9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Krise auf zwei Beinen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.01.2018. Es geht nicht allein um Dieter Wedel, es geht um "ein ganzes System". Die Fernsehanstalten, "die mit Wedel skrupellos ihre Geschäfte machten," und seine Taten duldeten, sollten einen unabhängigen Untersuchungsbeauftragen einsetzen, meint Heribert Prantl in der SZ. Der Tagesspiegel liefert tiefere Einblicke ins System Wedel. Man war offenbar der Meinung, "Schweinereien gehörten dazu", konstatiert Verena Lueken in der FAZ. Zeit, sich mal mit männlicher Sexualität zu befassen, so Julia Kristeva in der NZZ zu #MeToo.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Es geht beim Fall Dieter Wedel keineswegs nur um Dieter Wedel, meint Jenni Zylka in der taz: "Dass das Thema .. jahrzehntelang aktenkundig und im Gedächtnis der traumatisierten Opfer - und mutmaßlich auch in dem des Täters - verankert bleiben, aber nicht an die Öffentlichkeit gelangen konnte, stellt ein ganzes System infrage, die Fernsehindustrie, den öffentlich-rechtlichen Apparat."

38 Jahre nachdem die Vorwürfe gegen Dieter Wedel, der damals einen Film für den Saarländischen Rundfunk drehte und zwei Schauspielerinnen massiv belästigt und eine von ihnen schwer verletzt haben soll, bekannt wurden, gibt der Saarländische Rundfunk bekannt, die Sache schonungslos untersuchen zu wollen, berichten Raphael Piotrowski und Peter Weissenburger ebenfalls in der taz. In den Akten lagert unter anderem "ein Schreiben von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, bekannt als Arzt des FC Bayern. Er behandelte eines der Opfer, die Schauspielerin Esther Gemsch. Müller-Wohlfahrt schreibt, Gemschs Symptome könnten 'eindeutig als Folge der Gewalttätigkeit vom 12. 12. 80 angesehen werden'. Konsequenzen gab es nicht." Spiegel online interviewt den SR-Intendanten Thomas Kleist zu der Sache.

Die Gleichgültigkeit von Produktionsfirmen, Rundfunk- und Fernsehanstalten den Opfern gegenüber könne man Beihilfe zum sexuellen Missbrauch nennen, meint Heribert Prantl in der SZ und fordert: "Wenn Wedels Taten verjährt sind, ist auch die Beihilfe dazu verjährt. Aber Anstalten, die sich über öffentliche Beiträge finanzieren und die dem Gemeinwohl verpflichtet sind, können sich nicht hinter der Verjährung verkriechen. Und die Unschuldsvermutung verbietet nicht Diskussion und Aufklärung. Die Fernsehanstalten, die mit Wedel skrupellos ihre Geschäfte machten, sollten einen unabhängigen Untersuchungsbeauftragen einsetzen, der die Vorwürfe aufklärt - so wie dies die Jesuiten vom Berliner Canisius-Kolleg nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals getan haben."

Tiefere Einblicke ins System Wedel liefern im Tagesspiegel Andreas Busche, Markus Ehrenberg, Joachim Huber, Christiane Peitz und Sarah Kugler: Produzenten "zielen darauf ab, Probleme intern zu lösen, damals wie heute. Kündigte sich bei einem Wedel-Projekt ein höhergestellter Senderverantwortlicher an, dann wurden diese Visiten als 'Staatsbesuche' inszeniert: alles piccobello, alle bester Stimmung, ein Herz und eine Seele. Potemkinsches Dorf. Und wenn einer beim Sender vorstellig wurde, dann Dieter Wedel: mehr Geld, mehr Drehzeit, mehr, mehr, mehr. Ego-Mann Wedel war eine Krise auf zwei Beinen, Sitzung auf Sitzung, Überschreitung genehmigt."  Ebenfalls im Tagesspiegel verweist Jost Müller-Neuhof darauf, dass dank einer Gesetzesänderung aus dem Jahr 2015 die in der Zeit erhobenen Vorwürfe der Schauspielerin Jany Tempel keineswegs verjährt sind.

Im Gegensatz zur US-Filmindustrie stehen die Öffentlich-Rechtlichen keineswegs unter Profitdruck, erklärt im Tagesspiegel Christiane Peitz den kleinen Unterschied zum Weinstein-Skandal und spricht von Schweigekartellen: "Kollegen und Teams haben erschrocken weggeschaut, aber etabliert wurde das Kartell von Produzenten, Redakteuren, Menschen mit Macht. Mit den Schauspiel-Agentinnen gehören auch Frauen zu den Komplizen." Und in der FAZ kommentiert Verena Lueken kopfschüttelnd: "Alle hielten den Mund - die einen, weil sie weiterarbeiten wollten; die anderen, weil es um ihr Geld ging; alle, weil sie offenbar der Meinung waren, Schweinereien gehörten dazu, wenn Männer beruflich Frauen etwas zu sagen haben."

Im NZZ-Interview mit Sarah Pines fordert die Psychoanalytikerin und Feministin Julia Kristeva den "unentdeckten Kontinent" der männlichen Sexualität in die Geschlechterdebatte - eine dritte sexuelle Revolution, wie sie meint - miteinzubeziehen - und zwar ohne Puritanismus oder Ignoranz: "Es gibt keine pyramidale Gesellschaft mehr, an deren Spitze ein Mann steht. Die neue weibliche Freiheit unterminiert eine von Viagra, Kokain und Pornografie unterstützte patriarchale Macht, zwingt sie, sich anzupassen, sich neu zu erfinden. Der Feminismus macht aber wie gesagt einen Fehler: Er beschäftigt sich viel zu sehr mit dem weiblichen Lustprinzip - was begehren wir, auf welche Weise tun wir dies, warum begehren wir so und nicht anders -, nie aber mit der 'jouissance' des Mannes. Ein großes Versäumnis."

Überwachung

(Via Netzpolitik) Alexander Fanta hat bei Quartz herausgefunden, dass Google auf Android-Geräten Bluetooth benutzt, um den Standort des Nutzers ausfindig zu machen, selbst wenn der Nutzer denkt, er hätte Bluetooth abgeschaltet: "Das macht (das Gerät) unter anderem, indem es für Google die eindeutigen Identifikationscodes von allen Geräten sammelt und schickt, die Bluetooth-Signale aussenden. Solche Geräte, auch als Beacons bekannt, werden oft in Läden, Museen und anderen öffentlichen Orten verwendet, um Telefonen die Bestimmung ihres Standorts innerhalb des Gebäudes zu erleichtern. Das im Eigentum von Alphabet stehende Google nimmt das Tracking vor, um für Werbekunden auf 'nützlichere' Art digitale Werbung auf die Nutzer zuschneiden zu können." (Übersetzung von Netzpolitik)

Geschichte

Im Tagesspiegel fordert der deutsch-niederländische Historiker und ehemalige Mitarbeiter des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam, Lutz van Dijk, beim Auschwitz-Gedenktag in Polen endlich auch homosexuelle NS-Opfer zu ehren: "Im Juli 2016 reiste ich erneut nach Auschwitz, um zu sehen, ob sich in mehr als einem Vierteljahrhundert etwas geändert hat. Während der Führung wurde deutlich, dass es noch immer nur die eine historische Tafel zur Erklärung der Winkelfarben gibt, und sonst so gut wie nichts bekannt ist. Das sei nur eine kleine Gruppe gewesen, erklärte der Leiter der Forschungsabteilung der Gedenkstätte: 77 Personen, ausschließlich Deutsche, und zudem sei es im heutigen Polen noch immer nicht leicht, mit Jugendlichen über Sexualität zu sprechen."

Außerdem: In der FAZ (politischer Teil) würdigt der Historiker Andreas Rödder den Außenpolitiker Gustav Stresemann, dessen Name womöglich für eine Parteistiftung der AfD missbraucht werden wird.
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Europa

Die Türkei ist nun nach einem Bericht der Organisation Freedom House ein "unfreies Land" und Bülent Mümay kann das in seiner FAZ-Kolumne nur bestätigen. Nicht nur werden Journalisten eingesperrt, auch Theaterstücke werden verboten. Und "um in der Liga der 'unfreien Länder' mit Verbot belegt zu werden, muss gar keine Politik im Spiel sein. Der Staat untersagte auch ein von Studenten in den Semesterferien organisiertes Musikfestival. Warum? Ganz einfach: Das Festival, auf dem weder Alkohol noch Zigaretten verkauft werden sollten, wurde verboten, weil es 'Anreiz zum Konsum von Alkohol und Tabakwaren' schaffe."
Stichwörter: Türkei, Zensur, Mumay, Bülent