9punkt - Die Debattenrundschau

Lauwarmer Fruchtzwerg

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.01.2018. Seit das NetzDG in Kraft ist, wird von Twitter und Facebook viel zu viel gelöscht, hat die Berliner Zeitung herausgefunden. Man kann 1968 kritisieren, aber man kann es nicht tun, um den Konservatismus glaubhafter zu machen, schreibt Reinhard Mohr in der NZZ. Die SZ setzt Hoffnungen auf den tschechischen Präsidentschaftskandidaten Jiří Drahoš. Und Rupert Murdoch will Geld von Mark Zuckerberg - für seine vertrauenswürdigen Nachrichten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2018 finden Sie hier

Europa

Reinhard Mohr wünscht sich in der NZZ einen frischen Blick auf 1968, der die Erstarrung ebenso aufnimmt wie die Erfolge. Kritik nach Art des CSU-Politikers Alexander Dobrindt, der jüngst eine "konservative Revolution" gegen den Geist von 68 forderte, bringt einen allerdings nicht weiter, meint er: "Anti-68ern wie ihm entgeht eine gewisse Widersprüchlichkeit ihrer Argumentation. Auf der einen Seite machen sie sich über die anachronistische Revolutionsfolklore lustig, andererseits stilisiert man sie zum Jahrhundertverhängnis, das noch fünfzig Jahre später die gesellschaftliche Ordnung unterminiere. Manchmal sieht es so aus, als müssten bekennende Konservative, sofern es sie im 'bunten Deutschland' überhaupt noch gibt, dem Mythos von 68 immer wieder neues Leben einhauchen, um ihre schwindsüchtige politische Programmatik zu schärfen."

Die Tschechen müssen demnächst ihr neues Staatsoberhaupt wählen: Miloš Zeman oder Jiří Drahoš. Ersterer hat sich vom überzeugten Europäer in einen Putin unterstützenden Nationalisten verwandelt, schreibt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš in der SZ. Letzterer war bis vor kurzem noch unbekannt, ein liberaler, europäisch denkender Chemiker, der sich offen gegen die Ausländerfeindlichkeit im Land ausgesprochen hat: "Mit Drahoš kommt eine seit Langem nicht erlebte Hoffnung ins Land. Sie ist vor allem in Prag und in anderen Großstädten zu spüren, erobert aber langsam auch die kleineren Städte. Dies muss man als eine klare Botschaft aus Tschechien sehen. Viel zu oft werden wir als eine Nation voller Euroskeptiker dargestellt, die in den Kneipen sitzen und meckern. Ja, das tun wir auch, und das ist ja auch nicht immer schlimm. Aber man kann heute diejenigen nicht übersehen und überhören, die sich für Europa, für einen Wechsel, für eine offene Gesellschaft aussprechen, begeistern und sich politisch engagieren."

Ideen

Über die Frage, ob man "mit Rechten reden" soll, ist man in Österreich hinaus, schreibt Isolde Charim in der taz. Ohnehin liegt in der Annahme, dass das Reden was bringt, in den Augen der "Rechten" ein nützliches Missverständnis, meint sie, denn ihnen geht es "nicht ums Austauschen, Diskutieren, sondern um Deutungshoheit. Um die 'Revision des Sichergeglaubten', wie sie es nennen. Es geht darum, das 'linksliberale Dauerfeuer' zu torpedieren. Was aber ist das Medium des Liberalismus? Das öffentliche Gespräch. Deshalb ist es für die Rechten so wichtig, ihr Personal durchzusetzen. Relevant ist: Wer spricht? Etwa im TV. Und relevant ist: Wo spricht man? Deshalb zählen die Orte: Je repräsentativer desto besser."

Medien

Grandios eine kleine Zitatmontage, mit der Sieglinde Geisel auf tell-review.de das letzte Wort zur Simon-Strauß-Debatte schon gar nicht mehr aussprechen muss. Sie collagiert Kritikerzitate zu Strauß' Roman "Sieben Nächte" aus den Leitmedien von vor der Debatte mit Nutzerrezensionen auf Amazon - zuerst die Zeitungen:
- Ein "grandioses Debüt, der Generationenroman der aktuellen Endzwanziger schlechthin" (Der Freitag)
- "Strauß ist mit diesem literarischen Aufruf ein überaus großer Wurf gelungen." (Berliner Zeitung)
- "Schon wenn man dieses Buch in die Hand nimmt, spürt man, dass es für Furore sorgen wird." (Die Zeit)
- "Ein Manifest wider den Zeitgeist." (Spiegel Online)

Und dann die Leser bei Amazon:
- "Das Buch hat erschreckend wenig zu sagen."
- "Liest sich, als hätte ein lauwarmer Fruchtzwerg beschlossen, Autor zu werden."
- "Unfassbare inhaltliche Langeweile."
- "So plätschert das Buch mal peinlich, mal belanglos vor sich hin."

Auch Paul Jandl winkt nach Lektüre von Strauß' Roman in der NZZ eher ab: "Es ist eine sehr papierene Revolution, die da ausgerufen wird. Ein Manifest zwischen Klugheit und Schwulst, das eher literarisch eine Selbstanzeige ist als politisch."

Nach einem Jahr Trump zieht Kyle Pope in der Columbia Journalism Review Bilanz über die Arbeit der amerikanischen Presse. Zu Beginn habe es ausgezeichnete Recherchen gegeben, aber dann kam ein routinemäßiger Clinch: "Wenn unsere Aufgabe vor einem Jahr war, dass Trump uns nicht an der Nase herumführt, dann haben wir versagt." Besser gemacht habe es Michael Wolff mit seinem Buch "Fire and Fury": "Er ließ es nicht zu, das Trump mit erlogenen Widerlegungen Aufmerksamkeit abzog... Es erinnerte mich daran, was mir eine Trump-Wählerin sagte, als ich sie zu Trumps Tendenz zur Lüge befragte: 'Er hat eine größere Wahrheit.' Und das trifft auch für Wolff zu."
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Internet

Nun reiht sich Rupert Murdoch - dessen Medien für zuverlässige Berichterstattung berühmt sind, hüstel - in einem Statement bei seiner News. Corp höchstpersönlich in den Streit um die Facebook-Algorithmen ein - einerseits hatte Facebook angekündigt, Medienstreams zu degradieren, andererseits will es dabei aber die zuverlässigen Medien privilegieren. Das reicht Murdoch nicht: "Wenn Facebook 'vertrauenswürdige' Verlage anerkennen will, dann sollte es diesen Verlagen eine Gebühr bezahlen, ähnlich wie es Kabelgesellschaften machen. Die Verlage verbessern ganz offensichtlich den Wert und den Gesamteindruck von Facebook durch ihre Nachrichten und Inhalte, werden aber für diese Dienste nicht angemessen entlohnt." Auch Michael Hanfeld und Adrian Lobe kritisieren die neueste Initiative von Facebook in der FAZ.

Seit das neue Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) gilt, sind die sozialen Medien in Deutschland fleißig am löschen. Zu viel, schreibt in der Berliner Zeitung Annika Leister, die einige gelöschte Kommentare dem Kölner Medienanwalt Christian Solmecke zur Begutachtung vorgelegt hat. Fazit: Bei fast allen Kommentaren fand Solmecke die Löschung nicht gerechtfertigt. Beispielsweise der Tweet "Die Süddeutsche Zeitung ist #FakeNews." Dazu meint der Anwalt: "Das mag wie eine Tatsachenbehauptung klingen und könnte eine Üble Nachrede darstellen. Allerdings ist es im Kontext der aktuellen Diskussion als Meinungsäußerung zu werten."

Auch in der EU wird über den schmalen Grat zwischen Verantwortung und Zensur der sozialen Medien diskutiert, berichtet Jannis Brühl in der SZ. Die Kommission will im Rahmen der geplanten Änderung des Urheberrechts Upload-Filter durchsetzen, die dafür sorgen, dass bestimmte Inhalte gar nicht erst hochgeladen werden können. Für die Piraten-Abgeordnete Julia Reda ist das "Vorzensur": "'Algorithmen sollen komplexe Entscheidungen über Legalität und Illegalität von Inhalten treffen, die nicht einmal Gerichte immer treffen können.' Der Passus, den die Kommission vorschlägt, ist vage, könnte theoretisch auch für Texte gelten. Er würde zumindest große Plattformen zwingen, automatisch jeden Beitrag zu prüfen. Eigentlich hatte der Europäische Gerichtshof bereits 2012 geurteilt, dass das pauschale Vorfiltern aller Inhalte gegen das Recht auf Privatsphäre und Informationsfreiheit verstößt. Nun will die Kommission es trotzdem einführen."

Ebenfalls in der SZ erinnert Dirk von Gehlen daran, dass das viel und gern kritisierte Internet tatsächlich auch seine Vorzüge hat: "Denn dass es das Internet überhaupt gibt, zeigt, dass Diversität und Unreinheit (beides Aspekte, die der Kulturessentialismus gerne bekämpfen möchte) funktionieren. Es zeigt, dass die Idee von Völkerverständigung, Offenheit und Pluralismus keine Spinnerei ist, sondern greifbare Wirklichkeit. Es lohnt sich, dieser Idee zu folgen, gerade auch, um gestaltend auf die dunklen Seiten zu reagieren, die durch das Netz zuweilen befördert werden."

Geschichte

Anlässlich des bevorstehenden Jahrestags der Befreiung von Auschwitz erinnert der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung an den polnischen Arzt Zygmunt Klukowski (1885-1959), der das Krankenhaus von Szczebrzeszyn leitete und die Unmenschlichkeit der Deutschen, aber auch einiger Polen, in seinem Tagebuch beschrieb: "Ich empfinde es als Glück, dass jetzt - endlich! - Klukowskis bislang nur Fachleuten bekanntes Tagebuch über die Kriegszeit auf Deutsch erschienen ist. Die Qualität entspricht den berühmten Aufzeichnungen Victor Klemperers. Wer wissen will, wie die deutschen Machthaber in Polen hausten, sollte dieses Zeugnis der Verzweiflung über das Unmenschliche lesen. Klukowski gehörte dem bürgerlichen polnischen Widerstand an, weshalb er im kommunistischen Volkspolen mehrfach ins Gefängnis gesperrt wurde."