9punkt - Die Debattenrundschau

Surpollupopulation

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2018. Der australische Philosoph Peter Singer hält in der FR an einer weitestmöglichen Auslegung der Meinungsfreiheit fest. Im Freitag freut sich Wirtschaftswissenschaftler Karl Ove Moene, dass er das Rezept für die Abschaffung der Ungleichheit gefunden hat. Die taz erzählt, wie Flüchtlinge an der Grenze zwischen Algerien und Niger krepieren. Im Guardian wehrt sich die Schauspelerin Dijana Pavlovic  gegen den ungenierten Rassismus, der Roma und Sinti entgegenschlägt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2018 finden Sie hier

Europa

Die Schauspielerin und Roma Dijana Pavlovic schreibt im Guardian über die anhaltende Diskriminierung von Roma und Sinti in Italien und im übrigen Europa. Durch die drastischsten Äußerungen fiel der neue italienische Innenminister Matteo Salvini auf, der erwägt, Roma auszuweisen: "Am meisten traf mich, als Salvini neulich sagte: 'Wir tun es für die Kinder. Sie sind den Eltern überlassen, die sie nur in der Kunst des Diebstahls erziehen.' Das war ein Echo auf das, was Elena Donanzzan, eine Politikerin der Liga in der Region Venedig, Monate zuvor in einer Sitzung des Regionalrats gesagt hatte: 'Wir sollten alle Roma- und Sinti-Kinder unter sechs Jahren von ihren Eltern trennen, um sie zu guten Bürgern zu erziehen.'"

Mit Identitätspolitik, Spaltung der Gesellschaft und Manipulation hat Tayyip Erdogan die türkischen Präsidentschaftswahlen gewonnen. Als Demokrat müsse er diesen Sieg akzeptieren, schreibt Bülent Mumay in seinen FAZ-Kolumne, und setzt hinzu: "Schauen wir uns die Zahlen genauer an, so sehen wir ein gefährliches Bild. Nach diesen Wahlen zeigt sich der erschreckende Befund, dass die Türkei zwiegespalten ist. Wir sind eine Gesellschaft, in der niemand seine Position verändert hat, keine Seite hat die andere überzeugen können, die Durchlässigkeit zwischen den Polen ist quasi auf null gesunken."
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Geschichte

Der Madrider Lehrer José Luis Gordo will Schulen der Stadt, die noch nach franquistischen Generälen heißen, nach Lehrerinnen und Lehrern der von Franco niedergewalzten Republik umbenennen, auch um an die Errungenschaften der Republik zu erinnern, wie er dem taz-Korrespondenten Rainer Wandler erzählt: "Die Bildung war einer der wichtigsten Aspekte der Reformen in der Republik. Die allgemeine Schulpflicht wurde eingeführt. Der Schulbesuch war kostenlos. Allein in Madrid wurden zwischen 1931 und 1936 22 neue Schulen eingeweiht. Insgesamt gab es in Madrid 83 öffentliche Schulen. Jungs und Mädchen wurden gemeinsam eingeschult. Die Religion wurde aus der Schule verbannt. Der Unterricht wurde wissenschaftlicher. Die Schulen bekamen neue Einrichtungen, das Modernste, was es zu jener Zeit gab." In einem zweiten Artikel bringt Wandler Hintergründe zum Thema.

Außerdem: Für die FAZ verfolgte Günter Platzdasch ein Symposion über den Historiker Rolf Peter Sieferle, der in seinen späten Jahren zum Ideengeber der AfD wurde.
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Kulturpolitik

Ulrich Gutmair berichtet in der taz über ein Symposion von Museumskuratoren und Kulturfunktionären zum Gedächtnis an Martin Roth, der von sich reden machte, als er das Victoria & Albert-Museum wegen des Brexit verließ (weniger rühmlich war seine Rolle bei der Aufklärungsausstellung in Peking, als zeitgleich Ai Weiwei ins Gefängnis gesteckt wurde, mehr hier). Gutmairs entscheidender Satz:  "Das heikle Thema, wie demokratische Gesellschaften mittels kulturellen Austauschs den Dialog mit Gesellschaften führen können, die sich im eisernen Griff von Autokraten und Diktatoren befinden, wurde von der Konferenz ausgeblendet."
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Politik

Die Flüchtlinge, die hier angeblich Asyltourismus betreiben wollen, die die Union in Aufruhr und ganz Europa in die Arme der Populisten treiben, werden in Algerien ohne Wasser und Nahrung an die Grenze zu Niger zurückgetrieben, wo sie zuweilen elendiglich krepieren, berichtet Lori Hinnant von AP in der taz: "Die Glücklicheren unter ihnen schleppen sich über trostloses, 15 Kilometer breites Niemandsland nach Assamaka - weniger ein Dorf als eine Ansammlung windschiefer Gebäude, halb im Sand versunken. Die weniger Glücklichen ziehen desorientiert und dehydriert tagelang durch die Gegend, bis sie von Rettungsteams der UN gefunden werden. Und ungezählte Menschen kommen unterwegs ums Leben."
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Stichwörter: Flüchtlinge, Algerien

Medien

Richtig großen Ärger gibt es zur Zeit beim Deutschlandfunk Kultur, berichtet Anne Fromm in der taz. Der Sender hat unter Programmdirektor Andreas-Peter Weber feststellen müssen, dass er mit seinem Geld nicht auskommt. Einige freie Mitarbeiter werden jetzt abgewickelt. Auf einer Personalversammlung gab es wütende Szenen: "Die Programmreformen hätten nicht funktioniert, man habe heute eine angespannte Finanzlage und weniger Hörer als je zuvor. Das stimmt: Laut der aktuellsten Mediaanalyse hat Deutschlandfunk Kultur rund 420.000 tägliche Hörer bundesweit, das ist weniger als vorher. Die Verantwortung für dieses Scheitern sehen die Berliner Mitarbeiter beim Programmdirektor Weber."

(Via turi2) ORF-Mitarbeiter werden par ordre de Mufti (und natürlich aus Respekt vor der Regierungspartei FPÖ) auch privat gleichgeschaltet, berichtet Harald Fidler im Standard und zitiert aus einem internen Schreiben des Senders: "Es verlangt etwa 'auch im privaten Umfeld' auf Social Media den Verzicht auf 'öffentliche Äußerungen und Kommentare in sozialen Medien, die als Zustimmung, Ablehnung oder Wertung von Äußerungen, Sympathie, Antipathie, Kritik und 'Polemik' gegenüber politischen Institutionen, deren Vertreter/innen oder Mitgliedern zu interpretieren sind'."

Slate.fr erinnert mit seinen berühmtesten Fotos daran, dass der ägyptische Fotograf Mahmoud Abou Zeid, bekannt unter dem Pseudonym Shawkan, seit fünf Jahren in Haft sitzt. Am Samstag soll das Urteil gegen ihn und weitere 738 Angeklagte gefällt werden.
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Ideen

Im Interview mit dem Freitag macht der norwegische Wirtschaftswissenschaftler Karl Ove Moene einen Vorschlag, wie man der wachsenden Ungleichheit zwischen Arm und Reich begegnen könnte: Alle Länder müssten zehn Prozent ihres Nationaleinkommens  als Grundeinkommen an ihre Bevölkerung verteilen, die UN soll es überwachen. Das können sich nur reiche Länder leisten? Stimmt nicht, meint Moene: "Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war Norwegen das ärmste Land in Europa, ein Außenseiter mit niedrigen Lebensstandards, irgendwo hoch oben am Nordpol. Jetzt ist es das reichste Land in Europa. Es hat mehr Wirtschaftswachstum als andere europäische Länder - auch wenn man das viele Öl außer Acht lässt. Norwegen fing nicht an umzuverteilen, als es reich wurde, es wurde reich, weil es umverteilte."

Alex Rühle besucht für die SZ Théophile de Giraud, den Vordenker der Antinatalisten, die ein Ende der menschlichen Fortpflanzung wollen, um die Erde vor der Überbevölkerung zu retten. Schon jetzt verbrauchen wir zu viele Ressourcen: De Giraud hat in diesem Zusammenhang den zwar nicht wirklich schönen, aber doch treffenden Neologismus 'Surpollupopulation' (aus Pollution für Verschmutzung und surpopulation für Überbevölkerung) geprägt. Außerdem, so de Giraud, sei der Mensch ja augenscheinlich nicht dazu in der Lage, sein Verhalten zu ändern. Im Gegenteil. Obwohl wir wissen, wie schädlich unser konsumptives Verhalten ist, verbrauchen wir immer noch mehr."

Der australische Philosoph Peter Singer hält im Interview mit der FR an einer weitestmöglichen Auslegung der Meinungsfreiheit fest, denn: wie soll man ohne Gegenrede seine eigenen Argumente überprüfen? Einzige Einschränkung: "Ich unterstütze Gesetze gegen rassistische Verunglimpfung, da die Verunglimpfung ein Versuch ist, Hass zu schüren, indem man sich an unsere Emotionen wendet. Sorgfältige wissenschaftliche Diskussionen darüber, ob es Unterschiede zwischen Rassen gibt, sollten jedoch nicht mit Versuchen, Rassenhass zu schüren, gleichgesetzt werden."

Was darf Karikatur? Darüber streiten im Freitag Jürgen Roth und Sophie Passmann. Anlass ist die Entlassung des Chef-Karikaturisten der Süddeutschen Zeitung, Dieter Hanitzsch, dem wegen einer Netanjahu-Karikatur Antisemitismus vorgeworfen wurde. "Der SZ-Feuilletonchef Andrian Kreye soll gefordert haben, bei 'Karikaturen künftig ganz auf das Stilmittel der Überzeichnung zu verzichten, um solche rassistischen Stereotype zu vermeiden', liest man nach den Hanitzsch-Turbulenzen. Nähme man Kreye beim Wort, wäre die komische Kunst in jeglicher Spielart aus der Welt, für immer", meint Jürgen Roth, der solche Absichten dem "Diversity"-Mantra einer "verrückt gewordenen, ungebildeten, moralpolitisch verhärteten, feindfixierten postmodernen Linken" anlastet.

Ach ja, der Altherrenstammtisch der weißen Männer hat Angst vor "Denkverboten", höhnt Sophie Passmann zurück. Die kapieren einfach nicht, dass sich die Welt geändert hat und man heute auf Anstand hält: "Die meinungs- und diskursbildende Öffentlichkeit besteht nicht mehr nur aus feixenden Herren, die recht unbeschadet durch die Welt schreiten und deswegen Zeit für etwas Ulk haben. Es gehört sich, Rücksicht auf Minderheiten zu nehmen und auf Gruppen, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten durch Sprechverbote, Unterdrückung, Marginalisierung oder sogar Vernichtung stumm gemacht wurden. Es ist das einzig Zeitgemäße."

Außerdem: In der NZZ macht der Literaturwissenschaftler Adrian Daub das Internet fürs Trolling verantwortlich. Und Andrian Lobe gruselt sich bei einem Vortrag des Starphysikers Michio Kaku in Boston über den "menschlichen Körper als nächster digitalisierter 'Industrie'".
Archiv: Ideen