Efeu - Die Kulturrundschau

Morsezeichen aus dem Überwirklichen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2017. Der Dramatiker Ferdinand Schmalz hat in Klagenfurt den Bachmann-Preis gewonnen. Für die meisten Kritiker geht der Preis gerade so in Ordnung, der Wettbewerb insgesamt aber schon nicht mehr. Die Nachtkritik feiert Thomas Ostermeiers Eribon-Adaption "Rückkehr nach Reims" in Manchester. Im Tagesspiegel spricht der Regisseur über Stolz und Scham angesichts einer einfachen Herkunft. Die NZZ hört bei der musica viva das authentische ich des Komponisten Salvatore Sciarrino klingen. Und die New York Times streift bewundernd durch die Art-Deco-Bauten von Afrikas Miami.

Literatur

Der Dramatiker Ferdinand Schmalz ist beim Lesewettbewerb in Klagenfurt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Sein Text "mein lieblingstier heißt winter" ist eine "makabre, mit viel Raffinesse und Ironie erzählte Geschichte", sagt Ulrich Gutmair in der taz. In dem Text reist man in ein "Ulrich-Seidl-und Hans- Lebert-Österreich", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel, der allerdings spürbar lieber seinen Favoriten John Wray auf dem Siegerpodest gesehen hätte. Auch auf Grundsätzliches kommt Bartels zu sprechen: Abgesehen von den nahezu im Konsens auserkorenen Kritikerfavoriten Schmalz, Wray und Nickel herrsche in Klagenfurt an "Mittelmaß" kein Mangel. Und "die Auswahl des Feldes ist weder repräsentativ für die deutschsprachige Literatur, noch hat man es mit einem Nachwuchswettbewerb zu tun."

Bei seinen Kollegen rennt Bartels damit offene Türen ein. "Es sieht nicht gut aus", seufzt Elmar Krekeler in der Welt. Auch Alex Rühle ärgert sich enorm über das qualtative Gefälle in dem von den Juroren immerhin selbst zusammengestellten Wettbewerb: "Gibt es wirklich derart wenig richtig gute Texte", fragt er sich in der SZ. Das Gros der Beiträge sei jedenfalls "so dermaßen lala", dass er sich mehrfach die Augen reiben muss: "Wie jetzt, diese müde Erzählung über einen migrantischen Putzmann, dieser siebte Aufguss eines Entnazifizierungsdilemmas, das soll der Status quo sein?" Einhelliges Lob geht übrigens an FAZ-Redakteurin und Jurorin Sandra Kegel: Die hat nun schon zum dritten Mal in Folge den Gewinner nach Klagenfurt bestellt und war auch für die Teilnahme von John Wray verantwortlich. Sehr zufrieden ist allerdings Roman Bucheli in der NZZ: "Ausrutscher gab es kaum", lautet sein Fazit über die Wettbewerbsbeiträge. Für Deutschlandfunk Kultur spricht Eckhard Roelcke mit Schmalz. Und Judith von Sternburg von der FR hat bei den Diskussionen der Kritiker indessen vor allem auf die Großbildschirme im Lesestudio geschaut, auf denen sich die Reaktionen der Autoren auf Lob und Kritik stets nachvollziehen ließ. Ihr Fazit: "Der Trend bei der Mimik geht ins Undurchschaubare."

Weiteres: Nora Voit hat für die taz das Literaturfestival LIT:Potsdam besucht. Für die SZ spricht Jonathan Fischer mit Marlon James über dessen mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichneten Roman "Eine kurze Geschichte von sieben Morden". Deutschlandfunk Kultur bringt Claudia Kramatscheks Feature über "Natur als Quelle von Poesie."

Besprochen werden Johannes Wilms' Biografie über Honoré Gabriel de Mirabeau (FR), Karine Tuils ""Die Zeit der Ruhelosen" (Zeit), Frank Schäfers Biografie über Henry David Thoreau (taz) und Friedhelm Kemps "Gesellige Einsamkeit - Ausgewählte Essays zur Literatur" (SZ),

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jan Volker Röhnert über Peter Handkes "Métro Balard-Charenton":

"Bei Sonnenuntergang stieg ich ein
an Motte-Piquet-Grenelle
An Bonne Nouvelle hörte ich auf
..."
Archiv: Literatur

Bühne

Nina Hoss in "Rückkehr nach Reims". Foto: Arno Declair, Schaubühne.

Thomas Ostermeier hat beim Manchester International Festival Didier Eribons Buch "Rückkehr nach Reims" auf die Bühne gebracht und damit auch die Frage nach Britannien, ob die Linke über ihre Identitätspolitik die materiellen Nöte der Arbeiterklasse aus dem Augen verloren hat. In der Nachtkritik schreibt Andrew Haydon voller Begeisterung: "Es ist schön gemacht, und eigentlich war ich absolut glücklich, zwei Stunden lang dieser live erzählten Filmversion des Buchs zuzusehen. Ob es sich wirklich um Theater handelte, konnte ich mich später noch fragen, so stark war die Klarheit und Präzision von Eribons Text und Analyse. Wenn man ihn zum ersten Mal hört, dann haut es einen um, wie aktuell und relevant ist, was Eribon schreibt, nicht nur in Frankreich oder Deutschland, sondern auch in Britannien."

Im Tagesspiegel berichtet Patrick Wildermann von einem ausführlichen Gespräch mit Regisseur Ostermeier, der als Sohn eines Unteroffiziers und einer Verkäuferin aufgewachsen ist: "Ostermeier erinnert sich noch, wie er auf dem Gymnasium mal Ärger hatte, wegen 'Rumtreiberei'. Und wie die Eltern, statt den Sohn vor der Lehrerin zu verteidigen, sofort anboten, ihn von der Schule zu nehmen. Im Unterschied zu Eribon allerdings, 'habe ich mich irgendwann für Stolz statt Scham entschieden'. Stolz, einen anderen Hintergrund zu haben als die Altersgenossen, die Anfang der 90er in Neukölln saßen und klagten, sie wüssten gar nicht mehr, wogegen sie sich auflehnen sollten. 'Ich wusste immer ganz genau, wogegen', sagt Ostermeier."

Weitere Stimmen: Weniger begeistert ist Simon Strauß von der Inszenierung in der FAZ, die er "bieder-belanglos" nennt, doch das Setting in Manchester findet er stimmig, denn gleichzeitig gab es dort das Transgender Festival Sparkle, gesponsort  von der Lloyds Bank: "Das moderne, neoliberale Finanzwesen steht vertrauensvoll an der Seite der Minderheit." In der Welt sieht Hanna Lühmann einmal mehr den Beweis erbracht, dass die Arbeiterklasse reaktionär ist. Der Guardian widmet Nina Hoss aus diesem Anlass ein großes Porträt.
Archiv: Bühne

Kunst

Ziemlich genervt berichtet Christian Schachinger im Standard von der Fishspooner-Schau im Wiener Mumok: "Das Duo aus dem eher im Hintergrund arbeitenden Warren Fischer und Rampenmann Casey Spooner zählt zwischen Clubkultur, popkultureller Referenzverwendungsaffinität, performativer Schulskikurs-Abschlussabend-Gaudi und zynischer New-York-Downtown-Großmäuligkeit zur Gründergeneration jenes laut Wiener Mumok-Folder 'queer-lustvollen' Kinderfaschings, mit dem die Stadt gerade wochenlang im Performeum der Wiener Festwochen bespaßt worden ist."

Weiteres: taz-Kritikerin Sarah Alberti besucht in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig die Ausstellung "Chinafrika", die sich den Verflechtungen der beiden Räume widmet.
Anzeige
Archiv: Kunst
Stichwörter: Fishspooner, Mumok, Queer

Musik

Bei der musica viva in München hat Salvatore Sciarrinos "cosa resta" NZZ-Kritiker Marco Frei sehr beeindruckt: Dem Komponisten gelinge es aufs Neue "einen klingenden Organismus zu erschaffen ...  Sciarrino zählt zu den wenigen Komponisten der Gegenwart, die klar Stellung beziehen. Seine Musik ist stets wiedererkennbar, und auch dies ist Ausdruck einer kritischen Haltung: Mit seinem ausgeprägten Personalstil hält er zugleich ein subversives Plädoyer für das authentische Ich."

Ebenfalls in München uraufgeführt wurde Mark Andres "woher...wohin", das wiederum bei Michael Stallknecht bleibenden Eindruck hinterlassen hat: "Eine Ahnung von Apokalypse liegt in dieser Musik, die dennoch nichts Schreckliches an sich hat", schreibt er in der SZ. "Selbst wenn Andre die Bläser mit Handballen auf die Mundstücke schlagen lässt und die Streicher die Saiten mit Plastikkarten zupfen, sogar Umblättergeräusche einbezieht, verfällt er nie ins Illustrative. Hier geht es um das Gegenteil von Effekt. ... 'woher...wohin' lässt sich am ehesten als ein Zustand offenen Wartens beschreiben, in den die Klangereignisse zu Morsezeichen aus dem Überwirklichen werden."

Weiteres: In der NZZ schreibt Tobias Sedlmaier über das Comeback der Britpop-Band Placebo. Stefan Grund befasst sich in der Welt mit der Musik des G20-Gipfels: Bei den Staatsoberhäuptern gab es Beethoven, beim Protest trat Grönemeyer auf, lediglich der Schwarze Block habe "keine Lieder".

Besprochen werden das neue Album von Lee Bains III & The Glory Fires (FR), das neue Album von Broken Social Scene (Spex), Hamilton de Holandas "Casa de Bituca" (taz) und eine György-Kurtág-Aufnahme von Reinbert de Leeuws Asko-Ensemble (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Tilman Spreckelsen über "Rainy Days and Mondays" von den Carpenters.


Archiv: Musik

Film

Detlef Kuhlbrodt empfiehlt in der taz Will Trempers 60s-Berlin-Film "Playgirl", den das Berliner Brotfabrikkino heute Abend zeigt.

Besprochen werden Lone Scherfigs "Ihre beste Stunde" (Tagesspiegel), Sofia Coppolas "Die Verführten" (Freitag, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "Hot Girls Wanted: Turned On" (Freitag) und die Netflix-Serie "Gypsy", in der die Schauspielerin Naomi Watts laut Claudia Schwartz in der NZZ ziemlich unterfordert werde: Sie müsse "ständig Erotik vor sich hertragen, statt ein düsteres Psychogramm einer zerrissenen Frau entwerfen zu dürfen."
Archiv: Film
Stichwörter: Erotik, Netflix

Architektur


Giuseppe Pettazzis Fiat-Tagliero-Tankstelle in Asmara. Foto: Sailko, CC.

Die Unesco hat nicht nur die Eiszeit-Höhlen auf der Schwäbischen Alb zum Weltkulturerbe erklärt, sondern auch Eritreas Hauptstadt Asmara. In der New York Times freut sich Kimiko de Freytas-Tamura über die Entscheidung und nennt die Stadt mit den vielen Art-Deco-Gebäuden "Afrikas Miami": "Zu den modernistischen Gebäude der Stadt gehören ebenso Bowling-Bahnen wie die Fiat-Tagliero-Tankstelle, die wie ein Flugzeug aussiegt, mit einem zentralen Tower und zwanzig Meter langen Flügeln. Es gibt auch eine Garage aus dem Jahr 1937, die an einen Schiffsrumpf mit Bullaugen erinnert. Die Zilli Bar sieht wie ein altes radiogerät aus, mit Fenstern wie Drehreglern." In der FAZ sieht Vera Simone Bader damit auch Eritreas Umgang mit dem Architektur-Erbe seiner italienischen Kolonialmacht gewürdigt.

Thomas Steinfeld besichtigt in der SZ den imposanten Palazzo Ducale in Mantua, dessen architektonische Rätsel erst nach Jahrhundert aufgeklärt werden konnten: "Ein riesiges Labyrinth ist diese Anlage. Ein mittelalterlicher Palazzo gehört dazu und eine Burg aus der Zeit um 1400, große Paläste und kleine Häuser aus allen Perioden der Renaissance und des frühen Barock, eine noch existierende, große Kirche und eine verschwundene, die in andere Gebäude einging, ein halbes Dutzend grüne Innenhöfe oder Gärten, teilweise hängend, Verbindungsgänge, Spiegelsäle, offene und geschlossene Galerien, Fluchten ohne Zahl."
Archiv: Architektur

Design

Bei der Fashion Week in Berlin erwies sich der Modedesigner Wladimir Karaleev einmal mehr als "Meister des nachhaltigen Fetzens", berichtet Marina Razumovskaya in der taz und erläutert dabei auch "Karaleevs unverwechselbare Handschrift: ohne Konzept, drapierend, intuitiv, stückweise, offen für ex prompts und schnelle Umsetzung von abstrakten Ideen. Seine analytische Mode ohne Logik fand diesmal auch in einer ungewöhnlichen Präsentation ihr Echo: ohne Choreografie laufen Models überkreuz, nach eigener Intuition aus dem Augenblick heraus, ein wenig wie bei Sasha Walz oder Pina Bausch."
Archiv: Design