9punkt - Die Debattenrundschau

Schleier oder sonstige alte Zöpfe

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.12.2016. Die SZ erklärt, warum Lehrerinnen Kopftuch tragen dürfen und Richterinnen nicht.  Ebenfalls in der SZ hält Elisabeth Badinter an einem Feminismus im Namen universaler Ideale fest.  Laut Politico und New Yorker könnte Rex Tillerson, ein Exxon-Manager und Putin-Freund, Trumps Außenminister werden.  Zeit, NZZ und Carta diskutieren weiter über die Frage ob Fake News und Micro-Targeting auf Facebook die amerikanischen Wahlen beeinflussten.

Gesellschaft

Ganz schön smart, die rechten Identitären, meint Joachim Güntner in der NZZ. Das alte Herrenmenschenmodell hat ausgedient, statt dessen soll jetzt jede Kultur respektiert werden - allerdings nur dort, wo sie herkommt: "Alle bleiben am besten da, wo sie 'hingehören', und pflegen die Eigentümlichkeiten, die ihnen als Gruppe zukommen. Als Gruppe, nicht als Individuum. Der Einzelne, und das setzt die identitäre Bewegung in Gegensatz zum Liberalismus und zum Universalismus der Menschenrechte, ist nicht die Hauptsache. Das Ich bleibt stets verwiesen auf ein Wir. Aus dieser anthropologischen und soziologischen Grundtatsache zieht das antiliberale Denken normative und kulturalistische Konsequenzen. Eine normative, indem es den Einzelnen als Rechtssubjekt kollektiven Bedürfnissen notfalls unterordnet. Eine kulturalistische, indem es das, was einer ist und gilt, aufs Engste an seine Herkunft fesselt." Dass dies am Ende auf "völkische Eskapaden" hinausläuft, können die Identitären dann aber doch nicht verbergen.

Lehrerinnen und Kita-Erzieherinnen dürfen in der Schule beziehungsweise dem Kindergarten Kopftuch tragen, so hat es das Bundesverfassungsgericht entschieden. Im Gerichtssaal soll dagegen Kopftuchverbot gelten, hat die grün-schwarze Koalition in Baden-Württemberg beschlossen. In der SZ sieht Wolfgang Janisch darin keinen Widerspruch: "Der schulische Alltag ... muss den Kindern und Jugendlichen die Instrumente an die Hand geben, um mit der Heterogenität der Gesellschaft umzugehen - Diskursfähigkeit, Toleranz. Die Justiz dagegen hat völlig andere Aufgaben. Im Gerichtssaal geht es um Neutralität. Die Robe der Richterin lässt symbolisch die Person hinter dem Amt verschwinden. Das Tuch auf dem Kopf dagegen - ebenfalls ein Symbol - lässt eine individuelle Eigenschaft hervortreten, den religiösen Glauben. Die beiden Stoffe vertragen sich nicht, die Richterin mit Kopftuch wäre ein hybrides Wesen - neutralisiert und individualisiert zur gleichen Zeit."

Im Interview mit der SZ reagiert die französische Feministin Elisabeth Badinter gelassen auf den Vorwurf, ihr Feminismus sei ein "weißer", der kulturelle Differenzen leugne: "Die 'Differenzialisten' unter den Feministinnen werden nicht mehr lange verbergen können, dass ihr Argument für eine Rücksichtnahme auf besondere Traditionen für die Frauen auf Unterwerfung hinausläuft. Freiheit ist nicht dehnbar. Ein universaler Feminismus, der für alle Frauen dieselben Rechte und Freiheiten fordert und sich nicht auf Diskussionen über Schleier oder sonstige alte Zöpfe einlässt, ist für mich der einzig vertretbare Feminismus."

Außerdem: In der Welt erzählt Hannes Stein, wie rechte Studenten an amerikanischen Universitäten die linke Strategie der Mikroaggression gekapert haben. Und in der Zeit erzählt Mariam Lau, wie Rechte mit linken Strategien gegen Flüchtlinge Stimmung machen.
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Politik

Donald Trump, der laut Washington Post gerade mal wieder den Klimawandel in Frage gestellt hat, scheint den Exxon-Manager Rex Tillerson zum Außenminister zu ernennen, einen "Freund" Putins, der durch Deals mit dem Rosneft-Konzern auf beste Beziehungen zum augenblicklich noch sanktionierten Land aus ist. Julia Ioffe warnt schon mal bei Politico: "Um Geschäfte mit Russland zu betreiben- sowohl für Exxon Mobil als auch für Tillersons eigenen Rentenfonds, dessen Vermögen in die Höhe schießen würde, falls das Weiße Haus unter Trump die Sanktionen aufhebt - musst du nach Putins Pfeife tanzen und sämtliche Gefälligkeiten und Gehässigkeiten, mit denen er dich bedenkt, freudig begrüßen." Im New Yorker porträtiert Steve Coll den möglichen Außenminister.
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Medien

Jens Twiehaus stellt auf turi2 das neue grenzübergreifend arbeitende Rechercheteam Investigate Europe  vor, das für europäische Zeitungen recherchieren will und unter anderem von der früheren Tagesspiegel-Redakteurin Elisa Simantke gegründet wurde: "Zunächst bleibt das Netzwerk - wie auch das deutsche Recherchebüro Correctiv - auf Stiftungen angewiesen, strebt aber eine Mischfinanzierung an. Simantke spürt in vielen Redaktionen ein 'starkes Bedürfnis an dem europäischen Ansatz' und nach Kooperation: 'Wir sind als Journalisten geprägt durch die Eurokrise. Da haben wir gesehen, dass es wirtschaftliche Entwicklungen gibt, die komplett grenzübergreifend sind.'"
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Europa

Die FAZ veröffentlicht A.L. Kennedys Rede zur Verleihung des Heine-Preises - ein Dokument ihres Zornes über den Brexit und  die verdummenden Medien in Großbritannien. Schuld an allem ist für sie die Verachtung von Kunst und Kultur: "Wir können auf die Arbeit Raphael Lemkins schauen, des Mannes, der den Begriff Genozid oder Völkermord prägte, als dieses Verbrechen noch keinen Namen hatte, und der den Weg vieler Kulturen in den Völkermord studiert hat - und dabei erkennen, dass das Vorspiel in der Tat immer das gleiche ist. Zuerst wird die Kunst ermordet, dann die Menschen. Immer. Immer."
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Stichwörter: Brexit, A.L. Kennedy

Internet

Johannes Hillje, selbst Politikberater in Brüssel, stellt auf Carta das Menschenbild der Firma Cambridge Analytica in Frage, die durch einen Artikel über "Micro-Targeting" - also die persönlichkeitsgenaue Ansprache -  auf Facebook riesiges Aufsehen erregt hat (unsere Resümees), aber nach Meinung Hilljes nur ein rudimentäres Verständnis von Psychologie hat: "Aus Persönlichkeitsstrukturen lässt sich kein Wählerverhalten oder die politische Meinungsbildung vorhersagen. Damit kann man sich schon einen Teil der Micro-Targeting-Diskussion sparen. Manipulation ist dann nur bedingt möglich. Die Faszination für Big Data - auch einige meiner politischen Kunden wollten von mir wissen, wo sie denn jetzt diese Psychogramme herbekommen - zeigt für mich etwas anderes: Viele Politiker haben das Gespür für die Bürger verloren. Die Technik soll ihn nun auf die Sprünge helfen."

Auch Tin Fischer berichtet in der NZZ von zunehmender Skepsis am Micro-Targeting: "Die Medienwissenschafterin Eszter Hargittai von der Universität Zürich stören allmählich all die digitalen Erklärungsversuche für Trumps Wahlsieg. In einem Artikel für The Hill wies sie dabei auf etwas ganz anderes hin. Trump hatte den grössten Vorsprung unter weissen Nicht-Akademikern. Und für die gilt: 'Sie gehören zu den 15 Prozent der Amerikaner, die das Internet nicht nutzen. Und von denen, die online sind, sind sie mit der niedrigsten Wahrscheinlichkeit in den sozialen Medien.'" Rainer Stadler fragt sich, warum die Medien Theorien wie die Beeinflussung durch Micro-Targeting so lieben.

Anant Agarwala unterhält sich für die Zeit mit dem Historiker Sam Wineburg über Fake News bei Facebook, denen eine uninformierte, nicht durch Medien geleitete Öffentlichkeit wehrlos zum Opfer falle, während Wineburg ein recht freundliches Bild von Zeitungen hat: "Faktenresistente Ideologen wird es immer geben, das können wir nicht ändern. Obwohl Zeitungen schon immer einen bias hatten, die einen eher linksliberal, die anderen eher konservativ berichtet haben, wurde von ihnen eine Grundfairness gegenüber denjenigen erwartet, die anders denken." Ja, genau, das beweisen die Daiy Mail und die Sun jeden Tag.

Außerdem: Carole Cadwalladr hält im Guardian daran fest, dass rechtsextreme Seiten den Google-Algorithmus ausgetrickst haben und etwa bei Fragen wie "Did the Holocaust happen" stets vorne rangieren.
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