9punkt - Die Debattenrundschau

Und er sagte zu mir: "Witzig!"

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.01.2018. #MeToo und kein Ende. Dunja Bialas sieht bei artechock den "Aufruf der Catherines" als Ausdruck einer libertinen, aber nicht mehr zeitgemäßen Ethik. Bei Zeit online erhofft sich der Philosoph Paul B. Preciado, der einmal eine Frau war, eine Errettung der Menschen durchs queere Wesen.  Eine ganz andere Frage hat Andrew Sullivan im NYMag: Was ist eigentlich mit meinem Testosteron? In der taz fordert der Soziologe Ulrich Dolata eine strenge Kontrolle des Internets. Die FAZ bringt beunruhigende Zahlen über die "Krise des Lesens".

Ideen

Schwerpunkt #MeToo-Debatte

Dunja Bialas stellt bei artechock den "Aufruf der Catherines" (Catherine Millet, Catherine Deneuve, Catherine Robbe-Grillet) gegen #MeToo in den Zusammenhang der französischen Geistesgeschichte. Die Autorinnen seien weder klassische noch neumodisch genderistische Feministinnen: "Im Gegenteil halten sie eine Tradition hoch, die als Kulturgut in Frankreich eingeschrieben ist. Die Kunst zu gefallen und zu verführen, der 'libertinage' als sexuelle Freizügigkeit, das alles gab es bereits in der höfischen Gesellschaft unter dem angeödeten, weil funktionslos gewordenen Adel von Versailles. Allenthalben wird für diese Zeit (und für herausgehobene Schichten) ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis festgestellt, in dem die Frauen stilgebend (die Mode der Männer effeminierte sich zusehends), aber auch intellektuell äußerst einflussreich waren." Gleichzeitig wirft Bialas den Catherines vor, "absichtlich #Metoo und die daraus resultierende neue feministische Bewegung misszuverstehen".

Als Transmann (Ex-Frau) hat der französische Philosoph Paul B. Preciado, dessen Libération-Artikel von Zeit online übersetzt wird, noch ganz andere Einsichten zur Angelegenheit: Heterosexualität sei eine Regierungsform, das Bestehen der Catherines auf Verführung, ja nervender Anmache sei vorgestrig. "Die Verführung wird ästhetisiert, das Begehren stilisiert. Eine historische, konstruierte Form der Herrschaft stabilisiert das Machtgefälle durch erotische Aufladung. Diese Politik des Begehrens hält das geschlechtliche Ancien Régime am Leben, allen Versuchen der Gleichstellung und des Empowerments von Frauen zum Trotz. Das nekropolitische, heterosexuelle Regime ist genauso erniedrigend und zerstörerisch, wie es das Lehnswesen und die Sklaverei im Zeitalter der Aufklärung waren." Queerer Gott, erlöse uns von allem Übel!

Ganz anders sieht es der (bekennend schwule) Großessayist Andrew Sullivan im New York Magazine. Er erzählt, wie er einmal eine Testosteron-Therapie erhielt und die zweiwöchentliche Injektion fast wie einen  Drogenrausch der Männlichkeit erlebte. "Diese Baucherfahrung öffnete mir die Augen für die schiere, immense  natürliche Differenz zwischen Mann- und Frausein und half mir, besser zu verstehen, dass Natur uns  weit mehr im Griff hat, als wir glauben. Ich erzähle das, weil diese natürliche Realität - die in Chrosomen und Genen, die kein Wissenschaftler bestreitet, festgeschrieben ist - in unserer immer hitzigeren Debatte um Geschlechterbeziehungen und #MeToo kaum erwähnt wird. Sie scheint geradezu tabu zu sein. Man kann ein Leben mit Gender Studies verbringen, und sie wird nicht einmal erwähnt. Alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern, so sagt man uns heute, sind eine Funktion der ewigen Unterdrückung der Frauen durch Männer, des 'Patriarchats', das diese Unterjochung  verlangt und der Machtstrukturen, die zu Frauenfeindlichkeit führen."

Außerdem: Die Grünen-Politikerin Tabea Rößner betont im Tagesspiegel, dass es in der #MeToo-Debatte keinen Genie-Vorbehalt für die Kunstwelt geben darf.

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Die Philosophin Donata Schoeller preist in der NZZ den Wert des Geplauders, weil sich manchmal Gedanken erst beim Sprechen herausbilden: "Nicht nur Dichter des 18., auch Wissenschafter des 20. Jahrhunderts setzen auf diese Methode, wenn sie, wie etwa Werner Heisenberg, ein Sich-Heranreden zur Technik im Umgang mit einer noch diffusen Idee machen. In dieser Phase lehnte Heisenberg die Sprache der Mathematik ab. Man tastete sich vor, versuchte sich gegenseitig zu verstehen, wobei es vor allem darum ging, 'den Ball im Spiel zu halten', nämlich diejenige Idee, um die es noch unklar ging. Währenddessen wurden die Vorstellungen und Begriffe schärfer." 

Außerdem: Rolf Dobelli denkt in der NZZ über den Wert der Allgemeinbildung im Zeitalter der Spezialisten nach.
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Internet

Der Soziologe Ulrich Dolata sieht im taz-Gespräch mit Hannes Koch angesichts der Hassreden im Netz und der Macht der Internetkonzerne nurmehr einen Ausweg, "eine neue Aufsichts- und Regulierungsbehörde, die das Internet im allgemeinen Interesse kontrolliert. Dort säßen dann anerkannte und öffentlich bestellte Experten, die wissen, wie und was Facebook, Google und Co. mit ihren Algorithmen steuern und beeinflussen können. Das wäre auch deshalb gerechtfertigt, weil manche Internetunternehmen mittlerweile eine monopolistische Macht errungen haben." Wir schlagen vor, dass die entsprechenden Regierungsstellen zunächst mal Delegationen in den Iran und nach China schicken, um sich Anregungen zu holen.

(Via turi2) In die tägliche Hofberichterstattung über neueste Volten der Facebook-Algorithmie platzt nun die Mashable-Meldung, dass Facebook die Medien nicht nur generell degradieren, sondern zugleich dafür sorgen will, dass seriöse Medien besser gerankt werden als unseriöse: "Das soziale Netzwerk will Feedback von Usern über die Zuverlässigkeit von Medien auswerten", schreibt Kerry Flynn, "ein dramatischer Umbruch für Facebook, das bisher vor Werturteilen über die Qualität von Inhalten zurückscheute."
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Geschichte

Die allerletzten Prozesse gegen Nazi-Mörder werden zur Zeit geführt, die letzten Zeitzeugen sind meist über 90 Jahre alt. Im Gespräch mit Jan Pfaff von der taz ist der Historiker Norbert Frei dennoch zuversichtlich, die Erinnerung wachhalten zu können: "Der Historiker Saul Friedländer hat von dem Moment der Fassungslosigkeit gesprochen, der trotz aller gründlichen Analyse erhalten bleiben muss. Und ich bin überzeugt, dass es bei der Beschäftigung mit einer gut geeigneten Quelle - sei sie gedruckt oder ein Filmausschnitt - sehr wohl möglich ist, diese Fassungslosigkeit zu empfinden."
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Medien

Jens Uthoff liefert in der taz Hintergründe zum Streit um Simon Strauß (unsere Resümees), der für ihn eher ein Clash zweier ambitionierter Nachwuchscliquen im Literaturbetrieb zu sein scheint: Einerseits die Gruppe "Rich Kids of Literature" um den Korbinian Verlag, eher so Kreuzberger Hipster, dort der Kreis um Simon Strauß, eher so Feuilleton-Jungs mit höheren Ansprüchen. Aber Strauß bezog sich auf das Manifest "Ultraromantik" des Korbinian-Autors Leonhard Hieronymi. Der stützt die soziologische These Uthoffs mit folgender Aussage: "Ich will, wenn man sich schon Strauß' Vater ständig anschaut, dass man sich auch meinen anschaut. Mein Vater ist ein humpelnder, zwei Meter großer Gas-und-Wasser-Installateur, der in den letzten zehn Jahren nur ein Buch gelesen hat: 'Das Manifest der Ultraromantik'! Und er sagte zu mir: 'Witzig!' Er hat die bisher beste Interpretation meines Buchs geliefert."
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Kulturmarkt

Sandra Kegel, deren Leitartikel zur Krise des Lesens im letzten Herbst die Branche aufstörte (unser Resümee) zitiert in der FAZ neue beunruhigende Zahlen: "Schon der monatlich verschickte Branchenmonitor des Börsenvereins verhieß zuletzt nichts Gutes. Jetzt wurden auf der Jahrestagung der IG Belletristik & Sachbuch Zahlen präsentiert, die für sich sprechen. Von Entwarnung kann keine Rede sein, im Gegenteil: Innerhalb von nur vier Jahren, zwischen 2012 bis 2016, gingen dem Buchhandel laut Gesellschaft für Konsumforschung 6,1 Millionen Buchkäufer verloren. Die Käuferreichweite - der Anteil der Bevölkerung also, der Bücher kauft - sank im selben Zeitraum um knapp neun Prozentpunkte auf 45,6 Prozent." Dass der Umsatz der Branche dennoch ungefähr gleich blieb, liegt laut Kegel an Preiserhöhungen für Bücher.
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Wissenschaft

Keine Angst vor China! Die "Kulturrevolution 2.0" des chinesischen Staatspräsidenten Xi, mit ihrem Willen zur totalen Überwachung und "Erziehung", geht nicht zusammen mit der geplanten Entwicklung zu einer führenden Wissensgesellschaft, meint der Politikwissenschaftler Christian Grünwald in der NZZ. "Ein solches System erzeugt Konformität, Selbstzensur und Angst vor Fehlern. Aus dem bei Samuel Beckett entlehnten Silicon-Valley-Mantra des 'Fail again, fail better' wird in diesem Kontext 'Fail never'. Es erzieht zu einer Mentalität des Kopierens, indem es nur systemkonforme Äußerungen gutheißt. ... Innovation und Disruption kommen gerade dann zustande, wenn bestehende Denkmuster verlassen und Grenzen neu ausgelotet werden. Hierfür braucht es Zweifel, Kritik an Bestehendem, Neugierde, Risikobereitschaft und vor allem Freiheit - sprich: einen tiefen Punktestand auf dem Sozialkreditkonto."
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Stichwörter: China, Christian Grünwald