9punkt - Die Debattenrundschau

Ich als weibliche Person

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.01.2018. "Die einen riskieren ihr Leben, wenn sie den Fundamentalismus benennen, die anderen gar nichts, wenn sie auf die Laizisten spucken", sagt Caroline Fourest in Libération zum dritten Jahrestag des Anschlags auf Charlie Hebdo. Gnadenlos liest sich Masha Gessens New Yorker-Besprechung von Michael Wolffs Buch "Fire and Fury". In der FAS rät Shirin Ebadi den Iranern zu zivilem Ungehorsam und hofft, dass "der Aufstand kommt". In der FAZ verteidigt der Rechtsprofessor Hans Michael Heinig das deutsche Verhältnis des Staats mit den Kirchen.Im Grunde ist aber sowieso alles gelaufen, weil wir nun von den Digitalisten unterworfen werden, so SZ und NZZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2018 finden Sie hier

Europa

"Die einen riskieren ihr Leben, wenn sie den Fundamentalismus benennen, die anderen gar nichts, wenn sie auf die Laizisten spucken", sagt Caroline Fourest, eine linke Verteidigerin des Laizismus, im Gespräch mit Thibaut Sardier von Libération. Anlass des Gesprächs ist der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo vor drei Jahren: "Das ist es, worum es in der Debatte eigentlich geht - klarmachen, dass es kein Rassismus ist, über Religion zu lachen, und dass man nicht in Gefahr geraten sollte, weil man sich über Fundamentalisten lustig gemacht hat. Wenn wir uns alle über diesen Punkt einig wären, könnte nichts passieren."

Lettland hat seit seinem  EU-Beitritt ein Fünftel seiner Bevölkerung durch Abwanderung verloren, erzählt Gordon F. Sander in politico.eu, die Einwohnerzahlen sind von 2,38 auf 1,95 Millionen gefallen: "Am einschneidendsten und deutlichsten ist die lettische Bevölkerungskrise in seiner ärmsten Region Lettgallen in der südöstlichen Ecke des Landes an der russischen Grenze. Der Durchschnittslohn in Lettland liegt bei 670 Euro, in Lettgallen bei der Hälfte. 'Die Löhne hier sind ein Witz', sagt Aleksandr Rube von der regionalen Zeitung Laiks, Ist es ein Wunder, dass die Leute wegwollen?'"

In der Berliner Zeitung staunt Andre Mielke über eine  Entscheiderin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, die in einem Radiointerview erklärte, jeden Asylbewerber zu fragen, ob es okay für ihn sei, "dass ich als weibliche Person hier sitze und auch Ihre Dolmetscherin weiblich ist": "So ähnlich muss es beim Untergang der Titanic auch zugegangen sein: 'Mylord, würden Sie sich auch von einem Matrosen ins Rettungsboot ziehen lassen oder lieber warten, bis der Kapitän vorbeikommt?'"
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Internet

In der NZZ ist der Unternehmer Wolfgang Klingner ganz aufgeregt, weil er die Digitalisierung kritisiert: "Die Parallelen zwischen Digitalisten und den Fanatikern anderer Religionen sind auffallend. Wer sich nicht zum Digitalismus bekennt, wird sich mit einer miserablen, minderwertigen und anachronistischen Existenz in einer dysfunktionalen, analogen, dem Untergang geweihten Welt abfinden müssen. Das klingt ungefähr so, als würden uns Katholiken mit ewiger Verdammnis in der Hölle drohen."

Adrian Lobe hat sich für die SZ durch die Flut neuester technologiekritischer Bücher gelesen und sieht die Internetkonzerne schon auf dem Thron: "Der Stanford-Soziologe A. Aneesh prägte den Begriff der 'Algokratie', eine Herrschaftsform, bei der Programmcodes eine politische Steuerung implementieren. Durch die Abtretung von Wertentscheidungen an soziotechnische Systeme (etwa in der Frage, was unter Terrorismus subsumiert wird oder wo die Grenzen der Meinungsfreiheit liegen) wächst Konzernen wie Google oder Facebook eine politische Macht zu. Mit jeder Modifikation des Newsfeed-Algorithmus wird Herrschaft ausgeübt." Die "Abtretung von Wertentscheidung" ist nur paradoxerweise etwas, das von einigen Medien und Regierungen geradezu propagiert wird, siehe Netzwerkdurchsetzungsgesetz.
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Politik

Gnadenlos liest sich Masha Gessens New Yorker-Besprechung von Michael Wolffs Buch "Fire and Fury", das mit seinen Enthüllungen über Donald Trump und Stephen Bannon die Medien in Wallung versetzt - nur behauptet sie, daraus überhaupt nichts Neues erfahren zu haben, schlecht geschrieben sei es überdies: "Das Buch bewegt sich in einer Grauzone zwischen den Texten der Zeitungsreporter, die eine widernatürliche Zurückhaltung an den Tag legen, wenn sie über die Regierung schreiben, und den Late-Night-Comedians, die eine Befreiung von dieser Zurückhaltung möglich machen, weil sie nicht an journalistische Standards der Wahrhaftigkeit gebunden sind. Diese Grauzone, in der es weder Zurückhaltung noch Genauigkeit gibt, sollte nicht existieren."

Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die heute im Exil lebt, prangert im Gespräch mit Anne Ameri-Siemens in der FAS die ungeheuer gewalttätige Repression der Demonstrationen im Iran an - fünfzig Tote soll es schon gegeben haben - und rät zu neuen Widerstandsformen: "Ich denke, durch zivilen Ungehorsam kann man viel mehr erreichen als durch Proteste. Die Menschen sollten aufhören, ihre Steuern zu zahlen und die Abgaben, die sie auf kommunaler Ebene leisten müssen. Sie sollten für Strom, Wasser und Gas nicht länger zahlen und all ihr Geld von den Banken abheben." Es handelt sich viel stärker als 2009 um soziale Proteste, ergänzt Bahareh Ebrahimi in einem zweiten Artikel: "Ein Teil von ihnen sind Menschen aus eher unteren Schichten der Gesellschaft, die immer ignoriert wurden. Sie sind nicht diejenigen, die nach jedem Ereignis twittern oder ihre Kritik in den sozialen Medien posten." In der SZ spricht heute Amir Hassan Cheheltan zum Thema: Aber während Ebadi vom "kommenden Aufstand" spricht, sagt Cheheltan, "der Aufstand wird bald zusammenbrechen".
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Kulturpolitik

Der Berliner Historiker Manfred Gailus erinnert die Befürworter des heftig umstrittenen Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonkirche im Interview mit dem Freitag an die Tradition, für die die Kirche steht: Hindenburgs Handschlag mit Hitler und Hitlers Rede in der Kirche 1933, "Kriegspredigten 1914-18; kirchlich abgesegnete politische Agitation gegen die erste deutsche Demokratie, die Weimarer Republik, von 1919 bis 1933; schließlich lupenreine NS-Kultveranstaltungen der Hitlerpartei im Laufe des 'Dritten Reiches'. Das waren nicht mehr Kundgebungen eines völkisch-antisemitischen Christentums seitens der 'Deutschen Christen', sondern Zeremonien der politischen Religion der NS-Bewegung."

Geschichte

In der NZZ erinnern die Historiker Wlodzimierz Borodziej und Maciej Gorny daran, wie mit dem Ende des Ersten Weltkriegs sechs neue Staaten in Osteuropa entstanden.
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Religion

"Dem deutschen Weg steht seine härteste Bewährungsprobe wohl noch bevor", tremoliert die Unterzeile des Artikels. Aber die Bewährungsprobe beschreibt der Rechtsprofessor Hans Michael Heinig auf der Gegenwartsseite der FAZ kaum, wenn er unter dem Titel "Säkular, aber nicht säkularistisch" das Verhältnis zwischen Staat und Kirchen in Deutschland als die beste aller hierzulande möglichen Welten beschreibt, inklusive Lehrerin mit Kopftuch: "Wo Islamkritiker zum Beleg ihrer Position eine Sure zitieren, ohne sich für entstehungsgeschichtliche und textliche Kontexte oder die tatsächlichen sozialen Praktiken zu interessieren, hat der religiös-weltanschaulich neutrale Staat auf solche Remedur zu verzichten. Wo der Stammtisch 'den' Islam zu einer politischen Ideologie erklärt, die generell nicht unter die Religionsfreiheit falle, handhabt der religiös-weltanschaulich neutrale Staat freiheitsgewährende Begriffe wie die durch Artikel 4 Absatz 2 des Grundgesetzes geschützte 'Religionsausübung' in der gebotenen Unparteilichkeit, ergo in Offenheit für unterschiedliche religiöse Selbstverständnisse."
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