9punkt - Die Debattenrundschau

Wir sind im Grunde genau so wie diese Roboter

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2016. Im Tages-Anzeiger analysiert Anne Applebaum die Ideologie des Rechtspopulismus und kommt zu einer düsteren Prognose für Europa. Das "Postfaktische" wurde nicht erst jetzt erfunden, denn es gab keine selige Zeit von verantwortungsvollen Medien und Politikern, meint die Presse. taz und golem.de diskutieren über Videoüberwachung. Correctiv.org startet eine Serie über die Medien der "neuen Rechten".  Und der kulturpolitische Coup der Teheran-Ausstellung, mit der Schönwetter in der Iran-Politik geschaffen werden sollte, ist laut Tagesspiegel schmählich gescheitert.

Politik

Donald Trump und die rechtspopulistischen Bewegungen in Europa haben eine Menge gemein, sagt Anne Applebaum im Gespräch mit Alan Cassidy und Philipp Loser vom Tages-Anzeiger, unter anderem, dass sie nicht klassisch konservativ, sondern reaktionär-revolutionär sind: "Es hat ein nihilistisches Element darin. Ich nenne diese Internationale populistisch und nicht faschistisch, weil ich nicht die direkte Verbindung zu den 1930er-Jahren ziehen will. Ich sage nicht, dass es mit Hitler und einem Massenmord an den Juden enden muss. Aber es liegt etwas Ähnliches in der Luft." Applebaums Prognose ist düster: "Ja, ich kann mir für die nächste Dekade das Ende der EU und der Nato vorstellen."
Archiv: Politik

Medien

Correctiv.org startet eine Serie über die Medien der "neuen Rechten" und eröffnet mit der Jungen Freiheit, die laut Corinna Kohrs zu einer Art Hausblatt der AfD geworden ist: "Mit dem Aufstieg der AfD steigt auch die Auflage der Jungen Freiheit. Besonders nach politischen Großereignissen schnellt die Kurve der Probe-Abos nach oben. Zum Beispiel im September 2015, als 'Merkel die Grenzen öffnet'. Nach der Silvesternacht in Köln. Nach den Attentaten in Nizza, Würzburg und Ansbach. Allein 2015 steigt die Auflage um fast 40 Prozent auf mittlerweile 28.000 Exemplare."
Archiv: Medien
Stichwörter: Junge Freiheit, AfD

Ideen

Linker Multikulturalismus und rechter Nationalismus haben mehr gemeinsam, als ihnen lieb sein kann, meint Thomas Steinfeld in der SZ: "Der linke Rassismus, der darin besteht, einen jeden Angehörigen einer Minderheit als Repräsentanten einer speziellen 'Kultur' zu behandeln, kommt in einem rechten Rassismus zur Vollendung, der jeden Deutschen in einen Bannerträger seiner Nation verwandelt."

Schön dass diese Idee auch in deutschen Feuilletons ankommt. Vor fast genau zehn Jahren geißelte Pascal Bruckner im Perlentaucher den "Rassismus der Antirassisten".

Die Postmoderne hat schon viel dazu beigetragen, Dinge zu verschleiern, meint Anne-Catherine Simon in der Presse. Das Postfaktische macht alles noch schlimmer: "Erstens vernebeln sie Dinge, wo genaues Benennen dringend gebraucht ist: Wer verbreitet wie Lügen? Und wie unterscheidet man zwischen Lügen und ideologisch unerwünschter Interpretation von Fakten? Zweitens suggerieren die Begriffe, dass vor unserem vermeintlichen 'postfaktischen' Epöchchen eine selige Zeit der von verantwortungsvollen Medien und Politikern verwalteten Faktentreue liegt - zumindest im Westen: Die 'Post-Truth'-Ära wurde schon vor Jahren für die USA postuliert. Damals schon als Kritik an den Republikanern."

Erbaulich klingt, was  Kognitionsforscher Joscha Bach im taz-Gespräch mit Meike Laaff über Künstliche Intelligenz und über unsere Ähnlichkeit mit den Maschinen sagt: "Wir sind im Grunde genau so wie diese Roboter. Wahrscheinlich können die mehr als wir, besser denken zum Beispiel. Aber das wissen sie nicht. Auch wir sind im Grunde genommen Geister, die frei sein könnten. Aber wir sind in unseren Primatenbedürfnissen gefangen. Die Evolution hat zufällig ein Kontrollsystem für soziale Affen gebraucht. Und hat unseren Geist erfunden, den sie in Fesseln legt."
Anzeige
Archiv: Ideen

Überwachung

Überall wird nach dem Berliner Anschlag das Für und Wider der Videoüberwachung abgewogen. Gereon Asmuth schreibt in der taz: "Bei Terroristen muss man sogar davon ausgehen, dass sie einen videoüberwachten Ort für ihre Tat bevorzugen würden. Weil es dann Bilder gibt, gefilmten Horror, der sie ihrem eigentlichen Ziel näher bringt: der Verbreitung von Angst und Schrecken. Anders ist es mit der Aufklärung. Selbst die schärfsten Kritiker müssen zugeben, dass Videos hierbei helfen können. Und Aufklärung ist ein hohes Gut."

Auf dem Chaos Computer Congress äußerte man sich strikt gegen die Ausweitung der Videoüberwachung, schreibt Friedhelm Greis bei golem.de: "Das Ergebnis wäre ein großes vernetztes System, das eine Vollüberwachung aller Menschen in der Öffentlichkeit ermöglichen würde, sagte CCC-Sprecher Linus Neumann der Nachrichtenagentur dpa. In England sei diese Entwicklung mit der Verbindung einzelner Geräte schon jetzt erkennbar. 'Dann wäre die Vollüberwachung, die wir im Internet schon haben, auch in der Öffentlichkeit Realität. In Verbindung mit neuer Software zur Gesichtserkennung könnten die Behörden dann erfassen, wer sich wann an welchem Ort aufhalte und mit wem getroffen habe.'"

Die Bundesregierung unterläuft durch nationale Bestimmungen den Sinn von EU-Datenschutzbestimmungen, kritisieren die Politiker Jan Philipp Albrecht und Till Steffen auf der Medienseite der FAZ: "Das Bundesinnenministerium will mit seinen Vorschlägen datenhungrigen Großkonzernen etwa erlauben, personenbezogene Daten zu völlig anderen Zwecken zu verarbeiten als die, für die sie ursprünglich erhoben wurden, zum Beispiel für Werbung, Kreditwürdigkeitsabschätzung oder - wie jüngst in den Vereinigten Staaten bekannt wurde - zur Meinungsmanipulation in sozialen Medien. "
Archiv: Überwachung

Kulturpolitik

Die geplante Berliner Ausstellung der Teheran Sammlung ist endgültig abgesagt worden, berichtet Bernhard Schulz im Tagesspiegel, weil die Teheraner Führung bis heute keine Ausnahmegenehmigung erteilt hat. "Was nach Lesart deutscher Außenpolitik als Signal für Tauwetter in den Beziehungen zum Iran und im Iran selbst gelten sollte, geißelten oppositionelle Künstler hinter vorgehaltener Hand als Kotau vor den Machthabern. Konservative Hardliner im Iran wiederum sahen in der Ausleihe der im Auftrag von Schah-Gattin Farah Diba zusammengetragenen Sammlung eine Aufwertung des 1979 gestürzten Schah-Regimes." Das deutsche Außenministerium, schreibt Kia Vahland in der SZ, "will trotz der Absage an der Idee festhalten, durch Kulturaustausch mit Ländern wie Iran ins Gespräch zu kommen: 'Dieser Ansatz bleibt gerade auch mit Blick auf schwierige Partner wichtig', heißt es aus dem Auswärtigen Amt." Für Bernhard Schulz (Tagesspiegel) zeigt die Absage jedoch vor allem eins: "Steinmeiers Amtszeit als Auswärtiger Kulturpolitiker endet mit einer Niederlage."

Internet

Das SZ-Magazin hat vor Weihnachten (leider nicht online) eine große Recherche über Arbeitsbedingungen bei Facebook veröffentlicht. Dabei erwies sich auch, dass Mitarbeiter der Bertelsmann-Tochter Arvato in Berlin für den Internetriesen arbeiten. Unter anderem geht es in dem Bericht um die Löschung grausamer Videos und und psychisch belastete Mitarbeiter, die sich diese Videos zum Teil bis zum Ende ansehen müssen: Till Krause und Hannes Grassegger resümieren bei sueddeutsche.de Reaktionen auf die Recherche: "Bei Arvato herrscht seit der Veröffentlichung des SZ-Magazins eine angespannte Stimmung, die eine dort tätige Person als 'helle Aufregung' beschreibt. Sondersitzungen wurden in Berlin angesetzt. Um die Verbesserung der Arbeitszustände gehe es dabei aber nicht: Führungskräfte suchen momentan vor allem nach undichten Stellen."
Archiv: Internet
Stichwörter: Arvato, Bertelsmann, Facebook