9punkt - Die Debattenrundschau

Konkretes Gefühl für das Langstrecken-Frisbee

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.01.2018. Die Proteste im Iran werden nicht zu einem Regimewechsel führen, meint Bahman Nirumand in der taz. Allerdings ist die Situation durch das Smartphone ganz anders als im Jahr 2009, meint der Atlantic. 300 einflussreiche Frauen aus Hollywood gründen eine Initiative gegen sexuelle Gewalt in der Filmindustrie, berichtet die New York Times. Die Türkei sendet Entspannungszeichen im Fall Deniz Yücel, meldet die taz. Und der Guardian fragt: Kann es sein, dass der Säkularismus die Ungleichheit der Geschlechter fördert, wie es die Genderforscherin Joan Wallach Scott behauptet?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.01.2018 finden Sie hier

Politik

Schwerpunkt Proteste im Iran

Aus den Protesten im Iran wird kein Regimewechsel folgen, der Machtkampf zwischen "Reformern" und den Mullahs wird sich allerdings verschärfen, meint Bahman Nirumand in der taz: "Bei diesem Machtkampf haben die Rechten weit mehr Hebel in der Hand als die Reformer. Die Justiz, der Wächterrat, die Revolutionsgarde, das Militär, die Geheimdienste, auch die größten Wirtschaftsunternehmen stehen ihnen zur Verfügung. Damit können sie jede einschneidende Reform verhindern. An ihrer Spitze steht Revolutionsführer Ali Chamenei, der mit nahezu unbegrenzter Macht ausgestattet ist."

Zwölf Demonstranten sollen seit Beginn der neuesten Proteste im Iran ums Leben gekommen sein, meldet der Guardian.

Eines ist klar: Das Smartphone könnte bei den Protesten im Iran eine Differenz zu 2009 ausmachen, schreibt Karim Sadjadpour im Atlantic: "Als 2009 zwei bis drei Millionen Iraner schweigend in Teheran demonstrierten, hatten noch weniger als eine Million Iraner ein solches Gerät, nur ganz weniger außerhalb Teherans. Heute haben angeblich verblüffende 48 Millionen Iraner ein solches Gerät, alle mit sozialen medien und Kommunikations-Apps. Allein die Messenger-App Telegram soll 40 Millionen Nutzer haben, die sich der Regierungskontrolle entziehen können, nur eine Abschaltung der Kommunikationsstrukuren insgesamt könnte das Internet abwürgen."

Jennifer Nathalie Pyka von den Salonkolumnisten konstatiert bei der europäischen Politik eher eine peinlich berührtes Unbehagen mit den Protesten: "Auf dem Spiel steht vieles: der Atom-Deal, der Status-Quo in Despotistan, die eigene Glaubwürdigkeit. Demonstranten, die für originär europäische Werte sterben, können daher nicht mit Rückendeckung rechnen. "

In der FAZ warnt der Autor Rafael Seligmann unterdessen: "Ein Krieg Irans gegen Israel wird wahrscheinlicher." Das Problem ist die massive iranische Präsenz in Syrien, wo Raketen gegen Israel in Stellung gebracht werden, so Seligman: "Israels Regierung und Armee haben wiederholt deutlich gemacht, dass sie es so weit nicht kommen lassen werden. Israel würde in diesem Fall - wie wiederholt zuvor - einen Präventivkrieg beginnen. Einer Invasion Israels auf syrisches Gebiet würden Assads Verbündete in Moskau und Teheran aber nicht tatenlos zusehen. Greifen Russland und Iran ein, sind auch die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten gefordert."

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In den USA sind 300 einflussreiche Frauen aus dem Filmgeschäft fest entschlossen, den Moment zu nutzen, und Frauenrechte ganz handfest zu unterstützen: Mit 13 Millionen Dollar ausgestattet soll die Initiative Time's Up auch weniger privilegierten Frauen juristische Hilfe anbieten, berichtet die New York Times, wenn sie am Arbeitsplatz sexuell belästigt oder diskriminiert werden. "Time's Up is leaderless, run by volunteers and made up of working groups. One group oversaw the creation of a commission, led by Anita Hill and announced in December, that is tasked with creating a blueprint for ending sexual harassment in show business. Another group, 50/50by2020, is pushing entertainment organizations and companies to agree to reach gender parity in their leadership tiers within two years. It already can claim a victory. In early December, after Ms. Rhimes pressed him, Chris Silbermann, a managing director at ICM Partners, pledged that his talent agency would meet that goal."
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Europa

Die Türkei sendet im Fall Deniz Yücel Entspannungszeichen in Richtung Deutschland, meldet Jürgen Gottschlich in der taz: "Die Reaktionen in Deutschland sind bislang noch sehr verhalten. Merkel sprach nach der Freilassung von Tolu von einer teilweise guten Nachricht. Es ist ziemlich offensichtlich, dass die Bundesregierung sich vor einer Freilassung von Yücel nicht substanziell bewegen wird. Insbesondere das deutsche Veto gegen eine Ausweitung der Zollunion zwischen der EU und der Türkei bleibt mindestens so lange bestehen, bis der Journalist freigekommen ist."
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Stichwörter: Yücel, Deniz, Türkei

Religion

Der Pastor der Berliner Gedächtniskirche, Martin Germer, verteidigt im Gespräch mit Claudius Prösser in der taz, dass er einen Abgesandten der umstrittenen "Neu-Köllner Begegnungsstätte" zum Gedenken an das Weihnachtsmarkt-Attentat eingeladen hat: "Engagierte Muslime aus arabischen Kontexten leben in einer komplizierten Welt. Dass da jemand auch mal etwas sagt oder tut, was er hinterher als Fehler bezeichnet oder hinter das man ein Fragezeichen setzen kann, wird kaum zu vermeiden sein. Aber kann die Konsequenz sein, dass wir mit Muslimen, die sich für das gute Miteinander in unserer Gesellschaft und den Dialog mit anderen Religionen aussprechen, nicht mehr reden?"
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Ideen

Im Gespräch mit Arno Widmann (Berliner Zeitung), erzählt Richard David Precht von der Arbeit an seiner vierbändigen Philosophiegeschichte, von der zwei bereits erschienen sind und die komplizierter ist als man annimmt. Man nehme nur Kopernikus: "Seine Kritik am geozentrischen Weltbild gewann er nicht aufgrund seiner Himmelsbeobachtungen. Er hatte ja kein Fernrohr, sondern benutzte nur den Dreistab. Die Kopernikus-Forscher streiten darüber, wie viele eigene Beobachtungen er gemacht hat, aber sie sind sich einig darüber, dass er sich bei seiner umstürzlerischen Theorie, dass die Erde sich wie die anderen Planeten um die Sonne drehe, in erster Linie auf antike Daten stützte. Die Wende kam aber von Kopernikus und nicht erst von Galilei, der dann über ein Fernrohr verfügte, aber oft falsch interpretierte, was er sah. Je näher man sich an die Ereignisse zoomt, umso unübersichtlicher wird die Entwicklung insgesamt. Die wirklichen Menschen passen nicht in die Schubladen der Geschichtsschreibung."

Daniel Steinmetz-Jenkins ist im Guardian zwar überhaupt nicht einverstanden mit der Gender-Forscherin Joan Wallach Scott, die in ihrem Buch "Sex and Secularism" glatt behauptet, dass der Säkularismus die Ungleichheit der Geschlechter vertieft habe, aber ein paar Punkte macht sie seiner Meinung nach doch, etwa über das 19. Jahrhundert: "Die Zurückweisung der Religion in dieser Zeit, argumentiert Scott, basierte auf idealisierten Unterscheidungen zwischen dem, was in die Öffentlichkeit gehört (Männer, Markt, Politik, Bürokratie) und der privaten Sphäre (Frauen, Familie, Religion, sexuelle Intimität). 'Diese Unterscheidungen hatten keinen Aspekt von Gleichheit zwischen den Geschlechtern', merkt Scott richtig an, 'sie basierten auf der Annahme von Ungleichheit der Geschlechter.' Sie wurden etwa als Rechtfertigung benutzt, den Frauen das Wahlrecht nicht zu geben, was im säkularen Frankreich - aus Angst, dass Frauen für die Kirchenpartei stimmen - erst 1944 geschah." Das einzig Störende an Scotts Argumentation, so Steinmetz-Jenkins, ist, dass heute mit Blick auf religiöse und säkulare Länder alle Indizien gegen Scotts These sprechen.

Wozu sich auch mit störender Realität befassen, wenn man bereits die zutreffende Meinung hat? "50 Prozent, die Hälfte der Gesellschaft, wird ärmer und ärmer", hatte neulich Georg Diez in seiner Spiegel online-Kolumne mit Blick auf den "World Inequality Report" behauptet. Aber leider zeigt ein genauerer blick auf den Bericht das fast schon diametrale Gegenteil hat Tobias Blanken bei Medium herausgefunden, den im Bericht steht: "Dank des hohen Wachstums in Asien (insbesondere in China und Indien) sind die Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung deutlich gestiegen." Nur die Zuwächse für die Reichen sind überproportional gestiegen, so dass die Differenz sich gleichzeitig vergrößert hat.

Stephan Wackwitz sucht in einem längeren Essay für die taz nach Einflüssen Goethes und Schillers bei amerikanischen Denkern wie Ralph Waldo Emerson und  Henry David Thoreau: "Man muss im Grunde auch gar keine philosophiegeschichtlich aufwendige Zeitreise unternehmen, um ein konkretes Gefühl für das Langstrecken-Frisbee hin und her über den Atlantik zu bekommen, das im 19. Jahrhundert zwischen Deutschland und Amerika gespielt worden ist."

Der Politologe Franz Walter legt auf der Gegenwartsseite der FAZ einen ganzseitigen Artikel zum Niedergang der SPD vor, den er den Hartz IV-Reformen zuschreibt. Nun rät er der Partei zu einem milden Konservatismus in Form einer "umsichtigen Verknüpfung weisen Fortschreitens mit den geerdeten Bewahrungs-, Tradierungs-, Überschaubarkeits-, Sicherheits- und Innehaltensbedürfnissen derjenigen Menschen, die das als modern ausgegebene Nomadentum der globalen Klasse nicht unbedingt für einen universell erstrebenswerten Glückszustand halten. In der Krise des zur Phrase ausgedünnten Neuliberalismus und in der durch die Merkelisierung der CDU hinterlassenen Leerstelle des klassischen Wertekonservatismus könne darin ja auch eine politische Chance bestehen."
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Medien

Auf der Website des Deutschlandfunks wird - ganz sendungsbezogen - ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister über die deutsche Medienlandschaft und die mutlose Mediendebatte und -politik resümiert. Nebenbei will Hachmeister die Presse irgendwie am Einnahmesegen der Plattformkonzerne Google, Facebook und Co. beteiligen: "Man müsse vielleicht wieder zurück zu Überlegungen wie einer Internet-Flatrate oder müsse die Verwertungsgesellschaften stärken, so Hachmeister. Aber auf solche Überlegungen sei die Medienpolitik, die sich in Netzpolitik und 'alte' Medienpolitik aufgespalten hat, überhaupt nicht eingestellt. Hachmeister regt 'einen anderen Zuschnitt eines Kultur- und Medienministeriums' an, 'um diese Marktdynamik vernünftig analysieren und ihr begegnen zu können'. 'Meine These ist ja: wenn sich nichts ändert, wird die deutsche Medienindustrie vollkommen verschwinden.'"
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Gesellschaft

In der SZ macht sich Peter Richter Gedanken um die Nachverdichtung Berlins, die der Wohnungsnot geschuldet ist, aber selbst von denen gehasst wird, die den Wohnungsmangel beklagen: "Verdichtung ist in Berlin zur Reizvokabel geworden in den letzten ein, zwei Jahren. In Schöneberg, im Westen, gehen die Mieter genauso auf die Barrikaden wie im Friedrichshain im Osten, wenn größeren, oft von den Anwohnern eigenhändig begrünten Höfen plötzlich noch ein fünfstöckiges Haus eingepfropft werden soll; denn Barrikaden sind aus ihrer Sicht vor allem das, wozu die Stadt die Bauherren gerade offensiv ermutigt: Sie protestieren dagegen, dass ihnen ihr Zugang zu Licht, Luft und Sonne verriegelt wird. Die Stadt verweist da kühl auf das Baurecht und auf den Bedarf. Fast rund 190000 Wohnungen müssten her im nächsten Jahrzehnt, und es gibt Berechnungen, wonach allenfalls Platz für 160000 sei - und auch für die nur dann, wenn wirklich jede Fläche bebaut wird, die das halbwegs hergibt."

Vor zwei Jahren wurde der Hacker Jacob Applebaum per anonymem Internetpost der sexuellen Belästigung beschuldigt. Bis heute hat der Chaos Computer Club, dessen Jahrestagung gerade zu Ende gegangen ist, trotz #MeToo-Kampagne keinen Umgang mit dem Thema gefunden, schreiben Lalon Sander und Anna Böcker in der taz: "Zwei Mitglieder der Community beschwerten sich vor dem Kongress über den Umgang mit mutmaßlich übergriffigen Männern. Der CCC reagierte in einem Fall erst Monate später, änderte dann mehrmals seine Entscheidung. In keinem der Fälle wurden die Beschuldigten aktiv um Rückmeldung gebeten."
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