9punkt - Die Debattenrundschau

Auf der Suche nach Narren

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2018. Die SZ fragt nach dem Sinn ethnologischer Museen im Zeitalter der Globalisierung. Die NZZ erklärt, wie die Abschaffung der Netzneutralität in Zensur resultieren kann. Setzt Beppe Grillo sich von der Fünf-Sterne-Bewegung ab, fragt politico.eu. Spiegel online prangert den Verrat des Westens an den Kurden an. Die SPD hat die Arbeiterklasse verraten, aber anders als man denkt, analysiert die FAZ. Und auch die deutschen Zeitungen wollen jetzt Geld von Facebook.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2018 finden Sie hier

Politik

Die Proteste in Tunesien erklären sich auch aus einem mangelnden Vertrauen in den demokratischen Prozess des Landes, schreibt der tunesische Journalist Ismael Dbara in einem Hintergrundartikel bei qantara.de: "Seit etwa einem Jahr treibt die Regierung unter Ministerpräsident Youssef Chahed den 'Krieg gegen die Korruption' voran und hat inzwischen auch hochrangige Mitglieder von Schmugglernetzwerken festgenommen. Dass aber innerhalb seiner eigenen Partei einige Führungskräfte die Verhafteten aufgrund ihrer Beziehungen zu ihnen verteidigten, sorgte für großes Unverständnis bei den Bürgern. Das Vertrauen in die Absicht der Regierung, Korruption und Schattenwirtschaft ein für alle Mal einen Riegel vorzuschieben, wurde nachhaltig erschüttert."

Der Westen verrät die Kurden, schreibt Hasnain Kazim bei Spiegel online nach den türkischen Angriffen auf kurdische Gebiete in Syrien. Sigmar Gabriel rufe nur alle Seiten vage zur Besonnenheit auf. "Auch aus anderen europäischen Hauptstädten und aus Washington kommt nicht viel mehr. Außenpolitik war schon immer interessengeleitet. Aber wenn Verantwortung und Moral gänzlich keine Rolle mehr spielen und man betreten wegschaut, wenn der Nato-Partner Türkei sich in einem Alleingang über Völkerrecht und geltende Regeln hinwegsetzt, ist das eine Bankrotterklärung westlicher Außenpolitik."

Wir brauchen Migration, erklären Felix Marquardt, Gründer des Thinktanks Youthonomics, und Mikael Ribbenvik, Generaldirektor der schwedischen Migrationsbehörde, in der Welt. Nur gesteuert müsste sie sein. Sie plädieren deshalb dafür, die Internationale Organisation für Migration (IOM) zur Weltmigrationsorganisation auszubauen: "Unter jungen Menschen, die nicht dazu ermutigt werden, in die Welt auszuschwärmen, um so unternehmerische Fähigkeiten zu entwickeln, die für die vierte industrielle Revolution so wichtig sind, wachsen Ohnmacht und Frustration. Das Zusammenwachsen des Planeten, das wir in den sechziger Jahren als 'Globalisierung' bezeichnet haben, hat die Welt dazu gebracht, mit transnationalem Blickwinkel etliche grenzüberschreitende Probleme anzupacken. Die Welthandels- und die Weltgesundheitsorganisation haben in ihren jeweiligen Bereichen bei der Schaffung von Regulierungsrahmen spektakuläre Ergebnisse erzielt. Das vielleicht wichtigste grenzüberschreitende Problem, die Migration, behandeln wir aber weiter als nationale Aufgabe, die in erster Linie nationale Lösungsansätze brauche."

Kulturpolitik

Was ist der Sinn des Humboldt-Forums, wenn sich die ethnologischen Museen überall in der Krise finden, wenn Migration und Tourismus längst für direkten Kontakt mit fremden Kulturen sorgen, fragt Jörg Häntzschel in der SZ.

Antworten schickten eine Reihe Ethnologen, Kunsthistoriker und Aktivisten, die die SZ hier zusammengestellt hat. So fordert der in Wien lebende Publizist Kwame Opoku nicht nur die Rückgabe afrikanischer Artefakte, er wehrt auch jeden Versuch als "arrogant" ab, Bedingungen - etwa geeignete Aufbewahrungsmöglichkeiten - an diese Rückgabe zu stellen. Die Anthropologin Sharon MacDonald wünscht sich für die hiesigen Museen, die heimische Bevölkerung mehr in den Blick zu nehmen, um den Dualismus zwischen europäischen und außereuropäischen Kulturen abzubauen: "Um das ethnologische Museum wirklich zu dekolonialisieren und ihm neues Leben zu geben, müsste man ganz neu anfangen. Man müsste auch Europa in all seiner Vielgestaltigkeit zu seinem Thema machen. Mit Ausstellungen zu weniger erwartbaren Sujets, Ausstellungen, die Kulturen durchkreuzen und neue Seh- und Denkweisen eröffnen. Ausstellungen zu Themen wie Bürokultur, materiellem Exzess, dem Leben mit Hunden, zum Zerteilen und Tauschen von Körpern (vom Organspenden und dem Organhandel bis zu der Frage der human remains)."

In der SZ protestiert die israelische Schrifstellerin Lizzie Doron heftig gegen den geplanten Auftritt des israelischen Sängers Amir Benayoun vor den Vereinten Nationen am Holocaust-Gedenktag in New York. Benayoun hat das Lied "Ahmed liebt Israel" komponiert, ein rassistisches Lied, wie Doron findet, das von einem arabischen Studenten handelt, der einen terroristischen Angriff auf Juden plant: "Die Wahl der israelischen Regierung, ausgerechnet diesen Sänger bei der Holocaust-Gedenkveranstaltung der UN Israel repräsentieren zu lassen, bereitet mir jetzt schlaflose Nächte. Auch das Schweigen der vielen Organisationen und Politiker, die sich für die Rechte von Holocaust-Überlebenden einsetzen, irritiert mich. Ich frage mich und alle anderen: Wer darf die Erinnerung an den Holocaust repräsentieren? Wer darf die Erinnerungsfackel weiterreichen an die nachfolgenden Generationen? Ein israelischer Jude etwa, der alle Araber mit einem Lied zu Terroristen macht?"

Internet

In der NZZ erklärt der Jurist Philipp Lust, warum die Netzneutralität, die Trump gerade abschafft, so wichtig ist. Wenn ein Provider den Zugriff auf das Angebot mittels Preispolitik steuern kann, führt das dazu, dass er seine Markmacht "auf die im Internet abgerufenen Inhalte ausdehnt - und damit den Gedanken eines globalen und offenen Netzes pervertiert. Außerdem kann er die Kosten des Netzausbaus reduzieren und sein Netz leichter 'überbuchen', wenn er bei Überlastung einfach gewisse Anfragen stärker drosselt, anstatt seine Kapazitäten zu erweitern. Zweitens hindert einen Netzneutralität keinesfalls daran, günstige, allgemein langsame oder vom Datentransfer beschränkte Angebote von teuren und schnellen Anbindungen zu unterscheiden. Sie verhindert lediglich willkürliches Ausbremsen und inhaltliche Zensur durch den Provider."

Scharfe Kritik übt der Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng in der New York Times an Apple, das sich an die chinesischen Behörden verkauft habe mit der Bereitschaft, seine Daten zu teilen: "The Chinese regime makes no apologies about its human rights violations and seems not to care whom it crushes in its quest for power and control, whether it is the Nobel Peace Prize laureate Liu Xiaobo, who died last year in Chinese custody, or the many human-rights lawyers and activists who have been detained and tortured in recent years. When dealing with the Chinese regime, American companies should likewise not apologize for their commitment to the fundamental values - human rights, democracy, freedom of information, the rule of law - that have allowed them to flourish. American companies should not follow practices in authoritarian countries that are illegal in the United States."
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Europa

Setzt Beppe Grillo sich ein paar Wochen vor den italienischen Wahlen von der Fünf-Sterne-Bewegung ab, fragt Anna Momigliano in politico.eu: "Der Gründer der populistischen Bewegung, die zu einer der Hauptkräfte der italienischen Politik wurde, lancierte gestern einen totale Relaunch seines Blogs, in dem er alle Bezüge zur Fünf-Sterne-Bewegung eliminiert hat. Alles, was bleibt, ist ein Link zur neuen Website der Bewegung. Weniger auffällig, aber genauso wichtig, ist, dass das Blog nicht länger von Casaleggio Associati betreut wird, der Medienfirma, die eine entscheidende Rolle beim Aufstieg der Fünf-Sterne-Bewegung seit 2009 gespielt hat."

In seinem Blog annonciert Grillo tatsächlich: "Nun beginnt ein außergewöhnliches Abenteuer der Befreiung, der Fantasien, Träume und Utopien. Ich gehe auf die Suche nach Narren, Künstlern. Ich mag es Standpunkte zu haben, aber mit Ideen, von Meinungen habe ich genug. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung."

Nicht irgendein Paktieren mit neoliberalen oder grünen Ideen hat die SPD schwach gemacht, meint Jürgen Kaube in einem Essay für die FAZ: "Die SPD jedenfalls will nicht sehen, was sie denen entfremdet hat, für die sie angeblich Politik macht, weil sie inzwischen tatsächlich ganz anderen Milieus anhängt. Aus ihnen stammen viele ihrer Funktionäre, was viel folgenreicher ist, als dass es sich nicht um die Arbeiterschaft handelt. Denn es geht mit einer Mentalität einher. Der Bremer Politikwissenschaftler Philip Manow spricht - in einem demnächst erscheinenden Beitrag für die Zeitschrift Merkur - treffend von einer 'TVöD-', einer 'Tarifvertrag im öffentlichen Dienst'-SPD. Sie findet Resonanz vor allem bei staatlich Beschäftigten..."

Medien

(Via turi2) Der Bundesverband der Zeitungsverleger schließt sich der Forderung  Rupert Murdochs an Facebook an, das für die Verbreitung ihrer Inhalte bezahlen solle (aus irgendwelchen Gründen lassen sie diese Verbreitung zur Zeit noch kostenlos zu). "Zeitungen und Zeitschriften genießen in Deutschland eine hohe Glaubwürdigkeit", behaupten die Verleger in einer Pressemitteilung. "Unsere Produkte werden gedruckt und digital als seriöse Quellen wahrgenommen mit weitem Abstand vor den sozialen Medien. Davon profitieren die Plattformanbieter nicht nur inhaltlich, sondern auch mit einem Zugewinn an Image."