9punkt - Die Debattenrundschau

Schafe der Geschichte

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2017. Liu Xiaobo möchte im Ausland behandelt werden, und er ist transportfähig, berichtet die New York Times. Die Hamburger Ausschreitungen halten die Medien noch in Atem. War die Polizei schuld? Oder lieferte der Schwarze Block nur ein Bild des hässlichen Deutschen?  In der Welt hofft Necla Kelek nach dem erfolgreichen Marsch für die Gerechtigkeit auf ein Erwachen der türkischen Zivilgesellschaft. In der FR möchte Pankaj Mishra, dass wir die Psyche junger Menschen verstehen, die zu Terroristen werden . Die türkische Journalistin Ece Temelkuran wendet sich in der NZZ gegen die großen Gesänge und will konkrete Ansätze. Und das Luther-Jahr ist ein Riesen-Flop, rechnet die FAZ aus.

Politik

Zwei ausländische Ärzte, Joseph M. Herman von der University of Texas und Markus Büchler von der Universität Heidelberg haben Liu Xiaobo untersucht und halten ihn für transportfähig, berichtet die New York Times. Die Ärzte sagten, dass "Liu seinen Wunsch, für den Rest seiner Behandlung ins Ausland gebracht zu werden, deutlich gemacht habe. 'Es besteht zwar stets ein Risiko beim Transport eines Patienten, aber beide Ärzte glauben, dass Liu bei angemessener medizinischer Begleitung sicher transportiert werden kann', sagen die Ärzte in einem gemeinsamen Kommuniqué. Sie erklärten sich bereit, Liu medizinisch zu versorgen."
Archiv: Politik
Stichwörter: Liu Xiaobo

Europa

Die Zeitungen und sozialen Medien sind voll mit Kommentaren zu den Hamburger Ausschreitungen beim G20-Gpifel - unmöglich für den Perlentaucher alles widerzuspiegeln. In der SZ sucht Thomas Hummel einen etwas distanzierenden Standpunkt beim Soziologen Simon Teune, der sich mit Protestformen befasst und zunächst die innere Vielfalt des "Schwarzen Blocks" betont, bevor er der Polizei die Hauptschuld am Geschehen gibt: "Seit Jahrzehnten hat man in Hamburg die Taktik, draufzuhauen. Jetzt wurde beim G-20-Protest die Schraube noch einmal weitergedreht, bis zum Einmarsch von Bewaffneten in einen Straßenzug. Wir können von Glück sagen, dass es keinen Toten gab. Ich denke, die Strategie ist kolossal gescheitert."

Auch SZ-Leitartikler Heribert Prantl sieht die Schuld vor allem bei der Polizei und erntet von FAZler Mathias Müller von Blumencron, der diametral anderer Meinung ist, den Tweet: "So schreibt, wer von seiner Münchener Bürgerstube mit dem Fernglas auf die Ereignisse in Hamburg schaut. Peinlich!"

In der Berliner Zeitung ist Jochen Arntz fassungslos über das Gesicht, dass der Schwarze Block in Hamburg allen G20-Teilnehmern präsentiert hat, "die ein wenig Erfahrung mit deutscher Vergangenheit haben...: den hässlichen Deutschen, der sich auf Feuer, Gewalt und Plündern versteht. Der weiß, was es heißt, anderen die Hölle auf Erden zu bereiten, und dafür gar kein Neonazi oder Nazi sein muss. Der mit anderen Gewalttätern aus ganz Europa durch die Straßen zieht. Leute, die rufen: Willkommen in der Hölle - das macht alles so geschichtsvergessen peinlich."

Der Protestmarsch des Oppositionspolitikers Kemal Kilicdaroglu von der säkularen Partei CHP war eine erste Schlappe für Erdogans immer autokratischere Politik, meint Jürgen Gottschlich in der taz: "Immer mehr Prominente schlossen sich ihm an, dazu kamen Menschen, die seit dem Putschversuch in die Mühlen der staatlichen Repression geraten sind, Angehörige von Verhafteten etwa, aus dem Staatsdienst Entlassene, Verwandte von Opfern der Proteste am Gezipark und zuletzt Kurden, die bislang der CHP immer kritisch gegenübergestanden hatten."

In der Welt schreibt Necla Kelek: "Es wäre zu wünschen, dass dieser Marsch der Anfang einer zivilgesellschaftlichen Bewegung würde. Erdogan forderte in der Putschnacht das Volk auf, auf die Straße zu gehen, um die Demokratie zu verteidigen. Er setzt immer wieder auf die Politik der Straße. Vielleicht nimmt das Volk ihn jetzt beim Wort, dreht die Sache und fordert von ihm 'Adalet' - Gerechtigkeit."

Außerdem: In der SZ schreibt Timo Lehmann über die türkische Künstlerszene, die sich aus Angst vor Verfolgung in der Türkei nach Berlin abgesetzt hat.
Archiv: Europa

Ideen

Im Interview mit der FR lässt Pankaj Mishra kein gutes Haar an Demokratie, Aufklärung und der Moderne. Alles nur Projekte, die die Vereinzelung befördern, den Menschen ihre Wurzeln ausreißen, meint er. Und der Lohn dafür? Man sehe nur in den Nahen Osten: "In vielen Staaten im Nahen Osten wurden nach und nach die Institutionen zerstört, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Es gibt keine Alternativen mehr, in der Menschen sich organisieren, entfalten oder auch nur unterhalten können. Vielerorts sind sogar öffentliche Plätze, auch die kleinsten Versammlungen verboten worden. Wie sollen junge Männer in so einer Welt zu Individuen werden? Sie werden es durch Akte spektakulärer Gewalt. Wir müssen die Psyche dieser Menschen verstehen, denen gesagt wurde, dass sie mit einer guten Ausbildung eine Chance haben zum Eintritt in die schöne Welt des Westens." (In einem langen Essay für die NZZ fordert Mishra, den Menschen nicht mehr nur als allein von wirtschaftlichen Motiven angetriebenes Wesen zu sehen.)

Die türkische Journalistin Ece Temelkuran schildert im Interview mit der NZZ die Lage in der Türkei. Anders als Mishra findet sie das Diskutieren über die großen abstrakten Fragen - Schuld, Identität, Hoffnung - unergiebig: "Mir scheint, dass nicht nur in der Türkei, sondern überall auf dem Globus Menschen darüber reden, ob es noch Hoffnung gibt, statt über konkrete Lösungsansätze zu sprechen. Dieses fruchtlose Beharren auf der Frage nach Hoffnung mystifiziert das Problem und macht die Menschen zu Schafen der Geschichte, obwohl sie eigentlich Subjekte ihrer Zeit sein sollten. Ich lehne die Diskussion über die Frage nach Hoffnung ab und ziehe es vor, über die Frager  zu sprechen, was getan werden muss."

Außerdem: Selbst die New York Times greift nun die Debatte um Rolf Peter Sieferle auf, dessen Buch "Finis Germania" nach dem Coup mit der NDR-Bestenliste und der Publizität, die ihm die Zeitungen verschafften, auf der Bestsellerliste landete (unsere Resümees).
Anzeige
Archiv: Ideen

Medien

Die amerikanischen Zeitungen rüsten im Kampf gegen Google und Facebook auf, schreibt Jim Rutenberg in der New York Times. Sie sehen sich von der extremen Dominanz der beiden Plattformen im Werbemarkt und der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes derart bedrängt, dass "eine Gruppe von Medien in dieser Woche einen Versuch startet, ein Recht auf kollektive Verhandlungen mit den großen Plattformen zu bekommen. Sie wollen darum im Kongress eine Ausnahmegenehmigung von Kartellbestimmungen erlangen. Das ist ein extremer Schritt mit hohem Einsatz. Aber die Medienindustrie hält ihn für sinnvoll, da sie Google und Facebook, absichtlich oder nicht, als größeres ökonomisches Risiko ansehen als es Trump mit seiner Rhetorik ist."

Beim Freitag gibt es Streit um den vom Besitzer Jakob Augstein als Herausgeber installierten Jürgen Todenhöfer, der bereits zu einem Exodus einiger Redakteure und freier Autoren aus dem linken Wochenblatt gegführt habe. Unter anderem weil der ehemalige CDU-Politiker die unbehagliche Nähe von "links" und "rechts" so deutlich macht, berichtete bereits am Samstag Peter Weißenburger in der taz: "Todenhöfer kritisiert regelmäßig die 'einseitige Berichterstattung westlicher Medien' und inszeniert sich als 'Sucher nach Wahrheit', wofür er private Reisen in die Kriegsgebiete Syriens, Afghanistans und des Irak als Beleg heranzieht. Um diese Erzählung von sich selbst zu verbreiten, nutzt er fragwürdige Plattformen: das völkisch-verschwörungstheoretische Compact-Magazin des exlinken Populisten Jürgen Elsässer, die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit oder das kremlnahe Portal RT Deutsch."

Christian Füller, Chefredateur des Freitag, hat inzwischen bei turi2 jeden Einfluss Todenhöfers auf redaktionelle Entscheidungen verneint.
Archiv: Medien

Kulturpolitik

Das (weitgehend von staatlichen Stellen finanzierte) Luther-Jahr ist bisher ein gewaltiger Flop, Besucherzahlen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück, schreibt Ralph Bollmann im Wirtschaftsteil der Sonntags-FAZ: "Der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf glaubt, dass die Kirche ihre Anziehungskraft im Jubiläumsjahr überschätzt hat. 'Die sprudelnden Kirchensteuern bilden nicht ab, wie stark die tatsächliche Bindung an die Kirchen abnimmt', sagte er. 'Das sagt etwas über die Schwäche des kirchlichen Protestantismus in Deutschland aus.' Niemand fahre eigens ins abgelegene Wittenberg, um sich auf einer Wiese einen unbekannten Prediger aus der Dritten Welt anzuhören. 'Ich kann nicht erkennen, was die Kirche mit dem Reformationsjubiläum eigentlich will.'"

Außerdem: In der taz berichtet Ronald Berg über eine Diskussion zur Zukunft des Museumsstandorts Dahlem, für den es nach dem beschlossenen Umzug der ethnologischen Sammlungen ins Humboldt-forum noch kein Konzept gibt.

Internet

Strafen gegen Google sind gut und schön, aber die EU erkennt nicht das eigentliche Problem, meint in der SZ Evgeny Morozov, der da schon viel weiter ist: Daten. "Die Daten der gesamten Nation könnten zum Beispiel in einem gemeinschaftlichen nationalen Datenfundus gesammelt werden, der allen Staatsbürgern gehört (oder im Fall einer europäischen Lösung allen Europäern). Wer auch immer auf Grundlage dieser Daten einen neuen Service anbieten wollte, müsste das in einem sehr wettbewerbsorientierten, streng regulierten Umfeld tun und einen entsprechenden Anteil seiner Profite als Nutzungsgebühr abgeben. Eine solche Aussicht würde große Technikkonzerne viel stärker abschrecken als die Aussicht auf ein Bußgeld."

Während in Hamburg gewalttätige Demonstranten alle Aufmerksamkeit auf sich zogen, billigte der Bundesrat ganz leise den Einsatz von Staatstrojanern, berichtet Patrick Beuth auf Zeit online. Da möchte man seine Daten doch sofort freiwillig an den Staat übereignen.
Archiv: Internet
Stichwörter: Evgeny Morozov