9punkt - Die Debattenrundschau

Reaktionärer Kult der Vergangenheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2016. In der Zeit sagen britische Historiker von rechts und links, warum sie die EU verlassen wollen. Pankaj Mishra rät den Briten, zunächst mal den Verlust des Empire zu verkraften. Politico.eu berichtet, dass Frankreich im Fall eines Brexit für eine sehr harte Haltung gegenüber den Briten ist. In der taz erklärt der Historiker Robert O. Paxton, warum Donald Trump kein Faschist ist. Recode.net verzeichnet mit Erstaunen die Krise der App-Industrie. Die neuesten Apps sind sowieso zum Schlucken, weiß Sascha Lobo bei Spiegel online. Und wie wär's mit Philosophie statt Religion in den Schulen?, fragt  Philosophieprofessor Markus Tiedemann in der Zeit.

Politik

Mag sein, dass Donald Trumps Gebaren in manchen Punkten an Faschismus erinnert, aber der Historiker Robert O. Paxton findet den Begriff in der taz letztlich nicht zutreffend: "Hitler und Mussolini wollten ihre Länder wieder zu alter Größe führen, indem sie den Einzelnen der Gemeinschaft und einem starken Staat unterordneten. Trumps Unterstützer wollen den Einfluss des Staates einschränken und die Steuern, die die Reichen zahlen müssen, weiter senken. Die Plutokratie, die sie anstreben, ist eine klar als amerikanisch erkennbare Perversion von Demokratie. Auch das historische Umfeld ist weniger unberechenbar als in Europa nach 1918 mit seinen Niederlagen, Wirtschaftskrisen und aufstrebendem Kommunismus."
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Stichwörter: Donald Trump, Faschismus

Europa

Unter dem Bild eines dem Leser den Stinkefinger zeigenden Churchill hat das Zeit-Feuilleton einige prominente britische Intellektuelle zum Brexit versammelt. Hier drei Stimmen, die das Spektrum abbilden:
1. Der konservative Historiker David Abulafia, Vorsitzender der den Brexit unterstützenden Historians for Britain: "Wir machten uns Sorgen, weil sich der Europäische Gerichtshof und andere europäische Institutionen immer wieder über unsere Regierung und unser Parlament hinwegsetzten, die beide demokratisch gewählt sind (im Gegensatz zur EU-Kommission). Wir wollten eine tief greifende Reform der EU, durch die sie wieder zu einer Handelsgemeinschaft werden würde".
2. Der linke Publizist Paul Mason, Autor von "Postkapitalismus": "Meine Bedingungen für einen Verbleib wären: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt wird verworfen, die EZB wird demokratischer Kontrolle unterstellt, die Beschränkungen in Bezug auf Verstaatlichung und staatliche Beihilfen werden aufgehoben, und die EU-Kommission wird abgeschafft. Außerdem müsste die politische Mitte - einschließlich der deutschen Parteien - die Sparpolitik beenden und sich gemeinsam mit der politischen Linken gegen die wachsende Gefahr der extremen Rechten stellen."
3. Der antikolonialistische Autor Pankaj Mishra: "Die Zeit des Empire ist schon lange vorbei, und die Tories würden Großbritannien und Europa einen großen Gefallen tun, wenn sie endlich ihre imperialistische Mentalität ablegten."

Auch der Reformstau in Frankreich ist einer glorreichen Vergangenheit geschuldet, die nie wiederkehrt, meint der Soziologe Alain Ehrenberg in der Zeit: "Man hat das Gefühl, dass Frankreich in der Klemme steckt: eingeklemmt zwischen einer Kultur der extremen Linken, die großen Einfluss auf die gemäßigte Linke hat, und einer Kultur der extremen Rechten, von der ein Teil der Wählerschaft, nämlich die Arbeiter, zuvor für die kommunistische Partei gestimmt hat. Diese Kultur des Widerstands (gegen die Eliten, gegen den Finanzkapitalismus, gegen die Globalisierung) richtet ihren Blick in die Vergangenheit. Worunter leiden die Franzosen? Eine Diagnose, die Karl Marx 1870 gestellt hat, bietet eine Antwort: 'Das Unglück der Franzosen, sogar der Arbeiter, sind die großen Erinnerungen. Es wäre notwendig, dass die Ereignisse diesem reaktionären Kult der Vergangenheit ein für alle Mal ein Ende machten."

Frankreich verficht eine sehr harte Haltung gegenüber Britannien, falls es zur Entscheidung für den Brexit kommt, berichtet Tara Palmeri in politico.eu: "Die verbleibenden EU-Länder sollen auf Frankreichs Drängen überzeugt werden, alle Verträge und Vereinbarungen, die das Vereinigte Königreich an die EU binden, schnell aufzulösen, so dass die Scheidung durch Streichung von Subventionen, Neu-Evaluierungen von Handelsbeziehungen für jeden Sektor einzeln, Verweigerung der EU-Anerkennung für britische Aufsichtsbehörden, etwa im Finanzwesen und neue Einwanderungsregeln besiegelt werden soll, sagen die Quellen."

Bei einem Brexit gibt es nur Verlierer, warnt der in Maastricht lehrende Historiker Kiran Klaus Patel in der NZZ. Das gelte für Britannien ebenso wie für die EU: "Paradoxerweise verdankt sich dies dem Erfolg des Einigungsprozesses: Nur weil die EU heute über so vielerlei Kompetenzen verfügt und anders als etwa in den 1960er Jahren wirklichen Einfluss auf Wohl und Wehe von Hunderten von Millionen Menschen hat, könnte ihr Scheitern fatale Folgen haben. Dadurch besteht heute erstmals ernsthaft die Gefahr einer kumulativen Krise - eines Zusammenfallens mehrerer Krisenprozesse zur gleichen Zeit."
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Ideen

Andreas Zielcke macht sich in der SZ Gdanken über den wieder aufsteigenden Nationalismus und seinen Begriff von "Identität": "Nirgends zeigt sich klarer als in diesem unseligen Begriff, wie sehr Eifer über Realitätssinn geht. Alle bürgerlichen Revolutionen kämpften für nationale Selbstbestimmung, nicht für nationale Identität. Mit gutem Grund. Jede Nation ist - als stets vorläufiges Produkt ihrer Geschichte, Grenzveränderungen, Konflikte und Wandlungen - nicht von einer Identität, sondern von multiplen Identitäten geprägt."

In der FAZ schreibt Hans Ulrich Gumbrecht über die Paradoxie, dass Deutschland Glücksspiele verbietet, während "Versicherungen, die doch auch nur auf die Zukunft wetten, freie Hand" hätten.
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Geschichte

Nun waren es also doch die Nazis, meint Wolfgang Michal im Freitag nach der Lektüre von Benjamin Carter Hetts Buch über den Reichstagsbrand: "Hett belegt, wie eng sich die ehemaligen Gestapo-Mitarbeiter absprachen, um ihre Version der Reichstagsbrandgeschichte in die Öffentlichkeit zu bringen und heil aus den laufenden Ermittlungsverfahren herauszukommen. Er zeigt, wie desaströs die Rolle des frühen Spiegel bei der Etablierung der Einzeltätertheorie war."
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Internet

Die Zeit des großen App-Booms ist vorüber, schreibt Peter Kafka in recode.net, der seinen Artikel mit vielen Statistiken belegt: "Selbst die größten App-Verleger müssen konstatieren, dass ihr Wachstum nachlässt oder stagniert. Die meisten Leute haben alle Apps, die sie wollen oder brauchen. Neue wollen sie nicht. Im letzten Monat sind die Downloads für die 15 größten App-Verleger um 20 Prozent gesunken."

Inzwischen arbeiten laut Joseph Lichterman im Niemanlab mehr Mitarbeiter in den USA in reinen Online-Medien als in Zeitungen. Hier seine beeindruckende Grafik:


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Stichwörter: Apps

Kulturmarkt

Hannes Hintermeier unterhält sich in der FAZ mit der Verlegerin Antje Kunstmann, die interessant über ihre verlegerischen Entscheidungen spricht: "Wir machen alle unsere Bücher auch als E-Books, aber Bücher nur als E-Books, wie es Hanser und andere versuchen, das machen wir nicht. Denn das grundsätzliche Problem bleibt auch bei elektronischen Formaten erhalten: Wie macht man die Leser auf dieses Buch aufmerksam? In der Zukunft mag das anders sein, aber für die Autoren ist das gedruckte Buch nach wie vor unentbehrlich."
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Stichwörter: E-Books, Antje Kunstmann

Überwachung

Ganz neue Überwachungsmöglichkeiten eröffnen sich den Großkonzernen des Internets und den Versicherungen durch Gesundheitsapps und Smartwatches, schreibt Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne. Deren Einfallstor ist immer ihre Nützlichkeit: "Google attackiert etwa den Insulinmarkt, der rund 40 Milliarden Dollar schwer ist. Dafür wurde 2014 eine Kontaktlinse für Diabetiker patentiert, die die Augenflüssigkeit analysiert, woraus man Rückschlüsse auf den Blutzuckerspiegel ziehen kann. Die Kontaktlinse kann dem Träger über ein Blinksignal auch anzeigen, dass es Zeit für eine Insulingabe ist - aber vor allem sendet sie Daten an das Smartphone, die helfen, die richtige Menge zur richtigen Zeit zu spritzen."Und Lobo sieht künftig folgende SMS kommen: "Bitte schlucken Sie in den nächsten 30 Minuten Ihr Antibiotikum mit dem Magensäuresensor - oder die Kosten werden nicht von der Kasse übernommen."
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Religion

Ein toleranteres Zusammenleben der Religionen erreicht man nicht mit mehr Religionsunterricht, wie kürzlich debattiert wurde, sondern mit mehr Ethikunterricht an den Schulen, meint der Philosophieprofessor Markus Tiedemann in der Zeit. Denn nur die Philosophie könne interkulturelle Integration vermitteln: "Der Philosophieunterricht, der keineswegs religionsfeindlich ist, lehrt uns, im kantischen Sinn zwischen Meinen, Glauben und Wissen zu unterscheiden. Das ist die beste Profilaxe gegen Dogmatismus."

In der Zeit berichtet Jan Ross, wie indische Frauen sich das Recht erkämpfen, jeden Hindu-Tempel betreten zu dürfen (mehr bei der BBC).
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Medien

Eitel sei er, dünnhäutig, er schreibe ab und sei außerdem viel zu teuer mit seinem ewigen Personenschutz - das sind zusammengefasst die Vorwürfe, die inzwischen gern gegen Roberto Saviano erhoben werden, schreibt Henning Klüver in der NZZ: "Wie ist es möglich, fragt sich Roberto Saviano im Vorwort zur Taschenbuchausgabe von 'Gomorra', die er jetzt auf dem Salone del Libro in Turin vorgestellt hat, dass die Öffentlichkeit es inzwischen nicht mehr als Skandal ansieht, wenn 'ein Schriftsteller unter Begleitschutz leben muss, nur weil er ein Buch geschrieben hat'? Er habe manchmal das Gefühl, sagte er bei seinem Turiner Auftritt, 'dass ich mich dafür zu entschuldigen habe, dass ich überhaupt noch lebe'."

In der FAZ spricht der türkische Journalist mit Can Dündar von Cumhuriyet mit Rainer Hermann über die immer drückenderen Repressionen gegen Journalisten, und er erklärt, warum er sich nicht ins Exil drängen lässt: "Sie wollen wohl, dass ich gehe - um die Angelegenheiten für die Regierung und für mich beizulegen. Ich bleibe aber und kämpfe. Das ist unser Land, und ich will nicht, dass es eine Diktatur wird. Das ist die richtige Zeit und der richtige Ort für einen Journalisten."
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