9punkt - Die Debattenrundschau

Die Nachbarn, der Stamm, der Kollege bei der Arbeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.08.2018. Das Zeitalter des Islamismus beginnt parallel zum Zeitalter der Ideologien in Europa, sagt der Islamwissenschaftler Thomas Bauer im Tagesspiegel. Stimmen für den Populismus kommen keineswegs nur von sozial Kaltgestellten, zeigt politico.eu am Beispiel Polens. Die Zeit fragt sich, ob der Kolonialismus wirklich an allem schuld ist. Ohne Demokratie wird's nirgends besser werden, meint die Welt. Und in der NZZ staunt Michael Ignatieff über den Regionalismus der digitalen Eliten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2018 finden Sie hier

Europa

Einen sehr interessanten Einwand gegen die These, dass die Stimmen für Populisten Frucht sozialen Zurückgelassenseins seien, macht Matthew Kaminski in politico.eu: Polen ist ein wirtschaftlich dynamisches Land mit gerade mal 4 Prozent Arbeitslosigkeit. "Die Ablehnung der angeblich'euroliberalen Mainstream'-Politik im Jahr 2015, als die Partei Recht und Gerechtigkeit die Mitte-Rechts-Bürgerplattform von der Macht verdrängte, hatte wenig mit Wirtschaft zu tun. Dies war eine polnische Version von Viktor Orbáns 'illiberaler Demokratie', die auf Blut, Boden und der Angst vor dem 'Anderen', dem Migranten, aufgebaut war. Das war nicht ein Hilferuf von Weißen ohne Arbeit. Polen hat weder stagnierende Löhne noch bleibende Narben aus der Krise von 2008, die es ganz und gar überstanden hat."

Daniel Zylbersztajn staunt in der taz über die immer neuen Belege für Antisemitismus in der Labour-Partei und vor allem bei Jeremy Corbyn selbst: "Was in Bezug auf Corbyn mit Vorwürfen begann, sich mit Hamas- und Hisbollah-Funktionäre zu befreunden, endet nun an den Gräbern von Personen, die für den Terror bei den Olympischen Spielen 1972 mitverantwortlich waren. Und jeden Tag werden Corbyns Gegner erneut fündig. Vergangene Woche kam heraus, dass der Labour-Chef sich 2011 gegenüber dem iranischen TV-Sender Press TV beschwerte, das britische BBC-Fernsehen sei zugunsten des Existenzrechts Israels parteiisch. Diese Woche ging es um Spenden von Hamas-Freunden für seinen Wahlkampf um die Labour-Führung 2015."
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Gesellschaft

Wir halten Widersprüche in keiner Beziehung mehr aus, sagt im Tagesspiegel-Interview der Islamwissenschaftler Thomas Bauer, der gerade ein Buch zum Thema vorgelegt hat. Der Prozess habe sowohl im Osten als auch im Westen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingesetzt: "In den islamischen Gesellschaften zum Beispiel ging die Ambiguitätstoleranz rapide verloren, als man sich vom Westen, der militärisch-wirtschaftlich überlegen war, bedroht und bedrängt fühlte. In der Folge nahm dann die Flexibilität der islamischen Rechtsprechung ab. Dabei war diese ein Musterbeispiel an Ambiguität, denn sie war eigentlich nichts anderes als eine hochkomplexe Auslegungstradition, die praktisch gar keine eindeutigen Antworten kannte. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Tendenz der Abnahme recht allgemein. In Europa beginnt das Zeitalter der Ideologien, die uns bis heute nicht losgelassen haben."

Im NZZ-Interview mit Johannes Böhme spricht Michael Ignatieff, derzeit Rektor der Central European University (CEU) in Budapest, über seine gescheiterte Präsidentschaftswahl in Kanada im Jahr 2011, Viktor Orbans Versuch, die von George Soros finanzierte CEU zu schließen und die Tendenz, aus Angst vor der Globalisierung Halt in lokalen Identitäten zu suchen: "Es gibt zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden Menschen, die zu einer globalen Mittelschicht zählen, die Handys benutzen, die lange Reisen machen und mehrere Sprachen sprechen. Sie sind die Treiber der ökonomischen Globalisierung, einer welthistorischen Umwälzung. Aber ich bin sehr erstaunt darüber, wie lokal ihre Loyalitäten geblieben sind. Auch ihre Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Ein Beispiel: Die Sprache der Menschenrechte wird von ihnen kaum benutzt. Sie rechtfertigen sich nicht vor 'der Menschheit', sondern vor ihrer Familie, vor den Nachbarn, dem Stamm, den Kollegen bei der Arbeit."
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Politik

Mit Blick auf die Proteste gegen Autokratien in Rumänien, in Venezuela, sogar im Iran und im Irak gibt Richard Herzinger in der Welt die Hoffnung auf die Demokratie nicht auf: "Angesichts der meist katastrophalen Entwicklungen, die der 'arabische Frühling' nahm, hat sich im Westen die Auffassung verbreitet, auf diese Weltregion seien demokratische Freiheitswerte aus 'kulturellen' Gründen nicht anwendbar. Eine westliche Politik, die auf ihre Verbreitung zielt, wird jetzt häufig als weltfremd denunziert. Doch die neuerlichen Erhebungen der Zivilgesellschaften belegen, dass auch im Nahen Osten Frieden und Stabilität auf Dauer nur durch die Entwicklung demokratischer Verhältnisse denkbar sind. Auch in Syrien werden die Bürgerproteste gegen das aktuell  triumphierende Assad-Regime nach Ende der Kriegshandlungen wieder aufflammen."

Thomas Gebauer und Ilija Trojanow schreiben in der FAZ über den "Teufelskreislauf" der Hilfe, dem NGOs und Entwicklungspolitik ausgesetzt seien und beschreiben ihn so: "Die Verhältnisse (in Pakistan leiden vierzig Prozent der Kinder an Unterernährung) bedingen mehr Hilfe, als sie je leisten könnten. Sie hegen keine Illusionen über die begrenzte Wirkung ihrer Aktionen. Zur nachhaltigen Bekämpfung von Hunger würde es grundsätzlicher Eingriffe in bestehende Ungleichheiten und Machtverhältnisse bedürfen. Sie engagieren sich aber trotzdem für den Tropfen auf den heißen Stein."
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Ideen

Colin Crouch vom Max-Planck- Institut für Gesellschaftsforschung hält die Idee einer linken Sammlungsbewegung in der Zeit für nicht so gut. Stattdessen möchte er die Sozialdemokratie reparieren. Zwar "wäre es eine Gefahr für die sozialdemokratische Linke, sich allein auf die abgehängte Arbeiterklasse zu konzentrieren: Diese Klasse wird niemals wieder aus sich heraus eine Mehrheit stellen." Die Arbeiter bei Amazon und Co. müssten es darum richten: "Die sozialdemokratische Linke muss ihre starke Verbindung zu Sozialstaat und Gewerkschaften wiederaufleben lassen. Dazu muss sie die neuen, oftmals mit großer beruflicher Unsicherheit konfrontierten Arbeitnehmer im privaten Dienstleistungssektor davon überzeugen, dass sie ebenso sehr wie Handarbeiter und Staatsbedienstete eine Vertretung ihrer Interessen durch Gewerkschaften benötigen."

Auf den Kulturseiten, ein bisschen weiter hinten klagt ein weiterer Vordenker der Kapitalismuskritik, David Graeber, über die vielen "Bullshit-Jobs", die sich diese Gesellschaft offenbar leisten kann: "Wenn wir die Arbeit betrachten, die in den Dreißigerjahren verrichtet wurde, dann ist davon die meiste verschwunden - oder in andere Länder abgewandert. Als Gesellschaft hat uns das vor die Frage gestellt: Sollen wir die Zahl der Wochenarbeitsstunden massiv reduzieren? Das wäre die beste Lösung gewesen. Wir haben uns für eine andere entschieden: Jemand hat sich sinnlose Berufe ausgedacht, um uns weiterzubeschäftigen. Jetzt sitzen viele von uns in Büros herum, sie basteln Katzen-Meme und sind unglücklich, weil sie sich nicht mehr als selbstwirksam erleben."

Und noch eine weitere Idee wird in der Zeit gleich doppelt erwogen: Sind die globalen Probleme und die Flüchtlingskrise tatsächlich eine Frucht des Kolonialismus, wie Gero von Randow neulich behauptete? Nein, rufen gleich drei Autoren: Die Idee des Dschihad im Islam sei zum Beispiel gut 800 Jahre älter als der Kolonialismus. Und im Feuilleton ergänzt die Philosophin Maria-Sibylla Lotter unter dem Titel "Der Wille zur Schuld": "Nach dieser Logik könnte freilich auch jemand argumentieren, dass Hitler ohne den Versailler Vertrag wohl kaum an die Macht gekommen wäre und daher die Siegermächte des Ersten Weltkrieges schuld an den Nazigräueln gewesen seien."

Au0erdem: Michael Hüther und Knut Bergmann vom Institut der deutschen Wirtschaft antworten in der FAZ auf Wolfgang Streecks Aufruf für eine linke Sammlungsbewegung (unser Resümee) und raten der SPD, "sich noch rückwirkend mit ihren eigenen Erfolgen der Schröder-Zeit auszusöhnen".

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Medien

Ines Pohl, Chefredakteurin der Deutschen Welle, hat auf der Website ihres Senders sämtliche Kommentarfunktionen für Leser abgeschaltet, weil in diesem bösen Netz so viele Trolle unterwegs seien. Sascha Lobo ist damit in einer Spiegel-online-Kolumne überhaupt nicht einverstanden: "So hört es sich an, wenn man Kommentare letztlich als verzichtbares Beiwerk begreift. So hört es sich an, wenn man die wesentlichste soziale Neuerung des Internet, den Rückkanal, nie ernsthaft und professionell untersucht hat. So hört es sich an, wenn man vor der eigenen inszenierten Hilflosigeit kapituliert. "

Weitere Artikel: "A Free Press Needs You", titelt die New York Times zum heutigen Aktionstag der amerikanischen Presse gegen Donald Trumps Fake-News- und Feind-Parolen. In der SZ glaubt Heribert Prantl, dass sich die journalistische Tragödie von Gladbeck trotz Pressekodex zumindest in den sozialen Medien wiederholen könnte. (Denn was die Journalisten können, können die Bürger schon lange, oder wie meint er das?) Im Tagesspiegel schreibt der Journalistik-Dozent Bernd Gäbler zum Thema.
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Religion

Seit der Aktivist Amed Sherwan beim Berliner Christopher Street Day ein T-Shirt mit der Aufschrift "Allah is gay" trug, erhält er Morddrohungen von strenggläubigen Muslimen. (Unser Resümee) Im Dlf-Kultur erzählt er, wie er als Jugendlicher im Irak tagelang gefoltert wurde, nachdem er einen Koran anzündete: "Das allerschlimmste für mich war noch im Gefängnis, dass ich jeden Tag mit denen beten musste. Mit Vergewaltigern, Mördern, für die mein Verbrechen noch viel schlimmer war: Ich glaub' nicht mehr."
Archiv: Religion
Stichwörter: Sherwan, Amed