9punkt - Die Debattenrundschau

Kinder mit erwachsenen Gesichtern

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.01.2018. Erregt debattieren die Medien der Welt einen offenen Brief französischer Schauspielerinnen, inklusive Catherine Deneuves, die mit Blick auf die #MeToo-Debatte vor Puritanismus warnen: "Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber nervende oder ungeschickte Anmache ist so wenig ein Vergehen wie Galanterie eine machistische Aggression." Die taz diskutiert über die Frage, ob der Besuch einer KZ-Gedenkstätte für Schüler verpflichtend sein soll. Im Tagesspiegel attackiert die iranische Künstlerin Parastou Forouhar den Westen für seine Nachsicht gegenüber den "Reformern" im Iran.

Gesellschaft

Aktualisierung um 15.30 Uhr

Le Monde hat das Papier der hundert französischen Schauspielerinnen (die keineswegs nur Schauspielerinnen sind, sondern auch Autorinnen und Intellektuelle) nicht online gestellt. Hier nun endlich der Link zum ganzen Papier auf einer eigens dafür geschaffenen Website.

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Französischer als dieses Papier, das bei Spiegel online schon verlegen kommentiert wird, geht es nicht. Hundert französische Schauspielerinnen, darunter Catherine Deneuve verteidigen in einer Petition bei Le Monde "die Freiheit, jemanden anzumachen, die für sexuelle Freiheit unerlässlich ist. Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber nervende oder ungeschickte Anmache ist so wenig ein Vergehen wie Galanterie eine machistische Aggression". Die Autorinnen begrüßen die legitimen Einsichten der Weinstein-Affäre. "Aber diese Befreiung des Worts verkehrt sich nun in ihr Gegenteil. Man bedrängt uns, korrekt zu sprechen, zu verschweigen, was nicht passt, und wer sich solchen Anordnungen widersetzt, steht als Verräterin und Komplizin da... Statt den Frauen zu helfen, autonom zu werden, dient die fiebrige Erregung, mit der 'die Schweine zum Schlachthof' geführt werden, in Wirklichkeit den Feinden der sexuellen Freiheit, religiösen Extremisten, schlimmen Reaktionären und all jenen mit ihrem  Schwarzweißbild von Gut und Böse und der dazugehörigen viktorianischen Moral, die glauben, dass Frauen etwas ganz Besonderes seien, Kinder mit erwachsenen Gesichtern, die verlangen, beschützt zu werden."

Die Erfinderinnen der #balancetonporc-Kampagne (so der französische #MeToo-Hastag) antworten bei francetvinfo.fr mit einem Gegenpapier unter dem genderisierten Titel: "Les porcs et leurs allié.e.s ont raison de s'inquiéter" (Die Schweine und ihrer Verbündeten haben sind zu Recht beunruhigt).

Im Guardian rümpft die australische Kolumnistin Van Badham die Nase ob dieses französischen Vorstoßes: Sie kenne ganz genau den Unterschied zwischen ungeschickter Anmache und sexuellem Übergriff, danke. "Selbst jene von uns, die nicht Oscar-nominiert sind, die nicht zu einer 'Clique von Autorinnern, Schauspielerinnen und Forscherinnen' gehören mit dem Privileg, sich in Le Monde zu äußern, erkennen diesen Unterschied. All jene, die als Kellnerin, Verkäuferin, Soldatin, Wissenschaftlerin, Studentin 'angemacht' wurden, die nein sagten, weglaufen wollten, nicht einwilligten, nicht da sein wollten und klar ignoriert wurden. 'Sexuelle Freiheit' ist das Recht, das eigene sexuelle Verhalten zu bestimmen, ohne Zwang. Darf ich annehmen, dass jene von uns, die ohne Macht und Status gelebt haben dies mit größerer Lebenserfahrung begreifen?"

Kritisch zu #MeToo äußert sich auch die Philosophin Christina Hoff Sommers in Spiked online, siehe unser Resümee in der Magazinrundschau. In der New York Times fasst Valeriya Safronova die unterschiedlichen Positionen zusammen.
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Kulturpolitik

In Hamburg wurde das Europäische Kulturerbejahr eingeläutet. Gefeiert werden soll - alles. Musik, Dichtung, Philosophie, sogar die "europäische Idee". Letzteres stößt Dankwart Guratzsch in der Welt sauer auf: "Die gemeinsame europäische Kultur ist eine Leerformel, wenn man nicht weiß, das ihre Besonderheit in der Vielfalt und sogar Widersprüchlichkeit von Hunderten selbstständiger Einzelkulturen liegt. Eine rein technokratische, verwaltungstechnische Grundlegung des neuen Europa bleibt abstrakt und seelenlos, wenn sie nicht, wie es der Geschäftsführer des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Uwe Koch, für das Kulturerbejahr formuliert hat, verstärkt die Sinn- und Identitätsstiftung in den Vordergrund stellt."

Internet

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) ist sehr weitgehend auf Kritik gestoßen. Constanze Kurz resümiert bei Netzpolitik die Debatte in den ersten Tagen der Geltung des Gesetzes, in denen Plattformen wie Twitter und Facebook viele Posts wegen angeblicher Hassrede löschten. Regierungssprecher versprechen "genaue Beobachtung und auch Transparenz" bei der Beurteilung, ob das Gesetz funktioniert. Kurz ist damit nicht zufrieden: "Das klingt, als wolle man die Evaluation auf die lange Bank schieben, obwohl schon nach wenigen Tagen klar ist, dass in der Praxis die Frage, was 'offensichtlich strafbar' ist und was nicht, von den Konzern-Klickern nicht adäquat angegangen wird. Das Beispiel der Satirezeitschrift Titanic war dafür exemplarisch."

In der FAZ verteidigt Jan Wiele das NetzDG dagegen als "nicht perfekt, aber nötig".
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Europa

Der zur Zeit in Brüssel lebende katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont feiert bei politico.eu die Ergebnisse der jüngsten Wahlen in der Region, die er als eine Zustimmung zur Segregation ansieht, und attackiert Politiker der EU: "Einige  europäische Politiker mögen angesichts einer Regierung, die ganz offensichtlich die Ergebnisse einer Wahl nicht anerkennt, ihr Schweigen bewahren. Wir sind darüber nicht länger überrascht, aber enttäuscht. Sich bedingungslos an die Seite der spanischen Regierung zu stellen, hilft nicht, ein reales Problem zu lösen, das sich steigert und das nicht mit Knüppelschlägen, Inhaftierungen, Exil und Verboten verschwinden wird."

Einen traurigen, fast deprimierten Text schreibt Christian Gesellmann im Tagesspiegel über seine Stadt Zwickau, die Heimatstadt des NSU mit ihren Mitwissern und ihrer Verdrängung und einem Rechtsextremismus, der sich weiter ausdehnt und effizienter wird: "Zwickau ist eine Stadt, an der man langfristig sehr gut beobachten kann, wie sich der Rechtsextremismus in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewandelt hat, wie er sein Gesicht verändert und wie er seine Methoden variiert hat. Wie er gewuchert ist."

Außerdem: "Der Verkauf von Ethylakohol expandierte weiter", schreibt Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne - Hintergrund ist, dass die Alkoholsteuern in der Türkei mittlerweile derart drastisch gestiegen sind, dass die Leute anfangen, sich ihren Raki selber zu fabrizieren.
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Geschichte

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli schlägt einen für Schüler verpflichtenden Besuch in KZ-Gedenkstätten vor. Die taz bringt ein Pro und Contra. Hanna Voss stimmt der Staatssekretärin zu: "An deutschen Schulen steht zum Beispiel das Lernen der Winkelberechnung zwischen zwei Vektoren verpflichtend im Lehrplan. Warum sollten wir nicht ebenso verinnerlichen müssen, wie weit Menschen aufgrund von Allmachtsfantasien und wahnwitzigen Rassenideologien bereit sind zu gehen?" Klaus Hillenbrand möcht kein Antreten zum Gedenken: "Wirklich wichtig ist es nicht, auf einem früheren Appellplatz zu stehen, sondern zu begreifen, was damals warum geschehen ist. Es geht um das Wecken von Empathie für die Opfer, darum, dass die nächste Generation diese nicht einfach als Millionenheer von Schattengestalten begreift. Das wird, zugegebenermaßen, mit dem Tod der letzten Zeitzeugen schwieriger. Aber es ist nicht unmöglich."

Außerdem: In der FAZ bilanziert der israelische Historiker Yfaat Weiss die jahrzehntelange Diskussion um die Stadt Jerusalem als Hauptstadt Israels.
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Politik

Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt die iranische Künstlerin Parastou Forouhar die Gründe für die Demonstrationen in ihrer Heimat und sie wirft dem Westen vor, viel zu freundlich auf einen Iran zu schauen, in dem Arbeiter, die gegen das Ausbleiben ihrer Löhne protestieren, zu Peitschenhieben verurteilt werden: "Solche Nachrichten gab es immer wieder in den letzten zwei Jahren. Das dringt offenbar nicht in die deutschen Medien durch oder überhaupt an die europäische Öffentlichkeit, weil man in Europa die Hoffnung zu sehr auf die Reformversprechungen der Regierung setzt und dabei nicht guckt, wie die realen Zustände in der Gesellschaft sind. Ich weiß nicht, woher das kommt. Aber in den letzten Jahren schien es, als ob es eine offizielle Politik gäbe, die sagt, man solle die Reformbewegung im Iran unterstützen. Was diese Bewegung tatsächlich macht, was dieser vermeintlich liberale Präsident in der Realität verändert, da guckt man nicht so genau hin. Die iranische Opposition braucht es aber, dass man genauer hinschaut und umfassender über sie berichtet."

Außerdem: In der SZ stellt Matthias Kolb alte, neue und zu erwartende Bücher über Donald Trump vor.
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