9punkt - Die Debattenrundschau

Mit allergrößter Liebenswürdigkeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2016. Die Welt meint zum Abschluss des Jahres: So schlimm war 2016 gar nicht. In der NYRB bangt Masha Gessen erst richtig für 2017: Denn weder Trump noch Putin haben einen Begriff von Zukunft. In der NYTimes erinnert James Risen daran, dass es Barack Obama war, der die Verfolgung von Journalisten und Whistleblower eröffnete. In der Berliner Zeitung betont Peter Glaser: Digitale Kontrolle löst nicht unsere sozialen Probleme. In der taz erinnert der Soziologe Armin Nassehi an die Kölner Silvesternacht und ruft die Linke auf, die negativen Folgen von Migration nicht zu verschweigen. Die SZ lernt, zu alledem ganz tanzstundenhaft zu lächeln.

Europa

Im taz-Interview mit Daniel Schulz erklärt der Soziologe Armin Nassehi erklärt, warum die Silvesternacht von Köln so viel verändert hat und warum sich die Linke nicht davor drücken darf, über negative Folgen von Migration zu sprechen: "Als Wissenschaftler bringe ich meinen Studenten bei, dass das Reden über Kulturen und über Großgruppen viel mehr Identität produziert, als eigentlich da ist. Gruppen, die wir von außen klar identifizieren, sind in sich sehr heterogen. Auf der anderen Seite hat an diesem Silvesterabend auch ein kultureller Clash stattgefunden. Das waren Männer aus autoritäreren Erziehungszusammenhängen, als die meisten sie in Deutschland kennen. Menschen aus Gesellschaften, in denen traditionale Herrschaft eine große Rolle spielt, insbesondere in solchen Ländern, aus denen die Täter vor allem stammten."

Im Tagesspiegel halten Kai Portmann und Jörn Hasselmann die im Guardian erhobenen Vorwürfe des Naved B., von der Berliner Polizei misshandelt worden zu sein, für zumindest widersprüchlich. Allerdings vor allem nach Gesprächen mit den Behörden: "Bei der Polizei heißt es, Naved B. habe am Freitag in einem längeren Gespräch im Beisein eines Dolmetschers berichtet, dass der Guardian ihn falsch wiedergegeben habe. Er sei weder geschlagen, noch misshandelt oder verletzt worden. Solche Behauptungen habe er auch nicht gegenüber der Zeitung aufgestellt. Die Zeitung habe keinen Übersetzer dabei gehabt und ein Laie offenbar schlicht verkehrt übersetzt. B. habe keine Anzeige erstattet, betonte Wenzel."

Der Historiker Ronald G. Asch resümiert in der FAZ noch einmal die vielen Ironien des Brexits und sieht das Land vor allem in einer Identitätskrise: "Als Großbritannien 1972 der EU beitrat, befand sich das Land zwar im wirtschaftlichen Niedergang, war sich seiner kulturellen Identität aber noch relativ sicher, auch wenn die alte Oberschicht und die klassenbewusste Arbeiterschaft diese Identität auf je unterschiedliche Weise definierten. Diese gelassene und oft selbstironische Selbstsicherheit ging nach und nach verloren, zumal während der harten Reformen der Thatcher-Zeit. England ist heute ein ganz anderes Land als 1972, erfolgsorientierter und hedonistischer, aber im Alltag und in der Arbeitswelt auch rücksichtsloser und, wenn man so will, in seiner Konsumkultur deutlich amerikanischer."
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Politik

Donald Trump und Wladimir Putin mögen sich gegenseitig große Klasse finden, doch für Masha Gessen in der NYRB steigert die Ähnlichkeit der beiden nur noch die Gefahr eines neuen Kalten Krieges - oder Schlimmeres: Denn beide hätten keinen Begriff von Zukunft: "In Putins Version von einem Zusammenprall der Kulturen gibt es nur den bedrohlichen Westen gegen eine imaginäre eurasische Vergangenheit. In Trumps Fall ist die bedrohliche Gegenwart global, während die verlockende Vergangenheit amerikanisch ist. Beide setzen das Gewohnte und Eigene aus der Vergangenheit gegen eine fruchterregend fremde Zukunft. Sie sind auch beide aufbrausend, dünnhäutig, nicht sehr klug und nicht geneigt, auf Ratgeber zu hören - das vergrößert die Risiken der Eskalation. Doch es ist ihre beiderseitige Unfähigkeit vorauszuschauen, die für die Welt die größte Gefahr darstellt."
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Überwachung

In der Berliner Zeitung glaubt Peter Glaser nicht an die Verheißungen digitaler Kontrolle, und zwar weder bei der Video-Überwachung noch Facebook: "Ein gemeinsames Geschäftsmodell liegt sowohl der reflexhaften Forderung nach mehr Videoüberwachung als auch dem Online-Problem mit Unflat und Hetze zugrunde: der Versuch, soziale Probleme mit technischen Lösungen zu bewältigen. Die Idee, dass eine demokratische Öffentlichkeit mit denselben Methoden rationalisiert, auf Deutsch: vernünftig gemacht werden könne wie ein Unternehmen, ist eine verhängnisvolle Hinterlassenschaft der Neunzigerjahre."
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Stichwörter: Videoüberwachung

Medien

Könnte gut sein, dass Donald Trump Journalisten ins Gefängnis werfen wird, meint James Risen in der New York Times, doch den Weg dahin hat Barack Obama gegeebnet. Risen selbst steht seit 2008 vor Gericht, weil er sich weigert, eine Quelle preizugeben: "In den vergangenen acht Jahren verfolgte die Regierung in neun Fällen Whistleblower oder Informationsgeber, alle anderen Regierungen zusammen kamen lediglich auf drei. Sie berief sich wiederholt auf den Espionage Act, einem Überbleibsel aus der Zeit der Roten-Jagd des Ersten Weltkriegs, mit dem sie jedoch nicht Spione verfolgte, sondern Regierungsangestellte, die mit Journalisten gesprochen hatten."

Im Tagesspiegel sieht Anna Sauerbrey die politische Debatte am Ende: "Die informationelle Souveränität und die Emanzipation der Gesprächsteilnehmer hat nicht zur Verbesserung des Diskurses geführt - im Gegenteil. Das neue Selbstbewusstsein der Teilnehmer ist so groß, dass sie den Diskurs gleich wieder verlassen haben."

Weiteres: Auf Zeit Online macht Bernhard Pörksen noch einige Anmerkungen zum postfaktischen Zeitalter und die Kapitalution der Vernunft. Auch in der SZ hat David Denk nicht herausfinden können, warum und wohin Ex-Bild-Chef Kai Diekmann den Springer Verlag nach 30 Jahren verlässt.
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Gesellschaft

In der SZ stöhnt Peter Richter entnervt auf über den amerikanischen Zwang zur Nettigkeit, der ihn in seiner Ausweglosigkeit an einen Mexican Standoff erinnert: "Amerika hat Dinge wie Air B'n'B hervorgebracht, die einer geradezu tanzstundenhaften Lächel-Etikette neuen Auftrieb geben, was daran liegen mag, dass es tatsächlich ein soziales Netzwerk ist, das soziale Anpassung provoziert. Die Diskriminierung von afroamerikanischen Mietinteressenten, die Air B'n'B in diesem Jahr zugeben musste, geschieht hier sozusagen mit allergrößter Liebenswürdigkeit. Auch Nutzer des Taxivermittlers Uber wissen, dass sie jedem Fahrer, gut oder nicht, hinterher fünf von fünf möglichen Punkten geben sollten, denn auch der Fahrer bewertet den Kunden, und ein Score von weniger als vier Punkten kann ein Problem werden, wenn man mal dringend einen Wagen braucht an einem betriebsamen Abend oder bei Regen."

Klaus Raab trauert in der taz um die Helden der Popgeschichte, die in diesem Jahr gestorben sind und die allesamt führende Mitglieder "im Kabinett der liberalen Welt" waren: Prince, Roger Willemsen, David Bowie, Muhammad Ali, George Michael und Papa Wemba. Aber irgendwie macht ihm das auch Mut: "Ali, Bowie, Michael, Papa Wemba und Prince kamen aus einer Zeit, die schlechter war als die Zukunft, an der sie mitarbeiteten. Was von ihnen bleibt, ist die Gewissheit, dass gerade aus der Krise Schönheit entspringen kann."

So schlimm war das Jahr 2016 doch gar nicht, meint Hannes Stein in der Welt, zumindest nicht, wenn man es mit früheren Zeiten vergleicht: "Wir empfinden die Bilder von Aleppo heute als schockierend, grässlich, als moralische Niederlage des Westens, und das ist gut und richtig so. Aber wir sollten uns klarmachen: Die Idee, dass es sich nicht gehört, in einem Krieg Unbewaffnete, Frauen und Kinder zu töten, ist, wenn man welthistorische Maßstäbe anlegt, noch nicht einmal fünf Minuten alt. Auch der Terrorismus hat keineswegs zugenommen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren gab es deutlich mehr Anschläge als heute. Und was für die große Politik gilt, stimmt auch im kleinen, im familiären Bereich. Vergewaltigung in der Ehe gilt heute in den Industrieländern nicht mehr als Kavaliersdelikt, sondern als Verbrechen."
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