9punkt - Die Debattenrundschau

8 Millionen Aktivitäten zur ethnischen Einheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.11.2018. Im Guardian beschreibt der Sinologe Timothy Grose die brutale Unterdrückung der muslimischen Bevölkerung von China.  Laut New York Times präsentiert die Türkei neue Audiodokumente, die nachweisen sollen, dass Jamal Khashoggi auf höchste Weisung ermordet wurde. Politico.com erklärt, was es mit dem "Intellectual Dark Web" (IDW) auf sich hat. Und der Guardian freut sich über eine Million Leser, die ihn unterstützen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.11.2018 finden Sie hier

Politik

Im Guardian fordert der Sinologe Timothy Grose mehr Solidarität mit den Muslimen im Nordwesten Chinas, die zu hunderttausenden in Umerziehungslagern der Regierung drangsaliert werden. Dazu muss niemand eine Straftat begangen, sondern nur genügend Minuspunkte auf dem sozialen Kreditsystem gesammelt haben. "Die massenhafte Inhaftierung junger Erwachsener hat Tausende von uigurischen Kindern ohne Eltern zurückgelassen. Die Lösung der Kommunistischen Partei besteht darin, sie wie Waisen zu behandeln und sie in 'Kinderbetreuungszentren' unterzubringen. Unter staatlicher Aufsicht wird ihnen der regelmäßige Kontakt mit ihrer Großfamilie verwehrt und sie aus Gemeinschaften entfernt, in denen muslimische und zentralasiatische Normen das tägliche Leben prägen. Die wenigen Familien, die von dem Schrecken der Umerziehung verschont blieben, erleiden eine Form der Hausinvasion. Regierungsprogramme wie 'Visit the People, Benefit the People, and Bring Together the Hearts of the People' haben dazu geführt, dass mehr als eine Million Han-Zivilisten in Zwangsheimen neben oder sogar mit Uiguren leben. Laut Xinjiang TV News machten diese Menschen - manchmal auch als 'große Brüder und große Schwestern' bezeichnet - von 2016 bis Mai 2018 24 Millionen Hausbesuche, führten 33 Millionen Interviews (genauer: Verhöre) und organisierten mehr als 8 Millionen Aktivitäten zur 'ethnischen Einheit'."

Die Türken haben eine Audioaufnahme präsentiert, die beweisen soll, dass die Ermordung Jamal Khashoggis auf höchste Weisung geschah, berichtet die New York Times. Es handelt sich um einen Anruf eines  engen Mitarbeiters des Kronprinzen Mohammed bin Salman, der einem Kollegen nach dem Mord sagt: 'Sag' deinem Boss, das die Tat vollbracht ist.'" Damit kommt neue Dynamik  in die Affäre: "Saudische Offizielle wollten in den nächsten Tagen die Ergebnisse ihrer eigenen Untersuchung präsentieren, aber die Enthüllung der Türkei, dass sie und westliche Stellen auch Transkripte dieser Aufnahmen besitzen, könnte die Saudis zwingen, vor ihrer eigenen Präsentation aufzugeben."

Mark Dittli porträtiert für republik.ch den Sonderermittler Robert Mueller, der - obwohl selbst konservativ - die gesamte republikanische Partei und ihren Mafiaboss erzittern lässt. Die Arbeitsweise des Ermittlers beschreibt er so: "Sein Führungsstil ist autoritär; Geduld mit Untergebenen, die ihm widersprechen, hat er wenig. Mehrmals soll er in Sitzungen ein Zitat aus dem Actionfilm 'Crimson Tide' verwenden, in dem der von Gene Hackman gespielte U-Boot-Kapitän sagt: 'Wir sind hier, um die Demokratie zu retten, nicht, um sie zu praktizieren.'"
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Geschichte

Die deutsche, muslimische, türkische und jüdische Geschichte sind viel verquickter, als die meisten es sich klar machen. Aber keiner der Redner zum 9. November hat die Muslime angesprochen, schreibt Michael Wolffsohn in der FAZ. Er erinnert sich an seine Kindheit in Tel Aviv, als die Palästinenser sich militant gegen die Einwanderung von Juden wehrten. Viele Schüssen gingen von der Tel Aviver Siedlung Sarona aus, "gegründet und bewohnt von deutschen Templern. Sarona ist heute ein Tourismus-Magnet, damals roch es dort nach Schießpulver; damals waren siebzehn Prozent der in Palästina lebenden deutschen Templer Mitglieder der NSDAP. Kaum dem NS-Reich entflohen, trafen deutsche Juden auf deutsche Nazis und deren arabisch-islamische Waffenbrüder im 'Gelobten Land'. Beide gelobten, auch Palästina 'judenrein' zu machen."
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Internet

Auf SZ online kritisiert Adrian Lobe Facebooks Newsfeed, der sich immer wieder durch eine Änderung der Algorithmen neu gliedert. Für journalistische Produkte sei das brandgefährlich: "Facebook kann Portale hochjazzen, aber gleichsam in die Bedeutungslosigkeit herunterpegeln - ohne dass die Algorithmen einer öffentlichen Kontrolle unterzogen werden. Es ist so, als würde jemand über Nacht die Sendefrequenzen ändern und dafür sorgen, dass manche Stationen nicht mehr senden können oder die Signale so verrauscht sind, dass sie keiner mehr hört. Facebook sitzt an den Hebeln der Macht - und kann sie jederzeit betätigen."
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Stichwörter: Facebook

Medien

Der Guardian hat sich anders als die meisten anderen großen Medien entschieden, seine Inhalte nicht hinter einer Paywall wegzuschließen und hat statt dessen vor drei Jahren ein Modell freiwilliger Unterstützung durch die Leser eingerichtet - und es funktoiniert, schreibt Chefredakteurin Katherine Viner in einer Art Brief an die Leser: "Heute bekannt geben zu können, dass wir in den letzten drei Jahren von mehr als einer Million Lesern weltweit finanzielle Unterstützung erhalten haben, ist solch ein wichtiger Schritt. Dies Modell der Finanzierung durch freiwillige Abos des Guardian, des Observer und des Guardian Weekly funktioniert. Und das heißt, dass der Guardian nach drei Jahren auf dem Weg zum sicheren Bestand ist."
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Ideen

Amelia Lester erzählt in politico.com, was es mit dem "Intellectual Dark Web" (IDW) auf sich hat, einem losen Zusammenschluss von Intellektuellen und Silicon-Valley-Unternehmern, die sich gegen linke Identitätspolitik wenden und für sich in Anspruch nehmen, Werte der Aufklärung zu verfechten. Ihr Lieblingsmagazin ist Quillette (aus dem auch der Perlentaucher schon häufiger zitierte), das von der Redakeurin Claire Lehmann betrieben wird: Dies Magazin "hat zeitweise schon einen massisven Widerhall aus sozialen Medien bekommen. Seine Autoren wurden alle mögliche Namen an den Kopf geworfen, von 'Clown' bis 'Kryptofaschist'. Aber zu den Fans der Seite gehören der Pop-Psychologe Jordan Peterson, der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, die Psychologieprofessoren Steven Pinker aus Harvard und Jonathan Haidt von der New York University und Kolumnisten wie David Brooks, Meghan Daum und Andrew Sullivan."

In der NZZ möchte die amerikanische Philosophin Martha C. Nussbaum eigentlich nicht darüber nachdenken, was ein Mensch ist - interessanter fände sie die Frage, was ein Elefant ist oder ein Schwein -, aber sie bleibt dann doch beim Menschen. Oder vielmehr bei dem Fehler des Menschen, sich ins Zentrum der Welt zu stellen. Aristoteles sah das noch anders: "Er hielt seine Schüler dazu an, ihr wissenschaftliches Interesse nicht von den unscheinbaren Tieren abzuwenden, denn in jedem Wesen sei etwas Wunderbares, nicht zuletzt der allen gemeinsame Lebenswille. Dieser Sinn fürs Wunderbare, der uns ein umfassenderes ethisches Bewusstsein vermitteln sollte, ist ein tief verwurzelter Teil unserer Menschlichkeit. Aber gerade dieser Sinn ist im Schwinden begriffen, und der Mensch dominiert die Erde mittlerweile so sehr, dass wir kaum mehr das Gefühl haben, mit anderen Tieren auf einer Grundlage der Gegenseitigkeit leben zu müssen." (Der Text erschien ursprünglich in der von der NYT initiierten Reihe "The Big Ideas")

Und: Im Standard lässt die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz anlässlich von 100 Jahren Frauenwahlrecht in Österreich kein gutes Haar am immer noch herrschenden Chauvinismus in Österreich.
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Gesellschaft

Bernd Rheinberg plädiert bei den Salokolumnisten dafür, das Thema "Innere Sicherheit" nicht den Rechtspopulisten zu überlassen: "Die ersten Opfer von Kriminalität sind die Ärmsten und Schwächsten, die nicht die Möglichkeit haben zu fliehen, oder Minderheiten. Auch sie haben Ängste. Angst ist keine Sache politischer Präferenzen."
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Stichwörter: Innere Sicherheit

Europa

Am Wochenende gab es große Gedenkmärsche in Polen zur Feier des hundertsten Jahrestags der Unabhängigkeit. Die Regierungspartei PiS verbündete sich mit Rechtsradikalen. "Das ist eine Katastrophe für die polnische Demokratie", schreibt Gabriele Lesser in der taz, die in den Demos manche Fahnen faschistischer Parteien, aber keine blaue Europafahne gesehen hat: "Die Zerstörung der sogenannten III. Republik, die 1989 nach langjährigen Kämpfen des Arbeiterführers Lech Walesa und seiner Gewerkschafts- und Freiheitsbewegung Solidarnosc entstanden war - streben auch Polens Nationalpopulisten an, die seit 2015 die Regierung stellen. Sollten sie im nächsten Jahr die Parlamentswahlen gewinnen und eine neue Verfassung verabschieden, wäre das das Ende der polnischen Demokratie."

Die linksrechtspopulistische italienische Regierung hat der EU ein Budget präsentiert, das große neue Defizite vorsieht. Der neue italienische Nationalismus setzt darauf, dass die anderen europäischen Staaten Italien schon aus der Patsche helfen werden, schreibt der Politologe Alberto Mingardi in politico.eu: "Wozu Umsicht, wenn man auf Kosten eines anderen verschwenderisch sein kann? Kein Wunder, dass solch eine Haltung - die paradoxer Weise auf einem Nationalismus beruht, der Autarkie zugunsten 'europäischer Solidarität' fahren lässt - von den anderen Mitgliedsstaaten nicht mit Begeisterung aufgenommen wird."

Der Historiker Mark Jones spricht im Interview mit der FR über die Gewalt, die der Novemberrevolution in Deutschland, über die er das Buch "Am Anfang war Gewalt - Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik" veröffentlicht hat, vorausgegangen war. Er sieht auch Parallelen zu heute: "Angst macht mir die schnell vorankommende Verrohung der Sprache. Das Schüren der Angst. Das Thema vom Ausländer, der unsere Frauen vergewaltigt - das kommt dem sehr nahe, wie damals aufseiten der Rechten geredet wurde. Seit Jahren kann man den Fernseher nicht mehr anmachen ohne zu hören: Ausländer sind gefährlich, der Islam ist gefährlich. Irgendwann nimmt man es hin als selbstverständliche Meinungsäußerung. Es formt die Mentalität. Es ist doch beängstigend, dass man Viktor Klemperers Buch 'LTI', seine Analyse über die Sprache des Dritten Reiches, zur Hand nehmen muss, um zu verstehen, was heute los ist."
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