9punkt - Die Debattenrundschau

Bloßes Teilen des Seins

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.01.2018. Dass Facebook Medienquellen degradiert, ist eine furchtbare Nachricht, schreibt Emily Bell im Guardian. Und dass Facebook kleine und fragile Demokratien als Laboratorium für seinen neuen Algorithmus benutzt, macht es nicht sympathischer. In der FAZ erzählt der Historiker Mychailo Kowaltschuk, wie die Ukraine zum ersten Mal vor hundert Jahren ihre Unabhängigkeit erklärte. Die taz will den chinesischen Parolen von offenen Märkten und Freihandel nicht glauben.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2018 finden Sie hier

Internet

Die Medienprofessorin Emily Bell kommentiert im Guardian die Meldung von der Degradierung der Medienquellen bei Facebook als "terrible news". Die Zugriffszahlen für Medien sind jetzt schon gesunken - und es bleibt statt dessen nicht bei Katzenvideos: "In einer Welt, in der immer mehr autoritäre Regimes ihre Gefolgschaft mit sozialen Netzen aufbauen, ist das Bekenntnis der neuen Gatekeeper zur Demokratie nur Schein. Als Facebook letztes Jahr in sechs kleinen Märkten - Guatemala, Slowakei, Serbien, Sri Lanka, Bolivien und Kambodscha  - mit seinem neuen Alogorithmus experimentierte, halbierten sich die Zugriffszahlen von Medien. Der serbische Jouralist Stevan Dojcinovic schrieb einen scharfen Gastkommentar bei der New York Times und beschuldigte Zuckerberg, dass er fragile Demokratien als Laboratorium für seine Produkte nutzt."

Aus ganz anderen Gründen ist der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski in der NZZ nicht mit Facebook zufrieden. Er hätte gern gesehen, dass die Leute sich auf Facebook nach einer Idee  Jean-Luc Nancys im "bloßen 'Teilen des Seins', wie immer auch dieses Sein konkret aussehen mag" verbinden. Statt dessen habe Facebook aber die identitären Abgrenzungen des Multikulturalismus nicht überwunden: "Was man Facebook vorwerfen kann und muss, ist die Inkonsequenz, mit der es sein Vorhaben angeht. Statt seine Nutzer lose durch Geschwätz zu verbinden, eröffnet es ihnen über themen- und interessenspezifische Websites neue Formen der Gruppenbildung. Die Facebook-Gruppe ist die Wiederkehr der überwundenen Gemeinschaftsbezüge, die noch viel hermetischer wirken als kulturelle, nationale oder religiöse Gemeinschaften offline."

Gesellschaft

Samantha Geimer, die im Alter von 13 Jahren von Roman Polanski sexuell missbraucht wurde, erklärt in Le Monde, warum sie den #MeToo-kritischen Aufruf der Autorinnen um Catherine Deneuve unterzeichnet hat. Sie lehne eine Festschreibung ihrer eigenen Rolle als traumatisiertes Opfer ab: "Mit dieser Art von Aktivismus sollte man aufhören. Man sollte aufhören sich dafür zu entschuldigen, dass man als Überlebender ein glücklicher und stabiler Mensch sein kann. Wir sollten viel eher als beispielhaft gelten, Frauen, die kämpfen Mut machen und ihnen helfen sich aufzurichten. Es schadet den anderen nicht, wenn wir uns wieder erholen."

Geschichte

Der ukrainische Historiker Mychailo Kowaltschuk erzählt in der FAZ, wie die Ukraine schon im Jahr 1918 zum ersten Mal versuchte, sich unabhängig zu machen. In den Wirren des Jahrs nach der Oktoberrevolution gründete sich die "Zentralnaja Rada" als führendes Organ der ukrainischen Nationalbewegung: "Am 20.November rief die Rada die Ukrainische Volksrepublik (UNR) aus. Und obwohl die UNR Teil von Russland blieb, betrachteten die meisten russischen Politiker das Vorgehen der Rada als Vorstufe zur staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine. Die Bolschewiken gaben sich zwar hinsichtlich der nationalen Frage als tolerant. Doch Lenins Regierung, die der Rada das Recht absprach, die Interessen der 'Arbeiter' zu vertreten, entsandte bewaffnete Truppen aus Petrograd und Moskau, um die Ukraine zu befrieden."
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Stichwörter: Ukraine, Oktoberrevolution

Medien

Carolin Emcke verteidigt in ihrer SZ-Kolumne den Status quo der öffentlich-rechtlichen Sender: "Es sind nicht nur libertäre, sondern auch rechtsradikale Ambitionen, die eine Institution ausschalten wollen, die einem allgemeinen Gut dienen soll: der Möglichkeit, sich zu informieren und sich über die gemeinsam geteilte Welt zu verständigen. Letztlich geht es nicht einmal darum, die Legitimität oder Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender zu bezweifeln, sondern darum zu bestreiten, dass es das überhaupt geben kann: etwas allen Gemeinsames."

Politik

Felix Lee glaubt in der taz nicht an die Parolen des chinesischen Staatschef Xi Jinping von Freihandel und offenen Märkten: "Mit der Realität im eigenen Land haben seine Worte nur wenig zu tun. In Wirklichkeit schotten die KP-Kader ihre heimischen Märkte derzeit mehr ab denn je. Chinas Zensoren kontrollieren das Internet im eigenen Land immer schärfer und blockieren den Zugang zu internationalen Webseiten. Und während chinesische Unternehmen eifrig, nicht zuletzt mit üppiger finanzieller Unterstützung des Staates, weltweit auf Einkaufstour gehen, dürfen ausländische Investoren in China keine chinesischen Unternehmen übernehmen."
Stichwörter: China, Xi Jinping

Ideen

In der NZZ erklärt Ulrich M. Schmid, wie drei Kreml-Polittechnologen - der Chefideologe der Regierungspartei Einiges Russland Wladislaw Surkow, Außenminister Sergei Lawrow und der rechtsnationalistische Philosoph Alexander Dugin - versuchen, in Russland eine vom Westen unabhängige Zivilisation aufzubauen, indem sie die Geschichte umschreiben: "Grundsätzlich lassen sich drei staatstragende Geschichtskonzeptionen unterscheiden, die in die Öffentlichkeit eingespeist werden: das 'ultranormale' Ende der Geschichte, die zivilisatorische Dividende der Revolution und das Imperium als 'Katechon'. Alle drei machtpolitischen Geschichtsverwertungen bauen auf einem hegelianischen Staatsverständnis auf."

Außerdem: Im Freitag denkt Georg Seeßlen in einem ausführlichen Essay über Fortschritt als Ideologie nach.