9punkt - Die Debattenrundschau

Nicht nur, dass man nicht weiß

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2018. Die Irish Times unterscheidet mit Blick auf die Brexit-Anhänger zwischen drei Formen der Ignoranz: absichtliches Unwissen, krasse Selbsttäuschung und "pig ignorance". Die SZ erzählt, wie die Stadt Chemnitz ihren Ruf retten will. Die New York Times bringt eine dreiteilige Videoserie über russische Einflussnahme bei den amerikanischen Wahlen. Wieviele Paywalls werden die Leser von Medien wohl bezahlen, fragt das Nieman Lab. Die FAZ beklagt die öffentlich-rechtliche Schmonzettenexpansion.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2018 finden Sie hier

Europa

Es passiert nicht so oft, dass ein Artikel aus der Irish Times in den Twitter-Charts ganz oben landet. Es handelt sich allerdings um eine scharfe und witzige Polemik, wie man sie nicht jeden Tag liest. Fintan O'Toole unterscheidet drei Formen der Ignoranz bei Brexit-Anhängern, nämlich absichtliches Unwissen, krasse Selbsttäuschung und das, was O'Toole "pig ignorance" nennt, ein absolutes Unwissen über Irland, das allerdings etwa von Karen Bradley, der Staatssekretärin für Nordirland, oder vom Brexit-Beauftragten Dominic Raab an den Tag gelegt wurde. Bradley hatte zugegeben, nicht gewusst zu haben, wie tief die Gräben zwischen den Parteien in Nordirland sind. Auch Dominic Raab hatte zugegeben, nicht das volle Ausmaß des Irland-Problems erkannt zu haben. O'Toole dazu: "Wirklich charmant daran ist, dass Bradleys und Raabs Ignoranz von ihnen offen geäußert wurde. Nicht nur, dass sie Grundlagen nicht kannten, sie meinten auch, dass es nicht mal schändlich sei, sie nicht zu kennen. Dies ist die reinste Form der Ignoranz: Nicht nur, dass man nicht weiß, man weiß nicht mal, dass man es eigentlich wissen sollte."

Immerhin: Der Guardian und viele andere Medien melden, dass ein Brexit-Deal in Aussicht steht, der nun allerdings noch die Klippen der britischen Innenpolitik passieren muss.

Fast alle Bundesländer wollen die Polizeibefugnisse drastisch verschärfen, auch mit Hilfe der Grünen. Konrad Litschko sieht darin in der taz politisches Kalkül: "Viele der Verschärfungen dürften indes noch einen ganz anderen Fokus haben als die Terrorabwehr: einen innenpolitischen. Sie dienen den CDU-, CSU- oder SPD-Innenministern als Profilierung, auch gegen eine rechtspopulistische AfD, die alles noch härter will. Es ist Symbolpolitik auf einem mehr als heiklen Terrain."
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Ideen

Stark irritiert hat Clemens Klünemann (NZZ) das neue Buch des französischen Soziologen Emmanuel Todd gelesen, "Où en sommes-nous? Une esquisse de l'histoire humaine", eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus, in dem er besonders Deutschland mit völkerpsychologischen Wesenszuschreibungen (autoritätsgläubig, maßlos, überheblich - und das seit der Steinzeit) bedenkt. "Unbeabsichtigt bestätigt er damit eine Erkenntnis, die sich bereits am Beispiel der deutsch-französischen Kulturkriege der Jahrhundertwende hat gewinnen lassen - dass nämlich das überspitzte Bild des Nachbarn nur schlecht ein tiefer liegendes Selbstbild verbirgt. Das nach Dominanz strebende Deutschland dient als Erklärung für den schmerzlich erfahrenen Verlust der 'exception française' und damit des französischen Maßstabs, an dem während Jahrhunderten das politische, aber vor allem das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Europa und der Welt gemessen wurde. Beim eigenen Niedergang hört die Freundschaft auf!"

In der FR sieht der Frankfurter Sozialphilosoph Rainer Forst die Demokratie in Gefahr - durch rechts- und linksnationale Strömungen einerseits, durch transnationale Phänomene wie Migration oder Finanzmärkte, auf die national gar nicht mehr reagiert werden kann, andererseits. Forst beschreibt das in aller Ausführlichkeit, bis er zu dem Schluss gelangt: "Progressive Politik muss Wege finden, transnationale demokratische Macht zu generieren, und es wäre gut, zumindest in Europa damit anzufangen und die entsprechenden 'Parteienfamilien' zu echten transnationalen Parteien zu formen, die das, was Gemeinwohl heißt, neu bestimmen."

Eine sehr viel gefährlichere Lektion lernt Arno Widmann aus der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Dieser Krieg zerstörte Europa. Doch während das alte Europa brannte, arbeiteten Paul Gerhardt, Otto von Guericke, Christoffel von Grimmelshausen, Andreas Gryphius und Angelus Silesius, Lope de Vega, Calderón de la Barca, Baltasar Gracián und die Maler Diego Velázquez, Francisco Zurbarán und Esteban Murillo, René Descartes, Thomas Hobbes, Francis Bacon, Galileo Galilei und William Harvey an einem neuen, schreibt Widmann in der FR: "Man kann sich die Vernichtung nicht radikal genug vorstellen. Nicht nur Häuser und Menschen wurden zerstört, sondern auch Institutionen, Ideen und Ideale. Aber aus dieser Zerstörung, nein, mitten in ihr entstand die Moderne. ... Erst der Untergang einer alten ermöglichte den Aufgang einer neuen Welt."
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Medien

CNN erhebt Klage gegen das Weiße Haus, nachdem Präsident Donald Trump angeordnet hatte, dass dem Reporter Jim Acosta die Akkreditierung entzogen wird (unsere Resümees). In einem Statement begründet der Sender seinen Schritt. Das Argument der Trump-Sprecherin Sarah Sanders, dass CNN eine Menge weiterer Reporter mit Akkreditierung habe, will CNN nicht gelten lassen; "Für viele Journalisten und Verteidiger der Meinungsfreiheit ist das nicht der Punkt. Ein Statement der correspondents' association spiegelt die Meinung vieler Journalisten wider: Der Präsident 'sollte es nicht als seine Sache betrachten, die Frauen und Männer auszuwählen, die über ihn berichten dürfen'."

Auch das New York Magazine und Quartz werden eine Paywall hochziehen. Joshua Benton stellt im Nieman Lab die bange Frage, wie viele Paywalls die Leser sich wohl werden leisten wollen. Bei der Washington Post habe es funktioniert. Aber "nur 16 Prozent der Amerikaner sagen, dass sie willens seien, für Online-News zu bezahlen. Wird, wer zuerst die Times oder die Post abonniert, noch einen zweiten, dritten, vierten Dienst abonnieren? Vor allem wenn der zweite oder dritte Dienst genau so viel oder mehr kostet wie die überregionale Lieblingszeitung?"

Oh Gott, die Öffentlich-Rechtlichen expandieren mit ihren Schmonzetten. Michael Hanfeld untersucht in der FAZ die neue Kooperation zwischen den Sendern und der Telekom, die alte Inhalte der Sender in ihrer neuen App Magenta TV anbieten wird. Auch mit Sky kooperiere man ja bereits, so die Sender: "Wie das aussieht, wissen Kunden mit den entsprechenden Abos längst. Pay-Kanäle wie Romance TV (bei Sky) oder der Heimatkanal aus dem Hause Mainstream Media könnten ohne öffentlich-rechtliche Filme und Serien gar nicht existieren. Bei Romance TV laufen die Rosamunde-Pilcher-Filme des ZDF und die Herzschmerzkomödien der ARD nonstop."
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Kulturpolitik

Die Chemnitzer versuchen den Ruf ihrer Stadt zu retten. Erst mit einem Freiluftkonzert gegen Rechts, zu dem 65.000 Besucher kamen (eine Zahl, von der die Rechten nur träumen können) und jetzt mit dem Festival "Aufstand der Geschichten", das von einer Kunst-Biennale begleitet wird. Zum Auftakt kam viel Prominenz, berichtet Burkhard Müller in der SZ: Armin Nassehi "lobt die Chemnitzer dafür, dass sie einen Titel wie 'Aufstand der Geschichten' gewählt haben, denn auf das Narrativ kommt es an. Freilich muss er einräumen, dass es auch falsche Geschichten gibt, und dass man darum nicht aufhören dürfe, ihnen beharrlich die richtigen entgegenzusetzen, solang, bis sie sich eingeprägt haben. Ganz wohl war einem dabei nicht: Wo bleibt, wenn alle nur gegeneinander anerzählen, das Prinzip der Wahrheit? Was ist mit der Macht? Was mit den Interessen?"

Politik

Die New York Times präsentiert eine dreiteilige Videoserie über russische Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf. Die Ankündigung klingt dramatisch: "Die Einmischung Russlands in die Wahlen in den Vereinigten Staaten ist kein Schwindel. Sie ist der Höhepunkt einer jahrzehntelangen Kampagne Moskaus, den Westen zu spalten. 'Operation InfeKtion' zeigt, wie eine der zentralen Taktiken der Sowjets - die Verbreitung von Lügen über Amerika - heute weitergeht, von Pizzagate bis George-Soros-Verschwörungen."
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Gesellschaft

Auch Dinah Riese nennt in der taz den Namen des Aktivisten, der Abtreibungsärztinnen mit Anklagen überzieht und bezieht sich auf Björn Eberling, den Anwalt der Journalistin Kersten Artus, die Yannick Hendricks' Namen zuerst öffentlich machte (unser Resümee), obwohl dieser Anonymität wünscht und Namensnennungen anwaltlich verfolgt: In seiner Entgegnung argumentiert Eberling, "in der öffentlichen Debatte zu dem Thema werde 'gerade nicht nur über die politischen Sachfragen, sondern auch über die involvierten Personen, so etwa über angezeigte Ärzt_innen, als Personen berichtet.'"
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