9punkt - Die Debattenrundschau

Ergrimmt in die Pedale stampfende Autochthone

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2018. Auf ZeitOnline fragt die Autorin Nino Haratischwili, von welcher Freiheit Hollywood-Diven mit ihren gespritzten Gesichtern und verhungerten Körpern eigentlich sprechen. Die NZZ will bei #MeToo erst wieder mitmachen, wenn zwischen Pranger und Diskussion unterschieden wird. Dass Facebook den Journalismus zurückstutzen will, wertet das NiemanLab als gute Nachricht für die traditionellen Medien, als fatal für digitale. Und der SZ graut es vor ergrimmten Strampelnazis in Europas Hauptstädten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Auf ZeitOnline kann die Schriftstellerin Nino Haratischwili nicht einstimmen in die Begeisterung über den glamourösen Auftritt der Hollywood-Diven, in schwarzen Roben für #MeToo. Bizarr findet sie das Bild, das diese Frauen vermitteln, mit all dem Botox und verhungerten Körpern, dank Essensverzicht und dem Klammern an eine Schönheit, die nicht vergehen darf: "Was wäre gewesen, denke ich mir, hätte man sich anstelle der schwarzen Roben, welche die Damen in einen dunklen Glanz tauchen, für Turnschuhe und Jeans entschieden, für Joggingklamotten und für keinerlei Versuche, sich schöner zu machen, als man es ohnehin ist. Mag sein, dass Hollywood kein Maßstab für die Normalsterblichen ist. Dass es dort stets darum gegangen ist, aus Seifenblasen Realitäten zu erschaffen. Aber Hollywoods Protagonisten wollen ja unbedingt an die Realität anknüpfen, davon sprechen sie ja unentwegt. Allerdings propagieren und feiern sie Freiheit, wo keine ist. Die Fassade wird am deutlichsten sichtbar, sobald sie an ihr zu rütteln beginnen. Mit dem glanzvollen Gerede von Time's up verhält es sich ungefähr so wie mit einer manisch Kalorien zählenden, sportsüchtigen Freundin, die immerwährend predigt, jeder Körper sei schön."

In der NZZ sieht Claudia Schwartz mit Unbehagen, wie sich Medien an die #MeToo-Kampagne heften, ohne zwischen Verdacht und Urteil, Pranger und Diskussion zu unterscheiden. "Skandalisierung des Skandalösen ist berechtigt, wo sie gesellschaftliche Veränderung zum Ziel hat. Wenn allerdings angesehene Medien nun ähnliche Methoden anwenden und Sexismus, charakterliche Defizite oder Altherrenwitze bewusst in die Nähe schwerer Straftaten von sexueller Gewalt rücken, mutet das angebliche Bestreben, sich über berechtigte Empörung auf gesellschaftliche Werte zu verständigen, heuchlerisch an." Und weiter schreibt sie: "Eine einzelne Namensnennung hinterfragt nie ein System. Neil Postman sprach einmal von Information, 'die vortäuscht, man wisse etwas, während sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt'."

Auf ZeitOnline verteidigt Sabine Rückert, dass die Zeit die Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel öffentlich gemacht hat, bei denen es, wie sie betont, nicht um eine Hand auf dem Knie geht, sondern um verjährte, aber  hochaggressive sexuelle Attacken gegen die beiden Frauen, die auch mit ihrem Namen zu den Vorwürfen standen: "Sie haben sich wochenlangen intensiven Befragungen und Recherchen zweier Zeit-Reporterinnen ausgesetzt, intime Aufzeichnungen preisgegeben und eine Psychotherapeutin von der Schweigepflicht entbunden."

In der FAZ berichtet Jürg Altwegg von der völlig verrückten Debatte in Frankreich um den Aufruf für sexuelle Freiheit. Libération hat seinen Artikel zum Thema online gestellt
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Medien

Facebook baut seinen Algorithmus um. Künftig sollen wieder Posts von Freunden und Familien gegenüber Nachrichten bevorzugt werden, aber nur wenn sie häufig geteilt oder kommentiert werden. In der SZ misstrauen Jannis Brühl, Marvin Strathmann Mark Zuckerbergs Parole "Menschen statt Marken": "Der Umbau ist auch eine Machtdemonstration im Zusammenspiel mit den Medien. Die haben in den vergangenen Jahren immer mehr Inhalte auf Facebook ausgespielt, um Leser auf ihre Webseiten zu holen. Facebook belohnte sie dafür lange mit steigenden Reichweiten. Viele richteten ihre Geschäftsmodelle immer stärker auf das soziale Netzwerk aus... Wolfgang Blau vom Verlag Condé Nast wies auch darauf hin, dass extremistische Beiträge und Propaganda, die Nutzer oft liken, teilen und kommentieren (und mit denen sich Zuckerberg so viel schlechte PR eingehandelt hat), oft von Personen kämen und eben nicht von Medien. Dafür habe Facebook offenbar keine Lösung."

Den Ärger, den Journalismus einbringt, hat Facebook einfach nicht nötig, vermutet Joshua Benton auf NiemanLab. "Für traditionelle Medien sind das bessere Nachrichten als für digitale. Die meisten amerikanischen Zeitungen haben sich zähneknirschend damit abgefunden, dass sie ihr Geld durch Abonnements oder Mitgliedschaften von den Lesern bekommen müssen, statt von den Anzeigenkunden. Google und Facebook haben bereits die digitale Werbung geschluckt, jetzt wird Facebook aufhören, die kläglichen Klicks zu generieren, welche die klägliche Technik auslöst, welche die kläglichen kläglichen Reste an Anzeigen auslöst."

Weiteres: Der Medienwissenschaftler Horst Pöttker ist in der taz nicht einverstanden mit dem Zerrbild, das Robert Harris in seinem Bestseller "Intrige" über die Affäre Dreyfus vom Journalismus als sensationgeiler Meute zeichnet.
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Ideen

In der taz stellt Jan Feddersen den schwulen Aktivisten und Theoretiker Martin Dannecker vor, der die orthodoxe Psychoanalyse von der Überzeugung befreite, das Homosexualität eine Störung sei. Die Internationale Psychoanalytische Universität in Berlin widmet Dannecker gerade eine Tagung.
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Stichwörter: Homosexualität

Politik

Bettina Gaus hält in der taz für die in Sachen USA stets heißlaufende Öffentlichkeit eine bittere Wahrheit fest: "Donald Trump ist ein erfolgreicher US-Präsident." Im Tagesspiegel versucht Christiane Peitz herauszufinden, was die Sondierungsverhandlungen für die Kultur ergeben haben.
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Stichwörter: Trump, Donald

Europa

Madrids linke Bürgermeisterin will die berühmte Gran Vía zu einer autofreien Straße machen. In der SZ misstraut  Peter Richter dieser menschenfreundlichen Politik in Madrid, Paris und Berlin. Denn Radfahren, meint er, könnte theoretisch etwas Herrliches sein, "wenn man sich dabei nicht so oft als Teil einer ideologischen Massenbewegung wiederfinden müsste, umgeben von tourettesyndromhaft in den Verkehr hineinfauchenden Strampelnazis. Ein emissionsfrei in 2,6 Sekunden auf 100 km/h beschleunigter Tesla S sollte der Atemluft eigentlich keinen Abbruch tun; aber es geht ja offensichtlich um noch etwas anderes. Die eigentlichen Frontlinien sind heute schon unübersehbar: ergrimmt in die Pedale stampfende Autochthone, fröhlich zur Seite gehupt von Migrantenkindern, für die sich Erfolg und Integration in Deutschland eben durchaus auch in Zylindern und Hubraum bemessen lassen. Wenn die Alteingesessenen sich rechts wie links so vehement ins Kleinstädtisch-Biedermeierliche zurückbefördern wollen, dann ruht sie nun einmal auf den Schultern der neuen Deutschen, die Idee von großstädtischer Urbanität als Ballung von Tempo, Ambition, Vielfalt, Spannung und Differenz."

Gestern hat Nigel Farrage dramatisch erklärt, dass es "vielleicht, nur vielleicht" ein zweites Brexit-Referendum geben sollte. Im Guardian kann sich das Marina Hyde das sehr gut erklären: Wir haben diesen Film schon hundert Mal gesehen: "Ein Haufen heruntergekommener Gauner schließt sich noch einmal für einen letzten großen Job zusammen."
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