durchführen, gehört, dass die chinesische Regierung viele uigurische Intellektuelle in Lagern verschwinden lässt, oft ohne die Familien über den Verbleib zu informieren, berichtet Austin Ramzy in der New York Times: "Die Entfernung von hochkarätigen uigurischen Wissenschaftlern, die mit der chinesischen Regierung und den Bildungs- und Rechtssystemen des Landes vertraut sind, zielt darauf ab, nicht nur die ethnische Identität der Gruppe zu beseitigen, sondern auch ihre Fähigkeit, solche Traditionen zu verteidigen, sagte ein jetzt in Istanbul lebender uigurischer Professor, der darum bat, wegen möglicher Risiken für die Familie in Xinjiang nicht identifiziert zu werden." Besonders häufig, so Ramzy, wurden Ethnologen und Kulturwissenschaftler verfolgt, die sich mit den Traditionen der Uiguren befassen.
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Stichwörter: Uiguren, Xinjiang

Europa

Diego Torres besucht für politico.eu den katalanischen Sezessionisten Oriol Junqueras im Gefängnis - der Prozess gegen einige Repräsentanten der Unabhängigkeitsbewegung beginnt demnächst und soll öffentlich übertragen werden: "Das neueste Manifest der Republikanischen Linken Kataloniens (ERC), das im Sommer nach hitziger interner Debatte beschlossen wurde, erwähnt die Möglichkeit einseitiger Abspaltung von Spanien und beruft sich auf den Fall Kosovo (dessen Abspaltung weder von Spanien noch von Serbien anerkannt wird). Trotzdem hat Junqueras einen milderen Ton angeschlagen und drängt die Sezessionisten, die Gesetze nicht zu brechen und weitere Unterstützung zu suchen, bevor sie neue Schritte ergreifen."

Mehr als das falsche Zitat stört Welt-Autor Thomas Schmid Robert Menasses Idee von Europa: "Wer heute, und sei es mit den besten Absichten, die europäische Republik - mit einem Staatsvolk, einem Sozialsystem, einem Arbeitsrecht et cetera - ausruft, handelt bedenkenlos, gedankenlos. Nicht nur, dass es dazu viel mehr bräuchte als ein paar selbsternannte Republikzimmerer. Die Idee der europäischen Republik taugt heute nicht einmal als Vision, sie kann nichts bewegen, kann keine Kräfte freisetzen." Die "demolierte Nation", so Schmid, bleibe ein Faktor - bleibt nur die Frage, ob ausgerechnet Menasse der Hauptterminator der Idee der Nation ist.
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Internet

Nach den jüngsten Datenleaks, die vor allem Prominente und Politiker betrafen, fordern die Grünen-Politiker Konstantin von Notz und Malte Spitz bei Spiegel online schärfere Vorschriften: "Dort, wo die Anbieter sich weigern, grundlegende Sicherheitsmechanismen selbst zu schaffen, müssen sie nötigenfalls verpflichtet werden. Der Staat muss seiner Vorbildfunktion und seiner Schutzverantwortung gegenüber privater Kommunikation, digitalen Infrastrukturen und demokratischen Institutionen endlich gerecht werden."

In einem viel retweeteten Blogbeitrag bei Medium schreibt Daniel Moßbrucker zu der Affäre vor allem mit Blick auf die betroffenen Journalisten: "Die Angreifer:innen haben genau das erreicht, was sie wollten, nämlich die Reputation von vielen Journalist:innen und das Vertrauen in Medien insgesamt zu schwächen. Mit geringem Aufwand ist es gelungen, in sämtlichen Nachrichtensendungen das Bild zu vermitteln, dass massenhaft sensible Daten von Journalist:innen im Netz stehen. Für investigativ arbeitende Journalist:innen ist das der Super-GAU."

Auch Dirk Peitz findet die Sache auf Zeit online nicht zum Lachen. Trotzdem, ein Gutes könnte die Sache haben, denn die Betroffenen sind zugleich "künftige Entscheider darüber, wie die Interessen der Bürgerinnen und Bürger zur Sicherheit ihrer persönlichen Daten einerseits und die staatlichen Interessen etwa bei der Verfolgung von Kriminalität andererseits weiter austariert werden. Der digitale Selbstschutz der Bürger ist aus staatlicher Sicht eben nicht nur positiv: Accounts, die mit Zwei-Faktor-Authentifizierung gesichert werden, sind ebenso schwer für Strafverfolgungsbehörden einsehbar wie perfekt geschützte Smartphones und digitale Kommunikation, die etwa über Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kanäle wie WhatsApp stattfindet." Vielleicht findet diese Erkenntnis bei den nächsten Entscheidungen über digitalen Selbstschutz einen Niederschlag.

In der FAZ stutzt Constanze Kurz dagegen angesichts der Empörungswelle, die mit den Datenleaks über das Land schwappt. Die Bildzeitung ruft "Cyber-Alarm" und "Hacker-Gau" aus, selbst Unionspolitiker fordern Hackbacks! Dabei hätten die Daten, die veröffentlicht wurden, nur wenig Brisanz und bestanden vor allem aus Telefonnummern und Adressen. Nur bei einigen wurden Dossiers mit wirklich privaten Daten ins Netz gestellt: "Statt Gegenschlagsgefasel über offensive Angriffe wäre es für die Abgeordneten jetzt endlich an der Zeit, sich an die Lösung der zugrundeliegenden Probleme zu machen: eine defensive Cyber-Strategie, die sich zum einen auf die Entwicklung von sicheren, gut nutzbaren Systemen als Open-Source-Software konzentriert, und zum anderen die weit gestreute Vermittlung von Wissen über den richtigen Umgang mit digitalen Risikoprodukten."
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Gesellschaft

Obwohl sie in der Ausbildung mit Männern gleichgezogen haben, verzichten Frauen oft auf Karriere und arbeiten in Teilzeit, schreibt Inge Kloepfer in der FAS: "Auch mit Blick auf die Unabhängigkeit der Frauen ist der Rückzug in die Teilzeit geradezu fatal. Frauen bleiben von ihren Männern abhängig und werden es häufig auch im Alter noch sein. Im Fall der Trennung sind sie kaum auskömmlich versorgt. 60 Prozent der befragten Frauen gaben nach der Studie des Familienministeriums an, bis zur Rente in Teilzeit bleiben zu wollen, obwohl sie von ihrer eigenen Rente später nicht leben könnten."

Niemals waren amerikanische und israelische Juden so gespalten wie zu Trump-Zeiten, schreibt Jonathan Weisman in der New York Times: Es gebe zwar eine starke Minderheit in Israel, die Trump verabscheue, aber 69 Prozent der Israelis sehen ihn positiv. Bei den amerikanischen Juden ist es genau umgekehrt. "Die Spaltung zwischen amerikanischen und israelischen Juden geht aber über Politik hinaus - Ein aktuelles israelisches Gesetz versuchte, das Oberrabinat als einzige Behörde einzusetzen, die nicht orthodoxe Juden in Israel konvertieren darf. Der israelische aschkenasische Rabbiner weigerte sich, den konservativen Tree-of-Life-Tempel, der in Pittsburgh zum Ziel eines Attentats wurde, als Synagoge zu bezeichnen und nannte ihn einen 'Ort mit stark jüdischem Einschlag'."

In der NZZ denkt die russische Schriftstellerin Elena Chizhova über die Dinge nach, die sich im Laufe eines Sowjetlebens angesammelt haben, und die man so lange nicht wegwerfen konnte: "Wäre die Geschichte anders verlaufen, wären diese Dinge längst auf dem Schuttplatz gelandet. Wenn Sie jedoch ganz genau wissen, dass Ihr umgekommener Großvater diesen Schrank gekauft hat, dann bringen Sie es einfach nicht übers Herz, dieses Spanplatten-Monstrum zu entsorgen. Eine besondere Rolle spielten die alten, vorrevolutionären Möbel, die ihre Tage in den Leningrader 'kommunalki', den Gemeinschaftswohnungen, zubrachten: Sie waren eine Art Brücke über dem sowjetischen Abgrund. Überquerte man diese Brücke, befand man sich gleichsam wieder in früheren, vorsowjetischen - in menschlichen - Zeiten."
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Ideen

Die Philosophin Silvia Jonas, Fellow am Munich Center for Mathematical Philosophy der LMU, empfiehlt in der SZ der allgemeinen Öffentlichkeit, sich bei Streitigkeiten ein Beispiel an den Mathematikern zu nehmen, die immer häufiger einsehen, dass es für bestimmte Probleme keine endgültige Lösung und divergierende Ansätze gibt: "Die mathematische Avantgarde argumentiert derzeit sogar dafür, das Ideal eines einheitlichen, widerspruchsfreien Gesamtbilds endlich aufzugeben und sich der Tatsache des in der Grundlagenmathematik bereits praktizierten mathematischen Pluralismus zu stellen."

Der Philosoph Torben Lütjen sieht in der FAZ (Gegenwartsseite) ein Stück pervertierter Aufklärungsideologie in den Diskursen heutiger Rechtspopulisten: "Der Populismus rechnet in seiner Ansprache tatsächlich mit Menschen, die sich für so kompetent halten, dass sie die Komplexität der Welt ohne fremde Hilfe und damit selbst verstehen. Sie brauchen dafür keine vermittelnden Instanzen, keine Übersetzer und keine Mediatoren. Es geht, so kontraintuitiv das vielleicht klingen mag, um individuelle Selbstermächtigung oder, wie es auf Neudeutsch heißt: Empowerment."

Außerdem: In einem Essay, den Zeit online vom Merkur übernommen hat, beschreibt Felix Ackermann das gespaltene Polen: "Der anhaltende Erfolg der radikalen Politik der PiS bringt die anderen Parteien auch nach offenkundigen Verfassungsbrüchen und der Deregulierung der Gewaltenteilung in Bedrängnis. Besonders die Bürgerplattform PO, die 2015 die Wahlen verloren hatte, sieht sich in zentralen Fragen zu öffentlichen Zugeständnissen gezwungen. Ihr Vorsitzender Grzegorz Schetyna spricht sich plötzlich grundsätzlich gegen die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus, weil er weiß, dass die antimuslimische Kampagne der Regierung bei einer Mehrheit der Wähler verfängt und die Gleichsetzung von Flüchtlingen und Terroristen, die in Reden des Präsidenten den Wahlkampf begleitet hatte, bereits von der Mehrheitsgesellschaft verinnerlicht worden ist. Im Wahlkampf spricht Andrzej Duda öffentlich von Flüchtlingen als 'Parasiten'."
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Kulturpolitik

In Kuba versucht die Regierung seit dem 7. Dezember mit dem Ley 349, dem Gesetz 349 die Kunst in Land zu regulieren. Der Widerstand dagegen ist jedoch so groß, dass Politiker bis zum Präsidenten hin jetzt erklärten, das Gesetz richte sich nicht gegen kritische Kunst richte, sondern gegen Vulgarität und Pseudokunst, berichtet Knut Henkel in der NZZ. "Im Visier der Funktionäre steht vor allem der Reggaeton cubano mit seinen anzüglichen Texten und Videos. Für den Jazzsaxofonisten César López wäre hier ein Eingreifen durchaus legitim, da ihm das Frauenbild und die penetranten Vulgarismen, für die der Musikstil bekannt ist, auf die Nerven gehen. Doch genau an diesem Punkt setzt die Kritik der Künstler an, die sich gegen das Gesetz engagieren. 'Es ist inakzeptabel, dass Bürokraten definieren, was Kunst darf und was nicht', konstatiert der Dokumentarfilmer Miguel Matos. Folgerichtig soll der Protest weitergehen, so die einhellige Meinung der Aktivisten, welche die Kampagne gegen das Gesetz 349 angeschoben haben."
Stichwörter: Kuba