Efeu - Die Kulturrundschau

Unbefugte Berufsausübung

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07.01.2019. Die taz lernt im Friedrichshafener Zeppelin-Museum, was das Bauhaus heute entwerfen würde: Eine A-Z Living Unit zum Beispiel oder Wohnmodelle in Startup-Ästhetik. Die SZ freut sich über die Entweihung des Kunstkomikers Marcel Duchamps in Stuttgart. Die NZZ schildert, wie Kubas Künstler das Recht auf Vulgarität, schlechten Geschmack und Mittelmäßigkeit verteidigen. Die FAZ erlebt in Menlo Park einen Traum aus veganem Apfeleis und Gojibeerensaft.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2019 finden Sie hier

Architektur

Ausstellungsansicht "Ideal Standard", 2018. Foto: Tretter/Zeppelin Museum

Ist das noch Kunst oder schon ein Startup, fragt sich Donna Schons (taz) in der Ausstellung "Ideal Standards". Das Friedrichshafener Zeppelin-Museums erkundet in der Schau, wie Bauhaus-Entwürfe heute aussehen würden. So wie Andrea Zittels "A-Z Living Unit", eine Fortschreibung von Margarete Schütte-Lihotzkys "Frankfurter Küche"? Oder wie in Annika Kuhlmanns und Christopher Thomas' Wohnmodell "New Eelam" in "ultra-sleeker Start-up-Ästhetik", mit dem man so flexibel wie in der Arbeitswelt an jedem Ort der Welt wohnen könnte? "Wie einst im Bauhaus die Massenproduktion werden hier die app-basierte Sharing Economy und die hyperflexiblen und postlokalen Arbeitsmodelle unserer Zeit affirmiert. 'New Eelam' ist ein Versuch, ein scheinbar unumstößliches System durch geschicktes Design von innen heraus zu verbessern. Bei Versuchen dieser Art liegen Utopie und Dystopie häufig nah beieinander - auch das lehrt die Geschichte des Modernismus und speziell des Bauhauses. Man denke an die vertikalen Städte Le Corbusiers, deren genauestens konzipierte Wohnungen ihre Bewohner in den Wahnsinn trieben, an die Mechanisierung des menschlichen Lebens, die mit Erfindungen wie der 'Frankfurter Küche' einherging."

Sarah Pines besucht für die FAZ die Facebook-Zentrale in Menlo Park, in der die Welt und das Digitale ganz natürlich verschmelzen sollen. Alles ist offen und super transparent: "Es gibt Herman-Miller-Stühle und schmale Tische. Alles hat die Farben von veganem Apfeleis oder Gojibeerensaft, beim Betrachten fühlt man sich dick, langsam, aus der Zeit gefallen wie ein vom Alter grün angelaufener Ledersessel." Tagesspiegel-Autor Falk Jaeger besichtigt in der dänischen Hafenstadt Vejle das Fjordenhus, das Olafur Eliasson dort für das Lego-Unternehmen Kirk Kapital errichtet hat.
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Literatur

Der Schauspieler Christian Berkel spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über seinen autobiografischen Roman "Der Apfelbaum". Im Standard gibts einen Vorabdruck aus Lydia Haiders und Esther Straganzs Splatter-Roman "Am Ball". Und Ronald Pohl erinnert an den vor zehn Jahren verstorbenen Autor Gert Jonke, dessen Experimentalliteratur er vermisst. In der Welt stellt Ulrich Raulff seine Lieblingsbücher vor.

Besprochen werden Michel Houllebecqs Roman "Serotonin" (NZZ, FR, Standard, taz), Bora Cosics Roman "Im Zustand stiller Auflösung" (Standard), Leonard Cohens Gedichtband "Die Flamme" (Standard) und Yoko Towadas Roman "Sendbo(o)te" (Tagesspiegel).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über Joseph Brodskys "Mir warfen sie alles vor":

"Mir warfen sie alles vor - minus das Wetter,
und oft hab ich mir selber gedroht grausam gern.
Doch bald leg ich die Schulterstücke ab und werde
ganz einfach zum einzelnen Stern.
..."
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Musik

SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck erholt sich vom Einkaufstrubel in der Asamkirche, wo offenbar ein Schüler Charles-Marie Widors "Toccata" auf der Orgel übt. Ein Stück, bei dem sich Brembeck eigentlich immer irgendwann langweilt. Also sitzt er da, hört zu, lässt den Geist frei schweifen. Überlegt, warum ihm Beethoven und Schumann besser gefallen und der Lohengrin, wie Chaplin ihn in "Der große Diktator" verwendet auch. Und dann fällt ihm noch was interessantes auf: "die Zersplitterung des Stücks in der Unterrichtsstunde da oben auf der Empore. Weil immer nur ausgewählte Passagen erklingen, weil da keine Einheit behauptet wird, die der Formalist und Ganzheitler Widor ja auch gar nicht komponieren konnte, kommt die Genialität seines Einfalls umso deutlicher heraus. Die Unterrichtsstunde zersplittert die Toccata in verschiedene Bagatellen, die alle für sich überzeugender sind als die vorgebliche Vollendung durch den Komponisten."

Weiteres: In der taz schildert Natalie Mayroth ihre Eindrücke vom Elektronikfestival "Wonderfruit" im thailändischen Sextourismus-Paradies Pattaya. Besprochen werden CDs von Mumford & Sons sowie Mountain Man (FR), ein Album mit Klezmer aus den Zwanzigern (NZZ) und das wirklich letzte Abschiedskonzert der Nürnberger Band Throw That Beat in the Garbagecan (taz).
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Bühne

In der Nachtkritik berichtet Oliver Kranz vom Aufbruch der Theaterszene in Kiew, der auch durch Projekte der European Theatre Convention befördert wurde.
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Film

In Los Angeles wurde die Golden Globes verliehen, meldet die NZZ. Ausgezeichnet wurden als beste Darsteller Glenn Close für ihre Rolle in "The Wife" und Rami Malek für seine Rolle in "Bohemian Rhapsody". David Steinitz porträtiert für die SZ die Schauspielerin Amy Adams, die bei der Globe-Verleihung leider leer ausging. Bono-Tochter und Schauspielerin Eve Hewson spricht im Interview mit der Welt über ihren neuen Film, eine Robin-Hood-Verfilmung.

Besprochen werden Lukas Dhonts Film "Girl" über eine junge Transfrau, die Primaballerina werden will (Presse) und "Watership Down" auf Netflix (Welt).
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Stichwörter: Golden Globes, Netflix

Kunst

Marcel Duchamp, L.H.O.O.Q, (1919) 1965, Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern


Ausgesprochen erfrischend findet SZ-Kritiker Till Briegleb die Marcel-Duchamp-Schau in der Staatsgalerie Stuttgart, die Schlüss mache mit dem weihevollen Kult um den Künstler: "Heute wird Marcel Duchamp meist so bitterernst und ehrerbietig rezipiert, als sei er der Prophet eines modernen Kunstevangeliums. Oh, der Erfinder des 'Readymades'! Oh, 'Das Große Glas'! Oh, der Vater der Konzeptkunst!" Die Staatsgalerie dagegen zeigt den Kunstkomiker, freut sich Briegleb, und zwar schön unehrbietig: "Die Kuratorin Susanne Kaufmann nahm sich die 100 Fragen, die der Schweizer Duchamp-Experte Serge Stauffer 1960 an Duchamp schrieb, als Vorbild, um selbst 100 Fragen zu stellen. Auf Postkarten aus grauem Karton, gestaltet von Joseph Kosuth und über die gesamte Ausstellung zum Mitnehmen verteilt, fragt Kaufmann: 'Hat die Mona Lisa einen heißen Hintern?', 'Warum sind es immer die anderen, die sterben?', aber auch: 'Ist Duchamp eigentlich ein politischer Künstler?'"

Knut Henke berichtet in der NZZ vom Widerstand der kubanischen Künstler gegen das Gesetz 349, mit dem die Regierung ihrer Ansicht nach die Kunst zensieren wolle. Angeführt wird der Protest von der hartnäckigen Tania Bruguera, deren Werke gerade in der Londoner Tate Modern zu sehen sind, und er zeitigt erste Erfolge: "Der breite Widerstand hat die Kulturverantwortlichen zum Handeln gezwungen. Erst erklärte Vizeminister Fernando Rojas am 6. Dezember, dass eine 'ergänzende Verordnung' zum Gesetz erlassen werde, tags darauf versicherte sein Vorgesetzter Alpidio Alonso, dass das Gesetz nur 'graduell und im Konsens' Anwendung finden solle. Ohnehin sei seine Zielrichtung eine ganz andere, so Alonso; man wolle damit 'der Vulgarität, dem schlechten Geschmack, der unbefugten Berufsausübung und der Mittelmäßigkeit' Einhalt gebieten, sagte der Minister im kubanischen Fernsehen."

Besprochen werden die Max-Ernst-Ausstellung "Zeichendieb" Sammlung Scharf-Gerstenberg Berlin (FAZ), die Ausstellung "The Influencing Machine" über die Macht von Algorithmen in der Berliner NGBK (Tsp), Pamela Rosenkranz' Lichtinstallation im Zürcher Fraumünster (NZZ) und die Ausstellung "Beauty" im MAK in Wien (SZ).
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