9punkt - Die Debattenrundschau

Wie eine Fliege in Bernstein

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2018. Die Zeit bringt neue Vorwürfe sexueller Gewalt bis hin zur Vergewaltigung gegen Dieter Wedel. Die Produktionsfirmen und die Sender haben dabei offenbar wohlwollend zugesehen, schließt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Hermann Parzinger fordert in der FAZ internationale Leitlinien für den Umgang mit Kunst aus ehemaligen Kolonien.  Die SZ beleuchtet die Problematik des arabischen Manns. Der Begriff "Gegenöffentlichkeit" ist vierzig Jahre nach Tunix obsolet, meint Max Thomas Mehr in Dlf Kultur.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Im Zeit-Dossier berichten vier weitere Schauspielerinnen von Demütigungen, sexueller Gewalt bis hin zur Vergewaltigung durch den Regisseur Dieter Wedel. Die Schauspielerin Esther Gemsch etwa erzählt, wie Wedel sie in seinem Hotelzimmer vergewaltigte und sie sich dabei durch einen Sturz schwer an der Halswirbelsäule verletzte. Vorausgegangen waren massive Demütigungen, bei denen das Filmteam betreten zur Seite schaute: "Nichts habe sie dem Regisseur recht machen können. Vor dem gesamten Team habe er sie niedergemacht: was sie da spiele, ob sie überhaupt zu etwas fähig sei? Jede Nacht habe er sie wieder und wieder angerufen und Sex von ihr verlangt - sie solle auf sein Zimmer kommen. Habe sie nicht geantwortet oder den Hörer neben das Telefon gelegt, habe er an ihrer Tür Einlass gefordert. Mal habe sie ihn 'abgewehrt', mal habe sie sich schlafend gestellt. Danach habe ein Prozess der Zersetzung begonnen. Jeden Morgen habe er sie in die Mitte des Teams gestellt und sie gedemütigt: Sie könne kein richtiges Deutsch, es sei eine Zumutung, mit ihr zu arbeiten. Zudem habe er ihr Aussehen kritisiert: ob sie die ganze Nacht rumficke?"

Auch ihre Nachfolgerin in dem Film, Ute Christensen, wurde gemobbt und schikaniert, bis sie einen Nervenzusammenbruch erlitt, berichtet Christiane Peitz, die den Zeit-Artikel für den Tagesspiegel zusammenfasst: "Wedel selbst wurde von Produzenten und Redakteuren offenbar nicht belangt, im Gegenteil. Wegen der Drehunterbrechung auch nach dem Zusammenbruch von Ute Christensen drohten Kostensteigerungen; es sei gelungen, die Darstellerin trotz der Vorfälle zur Weiterarbeit zu bewegen, heißt es in Bericht des Senders. Der SR trennte sich der Zeit zufolge zwar von Wedels Produktionsfirma, nicht jedoch von dem Regisseur selbst. Die Schauspielagentinnen, heißt es auch, hätten ihre Klientinnen damals nicht unterstützt, nach dem Motto, die Karriere steht auf dem Spiel."

Kulturpolitik

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und mitverantwortlich fürs Humboldt-Forum verlangt in der FAZ internationale Leitlinien zum Umgang mit Kunst aus ehemaligen Kolonien: "Dabei geht es nicht nur um die Frage von Rückgaben. Wir müssen ebenso klären, was wir unter shared heritage verstehen, wie wir gemeinsame Verantwortung, Teilhabe und Zusammenarbeit auf Augenhöhe ermöglichen wollen. Stéphane Martin, der Direktor des Pariser Musée du Quai Branly, schlug kürzlich vor, dass jene westlichen Staaten, die heute einen großen Teil des kulturellen Erbes Afrikas in ihren Museen verwahren, in einer internationalen Kooperation das eine oder andere Museum in Afrika einrichten beziehungsweise errichten könnten."

Geschichte



Max Thomas Mehr mit Christian Ströbele und Hannes Winter bei Tunix. Mit freundlicher Genehmigung von Günter Zint.

Max Thomas Mehr erinnert sich in Dlf Kultur an den Tunix-Kongress in der TU Berlin vor vierzig Jahren, an dem er als 24-jähriger teilgenommen hat. Die Spontis verabschiedeten sich von der Revolution und wollten lieber eine "Gegenöffentlichkeit" gründen, deren Medium dann die taz wurde: "Warum es die taz heute immer noch gibt? Ich weiß es nicht. Da die 'Gegenöffentlichkeit' von einst Mainstream geworden ist, bedarf es vielleicht einer neuen Gegenöffentlichkeit? Dafür bräuchte es aber keinen Tunix-Kongress mehr. Da reicht das World Wide Web."

Außerdem: Paul Ostwald macht in der taz darauf aufmerksam, dass es in Großbritannien immer noch Verteidiger des Kolonialismus wie etwa den Theologieprofessor Nigel Biggar gibt. 44 Prozent der Briten gaben in einer Umfrage an, stolz auf den Kolonialismus zu sein.
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Wissenschaft

Open Access gehört zwar die Zukunft, aber nicht in den Geisteswissenschaften, meint der Staatsrechtler und Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Bernhard Kempen in der FAZ: "Viele Fächer der philosophischen Fakultät, die Rechtswissenschaft und die Theologie befinden sich in einer engen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Verlagen, die für die Verfeinerung und Sichtbarmachung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse einstweilen unverzichtbar bleibt. Eine kluge und umsichtige Politik muss daher eine Gratwanderung vollziehen."

Außerdem: In Dlf Kultur unterhält sich Frank Meyer mit Leonhard Dobusch über den Streit zwischen deutschen Uni-Bibliotheken und dem Wissenschaftsverlag Elsevier, dessen Zeitschriften für die Unis kaum mehr zu bezahlen sind.

Politik

Im Moment gibt es zwei Feldzüge in Syrien, den Erdogans gegen die Kurden und den Assads gegen die letzten verbliebenen Rebellengebiete in der Provinz Idlib. Nur einer wird in Deutschland wahrgenommen, registriert Dominic Johnson in der taz: "Der Vorwurf, es werde mit zweierlei Maß gemessen, klingt abgedroschen, aber in diesem Falle trifft er genau. 5.000 Menschen fliehen vor Erdoğan - das ist eine Schlagzeile. 250.000 Menschen fliehen vor Assad - das ist keine."

Im Standard sagt die türkische Autorin Asli Erdogan im Gespräch mit Colette M. Schmidt zur Kriegspolitik der Türken im kurdischen Teil Syriens: "Ich habe das erwartet, sie haben es ja laut angekündigt, aber ich war dann doch sehr traurig. Noch mehr schockiert mich aber die Reaktion weiter Teile der Bevölkerung. Mein Land war seit meiner Geburt sehr nationalistisch und militaristisch, aber jetzt sind viele Menschen religiöse Fundamentalisten und sagen Dinge wie: 'Ich habe drei Söhne und hoffe, dass sie Märtyrer werden.'"

Apocalypse now."Steht die westliche Kultur vor dem Kollaps", fragt der New Scientist allen Ernstes - Hintergund ist unter anderem Donald Trumps Klimapolitik. George Monbiot beantwortet die Frage im Guardian mit Ja und mit einer Gegenfrage: Warum nur der Westen? "Der Aufstieg des Demagogentums (mit simplistischen Antworten auf komplexe Probleme und einer Schleifung des Wohlfahrtsstaats) ist überall manifest. Der Zusammenbruch der Umwelt beschleunigt sich weltweit. Das Sterben der Wirbeltiere, der Insektozid, die Verschwinden der Regenwälder, Mangroven, des Grundwassers, die Schädigung von Ökosystemen wie der Atmosphäre und der Ozeane entwickeln sich mit erstaunlichem Tempo. Diese zusammenhängenden Krisen betreffen jeden, aber die ärmeren Nationen trifft es am härtesten." Schuld ist laut Monbiot der Kapitalismus.

Europa

Die Iren und Irinnen können im Mai endlich per Volksabstimmung für ein liberaleres Abtreibungsrecht stimmen, berichtet Ralf Sotschek in der taz: "Eine deutliche Mehrheit in der Bevölkerung und im Parlament ist dafür, den Verfassungsparagrafen zu streichen. Doch dann muss die Regierung noch ein Gesetz verabschieden, in dem die Voraussetzungen für eine Abtreibung festgelegt werden. Der Gesetzestext soll vor dem Referendum bekannt gegeben werden. Das Konfliktpotenzial ist hoch."
Stichwörter: Irland, Abtreibung

Ideen

Muslimische Männer haben ein Imageproblem - und das nicht nur im Westen, weiß die kanadische Immunologin und Publizistin Shereen el-Feki, die zusammen mit der Washingtoner NGO Promundo  fast 10 000 Männer und Frauen zwischen 18 und 59 Jahren in Ägypten, Libanon, Marokko und Palästina zur Situation des arabischen Mannes befragt hat. 90 Prozent der Befragten gaben an, sich Sorgen um die Familie zu machen, schreibt sie in der Süddeutschen. Der Hauptgrund ist die hohe Arbeitslosigkeit: "Die Hälfte der befragten Männer in Ägypten und Palästina gab an, dass sie sich häufig gestresst oder depressiv fühlen oder sich vor ihren Familien schämen. Über 60 Prozent der Männer fürchten, dass sie ihre Familie nicht ernähren können. Viele Studien auch aus anderen Regionen der Welt zeigen einen Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Broterwerb. Und wie überall hat er tief greifende Konsequenzen für die männliche Gemütsverfassung. In Ägypten sprachen die Männer davon, dass sie nur mit Schmerztabletten durch den Tag kommen. Syrische Flüchtlinge berichten, dass sie sich in doppelter Hinsicht entmannt fühlen - durch den Mangel an Arbeit und die staatliche Überwachung. Beides führt dazu, dass ihre Frauen und Töchter mobiler sind und mehr Geld verdienen, sei es durch humanitäre Hilfe oder Kleinjobs." (mehr von El-Feki zum Thema bei CNN)

"Schrill" finden die Islamwissenschaftler Anke von Kügelgen und Ulrich Rudolph die Kritik an ihrem Fach, die Bassam Tibi kürzlich in der NZZ übte (unsere Zusammenfassung). Schon der Vorwurf, "die deutschsprachige Islamwissenschaft sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts von 'Orientalismus' und 'Rassismus' gekennzeichnet gewesen", ist ihnen zu pauschal: Das sei einerseits richtig und werde aufgearbeitet. "Irreführend ist es dagegen, diese Problematik allein in der Islamwissenschaft zu verorten, denn sie betraf ebenso viele andere universitäre Fächer (in Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften einschliesslich der Politologie). Noch irreführender ist es, sie speziell deutschsprachigen Akademikern anzulasten. Orientalismus und Rassismus waren damals überall in Europa an Universitäten, aber auch in der Literatur, der Kunst usw. verbreitet."

Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons kritisiert Gero von Randow den Neonationalismus vieler Linker: "Wer sich mit Anhängern der Linken unterhält, hört bisweilen Orbánsche Argumente: Dann ist die Einwanderung eine Waffe von Ultraliberalen gegen die deutsche Arbeiterklasse. In den Worten Sahra Wagenknechts: 'Jetzt wollen sie auch noch in größerem Umfang als bisher billige Arbeitskräfte für den deutschen Arbeitsmarkt rekrutieren. Deshalb trommeln sie für ein Einwanderungsgesetz, es soll den Druck auf die Löhne weiter verstärken.'"

Internet

Im NZZ-Feuilleton vermutet Matt Ridley, dass Kryptowährungen wie Bitcoin unsere Vertrauensverhältnisse zu Banken oder Immobilienverkäufern bald ersetzen könnten. Denn wer seinem Gegenüber nicht mehr traut, kann sich im Zweifelsfall immer auf die digitale Währung verlassen, die innerhalb verschlüsselter Netzwerke dezentralisiert verwaltet wird, lernt Ridley von Computerwissenschaftler Nick Szabo, einer der Wegbereiter für Bitcoin: "Die Lösung besteht in einem dezentralen Netzwerk von Tausenden Computern, das die virtuelle Währung in einer Kette von Datenblöcken verwaltet; durch diesen Prozess wird die Geschichte jeder Transaktion immer tiefer in eine zunehmend schwerer zu knackende Schale eingekapselt - wie eine Fliege in Bernstein, um Szabos Analogie zu verwenden. 'Blockchains garantieren die Wahrheit nicht', schreibt er. 'Sie bewahren lediglich Wahrheit wie auch Lügen vor nachträglichen Veränderungen und erlauben mithin eine zuverlässige rückblickende Analyse.'"